Per Anhalter durch Deutschland: So klappt trampen!

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Auf einen DIN A4 Block habe ich mit einem schwarzen Filzstift den Stadtnamen Lieberose gekritzelt. Meine Knie sind wackelig, ich bin aufgeregt, blicke aber entschlossen zu den entgegenkommenden Fahrzeugen und hebe mein Schild mit einem breiten Grinsen. Gleich der erste Fahrer reagiert und schüttelt den Kopf. Man nimmt mich also wahr. Cool. Ich stehe etwa 150 Meter vor einem Bahnübergang, direkt hinter mir ist eine kleine Straße. Sollte mich jemand mitnehmen wollen, so wird er oder sie es einfach haben anzuhalten.

Ich versuche zu trampen. Zum ersten Mal. Richtige Not besteht nicht, da mein Bruder etwa eine Dreiviertelstunde entfernt mit einem Freund verabredet ist. Sollte mein Experiment scheitern, wird er mich abholen kommen. Doch ich will es alleine schaffen. Ich will einen Autofahrer dazu bringen mich ein Stück mitzunehmen. Nie zuvor bin ich getrampt, nie zuvor habe ich einen Tramper mitgenommen und gerade deswegen bin ich super aufgeregt. Wird es funktionieren? Wird jemand für mich anhalten?

per Anhalter unterwegs

Hitchhiking around the world: Auf was ihr achten solltet

Ein wahrer Profi des Trampens ist hingegen mein Kumpel Timo. Tausende Kilometer ist er schon mit diversen Autos durch Europa getrampt. Irgendwann war er bereit für das nächste Level und entschloss sich dazu über den Atlantik zu trampen. Als Mitsegler war er einige Wochen auf der Fahrt über den großen Teich und erreichte schlussendlich Brasilien. Kurz vor meinem Experiment lasse ich mir von ihm ein paar Tipps geben. Worauf sollte man als Tramper achten, was auf keinen Fall machen? „Auf jeden Fall solltest du darauf achten, in welchen Ländern du deinen Daumen nach oben streckst“, meint er gleich zu Beginn. In Australien, dem mittleren Osten und Teilen Afrikas wird der ausgestreckte Daumen als Form der Beleidigung verstanden. In Israel ist er das inoffizielle Zeichen der Prostituierten. In vielen anderen Ländern hingegen ist der „Tramper-Daumen“ gut etabliert. Gut, dass ich nur in Deutschland trampe.

Im Anschluss gibt Timo diverse Tipps zur Sicherheit. Die größte Gefahr eines Trampers ist der Verkehr. Daher gilt es vorsichtig an der Straße zu sein. Weiterhin solltest du als Tramper das Fahrzeug und den Fahrer genau überprüfen. Wirkt das Fahrzeug auf den ersten Blick sicher und der Fahrer bei klarem Bewusstsein und sympathisch, kannst du einsteigen. Außerdem empfiehlt es sich, das Kfz-Kennzeichen des Fahrzeugs per SMS an Freunde zu senden oder an Tankstellen einzusteigen. Dort gibt es genug Sicherheitskameras, die im Fall der Fälle aufklären können.

Autobahn

Von einem der es wissen muss: Tipps vom Profi-Tramper

Seine besten Tipps hat Timo unlängst in einem kleinen eBook „Trampen – Reisen per Anhalter“ zusammengefasst. Darin formuliert er unter anderem die acht Gebote des Trampens:

  1. First-come, first-served: Wenn du an einen Tramper-Spot kommst und es sind schon andere Tramper da: Stell dich hinten an. Diejenigen, die vor dir da waren, sollten auch vor dir abfahren.
  1. Sei sauber und gepflegt: Es gibt wenig unangenehmeres als einen ungewaschenen und stinkenden Mitfahrer auf dem Beifahrersitz zu haben. Auch, wenn es unterwegs manchmal schwierig ist: Achte auf deine Hygiene.
  1. Sei ein Entertainer: Vergiss nicht – Dein Lift lässt dich nicht nur aus Nächstenliebe mitfahren. In der Regel wünscht er sich ein wenig Unterhaltung während der Fahrt – gib sie ihm!
  1. Sei höflich und nüchtern: Wenn du am Vorabend was getrunken und noch eine Fahne hast: Warte, bis du wieder angenehm riechst.
  1. Lachen: Auch, wenn die Zeit lang wird, du schon seit Stunden wartest und hungrig bist: Habe immer ein Lächeln auf den Lippen!
  1. Ignoriere Provokationen: Bösartiges Hupen, Mittelfinger oder Beschimpfungen – es passiert nicht oft, aber es kommt vor. Ignoriere es und halte dich an das fünfte Gebot!
  1. Sei ehrlich: Verständlicherweise ärgert es die Fahrer sehr, wenn sie für eine Person anhalten, dann aber noch zwei Leute aus dem Gebüsch gesprungen kommen.
  1. Schaffe eine Win-Win-Situation: Es sollte das Ziel sein, dass du und dein Lift voneinander 
profitiert – überlege, was du ihm für seinen Gefallen zurück geben kannst! Sei es eine Tasse Kaffee an der nächsten Raststätte oder wie in Punkt drei schon erwähnt, eine gute Zeit.

Straßenbeschriftung

Breakout: Ohne Geld für den guten Zweck unterwegs

Während ich am Rand der Bahnhofstraße in Lübbenau stehe und meine gedankliche Checkliste durchgehe, fährt ein dunkler Kombi auf mich zu, wird langsamer und biegt direkt hinter mir in die Straße ein. Mein Puls vervierfacht sich. Habe ich es geschafft?

