Der schwere
Abschied vom Projekt „Dünn werden“

3. Januar 2020 | von

Jede Frau hat ein Recht darauf, sich schön zu fühlen. Ja, aber wie lerne ich es nur, meinen Kör­p­er zu lieben, ihn schön zu find­en? Oder ihn zumin­d­est zu akzep­tieren? Es wäre gel­o­gen, zu sagen, dass ich gerne dick bin. Hätte ich die Wahl, ich wäre lieber dünn. Aber es ist so wie es ist und nach nun über 50 Jahren leben wir in friedlich­er Co-Exis­tenz, mein Kör­p­er und ich. Ich ver­suche, ihn so gut ich es eben ver­mag, gesund zu ernähren, zu bewe­gen und zu pfle­gen. Die Zeit­en, in denen ich ihn mit unge­sun­den Diäten mal­trätiert und ihn gehas­st habe, sind schon seit vie­len Jahren vorbei.

conny früher
kinderfoto plus size frau conny

Ich wollte einfach nicht anders sein als die Anderen …

„Wenn ich heute Fotos von vor 30 Jahren anse­he, auf denen ich 50 Kilo weniger wog, dann denke ich: Man, Du warst eine wun­der­schöne junge Frau. Hätte Dir doch damals jemand gesagt „Bleib so wie Du bist, es ist okay so“. ” 

Aber damals habe ich meinen Kör­p­er ver­ab­scheut. In den 70-ern und 80-ern war es eben nicht okay, dick zu sein. Es gab bei weit­em nicht so viele übergewichtige Men­schen wie heute. Und wir reden hier von einem Gewicht von 75 Kilo, aus heutiger Sicht nicht drama­tisch viel. Aber ich war so unglück­lich. Damals war ich ein Exot, das einzige dicke Mäd­chen in der Klasse, das einzige dicke Mäd­chen im Tanzschulkurs. Als ich hörte, dass wir in der Schule Schwim­munter­richt bekom­men und ich mit meinen Mitschü­lerin­nen nackt duschen soll, habe ich zu Hause bit­ter­lich geweint. Ich wollte nicht, dass die anderen meinen unver­hüll­ten dick­en Kör­p­er sehen. Ich wollte haut­enge Jeans und Miniröcke tra­gen kön­nen. Kate Moss sah mich mah­nend von Zeitschriften-Cov­ern an („Nichts schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt!“). Mit 14 kon­nte ich dann den Kalo­rienge­halt jedes ver­füg­baren Lebens­mit­tels auswendig auf­sagen und hat­te schon mehrere Diäten hin­ter mir. Brigitte Diät, Atkins-Diät, Kohlsup­pen-Diät, Hol­ly­wood-Diät und Null-Diät ließen mich in den fol­gen­den Jahren dank Jojo-Effekt immer dick­er statt dün­ner wer­den. 10 Kilo runter, 15 Kilo rauf. Damals wusste ich noch nicht, dass es einen Jojo-Effekt über­haupt gibt und auch nicht, dass Diäten nicht funk­tion­ieren. Also machte ich immer weiter.

„Auf dem Weg zur Selb­stakzep­tanz ist der schwierig­ste Schritt der, sich davon zu ver­ab­schieden, irgend­wann wieder ganz schlank und makel­los zu sein.” 
plus size frau conny
grosse groesse

Ein sinnlicher Tanz, der mir zur Selbstliebe verhalf

Ich hat­te mich, trotz der vie­len Kilos, immer gern mod­er­at bewegt. Rad­fahren, Schwim­men, Yoga. Und dann, mit Anfang zwanzig, lernte ich eine Frau ken­nen, die einen Bauch­tanzkurs in der Nach­barschaft organ­isierte. Der Ori­ent hat­te mich schon in mein­er Kind­heit fasziniert. Nach dem Abitur habe ich Marokko bereist und war berauscht. Ja, davon auch, aber vor allem von den Far­ben, den Gerüchen und der Musik. Eine quirlige kleine Amerikaner­in mit Kün­stler­na­men „Soraya“ sollte mich nun also im beschaulichen Alten Land das Bauch­tanzen lehren. Wie aufre­gend! Beim Ori­en­tal­is­chen Tanz ist es wichtig, dass man übt, einzelne Kör­perteile isoliert zu bewe­gen. Man muss sich zu diesem Zweck in einem wand­fül­len­den Spiegel kon­trol­lieren und engan­liegende Klei­dung tra­gen, um genau lokalisieren zu kön­nen, welche Kör­perteile man ger­ade wie bewegt.

