Dicker Sex: Wo ist die Grenze
zwischen Fetisch und Begehren?

9. Oktober 2018 | von

Ich als dicke Frau würde niemals einen Mann zuerst ansprechen. Zu groß sind die Bedenken, dass er meinen Körper abstoßend findet. Zu tief die Wunden von Verletzungen aus der Vergangenheit. Ich habe mal gelesen, dass die größte Angst der Frauen beim Online-Dating ist, an einen Serienmörder zu geraten. Die größte Angst der Männer ist, auf eine dicke Frau zu treffen. Wenn mich also ein attraktiver Mann anbaggert, dann schrillen bei mir erst mal die Alarmglocken. Ich versuche, zu analysieren: Meint er es ernst oder will er mich verarschen? Und ich bin dann meist erst mal so kühl und abweisend, dass der arme Kerl eh keine Chance hat. Das mit dem Männerkennenlernen ist also nicht ganz so einfach. Ich war einige Zeit auf Datingportalen unterwegs. Insbesondere bei einer Singlebörse speziell für Dicke. Da wissen alle, was sie wollen und was sie kriegen und für mich war immer wichtig, dass ein potentieller Partner meinen Körper akzeptiert und im besten Fall auch sexuell attraktiv findet.

  • Die erste Erkenntnis: Es gibt viel mehr Männer – sehr viel mehr Männer! – die auf dicke Frauen stehen, als man denkt.
  • Die zweite Erkenntnis: Es gibt sehr wenige Männer – sehr wenige! – die auch dazu stehen. Ich bin überschüttet worden mit Angeboten für Affären und heimliche Liebschaften.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass es nicht „unnormal“ ist, dicke Frauen sexuell anziehend zu finden, ist, dass dicker Sex ganz großes Business in der Pornoindustrie ist. Und aus Prostituierten-Kreisen hört man, dass die runden Sexarbeiterinnen den größten Umsatz machen. Warum verheimlichen Männer aber, dass sie dicke Frauen aufregend finden? Warum stellen sie sie ihren Freunden und Familien nicht vor? Einige wollen am besten eine schlanke Vorzeigefrau für zu Hause und eine dicke Geliebte fürs Bett. Warum muss ein Mann sich schämen, eine dicke Frau zu lieben? Die Gesellschaft macht es ihm nicht leicht – ein Mann, der eine Dicke liebt, muss wohl pervers sein oder er kriegt keine „schöne dünne“ Frau ab. Es scheint auch ein Status-Problem zu sein: Dass attraktive und/oder erfolgreiche Männer eine dicke Frau oder Freundin haben, scheint in den Augen der Gesellschaft unmöglich zu sein. Wer öffentlich zu seiner dicken Frau steht, muss also verdammt viel Selbstbewusstsein haben. An dieser Stelle ein ganz dicker Gruß an all die großartigen Männer da draußen, die in einer dicken Partnerschaft leben und stolz auf ihre Frauen sind!

Fetische und Sexualität

Dicke als Fetisch: der Feeder

Ja, ich möchte für meinen Sexpartner attraktiv sein, aber was ich auf keinen Fall sein will: ein Fetisch. Herabdegradiert zum Objekt. Nicht mehr als Person wahrgenommen werden. Einmal, während meiner Online-Dating-Zeit, bin ich an einen Feeder geraten. Was das genau ist, erkläre ich Euch gleich. Zunächst hat dieser Mann mich aber völlig eingewickelt mit seiner liebevollen Art. Er hat mich auf Händen getragen, mir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, ja mich geradezu angebetet. Früher wollten meine Partner immer, dass ich abnehme. Es gab ständig Stress und Diskussionen wegen meiner Figur. Aber dieser Typ ermutigte mich geradezu zum Essen. Brachte mir Schokolade mit, führte mich in Restaurants aus, kochte für mich. Dann fing er an, regelmäßig den Umfang meines Bauches zu messen. Und wenn es ein Zentimeter mehr war, freute er sich wie Bolle und war voller Liebe für mich. Ich war zunächst eingelullt von dieser neuen, wunderbaren Partnerschaft, dass ich nicht klar einordnen konnte, was da eigentlich passierte. Ich wusste bis dahin auch nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Dieser Mann war ein Feeder (Fütterer) und sein Ziel war es, mich zu mästen. Es erregt ihn, wenn Frauen durch seine Hand zunehmen und immer dicker werden und er so immer mehr Macht über sie und ihren Körper bekommt. Im Extremfall so lange, bis der Gainer (der Gefütterte) so dick ist, dass er unbeweglich wird, nicht mehr aus dem Bett kommt und der Feeder die totale Kontrolle über ihn hat. Als mir klar wurde, dass in meiner neuen Beziehung etwas nicht stimmte, habe ich recherchiert. Man findet im Netz viel Material dazu und sieht Paare, die genau das ausleben und auch öffentlich dokumentieren. Wie sehnsüchtig nach Liebe und Anerkennung müssen die Frauen sein, die sich auf so eine Beziehung einlassen, die mit völliger Selbstaufgabe endet? Mir kamen die Tränen, als ich darüber las und ich habe die Beziehung sofort beendet.