Nein, denn der Wagen hat sein Ziel erreicht und alle Passagiere steigen aus. Ich fühle mich unwohl. Mit einem Freund an der Seite wäre mein Trampversuch viel angenehmer, denke ich und zücke mein Telefon. Ich starte die Livestreaming-App Periscope und fange an, den Leuten im Internet zu erklären, was ich hier eigentlich mache. Das lockert meine Stimmung und macht mich optimistischer.

Riesigen Respekt habe ich in diesem Moment vor Vicky und Tilman. Die beiden Berliner haben Anfang Juni beim BreakOut mitgemacht. Bei diesem Wettbewerb geht es darum in nur 36 Stunden so weit wie möglich zu reisen, ohne Geld auszugeben. Die Luftlinie der zurückgelegten Kilometer wird nach Ablauf der Zeit in einen Geldbetrag umgerechnet und gespendet. Sagenhafte 1.300 Kilometer Wegstrecke legten die beiden in 15 Auto- und Busfahrten als Tramper zurück. Über eineinhalb Tage waren sie wach und pausenlos dabei, neue Mitfahrgelegenheiten zu finden. Jedoch konnten beide auf einen guten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Vicky ist ein paar mal in Australien getrampt. Tilman hat die Südinsel Neuseelands komplett per Anhalter bereist. Vor einer Weile haben wir hier auf re:BLOG auch über Raphael berichtet, der per Anhalter und ohne Geld von Den Haag bis nach Mexiko reiste.

breakout

Lost in Brandenburg: Wer nimmt mich mit?

Nach nur 35 Minuten hält ein Auto. Eine junge Frau winkt mich durch die geöffnete Beifahrerseite heran. Auf den Rücksitzen sitzen zwei Kinder. In schnellen Worten und mit einem nervösen Blick in den Rückspiegel erklärt sie mir, dass sie nun einkaufen fährt und mich im Anschluss mitnehmen kann. Wir vereinbaren einen Treffpunkt. Ehe ich mein Glück realisieren kann, ist sie auch schon wieder weg. Und ich habe mir weder die Marke noch das Kennzeichen des Autos gemerkt. Doch ich tue, was sie mir gesagt hat, laufe etwa 800 Meter stadtauswärts die Straße entlang und warte in einer Nebenstraße auf meine Mitfahrgelegenheit. Der Plan geht auf. Nach weiteren 30 Minuten hält das Fahrzeug neben mir.

Ich steige ein und begrüße meine Chauffeurinnen. Meine Fahrerin heißt Jana, auf den Rücksitzen bestaunen den Zustieg des Trampers ihre beiden Töchter Charlotte und Friederike. Die drei wohnen in Lübbenau, sind jedoch auf dem Weg zu Janas Geburtstagsfeier, die hinter Lieberose stattfinden wird. Fast 45 Minuten dauert unsere Fahrt durch Brandenburger Dörfer – vorbei an Wildblumenwiesen, verrosteten Reklameschildern und einem Storchennest. Wir haben genug Zeit, um uns ausführlich auszutauschen. Vor 20 Jahren ist Jana das letzte Mal selbst getrampt. Genauso lange ist es her, dass sie das letzte Mal jemanden mitgenommen hat. Es war auf der Strecke zwischen Peitz und Lübbenau. Immer, wenn das Fahrziel auf dem Weg liegt und die Person sympathisch aussieht, würde sie auch in Zukunft jemanden mitnehmen. „Jeder kann ja mal in eine Notsituation kommen“, fügt Jana hinzu.

Tramper mitnehmen

Land und Leute: Gute Fahrt nach Lieberose

In Brandenburg ist man im Gegensatz zu Berlin auf ein Auto angewiesen, stellen wir gemeinsam fest. Jana plaudert aus ihrer Kindheit und erzählt mir viele Details zur Stadt Lieberose, den umliegenden Dörfern und dem Tourismus im Spreewald. Früher gab es hier angesagte Diskotheken. Selbst die Berliner kamen vorbei und bei Stadtfesten traten bekannte Interpreten wie Nena auf. Heute kommen solche großen Acts nicht mehr nach Lieberose. Das Schloss, in dem Janas Opa Stallknecht war, zerfällt und auch sonst passiert kaum noch etwas Spannendes in der Stadt. Das war einer der Gründe für sie wegzuziehen, nachdem ihre Arbeit für einen Jugendclub endete. Heute arbeitet die gelernte Industriekauffrau als Personalverantwortliche in einem mittelständischen Unternehmen in Lübbenau. Nach 46 Kilometern lässt mich Jana in Lieberose raus, wir verabschieden uns und sie fährt weiter.

Es braucht einige Augenblicke, ehe mir bewusst wird, was für eine interessante Zeit ich auf ihrem Beifahrersitz hatte und wie viel ich über die Region gelernt habe. Trampen, so denke ich mir, ist nicht nur gut für die Umwelt und soziale Unterhaltung – Trampen kann mit dem richtigen Menschen auch Wissen über eine Stadt oder ein Land vermitteln.

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Ich bin Steven und ich liebe die Natur, verrückte Ideen, Lissabon und den Fahrtwind auf meinem Rennrad. Und ich liebe es, immer wieder meine Grenzen auszutesten. Dafür laufe ich zum...

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