Drei Jahre und einen Tag – Was es heißt „auf der Walz“ zu sein

| von 

Manch­mal sieht man sie am Straßen­rand den Dau­men nach oben streck­en, wan­dernde Handw­erk­er. Warum sich die Gesellen nur per Anhal­ter fort­be­we­gen dür­fen und was son­st noch hin­ter der jahrhun­derteal­ten Tra­di­tion steckt, erk­lären wir dir hier.

Der Begriff Walz, der u.a. auch als Wan­der­jahre, Tip­pelei oder Gesel­len­wan­derung beze­ich­net wird, meint die Zeit der Wan­der­schaft von Handw­erks­ge­sellen, nach dem Abschluss ihrer Aus­bil­dung, der soge­nan­nten Freis­prechung. Ein Großteil von ihnen gehört zudem fast immer ein­er Zun­ft, auch Schacht genan­nt, an. Die Gesellen sollen in den drei Jahren vor allem neue Arbeit­sprak­tiken, fremde Orte, Regio­nen und Län­der ken­nen­ler­nen sowie Lebenser­fahrung sam­meln – und das alles ganz min­i­mal­is­tisch. Ein Handw­erk­er, der sich auf dieser tra­di­tionellen Wan­der­schaft befind­et, wird als Fremdgeschrieben­er oder Fremder beze­ich­net. In unserem Rat­ge­ber erfährst du alles Wis­senswerte rund um die Tra­di­tio­nen und Regeln der berühmten Wanderjahre.

Lehrjahre, statt Weltreise – Wer geht überhaupt auf die Walz und warum?

Im Mit­te­lal­ter kon­nte ein Handw­erk­er nur dann ein Meis­ter wer­den, wenn er auf der Walz war. Tra­di­tionell gehen daher Mau­r­er, Stein­met­ze, Stein­set­zer, Beton­bauer, Zim­mer­er, Dachdeck­er, Tis­chler, Stuck­a­teure, Holz­bild­hauer und sog­ar Bäck­er auf Wan­der­schaft. Wichtig ist, dass man ein­er Zun­ft zuge­hörig ist. Zün­fte sind heute gle­ichzuset­zen mit der Handwerkerinnung.

Bis zum Anfang der 1980er Jahre gin­gen auss­chließlich Män­ner auf Wan­der­schaft. Danach erlebte das Handw­erk dank der Emanzi­pa­tion der Frauen eine kleine Rev­o­lu­tion. Zwei neue Handw­erk­ervere­ini­gun­gen, soge­nan­nte „Schächte“, wur­den gegrün­det. Ihre Struk­turen wichen stark von den „alten“ Tra­di­tion­ss­chächt­en ab. Und: Sie ließen auch Frauen zu. Der Anteil der Frauen liegt ins­ge­samt bei etwa 10 Prozent.

Seit wann geht man auf die Tippelei?

Seit dem Spät­mit­te­lal­ter bis zum Beginn der Indus­tri­al­isierung war die drei­jährige Wan­der­schaft für Gesellen in vie­len Zün­ften auf dem Weg zur Meis­ter­prü­fung unumgänglich. Mit­tler­weile ist das Wan­dern der Handw­erks­ge­sellen etwas Beson­deres gewor­den. Im Dezem­ber 2014 verkün­dete die Kul­tus­min­is­terkon­ferenz die Walz sog­ar als eine von 27 Kul­tur­refor­men in die Bewer­bungsliste des imma­teriellen Kul­turerbes aufgenom­men wer­den wird. Erfol­gre­ich – seit 2015 gilt die Walz als Kul­turerbe der UNESCO.

Die Zahl der reisenden Handw­erk­er schwank­te während des 19. und 20. Jahrhun­derts stark. Vor allem durch Grün­dung von Man­u­fak­turen und dem Anstieg von Hil­f­sar­beit­ern. Auch während der Weltkriege und der Hitler-Diktatur ging die Zahl zurück, da viele junge Män­ner zum Mil­itär einge­zo­gen wur­den. Nach der deutschen Wiedervere­ini­gung nutzten auch viele ost­deutsche Gesellen wieder die Möglichkeit, auf die Walz zu gehen. Die wach­sende Arbeit­slosigkeit, unter der auch die Baubranche litt, belebte den neuen Boom zusät­zlich. Heute gibt es deutsch­landweit ca. 450 Tip­pel­brüder und Schwest­ern.

