Bioplastik – eine nachhaltige Alternative oder Greenwashing?

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Simon McGowan ist Wis­senschaftler am Insti­tut für Biokun­st­stoffe und Biover­bundw­erk­stoffe (IfBB) in Han­nover – und Simon forscht in Sachen Plas­tik. Genauer gesagt sucht er nach Gege­nen­twür­fen zu umweltschädlichen Kun­st­stof­fen, nach soge­nan­ntem Bio­plas­tik. Doch was ist Bio­plas­tik über­haupt, wie stellt man es her und kann es eine wirk­liche Alter­na­tive zu kon­ven­tionellen Plas­tik sein? Wir haben bei Simon nachgefragt.

Interview Bio Plastik
Simon bei seinem Vor­trag auf dem re:THINK Bloggerworkshop

Lieber Simon! Stich­wort „Bio­plas­tik“: Was ist das genau? Wie wird es hergestellt und ist es wirk­lich kom­plett abbaubar?

Bei Biokun­st­stof­fen han­delt es sich um eine Gruppe von Kun­st­stof­fen, die ver­schiedene Eigen­schaften haben kön­nen. Einige Biokun­st­stoffe wer­den aus nachwach­senden Rohstof­fen wie Mais oder Zuck­er­rohr hergestellt. Andere Biokun­st­stoffe kön­nen biol­o­gisch abge­baut wer­den. Laut Def­i­n­i­tion muss ein Biokun­st­stoff min­destens eine dieser bei­den Eigen­schaften besitzen. Manche Biokun­st­stoffe wie z.B. Polymilch­säure (PLA) besitzen bei­de Eigen­schaften. So unter­schiedlich wie die einzel­nen Biokun­st­stoffe sind auch die Her­stel­lungswege. Polymilch­säure und PHB wer­den zum Beispiel fer­men­ta­tiv, also durch einen bio­chemis­chen Prozess hergestellt. Bei Bio-PE ist der Her­stel­lung­sprozess dem von nicht biobasiertem PE sehr ähn­lich. Hier wird jedoch statt Rohöl ein Bio-Alkohol als Aus­gangsstoff verwendet.

Bio Plastik
„Bioab­baubare Biokun­st­stoffe sind zu 100% abbaubar.” 

Wichtig dabei ist, dass bei der Bioab­baubarkeit keine Zeitvor­gabe gegeben wird (im Gegen­satz zur Kom­postier­barkeit). Zum Beispiel ist Holz bioab­baubar. Wenn ich im Essz­im­mer einen Tisch aus Eichen­holz ste­hen habe, wird der ver­mut­lich sehr lange hal­ten. Wenn ich jedoch einen Eis­stiel aus Holz im Garten auf den Kom­post werfe, wird der ver­mut­lich nach einem Som­mer abge­baut sein. Das soll heißen, dass die Form der Biokun­st­stoff­pro­duk­te und die Umge­bungs­be­din­gun­gen einen starken Ein­fluss auf die Abbaugeschwindigkeit haben. Aber abbaubar bleibt abbaubar.

Wenn es einen abbaubaren Kun­st­stoff gibt, warum wird er noch nicht über­all einge­set­zt? Was sind die größten Probleme?

Abbaubar muss nicht immer ein Vorteil sein. In der Medi­z­in­tech­nik kön­nen z.B. Ein­wegspritzen in Ster­il­ver­pack­un­gen fast ewig gelagert wer­den. Auch viele Tex­tilien hal­ten durch Beiga­be von Kun­st­fasern beson­ders lange oder bekom­men spezielle Eigen­schaften wie z.B. regen­ab­weisend oder feuchtigkeitsregulierend.

Mikrofasern Jacke Funktionsjacke Plastik

Anders sieht es bei Lebens­mit­telver­pack­un­gen aus. Ins­beson­dere bei frischen Lebens­mit­teln wie z.B. Obst und Gemüse. Hier kön­nten bioab­baubare Biokun­st­stoffe gut zum Ein­satz kom­men, um die Lebens­mit­tel für den kurzen Zeitraum des Trans­ports bis zum Ver­brauch­er zu schützen. Ins­beson­dere gilt das auch für alle To-go-Produkte wie z.B. Kaf­fee­bech­er, Rührstäbchen oder Pommes-Gabeln, da hier die Nutz­dauer kurz und die Wahrschein­lichkeit groß ist, dass diese Pro­duk­te nicht ord­nungs­gemäß entsorgt wer­den und in der Umwelt landen.

Umweltverschmutzung

Ich denke, dass hier der Preis eine ganz wesentliche Rolle spielt. Biokun­st­stoffe sind in der Regel momen­tan min­destens dop­pelt so teuer wie herkömm­liche Kun­st­stoffe. Des Weit­eren ver­mute ich, dass auch poli­tis­che Diskus­sio­nen zum Tra­gen kom­men. Biokun­st­stoffe wer­den teil­weise aus Rohstof­fen hergestellt, welche auch zur Lebens­mit­tel­her­stel­lung dienen kön­nten. Viele Pro­duzen­ten von Lebens­mit­teln möcht­en diese Debat­te umge­hen und verzicht­en lieber auf biobasierte Biokun­st­stoffe. Dabei ist es extrem wichtig, offen mit den Fak­ten umzuge­hen und Aufwand und Nutzen abzuwägen.

