re:MIND: Exotisch reisen geht auch ganz nah

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Das Exo­tis­chste, was ich in den let­zten Jahren erlebt habe, ist mir wed­er in der Mon­golei noch auf Mau­ri­tius passiert, son­dern an der Nord­see. Muss es immer so weit weg sein? Zeit, sich Gedanken über das Reisen zu machen.

Darauf verzicht­en, in fremde Wel­ten einzu­tauchen? Das gin­ge für mich nicht. Wie kann ich das Reisen mit Nach­haltigkeit so in Verbindung brin­gen, dass ich kein schlecht­es Gewis­sen haben muss? Ich bin Reiseau­torin. Da ich meinen Beruf liebe, sind wed­er zu Hause bleiben noch Umschulen eine Option. Sehr oft mache ich mir Gedanken darü­ber, wie sin­nvoll meine Reisen sind und wie ich sie am besten mit meinem Umwelt­gewis­sen vere­in­baren kann.

Abenteuer wartet auch vor der Haustür

Ziele wie die Male­di­v­en oder Aus­tralien sind zwar ver­lock­end, aber ich merke, dass ich mich mehr und mehr für ganz Nahe­liegen­des entschei­de. Zu oft war ich unter­wegs, tage­lang irgend­wo im Flieger oder im Bus, um für eine Recherche durch das Land zu het­zen. So wie Slow Food auch ein Nach­haltigkeit­strend ist, ver­suche ich heute, möglichst langsam zu reisen und in der Nähe zu bleiben. Ich reise gerne dor­thin, was ich mit dem Auto oder lieber noch mit der Bahn erre­ichen kann. Die Anreise zu Fuß oder per Rad wäre am schön­sten, aber das ist nicht drin, da es auch effek­tiv sein muss. Umso mehr genieße ich es, wenn ich vor Ort aufs Rad umsteige oder wan­dere. Wie eben in der Nord­see. Sel­ten habe ich etwas Exo­tis­cheres gemacht.

Das weite Watt

Obwohl ich schon in Chile die Sterne angeschaut habe und in Grön­land Wale sprin­gen sah, ist die Wan­derung auf die Hal­lig Nord­stran­dis­chmoor im Sep­tem­ber wohl das aus­ge­fal­l­en­ste der let­zten Jahre. Drei Stunden durch Mod­der zu laufen, bis in die Waden versinken und auf undefinier­bar Hartem herumzutreten, um zu ein­er gras­be­wach­se­nen Stelle Land zu gelan­gen, ist außergewöhn­lich. Zu ein­er Schule mit vier Kindern und ein­er Insel mit 18 Einwohnern.

Als mir der Hal­lig­wirt das Ziegenkäse­brot reicht und mir Geschicht­en von Lan­dunter und Sturm­fluten erzählt, ent­führt er mich in eine kom­plett andere Welt. Stun­den­lang hätte ich ihm lauschen kön­nen. So ver­bun­den mit der Natur, so friedlich und auf eine Weise frei. Und als er mich auf Schienen mit­ten durchs Watt dann mit sein­er Lore wieder ans Fes­t­land bringt, ein einzel­ner klap­pern­der Wag­gon, gebaut aus einem Rasen­mäher­mo­tor, dachte ich: Ungewöhn­lich­er kann man auch in Indi­en und Asien nicht reisen.

Mit der Lore zurück an Land

Es ist nicht das Weite. Es gibt auch im nahen exo­tis­che Dinge. Ob es ein Elfenspazier­gang auf der Insel Juist ist, ein Schwitzhüt­tenbe­such samt indi­an­is­ch­er, inner­er Reise im Weser­ber­g­land oder Wald­baden im Spes­sart. Man kann Floß fahren, in den nebe­li­gen Son­nenauf­gang wan­dern – es muss nicht immer weit sein. Je öfter ich ins Nahe reise, umso erholter und erfüll­ter kehre ich zurück. Es geht doch eher um das bewusste Wahrnehmen und Erleben, anstatt immer weit­er immer toller wegzureisen. Ich möchte nicht wegreisen. Ich möchte auf meinen Reisen ankom­men. Am besten bei mir. Meine Naturver­bun­den­heit ent­deck­en oder meine Seele spüren.

Mit nackten Füßen durch das Watt

Reisen ohne Angeber-Faktor

Wenn es weit­er weg geht, bevorzuge ich Europa und suche mir lieber dort das Beson­dere. Ich finde Reisen wichtig, vor allem für meine Fam­i­lie, für die Kinder. Sie sollen sehen, dass es andere Kul­turen gibt und andere Län­der, in denen Trinkwass­er aus der Leitung nicht selb­stver­ständlich ist. Dann schätzen und schützen sie es mehr. Reisen hält, das finde ich jeden­falls, Geist und Gesin­nung offen, und das geht auch in Slowe­nien oder Ungarn. Auch in Europa gibt es Strände wie auf den Sey­chellen und Hüt­ten wie in der Mon­golei. Ist es nicht die Erfahrung der Nacht in der Berghütte, die mehr zählt als das Wo? Ich liebe es, Camp­en zu fahren im Som­mer mit den Kindern – am See um die Ecke.

Beim Fliegen, das habe ich gel­ernt, kann es umwelt­fre­undlich­er sein, mit ein­er Bil­li­gair­line zu fliegen, weil dort der Keros­in­ver­brauch pro Per­son niedriger ist als in einem Luxu­slin­er, wo man viel umbaut­en Platz let­z­tendlich ver­schwen­det. Ich finde es im Zeital­ter der gün­sti­gen Flüge viel sin­nvoller, sich nicht von jedem Weit-Weg-Sonnenziel sofort ver­lock­en zu lassen, son­dern prüfe jede Flu­gentschei­dung: Muss das wirk­lich sein? Was zieht mich dor­thin? Das schöne Wet­ter oder das Sta­tussym­bol, mitre­den zu kön­nen? Reisen als Angeber-Faktor müssen wir uns eben­so schnell abgewöh­nen wie Stem­pel im Pass zu sam­meln – finde ich. Es muss nicht immer Neusee­land sein, wenn es in Irland genau­so grün ist.

re:MIND: Mein Weg zum Minimalismus

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Vor wenigen Wochen habe ich vier Fotos meiner kleinen Wohnung mit dem Hinweis zur Zwischenmiete auf Facebook hochgeladen. Bereits nach wenigen Minuten schrieb ein Freund unter den Beitrag folgendes: „Wie macht ihr das eigentlich mit euren Wohnungen? Warum sehen die immer aus wie ,Couch’ Sets für Mode-Shootings? Meine Wohnung sieht aus wie eine Studenten-WG.“ – 14 Likes. Wenige Minuten später schreibt ein weiterer Freund: „Wo habt ihr all eure Sachen?“ Meine Antwort darauf: „Wir haben einfach nicht soviel.“ – 0 Likes.

Step by Step zum Minimalismus

Mein Weg zum Minimalismus Was braucht man eigentlich? Wieso eigentlich?

Mein Weg…

Hallo, ich bin Andrea - und ich reise gerne. Keine Reise hat mich nachhaltiger beeindruckt als mein Aufenthalt in der Mongolei, von dem ich Euch hier auch erzähle. Doch es...

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