Der schwere
Abschied vom Projekt „Dünn werden“

9. November 2018 | von

Jede Frau hat ein Recht darauf, sich schön zu fühlen. Ja, aber wie lerne ich es nur, meinen Körper zu lieben, ihn schön zu finden? Oder ihn zumindest zu akzeptieren? Es wäre gelogen, zu sagen, dass ich gerne dick bin. Hätte ich die Wahl, ich wäre lieber dünn. Aber es ist so wie es ist und nach nun über 50 Jahren leben wir in friedlicher Co-Existenz, mein Körper und ich. Ich versuche, ihn so gut ich es eben vermag, gesund zu ernähren, zu bewegen und zu pflegen. Die Zeiten, in denen ich ihn mit ungesunden Diäten malträtiert und ihn gehasst habe, sind schon seit vielen Jahren vorbei.

conny früher
kinderfoto plus size frau conny

Ich wollte einfach nicht anders sein als die Anderen …

„Wenn ich heute Fotos von vor 30 Jahren ansehe, auf denen ich 50 Kilo weniger wog, dann denke ich: Man, Du warst eine wunderschöne junge Frau. Hätte Dir doch damals jemand gesagt „Bleib so wie Du bist, es ist okay so“. ”

Aber damals habe ich meinen Körper verabscheut. In den 70-ern und 80-ern war es eben nicht okay, dick zu sein. Es gab bei weitem nicht so viele übergewichtige Menschen wie heute. Und wir reden hier von einem Gewicht von 75 Kilo, aus heutiger Sicht nicht dramatisch viel. Aber ich war so unglücklich. Damals war ich ein Exot, das einzige dicke Mädchen in der Klasse, das einzige dicke Mädchen im Tanzschulkurs. Als ich hörte, dass wir in der Schule Schwimmunterricht bekommen und ich mit meinen Mitschülerinnen nackt duschen soll, habe ich zu Hause bitterlich geweint. Ich wollte nicht, dass die anderen meinen unverhüllten dicken Körper sehen. Ich wollte hautenge Jeans und Miniröcke tragen können. Kate Moss sah mich mahnend von Zeitschriften-Covern an („Nichts schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt!“). Mit 14 konnte ich dann den Kaloriengehalt jedes verfügbaren Lebensmittels auswendig aufsagen und hatte schon mehrere Diäten hinter mir. Brigitte Diät, Atkins-Diät, Kohlsuppen-Diät, Hollywood-Diät und Null-Diät ließen mich in den folgenden Jahren dank Jojo-Effekt immer dicker statt dünner werden. 10 Kilo runter, 15 Kilo rauf. Damals wusste ich noch nicht, dass es einen Jojo-Effekt überhaupt gibt und auch nicht, dass Diäten nicht funktionieren. Also machte ich immer weiter.

„Auf dem Weg zur Selbstakzeptanz ist der schwierigste Schritt der, sich davon zu verabschieden, irgendwann wieder ganz schlank und makellos zu sein.”
plus size frau conny
grosse groesse

Ein sinnlicher Tanz, der mir zur Selbstliebe verhalf

Ich hatte mich, trotz der vielen Kilos, immer gern moderat bewegt. Radfahren, Schwimmen, Yoga. Und dann, mit Anfang zwanzig, lernte ich eine Frau kennen, die einen Bauchtanzkurs in der Nachbarschaft organisierte. Der Orient hatte mich schon in meiner Kindheit fasziniert. Nach dem Abitur habe ich Marokko bereist und war berauscht. Ja, davon auch, aber vor allem von den Farben, den Gerüchen und der Musik. Eine quirlige kleine Amerikanerin mit Künstlernamen „Soraya“ sollte mich nun also im beschaulichen Alten Land das Bauchtanzen lehren. Wie aufregend! Beim Orientalischen Tanz ist es wichtig, dass man übt, einzelne Körperteile isoliert zu bewegen. Man muss sich zu diesem Zweck in einem wandfüllenden Spiegel kontrollieren und enganliegende Kleidung tragen, um genau lokalisieren zu können, welche Körperteile man gerade wie bewegt.

Moment Mal: Dicke Frau, die nicht dick sein will, muss sich im hautengen Lycra-Gymnastikanzug, in dem man jedes Röllchen sieht, 90 Minuten jede Woche im Spiegel beobachten? Es war anfangs unerträglich für mich. Aber ich wollte diesen sinnlichen Tanz unbedingt lernen. Und, oh Wunder, mein Speck war gar nicht hinderlich, ganz im Gegenteil. Ich erlernte langsam diese wunderschönen fließenden Bewegungen und performte besser als manch dünne Mitstreiterin. Ich bekam ein Gefühl für meinen Körper, es machte mir großen Spaß, mich schlangenähnlich zu der exotischen Musik zu bewegen. In der Bauchtanzstunde waren wir versöhnt, mein Körper und ich, wir kamen gut miteinander klar. Ja, mir gefiel am Ende sogar sehr, was ich im Spiegel sah. Das hielt auch über die Übungsstunden hinaus: Ich wurde selbstbewusster, hielt mich aufrechter. Von nun an machte ich das, was ich wollte und was mir Spaß machte. Früher sagte ich oft „Wenn ich dünn bin, dann …“. Aber ich werde nie mehr dünn sein, ich lebe jetzt und nicht in einer imaginären Zukunft.

