Rail relaxed in Kanada: Eine Zugfahrt zum Seeligwerden

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Bere­its als Kind hat mich der Kanada-Virus infiziert. Schuld an der Sehn­sucht waren Büch­er über Gold­such­er, Trap­per, Fal­l­en­steller und Indi­an­er. Immer wieder war Hud­son Bay Ort des Geschehens, jene große Meeres­bucht im Nor­dosten Kanadas, die der englis­che Seefahrer Hen­ry Hud­son 1610 ent­deckt hat­te. Auch im Som­mer lock­en hier die Eis­bären Touris­ten an, auch Wale tum­meln sich dann in der Bucht. Im Früh­jahr haben Bel­u­gas Hochkon­junk­tur, die hellen Meer­essäuger strö­men zu tausenden in Hud­son Bay und Churchill Riv­er, um ihre Käl­ber zu gebären und großzuziehen.

Was für eine Reise! Eis­bären und Wale sind für mich See­len­tiere, die mein Herz berühren – aber dazu bald mehr auf re:BLOG. Darum ist es für mich auch keine Frage, dass ich mit dem Zug von Win­nipeg nach Churchill fahre. Für die knapp 1.800 Kilo­me­ter braucht man zwei Tage. Zeit zum Run­terkom­men, Relax­en und Raus­guck­en. Slow Trav­el mit einem Durch­schnittstem­po von 40 Stundenkilometern.

Am Bahn­hof in Win­nipeg gebe ich meinen Kof­fer auf. „Sor­ry Schätzchen, aber der Zug hat zwei Stunden Ver­spä­tung“, gur­rt die Dame am Schal­ter. „Macht nichts“, lächele ich zurück. Passt mir eigentlich wun­der­bar, so habe ich noch Zeit zum Einkaufen. Vor allem Essen und Trinken, denn im Zug gibt es nur Indus­triepapp aus der Mikrow­elle. Deshalb schlen­dere ich zum nahe gele­ge­nen Einkauf­szen­trum und decke mich mit haus­gemacht­en Quich­es, Tartes und ver­schiede­nen Salat­en ein. Dazu Säfte und Tee­beu­tel für die Ther­moskanne. Längst reicht mein Ruck­sack nicht mehr und ich bal­anciere meine Schätze in Papiertüten durch die Menge. Niemals hun­grig einkaufen gehen.

Kanadischer Zug

Als ich den Bahn­hof erre­iche, merke ich, es wäre gar keine Eile nötig gewe­sen. Kein Zug. Wann er denn komme? „Min­destens noch eine Stunde“, entschuldigt sich die Schal­ter­frau, die auch nicht weiß, was los ist. „Tja, Danke!“, antworte ich. Zuhause wäre wahrschein­lich schon das kleine Wut­mon­ster aus­ge­brochen. In Kana­da regt sich nie­mand über ein paar Stunden Ver­spä­tung auf. „Warum auch? Ver­tane Energie, denn wir kön­nen es eh nicht ändern“, erk­lärt mir Bri­an, der eben­falls auf den Zug wartet. Wir sin­nieren über deutsche und kanadis­che Befind­lichkeit­en, während wir die kuli­nar­ischen Köstlichkeit­en verspeisen.
Aber auch die anderen Reisenden müssen nicht dar­ben. Via Rail Cana­da hat kurz­er­hand einen Stand mit kosten­losem Kaf­fee, Tee, Donuts und Kek­sen aufge­baut, um den sich die Wartenden scharen. Fre­undlich­es Geschnat­ter, gespickt mit vie­len Lach­ern. Auch nach vier Stunden Warterei ohne Infor­ma­tio­nen nölt nie­mand. Kanadis­che Cool­ness. Schließlich ertönt nach sechs Stunden durch einen knarzen­den Laut­sprech­er die Erlö­sung: „Der Zug ist da, bitte alle einsteigen.“
Ich beziehe mein Zuhause für die näch­sten Tage, das auf etwa zwei Quadrat­metern alles bietet, was men­sch so braucht: Koje, Sofa, Waschbeck­en, Toi­lette, Steck­dosen und ein gigan­tis­ches Panora­mafen­ster. Ohne großes Bohei ist der Zug ange­fahren und zock­elt gemäch­lich durch die Postkarten­land­schaft. Wogende Weizen­felder, sattgrüne Wei­den und ab und an ein Ack­er, der vor Frucht­barkeit schwarz und speck­ig glänzt. Manch­mal blitzen Blech­sche­unen und sil­ber­far­bene Silos in XXL-Maßen in der Sonne. Man­i­to­ba und das angren­zende Saskatchewan sind die Kornkam­mern Kanadas. Gigan­tis­che Güterzüge trans­portieren die Fracht nach Churchill, von wo die Waren bis nach Europa ver­schifft werden.

