72 Hour Cabin: So geht glücklich sein auf schwedisch!

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Im Wald zu sein, wirkt aus­gle­ichend und beruhi­gend. In Schwe­den geht man nun noch einen Schritt weit­er: Hier kann man in kleinen Glashüt­ten schlafen – mit­ten in der Natur.

Schweden Glashuette

Wind rüt­telt an den schw­eren Holztüren, der See bran­det zwei Meter ent­fer­nt ans Ufer. Es ist Abend und ich sitze allein in ein­er kleinen, gläser­nen Hütte auf ein­er schwedis­chen Insel. Ger­ade noch hat mir der Lichtkegel der Taschen­lampe den Weg durch den Wald gewiesen und dabei alles im Tages­licht Lebendi­ge zu flüchti­gen Momen­tauf­nah­men in Schwarz-Weiß erstar­ren lassen. Im Schein der Lampe haben die Birken am Seeufer unwirk­lich weiß aufgeleuchtet. Als ich mich ger­ade zu fra­gen begann, wann ich meine Glashütte wohl erre­ichen werde, tauchte sie in der Ferne auf. Noch 50 Meter, dann war ich da: Zuerst das dicke Tau aus der Hal­terung ziehen, das die zwei­flügelige Holztür ver­schließt, die Tür öff­nen und die Taschen­lampe aufs Bett leg­en. Schuhe ausziehen, rein­klet­tern, den Ruck­sack abstellen. Stre­ich­hölz­er suchen.

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Ich zünde ein paar Teelichter an und lösche das viel zu grelle Licht der Taschen­lampe. Die Glashütte wird nun durch den Schein klein­er, im Wind flack­ern­der Kerzen­flam­men warm erleuchtet. Ich sichere die Holztür wieder mit dem Tau und puste anschließend bedächtig ein Teelicht nach dem anderen aus. Als das let­zte erlis­cht, umgibt mich totale Fin­ster­n­is. Nach und nach erkenne ich den See und, weit ent­fer­nt, das andere Ufer in der Dunkel­heit. Ein paar Häuser tupfen weit ent­fer­nt kleine Licht­punk­te in die Sil­hou­ette. Der Wind fegt durch die Bäume, rüt­telt an der Hüt­ten­tür und lässt die Wellen heftiger ans Ufer schwappen.

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Erst paddeln, dann heiße Sauna und warmes Essen

Schweden Experiment Schlafen In Der Natur

Ich kuschele mich unter die Bettdecke und lasse die Bilder des Tages an mir vorüber ziehen. Nach­mit­tags war ich im spät­som­mer­lichen Son­nen­schein im Kajak unter­wegs, bin auf der windgeschützten Seite der Insel ent­lang gepad­delt und habe mich danach in der Holzsauna aufgewärmt. Später gab es bei Staffan und Maria Berg­er, denen die Insel Hen­rik­sholm im See Ånim­men und die hiesi­gen fünf Glashüt­ten gehören, im Win­ter­garten ihres Gut­shaus­es ein warmes Aben­dessen, pro­duziert aus Lebens­mit­teln der Region. Dazu haben sie ein wenig erzählt von ihren inno­v­a­tiv­en Unterkün­ften: Seit dem Früh­jahr 2017 gibt es das 72 Hour Cab­in Pro­jekt in Schwe­den.

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Bis­lang ste­hen acht dieser min­i­mal­is­tis­chen, durch­sichti­gen Hüt­ten in Dal­s­land, fünf davon hier auf Hen­rik­sholm. Designt hat sie die ange­hende Architek­tin Jean­na Berg­er, Tochter von Maria und Staffan und Inhab­erin der Fir­ma Jean Arch. Dabei wich sie vom Wun­sch des Auf­tragge­bers ab, die Hüt­ten kom­plett durch­sichtig zu kon­stru­ieren. Eine Holzrück­wand und eine Tür wür­den mehr Gebor­gen­heit und Sicher­heit geben, fand sie. Das kann ich nur bestätigen.

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Wind, Regen und ein magischer Sonnenaufgang

Draußen zaust der Wind weit­er an den Ästen, immer wieder schla­gen einzelne ohne erkennbaren Rhyth­mus ans Glas­dach. Die Ele­mente sind in Aufruhr. Es bläst durch die feinen Spal­ten in der Holztür und in der gegenüber­liegen­den Wand, ich ziehe die Decke enger um mich. Der See bran­det immer heftiger ans Land, gerät gele­gentlich aus dem Takt und gluckst und seufzt dann wie lebendig. Mein Herz klopft. Ich lausche aufmerk­sam. Schaue in den dun­klen Wald, auf den See und in die Sterne. Atme wieder ruhiger. Irgend­wann wer­den die Augen schw­er und fall­en zu. In meinen Träu­men schwappt das Wass­er weit­er. Mor­gens weckt mich ein pastell­rosa Son­nenauf­gang wie aus dem Bilderbuch.

