Miyabi Kawai im Interview: Selbst-
liebe ist kein Stillstand

12. Juni 2019 | von

Moder­a­torin, Designer­in und Autorin — Miyabi Kawai macht sich seit Jahren für die Curvy Com­mu­ni­ty stark. Sie will nicht nur Selb­stliebe jen­seits der Größe 38 gesellschafts­fähig machen, son­dern auch die Mode für Große Größen rev­o­lu­tion­ieren. Wir haben uns mit dem Mul­ti­tal­ent unter­hal­ten und viele span­nende Antworten zum The­ma Body Pos­i­tiv­i­ty, berührende Momente mit den Fans und dem Unter­schied zwis­chen Bek­lei­dung und Mode bekom­men. Viel Spaß beim Lesen!

Das neue Buch von Miyabi Kawai
Bild-Copy­right: Manuel Cortez

Body Pos­i­tiv­i­ty und Selb­stliebe sind die Kern­the­men deines neuen Buchs „Dem Meer ist es egal, ob du eine Bikinifig­ur hast“, aber auch viel­er Marken-Kam­pag­nen wie beispiel­sweise „Ullas Mädels“ von Ulla Pop­ken. Warum war es genau jet­zt an der Zeit, „Dem Meer ist es egal, ob du eine Bikinifig­ur hast“ zu veröf­fentlichen und nicht schon vor 2–3 Jahren? 

Ich glaube ja, dass es schon sehr viel länger drin­gend Zeit ist, über The­men wie Selb­stliebe und ein pos­i­tives eigenes Kör­per­bild zu sprechen. Es ist eine Kon­se­quenz aus Jahren des Selb­stop­ti­mierungswahns und dem Ren­nen nach ver­meintlich­er Per­fek­tion. Wir haben aber keine Lust mehr zu ren­nen und diesem Druck nachzukom­men. Selb­stliebe ist nicht Still­stand oder Auf­gabe, vielmehr ein Verän­dern der Moti­va­tion dahin­ter. Und ein Dur­chat­men, eine Rückbesin­nung auf uns selb­st. Hätte ich das Buch schon früher schreiben kön­nen, ich hätte es gerne getan, aber nach dem Erfolg mein­er Serie „Schrankalarm“ und dem ersten Buch „Finde Deinen Style – und füh­le dich endlich wohl mit dir selb­st“, habe ich jet­zt eine Stimme und werde gehört, bzw. gelesen …

War es für dich schwierig, deine per­sön­lichen Geschicht­en und Erleb­nisse aufzuschreiben ohne genau zu wis­sen, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert?

Das The­ma Selb­stliebe und Body Pos­i­tiv­i­ty ist sehr per­sön­lich, genau wie das Schreiben an sich. Bei­des funk­tion­iert nicht, wenn man nicht ehrlich ist. Mir war es wichtig, meine authen­tis­che Geschichte zu erzählen. Ein Teilen, kein Aufk­lären, wie ich es nenne, denn im Buch beschreibe ich meine ganz per­sön­liche Reise zu mehr Selb­stliebe. Das geht nicht, ohne sich „nackt“ zu machen. Das ist nicht ein­fach und macht ver­let­zlich, aber anders kann man dieses The­ma nicht ange­hen, davon bin ich überzeugt. Und Ver­let­zlichkeit ist auch Stärke, das ist eine schöne Erken­nt­nis dabei.

Sommerkleid von Sheego by Miyabi Kawai
Bild-Copy­right: Manuel Cortez
Gestreiftes Kleid von Sheego für Große Größen
Bild-Copy­right: Manuel Cortez

Welche Sit­u­a­tion als Plus Size-Frau in deinem bish­eri­gen Leben hat dich am meis­ten geprägt?

Als ich von den abw­er­tenden Kom­mentaren ver­meintlich­er Fre­unde meines Part­ners erfuhr. Bis dahin war mir meine Gewicht­szu­nahme und der Kampf damit dur­chaus bewusst, aber nicht die Reak­tion Drit­ter darauf. Sich davon zu emanzip­ieren, zu heilen und sich bewusst zu machen, dass nur die Kom­men­ta­toren ein Prob­lem haben, nicht aber ich selb­st, war ein har­ter Prozess, aber er hat mich stark gemacht. Und frei.

Was denkst du über die immer präsen­ter wer­dende Body-Pos­i­tiv­i­ty-Bewe­gung und gibt es Kam­pag­nen bzw. Per­so­n­en, die dich beson­ders beein­druckt haben?