Sexualitaet bei kurvigen Frauen

Der Fat Admirer

Dicke Fetische wie Feeding, Facesitting oder Squashing sind eher selten (die letzteren beiden sind Sexpraktiken, bei denen es darum geht, sich unter dem Gewicht der Frau nicht wehren zu können). Was man aber sehr häufig antrifft, sind Fat Admirer (FA) – Bewunderer von Körperfett. Sie sind nicht unbedingt darauf aus, dass die Partnerin zunimmt, aber begehren unseren dicken Körper, den wir selbst oft verachten oder für den wir uns schämen. Für den FA ist das sexuelle Schwungmasse und für so manche Frau ist es vielleicht auch ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Selbstakzeptanz, dass ihr Körper für viele Männer extrem begehrenswert ist. Es ist eine interessante Erfahrung, keine Scham beim Sex haben zu müssen, dass irgendwas nicht gefällt, zu viel ist oder wackelt, denn das ist genau das, was ein FA liebt und haben will. Ich will nicht so negativ über diese Männer reden, Fakt ist aber eben auch, dass sie in vielen Fällen nur Sex wollen, weder an einer Beziehung oder an dem Menschen hinter den Kurven interessiert sind. Und manchmal leiden sie auch an Selbstüberschätzung und meinen, nur weil sie einer dicken Frau ihre Aufmerksamkeit schenken, müsse diese sich aus Dankbarkeit alles von ihnen gefallen lassen.

Fetische und sexuelle Vorlieben

Der normale Mann. Aber was ist schon normal?

Es ist also kompliziert. Wo ist die Grenze zwischen Begehren und Fetisch? Ich will mich begehrenswert und schön fühlen, aber wo hört respektvoller Umgang mit meinem Körper auf und wo wird es zur Fetisch-Fantasie? Immerhin können wir eines sicher sagen: Es stimmt nicht, dass Dicke nicht begehrt werden und ungeliebte Menschen sind. Dicke Menschen werden genauso begehrt und geliebt wie dünne Menschen. Für mich persönlich gilt: Ich will keinen Sex und erst recht keine Liebe von jemandem, der nur meinen dicken Körper anziehend findet und mich als Person ausblendet. Und wie in jeder Lebenslage hilft es auch in der Sexualität, den eigenen Körper zu akzeptieren und zu lieben, denn dann kann man ihn auch miteinander genießen und für sich selbst den uns zustehenden Respekt einfordern. Und ja, natürlich gibt es sie, die tollen Männer, die dicke Frauen auch um ihrer selbst willen lieben, respektieren und dazu stehen – man muss nur etwas länger nach ihnen suchen.

Letzte Kommentare (4)

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Zaunkoenigin
Mittwoch, 31. Oktober 2018, 12:06 Uhr

Hallo Andrea,
es freut mich, wenn Du etwas mit meinen Überlegungen anfangen kannst :-). Ja eines der Geheimnisse ist das Finden – so wie überhaupt grundsätzlich die Frage wo man auf Menschen treffen kann die zum eigenen Denken und Fühlen passen. Ein weiteres Geduld und Gelassenheit zu haben, mit sich alleine auch gut klar zu kommen. Man könnte auch sagen, es bedarf des Grundsatzes: wenn Mr. Right auftaucht, dann ist das wunderbar und dann freue ich mich, aber wenn nicht, dann ist mein Leben auch so schön und voll und rund.
Zumindest mir ging es so, dass ich, als ich endlich diese innere Haltung mit Überzeugung einnehmen konnte, viel weniger und wenn, dann deutlich kürzer, Zeit mit Männern verschwendete, die mich gar nicht meinten und/oder einfach nicht zu mir passten. Es liegt schon auch an uns Frauen, ob wir uns mit Männern glücklich oder unglücklich machen. Mit dieser Haltung kommt nicht automatisch Mr. Right auf uns zugeflogen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Falschen von den Richtigen unterscheiden können, die steigt. Und außerdem ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass wir frei sind, wenn er denn auftauschen sollte ;-).

Andrea
Freitag, 12. Oktober 2018, 22:37 Uhr

Hallo Zaunkönigin,
ich finde Deinen Kommentar interessant. Wahrscheinlich hast Du Recht. Das Geheimnis ist einen Menschen zu finden, der einen in der Gesamtheit anziehend findet, kennen und lieben lernen will. Und es würde tatsächlich auch erklären, warum ‚auch‘ schlanke, wirklich hübsche Frauen Schwierigkeiten haben, Mr. Right zu finden.
Spannend finde ich auch Deine Vermutung, dass Kommentare und Lästereien ausbleiben, weil Dein Mann selbstverständlich zu Eurer Liebe steht. Je selbstverständlicher man miteinander umgeht, desto eher wird es auch zu einer Selbstverständlichkeit für den Rest der Welt.
Vielfalt ist toll in jedem Bereich des Lebens. Und was das herzliche, gemeinsame Lachen angeht, kann ich das unterschreiben.

