Auch Feministinnen tragen Glitzer

27. September 2016 | von

Liebe Soulfully-Leserinnen, Ihr wisst ja, Vielfalt ist uns wichtig. Deswegen haben wir Tanja von Kurvenrausch gebeten, uns hinter die Kulissen eines ganz besonderen Events zu führen, das letzte Woche in Berlin stattgefunden hat. Worum es geht und was Tanja dort gemacht hat, lest Ihr jetzt. Bühne frei!

Lieblingsmensch! ­Wir feiern jede*n!

Am vergangenem Mittwoch machte ich mich auf den Weg nach Berlin, dieses Mal in ganz ungewöhnlicher Mission. Die Wiener Boutique-Betreiberin Ina Holub hatte mich im Januar auf der Curvy angesprochen und gefragt, ob ich nicht für ihr Label auf einer Veranstaltung für Körperbewusstsein und für Vielfalt laufen möchte – als Model.

 

Tanja Marfo

Mehr Body-Positivity

Eigentlich stehe ich immer auf der anderen Seite. Jährlich organisiere ich die Plus Size Fashion Days und vermittle Models. Ich kann aber nur im Entferntesten ahnen, wie es den Mädels vor einem Auftritt auf dem Laufsteg geht. Organisiert wurde die ganze Aktion vom Hamburger Verein Pinkstinks („Vielfalt ist Schönheit“) unter dem Motto „Lieblingsmensch! Wir feiern jede*n!“.

Dass Vielfalt und Body-Positivity für mich wichtige Themen sind, ist den meisten bekannt. Ich finde es sehr wichtig, dass die Medien lernen, unterschiedliche Frauenbilder zu zeigen, denn genau das ist Realität. Die visuelle Welt, die wir selbst erschaffen haben, in der die Titelbilder der Hochglanzmagazine bis zu 200 Mal bearbeitet werden, hat nichts mit der Realität zu tun. Wir streben nach Schönheit und Perfektion, die es so gar nicht gibt.

Ein wenig besorgt war ich schon, denn Pinkstinks ist als Protestorganisation manchmal recht radikal unterwegs. Wie kann sich das auf mein Image auswirken? Oder mache ich mir völlig unnötig Sorgen? Und wie wird das Publikum auf mich reagieren?

Dann gings los…

Am Mittwoch traf ich mich direkt nach meiner Ankunft in Berlin mit Ina Holub. In deren Hotelzimmer sollte ich meine beiden Outfits anprobieren. Es ging um das Thema „Glitzer“ und „Black“ für mich. Die Outfits waren eher casual und bequem und wurden mit Fake-Fur-Stolas, Fascinator und Schmuck aufgepimpt.

Tanja Marfo

Am Donnerstag versammelten wir uns um 14 Uhr im So36. Der kollektiv betriebene Club in Kreuzberg war die Location für das Demokonzert. Dort sah ich auch Asta und Janina wieder, zwei Mädels, die im vergangenem Jahr auf meinen Plus Size Fashion Days gelaufen waren.

Models

Nach einer kurzen Kennenlernrunde fingen wir mit dem Laufstegtraining an, die Zeit verging wie im Flug. Im ersten Stock erwarteten uns bereits die Make-up-Artists, die uns im Stil der 1950er-Jahre schminkten und stylten. Insgesamt wurden acht völlig unterschiedliche Modelle als Überraschungsacts für das Konzert gebucht.

Während wir von den Stylisten zurechtgemacht wurden, gab es im Erdgeschoss bereits coole Beats und ein Plenum zum Thema „Vielfalt in den Medien“, passend zum Start der elften Staffel von Germany’s Next Top Model. Anstatt mit einer Protestaktion gegen ein verengtes Frauenbild zu demonstrieren, entschied sich Pinkstinks für ein öffentliches Gratis-Konzert, welches viele Besucher ins So36 lockte. Die Aktion wurde auch vom Bundesfamilienministerium unterstützt.

Kurz vor dem Start der Modenschau sammelten wir uns alle hinter der Bühne. Die Stimmung im Saal war super – ausgelassen, es war warm und das Publikum in Feierlaune. Die Make-up-Artists puderten unsere Gesichter erneut ab, der Lippenstift wurde nachgezogen. Und schon begann die Musik mit treibenden Bässen.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Ich war komischerweise gar nicht aufgeregt. Nur kurz, bevor ich auf die Bühne musste, hatte ich ein leicht mulmiges Gefühl. Das Publikum jubelte uns allen zu, klatschte ohne Unterlass und feierte mit uns das Thema des Abends (Vielfalt), während zeitgleich GNTM über den TV-Bildschirm lief.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Meine Befürchtungen waren völlig unbegründet: Auch Pinkstinks-Aktivisten sind nicht radikal oder extrem feministisch. Ich habe wunderbare Frauen getroffen. Sie tragen teilweise Make-up, ich habe sogar Glitzer auf den Stiefeln gesehen, sie sind fröhlich, gebildet und engagiert. Sie haben die Nase voll – genau wie ich! – von einem einheitlichen Schönheitsbild, welches wir aus den Medien kennen.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Foto © Markus Abele

Die Pinkstinks-Mitglieder wollen wachrütteln, sind mit vollem Herz bei der Sache und setzen ihre Wünsche um. Früher gingen die Menschen auf die Straße, wenn ihnen etwas nicht mehr gepasst hat. Heute sind wir träge geworden, nehmen vieles hin und hinterfragen nicht. Auch wenn sich gerade im Plus-Size-Bereich in den vergangenen Jahren sehr viel geändert hat, so sind wir immer noch weit entfernt von einer Welt, in der Vielfalt akzeptiert wird.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Wir brauchen Menschen, die mit anpacken und bewegen wollen. Gerade in puncto Körperbewusstsein sollten wir bei den ganz Kleinen anfangen, denen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl vermitteln. Nur so schaffen wir es, dass sich in unserer Gesellschaft etwas verändert.

Lieblingsmensch Pinkstinks

Foto © Markus Abele

Letzte Kommentare (2)

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Manu Göbel
Dienstag, 16. Februar 2016, 20:38 Uhr

Sorry, vergessen: Ich meine die ersten 8 Fotos im Bericht!

Manu Göbel
Dienstag, 16. Februar 2016, 20:35 Uhr

Fotos: Manu Göbel