Interview mit Achtsamkeitstrainerin Sabine Herrmann

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Meine Schwest­er Sabine Her­rmann ist Heil­prak­tik­erin für Psy­chother­a­pie und lebt mit ihrem Sohn in München. Sie bietet in ihrer Prax­is Acht­samkeit­strain­ing, Gespräch­s­ther­a­pie und Job­coach­ing an. „Acht­samkeit bedeutet, voll und ganz bei dem zu sein, was wir ger­ade empfind­en und wom­it wir uns beschäfti­gen. Es bedeutet, mit sich selb­st in Kon­takt zu sein. Acht­samkeit ist eine Art der Aufmerk­samkeit, die sich jeglich­er Wer­tung enthält und deswe­gen auch voller Respekt ist, egal was der Gegen­stand der Acht­samkeit ist – Sinneswahrnehmungen, das eigene Innere, der Kon­takt mit anderen Men­schen“, erk­lärt Sabine den Begriff, der seit län­gerem in den Medi­en präsent ist. Ich habe sie rund um das The­ma Acht­samkeit inter­viewt und nach Tipps für unseren All­t­ag gefragt.

Was bringt einem Acht­samkeit im All­t­ag?

Vieles! Ich lerne dadurch zum Beispiel, in schwieri­gen Sit­u­a­tio­nen anders zu reagieren, weil mir die Sit­u­a­tion, meine Gefüh­le und Anspan­nung und im besten Fall sog­ar der Stress meines Gegenübers bewusst sind. Das macht das Leben bedeu­tend leichter und heit­er­er. Vieles löst sich pos­i­tiv oder zumin­d­est kann ich das Prob­lem aus ein­er gesun­den Dis­tanz sehen. Acht­samkeit ist auch ein Aus­druck der Selb­stach­tung und Wertschätzung. Und sich selb­st zu akzep­tieren und zu lieben, ist eine der besten Quellen von Zufrieden­heit über­haupt.

Acht­samkeit ist seit län­gerem auch in den Medi­en präsent. Ist Acht­samkeit ein Trend?

Wenn man es so aus­drück­en will, ja. Acht­samkeit ist ein viel­beachtetes The­ma. Acht­samkeit hat es auf die Titel­seit­en großer Mag­a­zine gebracht. Es gibt Apps, Buchrei­hen, unzäh­lige Sem­i­nare, auch Fir­men beschäfti­gen sich inzwis­chen damit. Das Zukun­ftsin­sti­tut nen­nt Acht­samkeit den Mega­trend dieser Jahre.

Gibt es einen Grund, dass Acht­samkeit ger­ade jet­zt wichtiger zu wer­den scheint? Das The­ma an sich ist ja schon sehr alt.

Unser heutiger, immer schneller wer­dende Lebensstil mit den unzäh­li­gen Möglichkeit­en sich abzu­lenken, wirkt genau ent­ge­genge­set­zt: Er ver­führt dazu, mehrere Dinge gle­ichzeit­ig zu machen, mit den Gedanken in der Zukun­ft zu sein und jedes unan­genehme Gefühl sofort mit ein­er Aktiv­ität oder Kom­mu­nika­tion zu ver­drän­gen. Dieser Zus­tand hin­ter­lässt uns let­ztlich unzufrieden und uner­füllt.

Aber ist es nicht bess­er, sich mit den angenehmen Seit­en des Lebens auseinan­derzuset­zen, und auf die unan­genehmen zu verzicht­en? Man hört doch oft den Ratschlag, dass man sich ablenken und es sich gut gehen lassen soll, wenn man zum Beispiel Liebeskum­mer oder Ärg­er im Job hat.

Das kann man schon mal machen, wenn man es gar nicht aushält. Aber alles, was ich ver­dränge, hat eine beson­ders starke Wirkung auf mich. Erst wenn ich ein schwieriges Gefühl und schwierige Umstände annehme, komme ich auf frucht­bare Lösun­gen. Erst dann kann sich etwas in mir zum Guten verän­dern. Das ständi­ge Abwehren ver­braucht viel Leben­skraft. Es ver­hin­dert ein tief­eres Ver­ständ­nis der Sache und damit auch eine ganzheitliche Lösung.

Was an unserem Lebensstil hältst Du für beson­ders prob­lema­tisch?