Welche Rituale und Regeln gibt es?

Ledig, kinder­los, schulden­frei, unter 30 Jahre alt und das Beste­hen der Gesel­len­prü­fung – das sind die Grund­vo­raus­set­zun­gen eines Frem­den. Diese Punk­te find­et man in fast jeden Regel­w­erk der einzel­nen Zün­fte für die Walz. Auch das Rit­u­al des Vor­sprechens ist für jeden Handw­erk­er Pflicht. Denn „ein­fach so“ darf kein Handw­erk­er in ein­er Stadt oder einem Dorf anfan­gen zu arbeit­en. Sobald ein Wan­derge­selle eine neue Stadt betritt, muss er beim dor­ti­gen Bürg­er­meis­ter oder der Bürg­er­meis­terin vor­sprechen. Allerd­ings ist der Inhalt dieser Gespräche eines der größten Geheimnisse der Schächte und wird auss­chließlich von Geselle zu Geselle weitergegeben.
Jede Zun­ft hat aber auch seine eige­nen Gebräuche und Rit­uale. Bei den Rolands­brüdern wird der „Neue“ von einem Alt­meis­ter von zu Hause abge­holt und mit ein­er Zer­e­monie in die Geset­ze und Regeln des Lebens auf Wan­der­schaft eingeweiht.

Die Tip­pelei war und ist teil­weise an schwierige Bedin­gun­gen geknüpft. So darf der Fremdgeschriebene während der Walz seinen Heima­tort auf keinen Fall betreten, auch nicht an Wei­h­nacht­en. Oft beträgt der soge­nan­nte „Bannkreis“, also der Abstand zum Wohnort, 50 km. Es gibt nur eine einzige Aus­nahme: extreme Not­la­gen, wie der Tod oder Krankheit eines Familienmitgliedes.

Auch ist es ver­boten ein eigenes Fahrzeug zu besitzen und der Geselle darf sich nur zu Fuß oder per Anhal­ter fort­be­we­gen. Kon­takt zur Fam­i­lie darf man via Inter­net und Handy halten.

Die fünf größten Schächte in Deutschland

  1. Die Rechtschaf­fend­en Frem­den, die wiederum in zwei unter­schiedliche Reisenden­vere­ini­gun­gen unterteilt sind; eine nur für Met­all, Stein und Min­er­alien ver­ar­bei­t­en­des Handw­erk; das andere nur für soge­nan­nte Holzberufe. Es wer­den auss­chließlich Män­ner aufgenommen.
  2. Die Rolands­brüder, die nur „männliche, schulden­freie und unver­heiratete Zim­mer­er, Mau­r­er, Tis­chler, Stein­met­ze, Dachdeck­er, Stein­set­zer, Beton­bauer und Holz­bild­hauer bis Ende ihres 27. Leben­s­jahres“ aufnehmen. Weit­ere Beson­der­heit hier: Die Reisenden dür­fen sich für die Dauer von drei Jahren und einem Tag nicht weit­er als 60 Kilo­me­ter ihrem Heima­tort (Bannkreis) nähern.
  3. Der Fremde Frei­heitss­chacht ste­ht für die Pflege des Brauch­es für Bauhandw­erks­ge­sellen nach der Lehrzeit. Es wer­den männliche Bauhandw­erk­er zuge­lassen, die sich verpflicht­en ihren „Heima­tort bis auf 50 Kilo­me­ter zu mei­den, keine Schulden, keine Kinder und einen Gesel­len­brief zu haben, sowie unver­heiratet und Mit­glied ein­er Gew­erkschaft zu sein“.
  4. Der Freie Begeg­nungss­chacht ist der Zusam­men­schluss von reisenden und ein­heimis­chen Handw­erks­ge­sellen mit abgeschlossen­er Gesel­lenaus­bil­dung in einem tra­di­tionellen Handw­erks­beruf. Gegrün­det wurde dieser erst im Jahr 1986. Ein beson­deres Merk­mal des Freien Begeg­nungss­chacht­es ist es, dass Frauen wie Män­ner gemein­sam reisen dür­fen; vom Huf­schmied über den Gold­schmied bis hin zum Kon­di­tor wird jedes tra­di­tionelle Handw­erk aufgenommen.
  5. Bei den Freien Voigtlän­dern reisen seit 1910 Zim­mer­leute, Mau­r­er, Dachdeck­er, Stein­met­ze und Bautis­chler für min­destens zwei Jahre. Bedin­gun­gen hier sind: Besitz eines Gesel­len­briefes, sowie unver­heiratet und schulden­frei. Zudem muss man Mit­glied in der Gew­erkschaft sein. Außer­dem steigt die Zahl der Freireisenden bei­der­lei Geschlechts.