Blick aus dem Zugfenster

Ich fläze mich auf meinem Min­iso­fa, lasse mich ein­lullen vom immer gle­ichen Rat­tern der Räder. Tatamm, tatamm, tatamm. Irgend­wann raffe ich mich auf, um die leicht schwank­ende Blech­büchse zu erforschen. Unsan­ft knalle ich gegen eine Wand und sofort ist der Zug­stew­ard zur Stelle, reicht mir trös­tend seine Hand: „Train­legs – Zug­beine – wach­sen dir auch noch“, tröstet er.
Am let­zten Wag­gon sind sog­ar die Türen offen. Cabri­ofeel­ing pur: Frisch­er Wind ver­wirbelt die Haare und die Sonne kitzelt in der Nase. Ab und an stoppt der Zug an kleinen Bahn­höfen. Zeit zum Beine vertreten, Eis oder Piz­za essen. Sor­gen, dass der Zug ohne einen los­fährt, sind unbe­grün­det. Alles kanadisch entspan­nt, Mar­tin und Dean, die Zug­stew­ards, müssen in einem anderen Leben Hüte­hunde gewe­sen sein. Sie haben ihre Schäfchen fest im Blick, treiben kurz vor der Abfahrt alle zusam­men und passen wie Schießhunde auf, dass kein­er mehr aussteigt.
Nicht­stun macht angenehm müde. Schon gegen neun Uhr ist der Speisewa­gen gäh­nend leer, die Bet­ten sind aus­ge­zo­gen und die Vorhänge vor den Abteil­fen­stern zuge­zo­gen. Nur Mar­tin und Dean hal­ten die Stel­lung, trinken Tee, leg­en Patien­cen und schauen nach dem Rechten.

Speisewagen in kanadischem Zug

Am näch­sten Mor­gen sieht die Welt anders aus: Fahles Son­nen­licht blitzt durch dünne Birken­stämme, während nur wenige Meter weit­er eine Wand aus mas­siv­en Nadel­bäu­men wie eine schwarze Wand wirkt. Weiß leuch­t­ende, kahle Stämme liegen bizarr ver­renkt wie Skelette von Riesen auf einem dicht­en Moost­ep­pich. Jede Menge Totholz. Immer wieder passieren wir dun­kle Seen und Moore. Ein biss­chen gespen­stisch finde ich das Ganze. „Lit­tle bit spooky, ey?“, scherzt Dean als ob er Gedanken lesen kön­nte. „Wir sind jet­zt in der Taiga, bore­al­er Nadel­wald, wie die Wis­senschaftler sagen“, doziert der Stew­ard. „Churchill liegt an der Gren­ze zwis­chen Taiga und Tun­dra. Im Nor­den begin­nt die baum­lose Tun­dra, wo nur Sträuch­er, Flecht­en und Moose wach­sen“, erk­lärt er und über­lässt mich meinem Bah­nall­t­ag. Fotografieren, lesen, Land­schaft guck­en und Men­schen beobachten.

Moor in Kanada

Es ist ganz erstaunlich, wie die Langsamkeit des Seins sowie das Nicht­funk­tion­ieren von Handy und Inter­net die Men­schen verän­dern. Krass­es Beispiel ist die etwas über­dreht wirk­ende Marie-Julie. Am Bahn­hof zog die schlanke Blon­dine alle Blicke auf sich. Mit roten Lip­pen, High­heels und Design­er­fum­mel sah sie doch anders aus als die blau-grün-beige Masse der Outdoor-Klamotten-Träger. Zudem stöck­elte sie wie ein aufgescheucht­es Vögelchen durch die Warte­halle, zwitscherte in ihr Handy und wis­chte wild auf ihrem Tablet. Jet­zt, nach nur ein­er Nacht im Zug, ward sie bis zum Mit­tag nicht mehr gese­hen oder vielle­icht nur nicht erkan­nt. Puschen, ver­wasch­en­er Schlafanzug und sträh­nige Haare ziehen keine Blicke auf sich und fall­en nicht auf. Marie-Julie ist Bankerin und eigentlich immer im Stress. „Den Trip habe ich mir sel­ber verord­net, um einem Burnout vorzubeu­gen“, ver­rät sie mir. Wie lange sie bleibt, will ich wis­sen. „Keine Ahnung, so lange, wie es eben dauert, um wieder geerdet zu sein“, antwortet die Franko-Kanadierin.
Dann erre­ichen wir Churchill. Aus dem Nebel­grau schälen sich Kaian­la­gen, eine große Siloan­lage und dutzende Strom­mas­ten. Alles eben­falls grau. Was hat­te ich erwartet? Qui­etschend hält der Zug und Blasen voller Vor­freude sprudeln über meine anfängliche Ernüchterung. „Willkom­men in der Welthaupt­stadt der Eis­bären!“, ver­ab­schiedet mich Dean lächelnd.

Mammutmarsch: 100 Kilometer in 24 Stunden wandern?

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Stumm laufe ich neben meiner Freundin Isi her. Wir haben schon bestimmt eine Stunde nicht mehr miteinander gesprochen. Müde, hungrig und wie die Zombies in The Walking Dead stolpern wir nachts durch Brandenburger Wälder. Wir kennen uns noch aus der Schulzeit und haben es gewagt, diese unglaubliche Challenge anzunehmen. Wir sind nicht sonderlich sportlich, eher die Typen, die von der dritten bis zur zehnten Klasse jedes Jahr eine drei in Sport auf dem Zeugnis stehen hatten und es dabei immer wieder geschafft haben, Geräteturnen gänzlich zu schwänzen. Aber mal ehrlich: Geräteturnen? Wer braucht denn das im wirklichen Leben? Viel wichtiger…

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Redaktionsteam Reisefeder unter anderem für Magazine wie Brigitte, Onlineportale wie Spiegel Online oder Reisebücher wie Merian. Silke hat nach ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin...

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