Andrea
Mittwoch, 3. Oktober 2018, 18:20 Uhr

Ein spannendes Thema. Als Frau mit Größe 50+ ist es eine Herausforderung, den tollen Typ zu finden, der einen heiß findet, bei dem Auge, Herz und Kopf betört ist und mit dem es einem ebenso geht. ABER ich bin eine Romantikerin, glaube an ein Happy End und daran, dass es für ihn unerheblich sein wird, ob ich 10kg mehr oder 25kg weniger wiege, solang ich mich in meinem Körper gut fühle.

Zaunkoenigin
Mittwoch, 3. Oktober 2018, 12:52 Uhr

Liebe Conny, ich empfinde Deine Beiträge als eine Bereicherung des Blogs UND eigentlich wären sie – alle, durch die Bank – wunderbare Vorlagen für rege Diskussionen. Bedauerlich, dass diese Blogs (nicht nur dieser hier) eher selten Diskussionen entstehen lässt. Ich möchte diesen Beitrag mit nutzen und danke dafür sagen, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst.

Aber zurück zum Thema Fetisch und Dick .. ich denke, gleichgültig ob wir dick oder dünn sind, Frauen laufen häufiger Gefahr nur als Sexobjekt und nicht als Mensch gemeint zu sein. Ich kenne ja nun sowohl die „normal“ schlanke Lebensform (d.h. nicht dünn, sondern 36/38 später lange Zeit 40) als auch das dick ein. Zurück blickend und vergleichend kann ich nur sagen, dass ich erst heute einen Mann habe, der mich rund herum so liebt wie ich bin und der mich rund kennengelernt hat. Der stolz auf mich ist, meine Meinung schätzt, meinen Humor liebt (ein sehr wichtiger Faktor in unserer Beziehung), mich unterstützt wo ich es brauchen kann aber mich nicht einschränkt oder gar gängelt. Für seine Vorgänger war ich schlank aber, weil mit eigener Meinung und Werten gesegnet, eher anstrengend – möglicher Weise auch manchmal nur lästig. Da ging es nicht um mich als Frau in der Gesamtheit.
Und was die Erfahrungen auf Dating-Plattformen angeht .. was ich so höre ist, dass schlanke Frauen ähnliche Erfahrungen machen. Da sind es dann nur andere Fetische, andere sexuelle Präferenzen. Allem gemein ist aber, das nur die Optik und nicht die gesamte Person gemeint ist. (Datingplattformen wäre ein eigenes Thema wert – die übersteht man nur mit viel Sinn für Humor, Selbstbewusstsein und einem Blick für Situationskomik – und einem gesunden Misstrauen)
Bleibt für mich am Ende nur die Frage warum sich so viele Männer dafür schämen dicke Frauen anziehend zu finden. Und hier mache ich es mir leicht :-).. und ziehe für mich den Schluss, dass es nicht wichtig ist zu wissen warum. Es reicht aus davon auszugehen, dass das alles Männer sind die nicht in sich ruhen und es ihnen besten Falls an Selbstbewusstsein fehlt (im schlechtesten Fall ist es einfach eine Charakterschwäche) und schon alleine aus diesem Grund für eine Partnerschaft mit mir nicht in Frage kämen. Sie wären eher Last als eine Bereicherung (ein Mann soll mir doch gut tun – diesen Anspruch haben Männer doch auch an uns Frauen)
Mein Mann hat jedenfalls weder berufliche Nachteile durch mich erlitten noch wäre je jemand auf die Idee gekommen mich negativ zu kommentieren – das Gegenteil ist der Fall. Ich gehe davon aus, dass das u.a. auch daran liegt, dass mein Mann immer und in jeder Lage signalisiert, dass wir zusammen gehören und dass er stolz auf mich ist und Wert auf meine Meinung legt. Er ist loyal und ich ebenfalls. Ich vermute mal, dass da schlicht und einfach niemand auf die Idee kommt, dass da Raum für negative Kommentare sein könnte.
Würde ich heute – im fortgeschrittenen Alter – noch einmal einen Partner suchen wollen/müssen, dann wäre mir ein Mann nur noch dann als potentieller Partner dann einen zweiten Blick wert, wenn ich mit ihm herzlich lachen (wir müssten einen ähnlichen Sinn für Situationskomik haben) und ausgiebig und leidenschaftlich diskutieren könnte. Und wenn DAS stimmen würde, dann wäre als nächstes die Wertvorstellungen dran. Auch hier wäre ich heute weniger kompromissbereit als in jungen Jahren. Das liegt aber u.a. auch daran, dass ich inzwischen sicher weiß, dass alleine leben auch seine Vorteile hat und ich auch das genießen kann und somit eine Beziehung nur noch als Bereicherung nicht als Basis für ein glückliches und zufriedenes Leben ist. Das war in jungen Jahren anders – und damit bin ich damals häufiger Kompromisse an der falschen Stelle eingegangen.
Die tollen loyalen Männer, die auch sonst noch zu uns passen, die sind allgemein rar … für dünne und für dicke Frauen (und ich fürchte, Männer werden das im Umkehrschluss ähnlich erfahren haben).