Klimaschutz-Interview mit Stephen Wehner: „Die Zeit läuft ab“

| von 

Im Interview erklärt Stephen Wehner, Geschäftsführer des Bergwaldprojekt e.V., warum das Umdenken so wichtig ist und dass die Uhr tickt.

Stephen Wehner, Geschäftsführer
Foto: Bergwaldprojekt e.V.

Eine Woche im Moor buddeln oder Bäume pflanzen für den Klimaschutz – das Bergwaldprojekt bietet viele Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit an. Wie funktioniert das?

Es ist ein Projekt, das auf Freiwilligenarbeit beruht. Wir helfen Nationalparks wie etwa auf Rügen, im Harz oder auf Amrum bei Maßnahmen, die wichtig für den Klimaschutz und den Lebensraum vor Ort sind. Eine Woche lang bekommen die Menschen, die bei uns mitarbeiten, Kost und Logis frei und schenken uns dafür das Wertvollste, was sie haben: ihre Zeit. Sie pflanzen mit uns Bäume, vernässen Moore wieder oder forsten Sturmschäden sinnvoll wieder auf. Diese andere Art des Urlaubs genießen viele Menschen, weil sie neue Erfahrungen sammeln. Wir können die Arten nicht im Zoo erhalten, wir müssen hier bei uns etwas dafür tun, dass die Lebensräume erhalten bleiben und genau das machen wir.

Eine Woche Engagement für den Naturschutz als Kompensationshandlung fürs Fliegen oder andere CO2-intensive Lebensweisen – ist das nicht ein Tropfen auf den heißen Stein oder um es provokant zu sagen, nicht auch eine Art moderner Ablasshandel?

Eine Absolution von ökologischen Sünden wollen wir mit unseren Freiwilligenprojekten nicht geben. Dieses sogenannte „Greenwashing“ ist sowieso mehr als fraglich, denn alles, was Kompensationscharakter hat, macht keinen Sinn. Erst viel CO2 mit Fernflügen freisetzen und nachher Bäume pflanzen, funktioniert so nicht. Wir müssen grundlegend etwas ändern, denn unsere Zeit läuft ab.

Bäume pflanzen auf Amrum

Und was wäre das, was wir ändern müssen?

Jeder Einzelne muss letztendlich jede Entscheidung prüfen, ob sie sinnvoll ist, beim Einkaufen, bei der Mobilität und beim Reisen. Muss ich im Januar Tomaten essen oder andauernd Ananas? Wie möchte ich wohnen? Muss ich nach Thailand fliegen, um mich dort nur an den Strand zu legen oder kann ich das auch an der Ostsee oder am Mittelmeer machen? Leider ist es so, dass unser größter Beitrag als Privatpersonen der CO2-Verbrauch über das Fliegen ist. Was da gerade passiert, ist ja völliger Wahnsinn. Das wird nicht mehr lange gehen, zu diesen Preisen solche Fernflüge. Es ist unvermeidlich, dass sich dort etwas ändern wird. Ein Flug in die Dominikanische Republik verbraucht unser Jahresbudget an CO2, vergleichen wir das mit Geld, dann würden wir unser Jahreseinkommen für die Reise bezahlen. Das macht man vielleicht einmal im Leben.

Du sagtest vorhin, die Zeit läuft uns davon, wie meinst Du das?

Bislang ist von den Veränderungen nicht viel zu merken, das wird sich aber etwa ab dem Jahr 2030 deutlich ändern, dann kommt der Klimawandel in eine neue Phase und steigt exponentiell an. Er geht dann in die Beschleunigung und dann werden wir alle die Auswirkungen spüren, ob mit Erdrutschen oder anderen Großereignissen. Dann werden wir schnell ins Handeln kommen und bremsen müssen.

Wie ist das Bergwaldprojekt entstanden?

Der Anlass ist eigentlich ganz aktuell: Es gab 1987 einen Bergrutsch in der Schweiz, letztendlich, weil zu viel Wald abgerodet worden ist. Solche Ereignisse wird es künftig öfter geben: Wir haben in der empfindlichen Bergwelt den Boden verdichtet, Permafrostböden tauen ab und wir blasen mit unseren Autos dort Abgase in die Luft, fällen die Schutzwälder, kein Wunder, dass die Natur reagiert. Damals war ein halbes Dorf in Malans in der Schweiz verschüttet. Damals haben Greenpeace-Aktivisten ein Projekt gegründet, um den Schutzwald wieder aufzuforsten. Daraus ist das Bergwaldprojekt entstanden.

Das Bergwaldprojekt auf Amrum

Wie ist Deine Vision für die Zukunft?

Dass wir nicht müde werden in unserer Arbeit. Und trotzdem optimistisch bleiben. Unser Planet hat eine so reiche Ausstattung. Es ist alles da und reicht für uns alle. Wir müssen nur mit unseren Ressourcen bewusster umgehen. Und diese Kehrtwende kann uns gelingen. Naturschutz ist letztendlich immer Reparaturarbeit. Das müssen wir ändern und ins Gestalten kommen. Nicht reagieren, sondern agieren und zwar aus Kreativität, Schaffenskraft und Vernunft heraus anstatt aus Angst.

Hallo, ich bin Andrea – und ich reise gerne. Keine Reise hat mich nachhaltiger beeindruckt als mein Aufenthalt in der Mongolei, von dem ich Euch hier auch erzähle. Doch es muss nicht immer die Ferne sein, sondern oftmal überrascht mich das ganz Nahe mehr. Sei es bei der Vogelbeobachtung an der Nordsee oder beim Paddeln an der Elbe. Ich mag naturnahes Leben und bin gerne draußen, davon erzähle ich Euch nicht nur auf diesem Blog, sondern auch auf meinem eigenen Blog: unter www.indigo-blau.de findet Ihr mehr Geschichten und Tipps rund ums Reisen und Nachhaltig leben. Ich bin übrigens Journalistin, Mutter zweier Kinder und arbeite zudem als Tierheilpraktikerin.

Keine Kommentare vorhanden

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!