Moment Mal: Dicke Frau, die nicht dick sein will, muss sich im haut­en­gen Lycra-Gym­nas­tikanzug, in dem man jedes Röllchen sieht, 90 Minuten jede Woche im Spiegel beobacht­en? Es war anfangs unerträglich für mich. Aber ich wollte diesen sinnlichen Tanz unbe­d­ingt ler­nen. Und, oh Wun­der, mein Speck war gar nicht hin­der­lich, ganz im Gegen­teil. Ich erlernte langsam diese wun­der­schö­nen fließen­den Bewe­gun­gen und per­formte bess­er als manch dünne Mit­stre­i­t­erin. Ich bekam ein Gefühl für meinen Kör­p­er, es machte mir großen Spaß, mich schlangenähn­lich zu der exo­tis­chen Musik zu bewe­gen. In der Bauch­tanzs­tunde waren wir ver­söh­nt, mein Kör­p­er und ich, wir kamen gut miteinan­der klar. Ja, mir gefiel am Ende sog­ar sehr, was ich im Spiegel sah. Das hielt auch über die Übungsstun­den hin­aus: Ich wurde selb­st­be­wusster, hielt mich aufrechter. Von nun an machte ich das, was ich wollte und was mir Spaß machte. Früher sagte ich oft „Wenn ich dünn bin, dann …“. Aber ich werde nie mehr dünn sein, ich lebe jet­zt und nicht in ein­er imag­inären Zukunft.

selbstliebe
selbstakzeptanz trotz plus size

Der Bauch­tanz hat bei mir den Schal­ter zu Selb­stakzep­tanz und Selb­stliebe umgelegt. Lei­der gibt es kein all­ge­mein gültiges Rezept dafür. Jede Frau muss ihren Weg gehen und auf ihre eigene Art zu sich selb­st find­en. Es ist ein Weg mit Höhen und Tiefen. Sich selb­st zu lieben ist nicht immer ein­fach – an manchen Tagen gelingt es mir bess­er, an anderen Tagen weniger. Es gelingt mir auch nicht immer, stark zu sein, wenn ich von anderen Men­schen wegen meines Gewichts ange­grif­f­en oder diskri­m­iniert werde. Manch­mal ver­let­zt es mich sehr und ich muss erst­mal wieder auf­ste­hen und mich schüt­teln. Hier sind drei Tipps, kleine Erin­nerun­gen, die mir sehr dabei helfen, bei mir zu bleiben und mich gut zu fühlen:

    1. Wichtig ist, dass Du dran bleib­st und Dich immer wieder mit Deinem Kör­p­er auseinan­der­set­zt. Denn: Selb­stliebe macht schön. Eine Frau, die selb­st­be­wusst und mit sich im Reinen ist, strahlt auch nach außen.
    2. Fange klein an, schaue Dich im Spiegel an und finde her­aus, was Dir an Deinem Kör­p­er beson­ders gut gefällt. Wenn Du Deine Augen schön find­est, betone sie beson­ders beim Make-up, hast Du eine schöne Taille, wäh­le Deine Klei­dung so, dass die Taille beson­ders her­aus­gestellt wird.
    3. Tue Dinge, die Deinem Kör­p­er und Dein­er Seele gut tun und nimm Dir Zeit nur für Dich. Wenn im All­t­ag die Zeit knapp ist, trage regelmäßig im Kalen­der ein Date mit Dir ein, ein paar Stun­den, die nur Dir gehören und in denen Du ohne Ablenkung etwas für Deinen Kör­p­er und Deine Seele tun kannst. Eine Mas­sage, ein schön­er Spazier­gang an der frischen Luft, ein Well­nesstag zu Hause mit Voll­bad, Peel­ing, Cremes und Masken oder gehe doch ein­fach mal zum Bauch­tanzkurs. 🙂 Denn wenn Du Dich selb­st lieb­st, wirst Du gelassen­er, selb­st­be­wusster, glück­lich­er und gesün­der durchs Leben gehen.
selbstakzeptanz plus size
babyfoto conny
Letzte Kommentare (12)

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Tadea
Dienstag, 22. September 2020, 17:42 Uhr

Hal­lo!

Meine Güte, als wenn jemand meine Jugend aufgeschrieben hat ! Unfass­bar! Das hat gut getan! Lei­der habe ich bis heute diese Akzep­tanz nicht gel­ernt. Ich ver­suche es immer wieder, aber wenn ich dann mal auf die Waage steige, komme ich wieder in den Strudel. Ich werde jet­zt 50 und eigentlich sollte ich meine Energie in andere Dinge steck­en.… kann man die irgend­wo fol­gen? Twit­ter o.ä? Liebe Grüße aus Eilbek 🙂

SanThe
Mittwoch, 26. August 2020, 19:04 Uhr

Danke für den sehr ehrlichen Bericht! Meine Geschichte begin­nt als Baby und zog sich durch mein Leben. Mob­bing mein­er Eltern, mein­er Geschwis­ter, Schwa­ger, Schule, Sport…
Anfang 20 hat­te ich 63kg, doch durch das Mob­bing fühlte ich mich wie 150kg. Heute wiege ich 30kg mehr und am Gefühl fett zu sein, hat sich nichts geän­dert. Nun möchte ich ler­nen, meinen Kör­p­er zu lieben, wie er ist. Er hat immer­hin 5 Kindern das Leben geschenkt und auch ich möchte endlich Leben! Danke für den Impuls…

