Innovativ und autark: Leben in einem Earthship

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Zitat von Michael Reynolds:

„Stellt euch ein Haus vor, dass sich selbst heizt, sein eigenes Wasser liefert, sein eigenes Essen produziert. Stellt euch vor, es braucht keine teure Technologie, recycelt seinen eigenen Abfall, hat seine eigene Energiequelle. Und jetzt stellt euch vor, es kann überall und von jedem gebaut werden, aus Dingen, die unsere Gesellschaft wegwirft.“


Habt ihr Lust auf einen kleinen Ausflug? Wir nehmen euch mit nach Taos in New Mexico, USA. Taos ist ein kleines Städtchen mit tollen Adobe-Bauten in der Nähe der berühmten Pueblos, einer der ältesten, ununterbrochen bewohnten Siedlung des amerikanischen Kontinents. Wir fahren von Taos auf dem Highway 64 Richtung Westen, überqueren den Rio Grande und stoßen nach ein paar Meilen mitten in der Wüste auf ein paar eigentümlich anmutende Gebäude. Es ist eine Siedlung sogenannter Earthships. Ein Earthship? Was sich nach Science Fiction und Ufos anhört, enpuppt sich schnell als sehr innovatives Haus.

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Eine kurze Erklärung: Earthships sind völlig autark, ohne Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschluss, gebaut aus Zivilisationsabfällen und recycelten Materialien, wie zum Beispiel alten Autoreifen. Die Gebäude sind nach Süden ausgerichtet und haben eine große Glasfront mit einer Pufferzone, die als Wintergarten zum Anpflanzen von Obst und Gemüse dient. Die restlichen Gebäudeseiten bestehen aus mit Erde befüllten und mit Lehm verputzten Autoreifen. Diese dicken Wände sorgen dafür, dass die Innentemperatur das ganze Jahr über fast konstant bleibt. Auf eine Heizung und Klimaanlage kann verzichtet werden.

Strom wird mit Photovoltaikanlagen produziert und gespeichert, die Erwärmung des Brauchwassers übernimmt eine Solaranlage. In Zisternen wird das Regenwasser gesammelt. Verschiedene Filter übernehmen dann die Reinigung zu Trinkwasser. Das Abwasser wird zum Bewässern des Obst und Gemüseanbaus genutzt und kann nach natürlicher Reinigung durch die Pflanzen sogar noch als Spülwasser für die Toilette genommen werden.

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Weiter geht’s auf unserer Tour. Wir stoppen am Besucherzentrum und Headquarter von Earthship Biotecture, der Firma des Architekts Michael Reynolds, der das Prinzip der Erdschiffe in den 70er-Jahren entwickelt hat und versucht, dieses Hausmodell seitdem weltweit zu verbreiten. Nicht ohne Probleme. Klar, wer mit Glasflaschen, Dosen und Autoreifen Häuser baut, wird erstmal nicht ernst genommen. Ihm wurde sogar die Lizenz entzogen, aber seit ein paar Jahren wird die von Reynolds entwickelte Bauweise immer beliebter und bekannter.

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Außenansicht Gewächshaus Earthship „Pheonix“, Greater World, Taos, New Mexico, USA. © Earthship Biotecture (www.earthship.com)

Wir machen uns jetzt selbst ein Bild davon, wie so ein Haus im Inneren aussieht, gehen auf eine self-guided Tour durch das Earthship-Besucherzentrum und erfahren viel über Technik und Bauweise. Mensch, solche Häuser könnten doch auch prima in Deutschland stehen, denken wir, und recherchieren ein wenig, was denn in Sachen Earthship in Europa und anderen Ländern los ist. Leider sind die Bauvorschriften in den meisten Ländern noch sehr streng und autarke Häuser aus Wohlstandsmüll werden oft noch als Spinnerei abgetan.

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Links: Innenansicht Gewächshaus im Earthship „Pheonix“, Greater World, Taos, New Mexico, USA. © Henry Farkas (www.earthship-deutschland.de) Rechts: Teilansicht Earthship „The Hive“, Greater World, Taos, New Mexico, USA. © Henry Farkas (www.earthship-deutschland.de)

Aber es tut sich was. In den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Großbritannien, Schweden, Island, Estland und der Tschechischen Republik wurden bereits Gebäude mit der Bauweise von Reynolds realisiert. In Deutschland gibt es bis dato leider noch keine Earthships. Ein weiteres Zitat von Reynolds beschreibt die Problematik mit Behörden ganz treffend: „Wenn du dein eigenes Energie-, Wärme- und Wassersystem erschaffst, machst du deine eigene Politik. Vielleicht ist es das, wovor sie Angst haben.“ Könnte gut möglich sein.

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Innenansicht Gewächshaus Earthship „The Towers“, Greater World, Taos, New Mexico, USA. © Earthship Biotecture (www.earthship.com)

Wie dem auch sei, wem unser kleiner Ausflug nach Taos gefallen hat und wer mehr über die aktuelle Entwicklung der Earthships in Deutschland erfahren möchte, schaut einfach auf der deutschen Seite von Biotecture vorbei. Dort findet ihr weitere Infos und Tipps rund um die Earthships. Oder ihr macht es so wie wir vor drei Jahren und besucht das Biotecture Center in Taos, New Mexico, wenn ihr einen USA-Trip macht. Kleiner Tipp am Rande: Proviant mitnehmen und in der Picknick-Area auf der Westseite der Rio Grande Gorge Bridge eine Pause mit tollem Blick auf die Brücke einlegen.

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Links: Wendeltreppe im Earthship „Nautilus“, Greater World, Taos, New Mexico, USA. © Henry Farkas (www.earthship-deutschland.de)

Titelbild: © Earthship Biotecture Deutschland

Wir sind Sig und Sven und schreiben seit 2009 auf unserem Blog wohn-blogger.de über nachhaltige und alternative Wohnkonzepte gemixt mit DIY- und Upcycling-Ideen. Tiny Houses, umgebaute Schiffscontainer und Earthships haben es uns ganz besonders angetan. In unserer Freizeit basteln, bauen und upcyceln wir gerne, frei nach dem Motto: Es gibt für alles eine Zweitverwendung. Reduce, Reuse, Recycle!

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Samstag, 15. August 2015, 11:33 Uhr

Die Gemeinschaft Schloss tempelhof in Kreßberg baut das erste genehmigte Earhship in Deutschland. Baustart Ende September. Mehr unter http://www.earthship-tempelhof.de