The more, the bet­ter. Noch ste­hen wir mit dieser Bewe­gung auf Kinder­füssen, und die erste Phase ist Sicht­barkeit und Aufmerk­samkeit schaf­fen. Ich hoffe, wir kön­nen dann langsam immer mehr aufk­lärend arbeit­en, und das inklu­siv, denn JEDER Kör­p­er und MENSCH jeden Geschlechts, Haut­farbe, Alters, Form, versehrt oder nicht, hat seine Berechtigung.

Body-Pos­i­tiv­i­ty-Kämpferin­nen wie Megan Jayne Crabbe, aber auch „Bauch­frauen“ leis­ten da wichtige Arbeit, sowie Blog­gerin­nen wie Char­lotte Kuhrt oder Roxy von doitcurvy. Ich bin auch ein großer Fan vom „Curvy“ Mag­a­zine, das Plus Size Frauen nicht auss­chließlich als fröh­liche, immer lachende Mäd­chen von nebe­nan darstellt. Und nicht zulet­zt ihr mit Soulfully!

„In der Gesellschaft wer­den Frauenkör­p­er mehr geschätzt als die Frauen dahin­ter“ – Warum, denkst du, ist das so?

Unsere Gesellschaft ist nach wie vor männlich dominiert, unser Ausse­hen und der Erhalt unser­er Attrak­tiv­ität wird vor unser­er Leis­tung in der Gesellschaft geschätzt und bewertet.

Solange wir uns mit unserem Thigh Gap beschäfti­gen, sind wir wom­öglich abge­lenkt und fordern nicht die Schließung des Pay Gaps ein. Unsere Attrak­tiv­ität war sehr lange ein Weg, einen Part­ner zu find­en, der uns „absichert“. Abso­lut ver­al­tet, obso­let und vor allem eine Falle, denn Garantien gibt es keine. Body Pos­i­tiv­i­ty ist also auch ein sehr fem­i­nis­tis­ches The­ma, für das wir aber auch die Hil­fe der Män­ner brauchen. Inklu­siv, nicht gegeneinan­der. Denn wir müssen auch den Män­nern helfen, damit sie nicht immer „stark“ sein müssen, „erfol­gre­ich“ und der Ver­sorg­er. Wenn wir das Bild verän­dern, wie Frauen (und auch Män­ner) auszuse­hen haben und mehr Vielfalt sehen und erleben dür­fen, nehmen wir uns allen den Druck und kön­nen uns peu à peu von alten Mustern befreien.

Auf dein­er aktuellen Lese­tour beant­wortest du auch Fra­gen aus dem Pub­likum. Welche wur­den am häu­fig­sten gestellt und teilen deine Fans ihre per­sön­lichen Geschicht­en dort auch mit dir? 

Die Frage, die mir IMMER gestellt wird, ist die, ob Schrankalarm wiederkommt … Lei­der nein, es sei denn, es gibt eine Peti­tion an VOX und die über­legen es sich nochmal … (lacht) Anson­sten find­et neben den Fra­gen zu mir auch immer ein reger Aus­tausch über eigene Erfahrun­gen statt, manch­mal in der Fragerunde, oft aber auch beim Sig­nieren der Büch­er oder bei Insta­gram. Die Geschicht­en sind immer berührend, teil­weise schockierend.

Die Lesung in Bonn wird mir aber immer als beson­ders emo­tion­al in Erin­nerung bleiben. Nach der ersten, aus­führlichen Danksa­gung ein­er Leserin, in der sie erk­lärte, wie und in welchem Aus­maß Schrankalarm, meine Büch­er und mein Insta­gram Account ihr Leben und ihren Kampf um mehr Selb­stliebe verän­dert und bee­in­flusst hät­ten, rei­ht­en sich weit­ere sehr berührende Dankesre­den ein. Am Ende war der Raum voller weinen­der, lachen­der Frauen, inklu­sive mir auf der Bühne. Das war schön.

Selb­stliebe ist wahrlich ansteck­end. Und verbindend.

Rot-Pinkes Wickelkleid von Sheego
Bild-Copy­right: sheego by Miyabi Kawai

Du hast nicht nur ein neues Buch, son­dern auch eine neue Curvy-Kollek­tion für Sheego. Sie ist sehr aufre­gend und mod­ern. Einige Teile fall­en durch ihren beson­deren Schnitt oder Far­bkom­bi­na­tio­nen auf und kön­nten von manchen Kri­tik­ern als „zu gewagt“ für Plus Size-Frauen beze­ich­net wer­den. Was würdest du darauf erwidern?