Das Inter­net über­reizt unseren Sinn für Nah und Fern, für Bindung und Kon­tak­te, für das Wichtige und das Unwichtige. Die Medi­en haben ja eine Ten­denz zu Skan­dal, Übertrei­bung, Neg­a­tiv­ität und Alarmis­mus. Das kann uns in eine ständi­ge Alarm­bere­itschaft ver­set­zen. Wir wer­den angesteckt von Gefühlen, wis­sen aber nicht, was genau davon unsere eige­nen sind. Über­fordert wer­den wir auch kom­mu­nika­tiv. Men­schen sind von der Evo­lu­tion dazu geprägt, in über­schaubaren Grup­pen zu leben. In ein­er solchen sozialen Größe kön­nen wir authen­tisch kom­mu­nizieren, sta­bile und verbindende Beziehun­gen auf­bauen. Wer unun­ter­brochen kom­mu­niziert, und dann auch noch dig­i­tal, kann sich irgend­wann selb­st nicht mehr spüren.

Kom­men wir also als acht­same Men­schen auf die Welt? Babys und kleine Kinder kön­nen sich ja noch ganz in eine Sache ver­tiefen, scheinen mit sich selb­st in Kon­takt zu sein.

Auf jeden Fall! Kleine Kinder haben noch kaum Gedanken, sie hal­ten nichts fest, sind offen für alles um sie herum. Sie leben völ­lig im und für den Moment. Doch bei jedem emo­tionalen Schmerz, und der passiert auch, wenn jemand mit ärg­er­lich­er Stimme zu dem Kind spricht, geht die Tür ein kleines biss­chen zu. Die Natur hat Kindern viel Kraft mit­gegeben, und auch die Fähigkeit, Abwehrmech­a­nis­men zu entwick­eln, um mit möglichst wenig Beschädi­gung unseres Selb­st­wert­ge­fühls durchzukom­men. Diese Abwehrmech­a­nis­men nen­nen sich dann später Per­sön­lichkeitsstruk­tur. Als Mut­ter oder Vater soll­ten wir uns immer aufs Neue bemühen, selb­st acht­sam mit uns und unseren Kindern zu sein, uns immer wieder einzufühlen in unsere Kinder und ihre Welt und unsere eige­nen Emo­tio­nen acht­sam unter Kon­trolle zu bekom­men. Per­fekt gelin­gen wird uns das nie.

Wie kön­nen wir nun konkret acht­samer wer­den?

Wir kön­nen uns für formelle Acht­samkeit­sübun­gen Zeit nehmen, zum Beispiel acht­same Kör­perübun­gen oder Acht­samkeitsmed­i­ta­tio­nen machen. Es gibt viele Anleitun­gen in Büch­ern, CDs und natür­lich auch im Inter­net. Zugle­ich soll­ten wir die Acht­samkeit mehr und mehr in unseren All­t­ag ein­fließen lassen, zum Beispiel beim bewussten Essen oder Gehen. Es gibt unendlich viele Möglichkeit­en. In der Acht­samkeit erken­nt man seine eige­nen Stress­muster. Es sind ja fast nie die Tat­sachen, die uns stressen, son­dern die Bew­er­tung dieser Tat­sachen. Durch die Acht­samkeit und die dadurch geförderte Selb­st­beobach­tung bekom­men wir eine gesunde Dis­tanz zu dieser stres­saus­lösenden Umwelt. Diese Dis­tanz bewirkt, dass wir uns weniger gestresst fühlen. Regelmäßige Acht­samkeit­sübun­gen verbessern außer­dem das Immun­sys­tem und weit­ere Kör­per­funk­tio­nen. Wir kön­nen dann irgend­wann zur Erken­nt­nis kom­men, dass die Welt let­ztlich doch ein­fach und nicht über­füllt oder über­reizt ist.

Kann eine min­i­mal­is­tis­che Lebensweise zu mehr Acht­samkeit führen?

Die bei­den Begriffe gehen auf jeden Fall Hand in Hand. Schon allein dadurch, dass viele Ablenkun­gen weg­fall­en, wird man in Rich­tung Acht­samkeit gelenkt. Und weil ich mich durch eine min­i­mal­is­tis­che Lebensweise auf das für mich Wesentliche konzen­triere, bin ich schon nah an meinen echt­en Bedürfnis­sen und damit im acht­samen Kon­takt zu mir. Ander­sherum natür­lich auch: Je mehr ich Acht­samkeit prak­tiziere, desto ein­fach­er und unkom­pliziert­er werde ich auch leben. Übri­gens hat die Acht­samkeit ganz sich­er auch Auswirkun­gen auf das, wie wir essen. Acht­sam Fleis­chstücke aus der Massen­tier­hal­tung mit all seinen Auswirkun­gen zu essen, das passt nicht zusam­men. Ich will nicht sagen, dass jed­er, der Acht­samkeit prak­tiziert, Veg­e­tari­er oder Veg­an­er wird, aber einen Zusam­men­hang gibt es natür­lich.