selbstliebe
selbstakzeptanz trotz plus size

Der Bauchtanz hat bei mir den Schalter zu Selbstakzeptanz und Selbstliebe umgelegt. Leider gibt es kein allgemein gültiges Rezept dafür. Jede Frau muss ihren Weg gehen und auf ihre eigene Art zu sich selbst finden. Es ist ein Weg mit Höhen und Tiefen. Sich selbst zu lieben ist nicht immer einfach – an manchen Tagen gelingt es mir besser, an anderen Tagen weniger. Es gelingt mir auch nicht immer, stark zu sein, wenn ich von anderen Menschen wegen meines Gewichts angegriffen oder diskriminiert werde. Manchmal verletzt es mich sehr und ich muss erstmal wieder aufstehen und mich schütteln. Hier sind drei Tipps, kleine Erinnerungen, die mir sehr dabei helfen, bei mir zu bleiben und mich gut zu fühlen:

    1. Wichtig ist, dass Du dran bleibst und Dich immer wieder mit Deinem Körper auseinandersetzt. Denn: Selbstliebe macht schön. Eine Frau, die selbstbewusst und mit sich im Reinen ist, strahlt auch nach außen.
    2. Fange klein an, schaue Dich im Spiegel an und finde heraus, was Dir an Deinem Körper besonders gut gefällt. Wenn Du Deine Augen schön findest, betone sie besonders beim Make-up, hast Du eine schöne Taille, wähle Deine Kleidung so, dass die Taille besonders herausgestellt wird.
    3. Tue Dinge, die Deinem Körper und Deiner Seele gut tun und nimm Dir Zeit nur für Dich. Wenn im Alltag die Zeit knapp ist, trage regelmäßig im Kalender ein Date mit Dir ein, ein paar Stunden, die nur Dir gehören und in denen Du ohne Ablenkung etwas für Deinen Körper und Deine Seele tun kannst. Eine Massage, ein schöner Spaziergang an der frischen Luft, ein Wellnesstag zu Hause mit Vollbad, Peeling, Cremes und Masken oder gehe doch einfach mal zum Bauchtanzkurs. 🙂 Denn wenn Du Dich selbst liebst, wirst Du gelassener, selbstbewusster, glücklicher und gesünder durchs Leben gehen.
selbstakzeptanz plus size
babyfoto conny
Letzte Kommentare (5)

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!

Kathleen
Samstag, 8. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Liebe Conny,
ich danke Dir für Deinen Artikel. Du sprichst mir aus tiefster Seele. Und ich bin mir sicher, nicht nur mir. Diäten hab ich keine probiert, aber hab lange gebraucht um zu akzeptieren, dass ich mich selbst lieben muss und niemand anderes dafür brauche.
Danke!

Gabriele
Samstag, 20. Oktober 2018, 21:28 Uhr

Ich bin 58 Jahre alt und mit meinen 115 kg auf 175 pass ich gut hierher, glaub ich.
Ich Kämpfe seit 35 Jahren gegen mein Gewicht an, mal mehr, mal weniger. Habe oft resigniert und- weil ja sowieso egal- dann gefüttert was das Zeug hält. Ich versuche irgendwie einen Weg zu mir zu finden, bin aber noch gaaanz am Anfang. Ich hoffe aber, dass ich mich irgendwann so akzeptieren kann, wie ich bin und mich trotz vielen Kilo attraktiv finden kann.
Ich finde es sehr beruhigend, dass es viele Mädels gibt, denen es auch so geht oder so ging. 😊

Joval
Montag, 17. September 2018, 17:12 Uhr

Danke!!!

Nina
Freitag, 8. Juni 2018, 20:03 Uhr

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Erst jetzt kurz vor meinem 40. Lebensjahr fange ich langsam an mein rundes Ich zu akzeptieren…

Anjela
Montag, 4. Juni 2018, 8:53 Uhr

Liebe Conny, wenn ich deinen Artikel lese, dein Leben lese, ist es so, als ob du über das meine schreibst! Ich bin mir sicher, vielen Menschen geht es so! Vielen Dank für deinen Block und deine offene Beschreibung wie es sich anfühlt, außerhalb der (von wem auch immer) festgelegten, gesellschaftlichen Norm zu sein. Alles Liebe! Anjela

Alexandra
Donnerstag, 17. Mai 2018, 20:03 Uhr

Du sprichst mir aus der Seele. Besonders der Satz „Hätte mir damals jemand gesagt, bleib, wie du bist, es ist okay“ hätte mir so viel Leid erspart, Dutzende Diäten, Ups und Downs, viele Kilos mehr als mein damaliges Gewicht und gesundheitliche Folgen. Danke für deine Erinnerung an das Wesentliche: sich selbst lieben und seinem Körper Gutes tun!