Die Ehrbarkeit im Gepäck

Schick sehen sie aus die wan­dern­den Gesellen! Man erken­nt sie vor allem an ihrer tra­di­tionellen Kluft. Auf den ersten Blick ähneln sich die Bäck­er, Mau­r­er oder Zim­mer­er, aber ein paar Details ver­rat­en ihre Zuge­hörigkeit. Ein Klei­dungsstück, das jed­er trägt ist die soge­nan­nte „Ehrbarkeit“, die für den Laien wie eine Art Krawat­te aussieht, jedoch die Zun­ftzuge­hörigkeit ver­rät und den Gesellen an seine Handw­erk­erehre erin­nert. Die ste­ht für Qual­ität, Zuver­läs­sigkeit, Ver­trauen und Aus­bil­dungssicherung sowie für Werte wie Fleiß, Beständigkeit, Hingabe und Treue inner­halb der Ausübung eines Handw­erks. Nach der Gesel­len­prü­fung spricht ein Meis­ter den Lehrling vor den Augen sein­er Kam­er­aden frei, wenn dieser sich „redlich, fromm und treu sowie gottes­fürchtig und ehrliebend gezeigt hat“. Dann bekommt er die „Ehrbarkeit“ ans Revers gesteckt.

Die Kluft des Zimmermanns

Jedes Handw­erk hat seine ganz eigene Kluft. Wir erk­lären Euch nun anhand eines Zim­mer­manns die einzel­nen Klei­dungsstücke und die Aus­rüs­tung, die immer sauber und gepflegt sein muss.

  • Was auf keinen Fall fehlen der: der Hut. Dies kann ein Schlap­phut, ein Zylin­der oder ein Koks (Mel­one) sein und kennze­ich­net den  „Tip­pel­nden“ als „frei“.
  • Das kra­gen­lose, weiße Hemd, das Staude genan­nt wird.
  • Über dem Hemd trägt man eine Samt- oder Man­ches­ter­weste, die mit acht Perl­mut­tknöpfen beset­zt ist. Die Knöpfe müssen in Form eines „Z“ angenäht wer­den. Acht Stück an der Zahl, die für acht Stunden Arbeit am Tag stehen.
  • Die Ehrbarkeit hat unter­schiedliche Far­ben, die für die Zuge­hörigkeit der Schächte ste­hen: Schwarz wird von den Rechtschaf­fend­en Frem­den getra­gen, Blau von den Rolands­brüdern, Rot von den Frem­den Frei­heits­brüdern und Grau von den Gesellen des freien Begeg­nungss­chacht­es. Bei allen wird die Ehrbarkeit mit ein­er gold­e­nen Nadel mit dem Handw­erk­swap­pen des jew­eili­gen Schacht­es am Hemd befestigt.
  • Die Jacke aus Samt oder Man­ches­ter ist mit sechs Knöpfen besetzt.
  • Die Hose muss einen Schlag von 65 Zen­time­tern am Hosen­bein haben und beste­ht aus Samt- oder Manchesterstoff.
  • An den Füßen trägt man schwarze Schuhe oder Stiefel.
  • Der Ohrring mit dem Handw­erk­swap­pen im linken Ohr ist ein Zeichen des wan­dern­den Gesel­lens. Der Ohrring war früher aus purem Gold, heute ist er meist ver­gold­et. Nach seinem Tod kon­nte der Reisende damit damals sein Begräb­nis bezahlen oder etwa Schulden. Auch der Begriff „Schlit­zohr“ beruht auf dem Ohrring. Nachzule­sen bei den Rit­ualen im Text oben.
  • An der Zun­f­tuhrkette befind­en sich Wap­pen der Städte, in denen der Geselle gear­beit­et hat.
  • Das wichtig­ste Uten­sil eines Gesellen ist sein Char­lot­ten­burg­er. Ein verziertes, buntes Tuch, ein ca. 80 mal 80 Zen­time­ter groß, in dem der Lehrling sein gesamtes Gepäck ein­dreht und zu ein­er Wurst zusam­men­knotet. Die Wick­el­tech­nik wird ihm im Vor­feld beige­bracht. Im Char­lot­ten­burg­er find­et man Wech­sel­wäsche, Zahn­bürste und Werkzeug.
  • Weit­ere Reiseuten­silien sind der Stenz, eine Art Wan­der­stab, und das Wan­der­buch. Das Buch diente früher als eine Art Reisep­a­ss mit dem der Geselle sich als „Fremder“ bei Behör­den ausweisen kon­nte. Heute ist es mehr ein Reisetagebuch.