Sind all diese Erken­nt­nisse wis­senschaftlich belegt?

Oh ja, es gibt eine sehr große Anzahl von Stu­di­en, die nach­weisen, dass es schon nach eini­gen Wochen von Acht­samkeit­sprax­is und Acht­samkeit­sübun­gen pos­i­tive gesund­heitliche Effek­te gibt, die Wahrnehmung von Stress gemindert wird und das all­ge­meine Wohlbefind­en steigt.

Welche Gren­zen hat die Acht­samkeit?

Acht­samkeit selb­st kann im Prinzip immer weit­er ver­tieft und ver­fein­ert wer­den, ist damit fast gren­zen­los. Allerd­ings sehe ich Acht­samkeit nicht als All­heilmit­tel für alle Prob­leme, die wir mit uns tra­gen. Oft ist es so, dass wir tief­sitzende Muster und Block­aden nicht nur durch Acht­samkeit und Med­i­ta­tion lösen kön­nen, son­dern dass es dazu meist die Begleitung durch andere Men­schen braucht. Wenn wir früher durch ungute Erfahrun­gen mit unseren Bezugsper­so­n­en Schaden genom­men haben, kann dies auch nur durch pos­i­tive Beziehungser­fahrun­gen mit anderen Men­schen geheilt wer­den.

Wie ver­hil­f­st Du Men­schen in dein­er Prax­is zu mehr Acht­samkeit?

In mein­er Arbeit mit Men­schen ist Acht­samkeit die Basis für alle The­men, egal ob es um die Wün­sche bei einem neuen Job geht, um Prob­leme mit dem pubertieren­den Kind oder um tiefer­liegende Leben­säng­ste. Es geht bei mir viel um die Acht­samkeit in Bezug auf die eige­nen Gefüh­le. Hier steckt der größte Zünd­stoff. Hier gibt es viel Ver­drängtes. Bei schw­er erträglichen und deshalb ver­drängten Gefühlen – und die haben wir alle – kann man nicht acht­sam sein, denn man fühlt sie (noch) nicht. Sie sind aber trotz­dem da und wirken aus dem Unter­be­wussten: Bei unseren Reak­tio­nen auf Men­schen und Sit­u­a­tio­nen, bei unseren Stress­mustern, und vor allem auch bei unserem Umgang mit uns selb­st. Aus mein­er Sicht braucht es hier die Begleitung durch jeman­den, der diese Gefüh­le mit­tra­gen kann, son­st kom­men sie nicht an die Ober­fläche. Es hat gute Gründe, warum wir vieles nicht fühlen wollen. Und doch liegt hier der Schlüs­sel zur inneren Frei­heit. Wenn wir uns durch so einen Prozess wieder mehr Gefüh­le zutrauen und zu unseren Bedürfnis­sen ste­hen kön­nen, wächst auch wieder die Acht­samkeit in unserem All­t­ags­be­wusst­sein. Dann wird unser Leben erfüll­ter, leichter und freudi­ger.

Als Ther­a­peutin kann ich durch Acht­samkeit und Mit­ge­fühl Men­schen unter­stützen, wieder ein klar­eres Bild von sich zu bekom­men, bess­er zu spüren, worum es einem wirk­lich geht, und damit den per­sön­lichen Zie­len und dem ersehn­ten Lebens­ge­fühl näherzukom­men. Ich selb­st lerne bei jedem Weg, den ich begleit­en darf. Das ist das Schöne an dieser Arbeit.

Vie­len Dank für das Gespräch, Sabine.

Ich sage eben­falls Danke und bis bald.

Der Outdoor-Trend: Warum die Natur beim Abschalten hilft

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Wenn ich durch meine Facebook-Timeline scrolle, zeigt sich mir ein Mix aus Musikvideos, neuen Profilbildern, Bildern von Freunden, die geheiratet oder ein Kind bekommen haben und eine Vielzahl von Naturbildern aus der ganzen Welt. Berge, Seen und das Meer. Es scheint fast so, als hätte mein Freundes- und virtueller Bekanntenkreis die Großstadt hinter sich gelassen, um durchs Unterholz zu streifen, die höchsten Wellen zu reiten, auf Berge zu steigen oder einfach in die Wildnis einzutauchen. Ja, die Wildnis und das Erleben der Natur ist wieder voll im Trend. Und das ist gut so.

Hallo, ich heiße Christof und schreibe auf meinem Blog über Minimalismus und Nachhaltigkeit. Ohne materiellen Überfluss, negative Beziehungen und unnötige Verpflichtungen zu leben, führt zu persönlichem Glück und gesellschaftlichem Gewinn....

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