Wolle ohne Wert?

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Tausende von Jahren galt Wolle als ein wertvoller Rohstoff. Leider ist das heute nicht mehr so. Wolle bei deutschen Schäfern ist mittlerweile mehr Abfall als gewinnbringendes Produkt. Dabei ist es doch eine Faser mit tollen Eigenschaften! Zum Glück gibt es Initiativen, die gegen diese Entwertung der Wolle kämpfen!

schafswolle
„Null Euro. Das ist der Preis für ein Kilo gemischte Rohwolle.”

Zumindest das, was Schafhalter im Jahr 2017 auf Wollbörsen dafür bekamen. Für weiße Wolle zahlte man ihnen immerhin noch 65 Cent pro Kilo – aber nur, wenn sie mindestens eineinhalb Tonnen lieferten. Wer schafft das schon? Kleine Schafhaltungen nicht. Bei Rassen mit so genannter Rauwolle – zum Beispiel Heidschnucken – müssen die Halter sogar noch etwas draufzahlen, für die fachgerechte „Entsorgung“. Damit nicht genug: Eine Schur kostet. Aber die Schafe einfach nicht zu scheren, ist keine Alternative, denn das wäre Tierquälerei. Wenn die Halter überhaupt irgendwie den Lohn für das Scheren herausbekämen, wäre ihnen schon geholfen. Dem ist aber nicht so. Und das, obwohl wir als Gesellschaft die Schafe brauchen, ob auf unseren Deichen, in den Bergen oder in unseren Schutzgebieten. Sie sind die wichtigsten Landschaftspfleger: weil sie weder die Grasnarbe so tief verbeißen wie Ziegen, noch die Wurzeln der Pflanzen mit herausreißen wie Kühe. Schafe wollen wir, aber ihre Wolle nicht. Die schmeißen wir auf den Müll. Eine verrückte Welt.

Schafswolle

Kürzlich war ich in einem Wollzentrum in Österreich und dem Seniorchef, Johannes Regensburger, war die Empörung anzusehen, als er mir erzählte, dass eine Südtiroler Zeitschrift sogar „Wolle – ein Abfallprodukt“ in fetten Lettern auf ihren Titel druckte.

„Das ist einfach unglaublich, das kann ich nicht begreifen.”

Wunderfaser Wolle

Wolle hat viele positive Eigenschaften: Sie hat Hohlfasern, besteht zu 85 Prozent aus Luft und isoliert deshalb bestens gegen Kälte – und auch gegen Hitze. Und sie kann bis zu einem Drittel ihres Gewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Das macht sie zur perfekten Faser für draußen, ob bei Kälte oder bei Hitze. Teppiche in Wohnräumen oder Dämmfasern aus Wolle helfen, Schimmel zu vermeiden, weil sie so viel Feuchtigkeit aufnehmen können. Und nicht nur das – Wolle ist auch schwer entflammbar, sie verkohlt nur. Auch das ist eine perfekte Eigenschaft für die Verwendung in Wohnräumen.

Die Suche nach den Ursachen

Der Preisverfall hat nicht erst in den letzten Jahren eingesetzt. Er begann schleichend, spätestens mit der Erfindung der synthetischen Fasern. Gleichzeitig verschwinden immer mehr Teppiche aus Wohnräumen, das Laminat ist auf Siegeszug. Und nicht nur das: Auch Teppiche bestehen zunehmend aus Kunstfasern. Verrückt ist, dass gerade Menschen, die die Natur und Outdoor-Erlebnisse lieben, mehr Plastik an sich tragen als die meisten anderen. Und dann gibt es natürlich die Wolle-Massenproduktion in Australien, Neuseeland und China – mit all ihren Schattenseiten. Beim Wettbewerb „billig, noch billiger, am billigsten“ können Europäer nicht mithalten. Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht?

Wollproduktion

Es geht auch nachhaltig

Gerade in den Alpen gibt es Projekte, die Hoffnung machen. Von großen Initiativen wie Swisswool in der Schweiz bis zu kleinen Wollzentren in Südtirol und Österreich. Manche stellen inzwischen sogar Outdoor-Mode mit speziell aufbereiteter Wolle her. Den Initiativen ist eines gemeinsam: Sie zahlen überdurchschnittliche Preise, sie kaufen nur Wolle von lokalen Schafhaltern und sie nehmen auch kleine Mengen an. Eines davon ist das Wollzentrum in Umhausen im Ötztal.

outdoor bekleidung aus wolle

Wolle ist nicht gleich Wolle

Schon seit drei Generationen gibt es diesen Familienbetrieb, der ursprünglich einmal als Flachsspinnerei angefangen hat. „Seit den 1950ern kämmen wir auch Wolle“, erzählt der 76-jährige Seniorchef Johannes Regensburger. Damals wuschen die Bäuerinnen die Wolle noch zu Hause und brachten sie zum Kämmen hierher. Vor allem Teppiche produzierten sie damals, denn die Wolle des Tiroler Bergschafs ist besonders robust und schmutzabweisend, allerdings auch gröber als andere Wolle. Als noch robuster gilt die Wolle des grauen Steinschafs. „Milchschafe hingegen haben viel feinere und weichere Wolle, aber die hat den Nachteil, dass sie fast nicht filzt“, sagt Johannes Regensburger. Wenn nach der Schur die Rohwolle hier ankommt, sortieren die Mitarbeiter sie nach Farben und Schafrassen. Erst danach geht es in die Waschanlage.

From Sheep to Shop

Auf dem freien Markt ist das ganz anders, denn mehr als 90 Prozent der weltweiten Wollproduktion wird nach China verschifft und dort gewaschen.

„Wolle aus verschiedenen Regionen wird so zum Einheitsprodukt ohne Charakter.”

In Umhausen läuft seit 1998 eine eigene Waschanlage. „Unser Vorteil ist, dass wir Wolle in kleinen Mengen separat nach Farben und Rassen sortiert waschen können“, erzählt Johannes Regensburger, von seiner Familie liebevoll „Wollgott“ genannt. „Und wir haben kurze Transportwege.“ Vom Bauern zum Fertigprodukt lässt sich alles lückenlos nachvollziehen. „From Sheep to Shop“ nennen sie das Prinzip. Für die selbst kreierte „Waschstraße“ verwendet Regensburger nur Soda und eine extra entwickelte Seife ohne Tenside. Und sogar der Schmutz aus dem Schafspelz landet nicht auf dem Müll: Der wird zu Pellets gepresst – und als hochwertiger Langzeit-Gartendünger verkauft. Es geht also. Die Nachfrage nach Wolle ist hier sogar – im Gegensatz zum Weltmarkt – gestiegen.

schafe in der natur

„Die Leute sind immer mehr auf der Suche nach nachhaltigen Produkten, und das spüren wir“, sagt Regensburger. Auch für mich war die Recherche ein Anlass, über das Plastik in meinem Kleiderschrank nachzudenken. Wegwerfen werde ich die alten Sachen nicht. Aber mich beim nächsten Kauf fragen: Gibt es das nicht auch in Wolle?

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Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Redaktionsteam Reisefeder unter anderem für Magazine wie Brigitte, Onlineportale wie Spiegel Online oder Reisebücher wie Merian. Seit ihrer Kindheit auf dem Bauernhof fühlt...

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