Baukemaus
Mittwoch, 1. Mai 2019, 14:16 Uhr

Ich fand den Bericht sehr inter­es­sant und aut­en­tisch. An Hand der Pho­tos der Autorin ist mir jedoch aufge­fall­en, dass sie ein Lipö­dem haben kön­nte, was sowie so nicht mit Diäten in den Griff zu bekom­men ist.

msbella
Sonntag, 10. Februar 2019, 16:46 Uhr

Ein schön­er Beitrag zu einem wichtigem The­ma! Ich finde es toll, das aus­gerech­net Bauch­tanz, der Sport oder die Aktiv­ität, die viele übergewichtige Frauen lieber ver­mei­den, dich dazu gebracht hat, dich selb­st zu lieben und deinen Kör­p­er so zu akzep­tieren wie er ist.
Ich bin 20 Jahre und kann meinen Kör­p­er auch nicht so nehmen, wie er ist, ich has­se ihn und bin mit mir selb­st ein­fach nicht zu frieden .. schön zu wis­sen, das es auch reifer­en Frauen so geht, die sehr viel länger schon mit ihrem Kör­p­er leben!
Danke!

Pbh
Dienstag, 5. Februar 2019, 22:22 Uhr

Das schlechte ‚Gewissen,()hat viel mit Erziehung zu tun.Das was man einem Zuhause einget­richtert hat(du bist zu dick iss nicht soviel etc)prägt das ganze Leben. Heute mit knapp 60zig und eini­gen schw­eren Erkrankun­gen sieht man manch­es anders und freut sich das man noch lebt trotz eini­gen Pfun­den Zuviel.

Mondkind
Dienstag, 15. Januar 2019, 22:53 Uhr

Hei Con­ny!
Deine Geschichte ist sehr intressant.
Seid eini­gen Jahren habe ich auch sehr zu genom­men durch Medi­zin die ich Ein­nehmen muss.
Was mich sehr intressiert ist deine Jeans in einen Rock zu ver­wan­deln. Aber lei­der habe ich keine Anleitung da für gefunden

Kathleen
Samstag, 8. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Liebe Con­ny,
ich danke Dir für Deinen Artikel. Du sprichst mir aus tief­ster Seele. Und ich bin mir sich­er, nicht nur mir. Diäten hab ich keine pro­biert, aber hab lange gebraucht um zu akzep­tieren, dass ich mich selb­st lieben muss und nie­mand anderes dafür brauche.
Danke!

Gabriele
Samstag, 20. Oktober 2018, 21:28 Uhr

Ich bin 58 Jahre alt und mit meinen 115 kg auf 175 pass ich gut hier­her, glaub ich.
Ich Kämpfe seit 35 Jahren gegen mein Gewicht an, mal mehr, mal weniger. Habe oft resig­niert und- weil ja sowieso egal- dann gefüt­tert was das Zeug hält. Ich ver­suche irgend­wie einen Weg zu mir zu find­en, bin aber noch gaaanz am Anfang. Ich hoffe aber, dass ich mich irgend­wann so akzep­tieren kann, wie ich bin und mich trotz vie­len Kilo attrak­tiv find­en kann.
Ich finde es sehr beruhi­gend, dass es viele Mädels gibt, denen es auch so geht oder so ging. 😊

Joval
Montag, 17. September 2018, 17:12 Uhr

Danke!!!

Nina
Freitag, 8. Juni 2018, 20:03 Uhr

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Erst jet­zt kurz vor meinem 40. Leben­s­jahr fange ich langsam an mein run­des Ich zu akzeptieren…

Anjela
Montag, 4. Juni 2018, 8:53 Uhr

Liebe Con­ny, wenn ich deinen Artikel lese, dein Leben lese, ist es so, als ob du über das meine schreib­st! Ich bin mir sich­er, vie­len Men­schen geht es so! Vie­len Dank für deinen Block und deine offene Beschrei­bung wie es sich anfühlt, außer­halb der (von wem auch immer) fest­gelegten, gesellschaftlichen Norm zu sein. Alles Liebe! Anjela

Alexandra
Donnerstag, 17. Mai 2018, 20:03 Uhr

Du sprichst mir aus der Seele. Beson­ders der Satz “Hätte mir damals jemand gesagt, bleib, wie du bist, es ist okay” hätte mir so viel Leid erspart, Dutzende Diäten, Ups und Downs, viele Kilos mehr als mein dama­liges Gewicht und gesund­heitliche Fol­gen. Danke für deine Erin­nerung an das Wesentliche: sich selb­st lieben und seinem Kör­p­er Gutes tun!