Zu gewagt? Pap­per­la­papp, piff, paff, puff! Eine solche Aus­sage set­zt die Annahme voraus, dass Plus Size Frauen sich nicht zeigen dür­fen, denn kräftige Far­ben und mod­erne Schnitte beto­nen, anstatt zu ver­steck­en. Aber ich will Mode machen, keine „Bek­lei­dung“. Ich will Mode, Moder­nität, Trends und vor allem Sicht­barkeit! Es gibt nix, was es zu ver­steck­en gäbe, nur mehr zu sehen. Und Schnitte, die was für uns tun, kön­nen uns das Selb­st­be­wusst­sein geben, auch mal Farbe zu tra­gen statt des ewigen Schwarz, Anthraz­it, Marineblau und Bordeaux …

Oft fokussiert sich Plus-Size-Mode auf ein­fache Schnitte, gedeck­te Far­ben und wirkt dadurch etwas alt­back­en. War es schwierig, deine Vorstel­lun­gen durchzusetzen?

Ich bin sehr glück­lich, mit Sheego einen Part­ner zu haben, der da mit mir an einem Strang zieht. Mit vier Kapselkollek­tio­nen jährlich (plus eini­gen Spe­cials) wollen wir gemein­sam modis­che Pieces kreieren, die weg gehen von dem ewig kaschieren­den Ein­er­lei im Plus Size Bere­ich und dem neuen Selb­st­be­wusst­sein all der schö­nen Plus Size Frauen Mode an die Hand geben, in der sie sich schön fühlen kön­nen und sich zeigen wollen. Denn um sich schön zu fühlen, braucht man auch Klei­der, in denen man sich schön fühlen kann! Der Umsatz ste­ht hier­bei nicht primär im Vorder­grund, aber zu sehen, wie gut die Kollek­tio­nen bei den Ver­braucherin­nen ankom­men, bestätigt uns nur in unserem Auftrag.

Was möcht­est du unseren Leserin­nen mit­geben? Was sind die drei wichtig­sten Botschaften deines Buches? 

Selb­stliebe ist kein Befehl, der erneut Druck erzeu­gen soll.

Du musst dich nicht ab mor­gen plöt­zlich kom­plett annehmen und so lieben, wie du bist, wenn du dein ganzes Leben mit dir gekämpft hast. Selb­stliebe bedeutet erst­mal Druck raus­nehmen, mal dur­chat­men. Und ver­ste­hen, dass Du gar nichts musst. Wed­er immer schlank und jung ausse­hen, noch aufgeben, noch dich sofort akzeptieren.

Selb­stliebe ist kein Stillstand.

Du musst nicht den Sta­tus Quo akzep­tieren. Dein Kör­p­er wird sich verän­dern und auch Du darf­st ihn verän­dern. Aber Du kannst durch­schauen, woher manch ein Druck kommt und ver­ste­hen, dass unsere Unzufrieden­heit das beste Kau­far­gu­ment ist. Du musst dich dem trotz­dem nicht kom­plett ver­weigern, du kannst aber die Moti­va­tion ändern. Verän­dere dich, aber nach deinen Regeln, zu deinen Bedin­gun­gen und in deinem Tempo.

Du bist nie­man­dem Rechen­schaft schuldig.

Du schuldest nie­man­dem eine per­fek­te Hülle. Du passt jet­zt schon und bist es wert, geliebt und respek­tiert zu wer­den. Mach Diät, operier deine Nase, schminke dich ODER EBEN NICHT. Für dich, und nur für dich. Your body, your rules. Bew­erte nicht, vertreibe Neg­a­tiv­ität aus deinen Gedanken dir und anderen gegenüber, ein pos­i­tives, wert­freies Mind­set macht dich frei!

Abschließend noch ein klein­er Zukun­ft­saus­blick: Was wün­schst du dir für dich und die Curvy-Com­mu­ni­ty 2020?

Mir wün­sche ich, dass ich meine Stimme weit­er­hin nutzen darf und gehört werde. In Form von mehr Büch­ern, Insta­gram, Kollek­tio­nen, Work­shops, einem Blog oder ein­er Sendung vielle­icht? Ich habe noch viel zu sagen … (zwinkert.)

Der Curvy Com­mu­ni­ty wün­sche ich, dass sie sich vom Kampf um Aufmerk­samkeit zu mehr Aufk­lärung entwick­elt, noch mehr Miteinan­der, mehr Selb­stver­ständlichkeit, Inklu­siv­ität, um hof­fentlich in abse­hbar­er Zeit eine große Com­mu­ni­ty der Vielfalt zu wer­den, die Begriffe wie „curvy“, „skin­ny“ usw. unnötig macht.

Still a long way to go, aber die Reise macht gemein­sam mehr Spass!

Bild-Copy­right Auf­mach­er: sheego by Miyabi Kawai

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