Dick und ungesund ist nicht dasselbe

7. September 2020 | von

Wer vom „nor­malen“ BMI abwe­icht, ist automa­tisch krank oder lebt zumin­d­est unge­sund. Ein Vorurteil, mit dem Dicke immer wieder kon­fron­tiert wer­den – zu Unrecht!

Gesund und dick

Was von der Gesellschaft als gesund oder unge­sund definiert wird, hängt oft vom äußeren Erschei­n­ungs­bild ab. Ein weit ver­bre­it­etes Vorurteil ist, dass dicke Men­schen automa­tisch weniger gesund sind als schlanke Men­schen. Aber warum ist das so?

Was sagt der BMI aus

Der BMI — ab wann ist ein Mensch dick?

Hast du auch schon ein­mal deinen BMI (Body-Mass-Index) aus­gerech­net? Für den BMI wird das Kör­pergewicht in ein Ver­hält­nis zur Kör­per­größe geset­zt (kg/m2). Die Ergeb­nisse wer­den dann kat­e­gorisiert in Untergewicht (<17), Nor­mal­gewicht (18–24,9), Übergewicht (25–29,9), Adi­posi­tas (30–39,9) und extreme Adi­posi­tas (>40). Der BMI sagt abso­lut nichts aus über das Ver­hält­nis von Fett- und Muskel­masse, welch­er Kör­perkon­sti­tu­tion­styp man ist oder wo am Kör­p­er sich das Fett befind­et (Bauch­fett gilt z. B. als gesund­heitlich beden­klich­er als Fett an Po und Beinen). Muskulöse Sportler wer­den so schnell als krankhaft übergewichtig eingestuft, ein dün­ner Junk-Food essender Bewe­gungsmuf­fel hat aber „gesun­des“ Nor­mal­gewicht. Der BMI stammt aus dem frühen 19. Jahrhun­dert, wurde nicht von einem Arzt, son­dern von einem Math­e­matik­er (Adolphe Quetelet) entwick­elt und ent­behrt jed­er wis­senschaftlichen Grund­lage. Trotz­dem wird er von der WHO immer noch ver­wen­det, um Men­schen zu kat­e­gorisieren. Der BMI ist ein willkür­lich­es Instru­ment, das ver­sucht, Nor­men für krank und gesund zu kreieren. Denk in diesem Zusam­men­hang auch daran, dass die Phar­ma- und die Diätin­dus­trie sehr daran inter­essiert sind, dass „Übergewicht“ als gefährlich eingestuft wird. Denn das ist die Grund­lage für ihr Geschäft.

Gesundheit und Uebergewicht

Dicksein allein macht nicht ungesund

Manche Men­schen sind gesün­der, wenn sie etwas dick­er sind, weil ihr Kör­p­er so angelegt ist. Laut ein­er Studie haben Men­schen mit einem BMI von 25–30 sog­ar die höch­ste Lebenser­wartung. Sie gel­ten laut BMI-Tabelle aber schon als übergewichtig. Dick ist also nicht gle­ich krank und dünn ist nicht gle­ich gesund. Der BMI taugt nicht, um den Gesund­heitssta­tus von Men­schen zu bes­tim­men. Das indi­vidu­elle Risiko für Krankheit­en ist kom­plex­er und unab­hängig vom BMI. Denn es kommt auf viele andere Fak­toren an, z. B. die Qual­ität der Ernährung, Bewe­gung, Stress­be­las­tung, ob man raucht oder nicht, die genetis­che Vor­be­las­tung für erblich bed­ingte Erkrankun­gen und vieles mehr.

Diskriminierung von Dicken

Die „gut gemeinten“ Sorgen der anderen

„Ich mache mir doch nur Sor­gen um deine Gesund­heit!“ Diesen Satz hat jed­er Dicke schon ein­mal von selb­st ernan­nten Gesund­heit­sapos­teln gehört. Gesund­heit ist eine indi­vidu­elle Sache, die jed­er per­sön­lich mit sich aus macht und nichts, worüber fremde Men­schen urteilen dür­fen. Wir müssen ler­nen, dass uns die Gesund­heit von anderen ein­fach nichts ange­ht. Wenn du durch die Stadt läuf­st, machst du dir bei jedem Men­schen, den du siehst, Gedanken über seinen Gesund­heit­szu­s­tand? Nein? Warum ist es dann okay, dass dicke Men­schen ständig unter dem Deck­man­tel der Besorg­nis verurteilt wer­den? Es ist Diskri­m­inierung, dicke Men­schen auf ihre Gesund­heit anzus­prechen — Punkt. Ste­ht wenig­stens dazu, ihr „besorgten“ Mit­men­schen und ver­sucht nicht, es auch noch schön zu reden.

