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Bäume sind auch nur Menschen. Interview mit Waldexperte Peter Wohlleben

Im Wald passieren wirklich faszinierende Dinge. Bäume sprechen miteinander, warnen sich gegenseitig vor Gefahren und helfen einander durch schwierige Zeiten.

Was nach einer romantischen Erzählung aus der Feder eines Dichters klingt, ist tatsächlich Realität – und das können wir in Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ auch nachlesen. Der gelernte Förster, den sie auch „den Baumflüsterer“ nennen, betrachtet das System Wald ganz anders als viele seiner Kollegen. In seinem Revier in den Eifelgemeinden Hümmel und Wershofen kümmert er sich nicht nur mit viel Einsatz um seinen Wald, betreut den Bestattungswald „Final Forest“ und hat sogar seine eigene Waldakademie gegründet, er bringt ihn auch anderen Menschen näher und veranstaltet regelmäßig Waldführungen.

Peter Wohlleben Waldexperte

 

Wir wollten genauer wissen, wie das Ökosystem Wald funktioniert und wie viel es wirklich mit der menschlichen Gesellschaft gemeinsam hat. Darum haben wir bei Peter Wohlleben nachgefragt:

Bäume und Menschen sind sich sehr ähnlich

Für Sie funktioniert das System Wald ja ganz ähnlich wie die menschliche Gesellschaft – können Sie das an einem Beispiel erklären?

„Erst einmal vorweg: Es ist kein Zufall, dass es diese Parallelen zwischen dem menschlichen System und dem des Waldes gibt – Bewährtes setzt sich eben durch und so weiß auch ein einzelner Baum, dass er alleine noch kein Wald ist. Ebenso wie die (meisten) Menschen fühlen sich auch Bäume in Gesellschaft besser. So schwitzen Bäume zum Beispiel gemeinsam in der Sonne und erzeugen so in der Gruppe ein schönes feuchtes Klima – was sie lieben. Das funktioniert aber nur in einer Gemeinschaft. Würde ein Baum alleine auf dem Feld stehen, würde er austrocken. Hier sehen wir also schon erste Prinzipien, wie Bäume zusammen leben. Genauso versorgen sie sich gegenseitig durch Wurzelverwachsungen und ein Pilzsystem mit Zucker – da kümmert sich ein Nachbar-Baumstamm um den nächsten, wie in einer gut funktionierenden Hausgemeinschaft.“

Das geheime Leben der Bäume Wohlleben

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es auch ein internes Warnsystem im Wald gibt – wie kann ich mir das vorstellen?

Nehmen wir mal das Beispiel Insektenbefall: Wenn ein Baum betroffen ist, produziert er einen Duftstoff und warnt damit die anderen Bäume. Diese können dann schon mal vorbeugend Abwehrstoffe einlagern, sodass sie gegen die Schädlinge gewappnet sind. Ähnlich funktioniert die „Alarmanlage“, wenn Rehe in der Gegend sind und Äste abbeißen oder wenn es erste Anzeichen einer Dürre gibt: Der erste Baum, der eine Gefahr merkt, warnt seine Artgenossen. Dieses „miteinander sprechen“ beruht auf einer chemisch-elektrischen Kommunikation, in vielen Fällen über Gase, die über die Blätter als Kommunikationskanal ausgetauscht werden.

 

Was ist ihre Einschätzung: Wie geht es dem deutschen Wald heute?

Wenn man die Forstbehörden fragt, würden die wohl sagen, dass es dem Wald hierzulande gut geht, aber meiner Meinung nach stimmt das nicht. Die Maschinenbefahrung durch industrielle Nutzung macht die Waldböden kaputt, sie können dadurch weniger Wasser speichern und im Sommer bekommen die Bäume dann echte Probleme. Dazu kommt, dass über die Hälfte des deutschen Waldes gar nicht heimisch ist. Ursprünglich haben wir hier eigentlich einen Lauburwald, doch inzwischen dominieren die Nadelbäume. So kommt es auch, dass wir wenig alte Bäume vorweisen können. Im Durchschnitt werden die Bäume in Deutschland 77 Jahre alt, das entspricht nur der Hälfte ihrer natürlichen Lebensspanne. Damit es dem Wald hier wirklich wieder gut geht, bräuchten wir große Waldschutzgebiete.

 

Die Menschen sollen Spaß am Wald haben

Wald Bäume Wohlleben Spaß Natur

Das Leben als Baum ist derzeit also eher anstrengend?

Den meisten Bäumen bei uns geht es so lala, denn sie führen nicht ihr freies Leben. Natürlich können wir nicht einfach alle Nutzwälder abschaffen, aber wir müssten eine bessere Balance, einen gesunden Kompromiss finden und ebenso viele Bäume in Nationalparks wachsen lassen. Wenn sich ein Baum frei entfalten kann in seiner Umgebung, dann geht es ihm gut. Sie sind im Prinzip die Elefanten des Pflanzenreichs: Sie sind sehr familienverbunden, fürsorglich und haben ein gutes Gedächtnis. Und darum gilt es, sie zu schützen.

Wie sollten die Menschen mit dem Wald umgehen? Was halten Sie zum Beispiel von den Leuten, die in den Wald gehen und Bäume umarmen?

Mir ist es vor allem wichtig, dass die Menschen Spaß an der Natur haben, in welcher Form auch immer. Denn wer im Wald Freude hat, geht gut mit ihm um und denkt vielleicht auch mal darüber nach, sein Leben so umzustellen, dass der Wald geschützt wird. Das geht beim Gebrauch von Recyclingpapier schon los. Und genau darum habe ich auch meine Bücher geschrieben: um den Menschen ein Bewusstsein zu schaffen und sie lernen, empathisch mit den Bäumen mit zu empfinden.

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Hat jeder Baum eine andere Persönlichkeit?

Tatsächlich ist jeder Baum ein Individuum wie der Mensch auch. Das ist natürlich eine emotionale Herangehensweise, aber dieser Zugang erlaubt, die Bäume wirklich zu verstehen. Ein Baum hat auch Gefühle, wenn auch „nur“ rein hormoneller und biochemischer Art. Er nimmt Reize wahr und verarbeitet sie. Wussten Sie, dass ein Baum sogar seine eigenen Sämlinge erkennen kann?

Was steht eigentlich in deutschen Wäldern? 

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