Begriffe von der Walz: Rundschnack und Schlitzohr

Da der soziale Kon­takt auf Reisen natür­lich wichtig ist, gibt es u.a. den Rund­schnack, eine Zusam­menkun­ft von Gesellen in einem Gasthaus. Während alle aus einem Bierkrug trinken, wer­den sich „Schnacks“ erzählt, es wird geschallert, was das Sin­gen von zün­fti­gen Liedern meint oder aber auch geklatscht. Beim Klatschen ste­hen sich zwei Gesellen gegenüber und schla­gen sich zu Marschliedern in die Hände.

Der Begriff Schlit­zohr stammt übri­gens auch aus der Tra­di­tion der Walz. Vie­len Gesellen wird vor ihrer Reise ein Ohrring gestochen, der als Not­groschen dienen soll, aber auch als Bestra­fungsmöglichkeit. Ben­immt der Geselle sich während der Walz nicht ehren­haft, so wird ihm vom Meis­ter der Nagel rausgerissen.

Wie kann ich reisende Handwerker unterstützen?

In den meis­ten Zün­ften gehen die Gesellen von zu Hause ohne Geld los und dür­fen auch nur ohne Geld zurück in die Heimat kom­men. Zudem gehört es zu den Regeln der Zün­fte, dass für Kost und Logis kein Geld aus­gegeben wer­den darf. Allein durch Arbeit finanzieren sich die Handw­erk­er ihre Wanderschaft.

Da die Gesellen auf ihre Ehrbarkeit sehr großen Wert leg­en, wür­den sie aus moralis­chen Grün­den niemals Geld annehmen. Sicher­lich kann man den Gesellen mit einem Bier oder einem Essen eine große Freude bere­it­en. Zudem freut es jeden Frem­den, wenn man sie mit dem Auto ein Stück mit­nimmt, da es ihnen ver­boten ist mit einem eige­nen Fahrzeug zu reisen.

Film

Na, bist du auf den Geschmack gekom­men und willst noch mehr über die Walz erfahren? Dann ist dieser Film genau das richtige für dich:

​10 Dinge, die wir von Oma lernen können ​

| von 

In Sachen Nachhaltigkeit können wir einiges von unseren Großeltern lernen. Du glaubst es nicht? Wir verraten 10 Beispiele, die Oma und Opa schon richtig machten und die wir vergessen haben. 

Grosseltern
​Unsere Großeltern sind in einer Zeit aufgewachsen, in der es noch gar kein Plastik gab. Sie haben also Zero Waste gelebt, als niemand diesen Begriff kannte. Und nicht nur das: Lebensmittel wurden in der Regel nicht weggeworfen, sondern restlos verwertet oder haltbar gemacht. Gekauft wurde nur das, was man brauchte. Und wenn man sich neue Kleidung oder Möbel angeschafft hatte, wurden diese gepflegt und repariert. Ihr Konsumverhalten war ganz unbewusst…

Moin, ich bin Jana und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es bald mehr Plastik im Ozean gibt als Fische. Genau diese schreckliche Prognose hat mich dazu...

Zum Autor

Gustav Sucher
Dienstag, 2. Oktober 2018, 9:28 Uhr

Eine Walz ist sich­er super, um selb­st wis­sen zu kön­nen was man in der Zukun­ft machen möchte. So etwas ähn­lich­es habe ich auch gemacht. Ich bin nach mein­er Aus­bil­dung in die Nieder­lan­den gezo­gen um dort neue Leute ken­nen zu ler­nen und ins­ge­samt die deutsche Kul­tur von anderen Augen zu betra­cht­en. Danke für den Beitrag!