Als Dicke beim Arzt Erfahrung

Stigmatisierung durch Ärzte

Die Beschw­er­den von dick­en Men­schen wer­den von Ärzten oft nicht ernst genom­men und lap­i­dar auf das Gewicht geschoben. Egal ob Erschöp­fung oder gebroch­en­er Zeh, meist bekommt man zu hören: „Nehmen Sie ab, dann ver­schwinden die Beschw­er­den von selb­st.“ Notwendi­ge Unter­suchun­gen und Behand­lun­gen wer­den nicht durchge­führt. Die Gefahr, eine falsche oder unzure­ichende Diag­nose zu bekom­men, ist hoch. Ern­sthafte Erkrankun­gen wer­den so überse­hen oder zu spät erkan­nt und bleiben lange unbe­han­delt. Die Folge dieses Ver­hal­tens: Dicke Men­schen gehen zu spät oder gar nicht zum Arzt, weil sie Angst vor dieser diskri­m­inieren­den Erfahrung haben.

Uebergewicht und Ernaehrung

Gesunde Dicke gibt es in den Augen der Gesellschaft nicht

Wer nach­weis­lich dick und gesund ist, ist trotz­dem kein akzept­abler Dick­er. Schließlich wird man ganz sich­er in abse­hbar­er Zeit krank und belastet dann das Gesund­heitssys­tem. Dieses Argu­ment höre ich immer wieder. Manch­mal habe ich das Gefühl, Dicke wer­den in drei Klassen eingeteilt: Die akzep­tiertesten sind die, die nichts für ihr Übergewicht kön­nen, weil sie „unver­schuldet“ durch Krankheit/Medikamente zugenom­men haben. Dann gibt es die Dick­en, die zwar gesund sind, aber „selb­st ver­schuldet“ dick gewor­den sind. Eigen­schaften wie faul und undiszi­plin­iert wer­den ihnen zugeschrieben. Ganz unten in der Kat­e­gorisierung kom­men dann die Dick­en, die an ein­er Krankheit lei­den, die ver­meintlich eine Folge des Übergewichts und damit eben­falls „selb­st ver­schuldet“ ist. Etwas anderes gibt es nicht.

Fazit zum Thema Dicksein und Gesundheit

Krankheit hat nichts mit Schuld oder Schwäche zu tun. Es ist falsch, dick­en Men­schen automa­tisch einen nach­läs­si­gen Lebenswan­del und schlechte Gesund­heit zu unter­stellen. Diese Stig­ma­tisierung und Diskri­m­inierung von Dick­en erzeugt Stress und kann zu Depres­sio­nen führen. Wer ständig hört, dass er zu dick, zu krank, zu hässlich, zu faul, zu undiszi­plin­iert ist, wird an sich zweifeln. Psy­chosozialer Stress fördert wiederum Gewicht­szu­nahme und Krankheit­en. Man kann am Äußeren ein­er Per­son nicht able­sen, wie gesund sie ist, ob sie viel oder wenig isst oder ob sie Sport treibt. Und davon abge­se­hen: Es geht auch nie­man­den etwas an! Egal warum jemand dick ist, ob er gesund oder krank ist, jed­er Kör­p­er muss akzep­tiert und respek­tiert werden!

Letzte Kommentare (2)

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Christiane Roadlady
Dienstag, 22. September 2020, 17:07 Uhr

Vie­len Dank für diesen Betrag, wie oft ich mich schon für mein Dick­sein vertei­di­gen musste, doof darf man in dieser Gesellschaft sein ‚aber Übergewichtig zu sein ist indiskutabel.…

Laura
Mittwoch, 9. September 2020, 16:13 Uhr

Toller Beitrag, kann ich genau so unter­schreiben. Ich danke dir!