Auch Feministinnen tragen Glitzer

3. Januar 2019 | von

Liebe Soul­ful­ly-Leserin­nen, Ihr wisst ja, Vielfalt ist uns wichtig. Deswe­gen haben wir Tan­ja von Kur­ven­rausch gebeten, uns hin­ter die Kulis­sen eines ganz beson­deren Events zu führen, das let­zte Woche in Berlin stattge­fun­den hat. Worum es geht und was Tan­ja dort gemacht hat, lest Ihr jet­zt. Bühne frei!

Lieblingsmensch! ­Wir feiern jede*n!

Am ver­gan­genem Mittwoch machte ich mich auf den Weg nach Berlin, dieses Mal in ganz ungewöhn­lich­er Mis­sion. Die Wiener Bou­tique-Betreiberin Ina Hol­ub hat­te mich im Jan­u­ar auf der Curvy ange­sprochen und gefragt, ob ich nicht für ihr Label auf ein­er Ver­anstal­tung für Kör­per­be­wusst­sein und für Vielfalt laufen möchte — als Mod­el.

 

Tanja Marfo

Mehr Body-Positivity

Eigentlich ste­he ich immer auf der anderen Seite. Jährlich organ­isiere ich die Plus Size Fash­ion Days und ver­mit­tle Mod­els. Ich kann aber nur im Ent­fer­n­testen ahnen, wie es den Mädels vor einem Auftritt auf dem Lauf­steg geht. Organ­isiert wurde die ganze Aktion vom Ham­burg­er Vere­in Pinkstinks („Vielfalt ist Schön­heit“) unter dem Mot­to „Lieblings­men­sch! Wir feiern jede*n!“.

Dass Vielfalt und Body-Pos­i­tiv­i­ty für mich wichtige The­men sind, ist den meis­ten bekan­nt. Ich finde es sehr wichtig, dass die Medi­en ler­nen, unter­schiedliche Frauen­bilder zu zeigen, denn genau das ist Real­ität. Die visuelle Welt, die wir selb­st erschaf­fen haben, in der die Titel­bilder der Hochglanz­magazine bis zu 200 Mal bear­beit­et wer­den, hat nichts mit der Real­ität zu tun. Wir streben nach Schön­heit und Per­fek­tion, die es so gar nicht gibt.

Ein wenig besorgt war ich schon, denn Pinkstinks ist als Pro­tes­tor­gan­i­sa­tion manch­mal recht radikal unter­wegs. Wie kann sich das auf mein Image auswirken? Oder mache ich mir völ­lig unnötig Sor­gen? Und wie wird das Pub­likum auf mich reagieren?

Dann gings los…

Am Mittwoch traf ich mich direkt nach mein­er Ankun­ft in Berlin mit Ina Hol­ub. In deren Hotelz­im­mer sollte ich meine bei­den Out­fits anpro­bieren. Es ging um das The­ma „Glitzer“ und „Black“ für mich. Die Out­fits waren eher casu­al und bequem und wur­den mit Fake-Fur-Sto­las, Fas­ci­na­tor und Schmuck aufgepimpt.

Tanja Marfo

Am Don­ner­stag ver­sam­melten wir uns um 14 Uhr im So36. Der kollek­tiv betriebene Club in Kreuzberg war die Loca­tion für das Demokonz­ert. Dort sah ich auch Asta und Jan­i­na wieder, zwei Mädels, die im ver­gan­genem Jahr auf meinen Plus Size Fash­ion Days gelaufen waren.

Models

Nach ein­er kurzen Ken­nen­lern­runde fin­gen wir mit dem Lauf­stegtrain­ing an, die Zeit verg­ing wie im Flug. Im ersten Stock erwarteten uns bere­its die Make-up-Artists, die uns im Stil der 1950er-Jahre schmink­ten und styl­ten. Ins­ge­samt wur­den acht völ­lig unter­schiedliche Mod­elle als Über­raschungs­acts für das Konz­ert gebucht.

Während wir von den Styl­is­ten zurecht­gemacht wur­den, gab es im Erdgeschoss bere­its coole Beats und ein Plenum zum The­ma „Vielfalt in den Medi­en“, passend zum Start der elften Staffel von Germany’s Next Top Mod­el. Anstatt mit ein­er Protes­tak­tion gegen ein verengtes Frauen­bild zu demon­stri­eren, entsch­ied sich Pinkstinks für ein öffentlich­es Gratis-Konz­ert, welch­es viele Besuch­er ins So36 lock­te. Die Aktion wurde auch vom Bun­des­fam­i­lien­min­is­teri­um unter­stützt.

Kurz vor dem Start der Mod­en­schau sam­melten wir uns alle hin­ter der Bühne. Die Stim­mung im Saal war super – aus­ge­lassen, es war warm und das Pub­likum in Feier­laune. Die Make-up-Artists pud­erten unsere Gesichter erneut ab, der Lip­pen­s­tift wurde nachge­zo­gen. Und schon begann die Musik mit treiben­den Bässen.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Ich war komis­cher­weise gar nicht aufgeregt. Nur kurz, bevor ich auf die Bühne musste, hat­te ich ein leicht mul­miges Gefühl. Das Pub­likum jubelte uns allen zu, klatschte ohne Unter­lass und feierte mit uns das The­ma des Abends (Vielfalt), während zeit­gle­ich GNTM über den TV-Bild­schirm lief.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Meine Befürch­tun­gen waren völ­lig unbe­grün­det: Auch Pinkstinks-Aktivis­ten sind nicht radikal oder extrem fem­i­nis­tisch. Ich habe wun­der­bare Frauen getrof­fen. Sie tra­gen teil­weise Make-up, ich habe sog­ar Glitzer auf den Stiefeln gese­hen, sie sind fröh­lich, gebildet und engagiert. Sie haben die Nase voll — genau wie ich! — von einem ein­heitlichen Schön­heits­bild, welch­es wir aus den Medi­en ken­nen.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Foto © Markus Abele

Die Pinkstinks-Mit­glieder wollen wachrüt­teln, sind mit vollem Herz bei der Sache und set­zen ihre Wün­sche um. Früher gin­gen die Men­schen auf die Straße, wenn ihnen etwas nicht mehr gepasst hat. Heute sind wir träge gewor­den, nehmen vieles hin und hin­ter­fra­gen nicht. Auch wenn sich ger­ade im Plus-Size-Bere­ich in den ver­gan­genen Jahren sehr viel geän­dert hat, so sind wir immer noch weit ent­fer­nt von ein­er Welt, in der Vielfalt akzep­tiert wird.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Wir brauchen Men­schen, die mit anpack­en und bewe­gen wollen. Ger­ade in punc­to Kör­per­be­wusst­sein soll­ten wir bei den ganz Kleinen anfan­gen, denen Selb­st­be­wusst­sein und Selb­st­wert­ge­fühl ver­mit­teln. Nur so schaf­fen wir es, dass sich in unser­er Gesellschaft etwas verän­dert.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Foto © Markus Abele

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Manu Göbel
Dienstag, 16. Februar 2016, 20:38 Uhr

Sor­ry, vergessen: Ich meine die ersten 8 Fotos im Bericht!

Manu Göbel
Dienstag, 16. Februar 2016, 20:35 Uhr

Fotos: Manu Göbel