Was denkst du über die Ver­wen­dung von Lebens­mit­teln zur Her­stel­lung von Biokunststoffen?

In ein­er Welt, in der viele Men­schen hungern, ist das ein schwieriges The­ma. Wir sind uns auf jeden Fall bewusst, dass wir mit poten­ziellen Lebens­mit­teln als Rohstoff arbeit­en und ver­suchen, damit offen umzuge­hen. In Deutsch­land wer­den jährlich bis zu 600.000 Ton­nen Stärke in der Papierindus­trie ver­braucht. Mit der­sel­ben Menge Stärke kön­nte man auch 360.000 Ton­nen PLA her­stellen. Nie­mand beschw­ert sich, dass in der Papierindus­trie Lebens­mit­tel stof­flich ver­wen­det wer­den. Das macht es natür­lich nicht besser.

papierindustrie nachhaltig

Wir müssen den Aufwand zum Nutzen bew­erten und die vorhan­de­nen Rohstoffe effizient ein­set­zen. Deswe­gen ist eine Plas­tik­tüte aus Biokun­st­stoff fast genau­so unökol­o­gisch wie eine Tüte aus herkömm­lichen Kun­st­stoff. Hier ste­ht der Rohstof­faufwand in keinem Ver­hält­nis zum Nutzen. Dabei spielt die Quelle der Rohstoffe nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Ich halte den Ein­satz von Mais oder Kartof­feln zur Her­stel­lung von Biokun­st­stof­fen vertret­bar. Allerd­ings nur dann, wenn der Biokun­st­stoff sin­nvoll einge­set­zt wird.

Wird PLA in der Indus­trie schon genutzt?

Ja, zum Beispiel set­zt Danone Polymilch­säure für ihre „Activia“-Becher ein. Auch im Bere­ich von Obst- und Gemü­sev­er­pack­un­gen wird häu­fig PLA einge­set­zt. Es gibt zahlre­iche Ein­weggeschirrar­tikel aus bioab­baubarem Kun­st­stoff. Wobei man sich grund­sät­zlich über den Sinn von Ein­weggeschirr stre­it­en kann. Des Weit­eren haben wir vor kurzem für die Fir­ma Nag­er IT eine  sta­bil­isierte PLA- Rezep­tur entwick­elt, welche zur Her­stel­lung von Com­put­er­mäusen ver­wen­det wird.

Bio Plastik Herstellung

Denken wir mal zehn Jahre in die Zukun­ft. Glaub­st du, PLA kann herkömm­lichen Kun­st­stoff langfristig ersetzen?

Hier ein klares Nein! Dafür gibt es zu viele Anwen­dun­gen von Kun­st­stof­fen, die auf extreme Lan­glebigkeit und Sta­bil­ität gegen Umwel­te­in­flüsse aus­gelegt sind.
Aber der Anteil an Biokun­st­stof­fen wird sich den­noch ras­ant erhöhen. Ins­beson­dere, wenn der Ölpreis wieder steigt, wird die Nach­frage an biobasierten Biokun­st­stof­fen stark zunehmen. Auch entwick­eln sich langsam die Recy­cling­möglichkeit­en für viele Biokun­st­stoffe, was bis dato noch ein großer Nachteil war

Was treibt dich bei dein­er Arbeit am meis­ten an?

Ich glaube, dass durch den umsichti­gen Ein­satz von Biokun­st­stof­fen einige Prob­leme in der Welt reduziert wer­den kön­nen. Ich hoffe also, einen kleinen Teil dazu beitra­gen zu kön­nen, dass einige Fehler der Men­schheit abgeschwächt wer­den. Ins­beson­dere das The­ma Ver­schmutzung der Meere durch Kun­st­stoffe bewegt mich. Hier kön­nen wir durch den Ein­satz von Biokun­st­stof­fen einen kleinen Teil dazu beitra­gen, dieses Prob­lems Herr zu wer­den. Aber die meis­ten großen Prob­leme lassen sich nur durch eine Vielzahl klein­er Lösun­gen in den Griff bekommen.

Danke lieber Simon!

Epic Escape! Flüchtlingshilfe statt Fashion

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Mode ist Ausdruck unserer Persönlichkeit, es ist die Freude am Schönen und die Liebe zur Ästhetik – manchmal ist Mode sogar Kunst. Ich finde, dass es in Ordnung ist, das alles zu genießen und sich das Glück neuer Modeteilchen ab und an zu gönnen. Aber Mode ist auch ein Zirkus, ein schnelles Geschäft und eine oberflächliche Welt. Das ist die andere Seite der Medaille. Brauchen wir wirklich jedes Jahr, jede Saison, jeden Monat neue Trends und Styles? Könnten wir mit all dem Geld, das wir ausgeben, nicht manchmal auch etwa Besseres anfangen? Was ist Mode uns eigentlich wert? Und was…

Ich bin Henrietta und ich bin Nachhaltigkeits-Anfängerin. Nicht, dass ich früher Müll in die Natur geschmissen hätte, stundenlang mit dem Auto um den Block gefahren wäre oder kiloweise Billigfleisch gegessen...

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