Rosa Sonnen Aufgang Am See

Der Wind hat sich gelegt, still liegt das See­wass­er im san­ften Mor­gen­licht. Was für ein Tim­ing: Kaum ist das leuch­t­ende Schaus­piel zu Ende, schiebt sich auch schon eine dunkel­graue Regen­wand her­an. Bald pras­selt Regen herab, plätschert kräftig an die Scheiben – es ist fast magisch, den Ele­menten der Natur so nahe und gle­ichzeit­ig so geschützt zu sein.

Ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten

Alle Hüt­ten ste­hen auf Pfeil­ern von ursprünglich 70 Zen­time­tern Höhe, die in der Länge indi­vidu­ell an den Unter­grund angepasst sind. Als Vor­bild haben der jun­gen Architek­tin die land­wirtschaftlichen Sche­unen gedi­ent, in denen sie als Kind gespielt hat – mit großen, zwei­flügeli­gen Holztüren und Pfos­ten aus Stein, um Ungeziefer und Feuchtigkeit fernzuhalten.

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Boote bracht­en das Mate­r­i­al für die Glashüt­ten als Bausatz auf die Insel, erst vor Ort wurde mon­tiert, „um den Wald beim Trans­port größer­er Teile nicht zu beschädi­gen“, sagt Jean­na. „Ich bin ja hier auf Hen­rik­sholm aufgewach­sen und wollte zeigen, was für mich typ­isch ist für Schwe­den, näm­lich die Nähe zur Natur. Von Anfang an war mir klar, dass meine Häuser auf Pfeil­ern ste­hen wür­den, damit sie keinen tiefen Abdruck in der Natur hin­ter­lassen“, erk­lärt sie ihre nach­haltige Philosophie.

„Wir Men­schen sind ein­fach nicht für Städte gemacht, wir soll­ten in der Natur sein – und wir soll­ten wieder mehr spielen!” 
Glashuette Tuer Tau

„In meine Häuser muss man hinein­klet­tern, wie ich als Kind auf Bäume gek­let­tert bin“, erk­lärt sie. So ist auch der Türver­schluss mit seinem dick­en Tau eben­so ver­spielt wie genial ein­fach. Anfra­gen nach den Glashüt­ten kom­men inzwis­chen aus aller Welt, aus Nor­we­gen genau­so wie aus dem Himalaya, der Karibik oder New York. Und welch­es ist Jean­nas Liebling­shütte, die in ihrer Schlichtheit einzig ihre unmit­tel­bare Umge­bung – das Seeufer, der Wald, die See­bucht, der Berg – so indi­vidu­ell machen? „Ich mag sie alle sehr. Meine lieb­ste Glashütte ist immer die, die ich zulet­zt besucht habe“, sagt sie und lacht.

Der Plan für den Tag: keinen Plan haben

Schweden Natur Wald

Im Früh­ling 2017 haben Wis­senschaftler mit dem Start des 72 Hour Cabin-Projekts den Ein­fluss der Natur auf den Stresspegel der Men­schen unter­sucht. Fünf Ange­hörige beson­ders stres­siger Berufe, von der Münch­en­er Polizistin über den Paris­er Tax­i­fahrer bis zum New York­er Event­man­ag­er, nah­men an der Studie teil.

„Das Ergeb­nis: Ihr Stresspegel war nach drei Tagen und Nächt­en in der Natur um durch­schnit­tlich 70 Prozent gesunken. ” 
Pilze Sammeln Im Schwedischen Wald

Der Regen ist inzwis­chen weit­erge­zo­gen, noch immer liege ich im Mor­gen­licht auf dem Bett und schaue in den Him­mel. Nach dem Früh­stück bei Staffan und Maria im Gut­shaus werde ich vielle­icht im Wald Pilze sam­meln. Der ist mit seinen von Moos überwach­se­nen Baum­stäm­men und licht­en Birken näm­lich mancherorts ein echter Märchen­wald, dessen Magie sich vor allem dann ent­fal­tet, wenn man ganz genau hinschaut.

Schweden Wanderung Wald

Gerüstet für die Pilz­suche bin ich bere­its bestens: Staffan hat mir schon gestern ein Pilzmess­er geliehen und erk­lärt, wo genau Stein­pilze, But­ter­pilze und Pfif­fer­linge zu find­en sein kön­nten. Mit etwas Glück gibt es heute Abend also Pilzp­fanne zu essen.

Pilze Sammeln Im Wald

Wer mag, kann auch eine Angel auslei­hen. Oder Blät­ter sam­meln, die sich ger­ade leuch­t­end gelb, orange und rot zu fär­ben begin­nen. Ein­fach in der Hänge­mat­te zwis­chen Bäu­men oben auf dem Berg schaukeln oder mit einem Buch am Boot­shaus in der Sonne sitzen, ist auch eine ver­lock­ende Option… Die drei Tage auf der Insel haben tat­säch­lich etwas von tiefe­nentspan­ntem Dauer-Waldbaden.

Blaetter Sammeln Wald Schweden

„Kom­fort­able Wild­nis“ nen­nt Staffan seine 72 Hour Cab­ins auch – also mit­ten in der Natur und trotz­dem warm, trock­en und gut umsorgt sein. Dieses gute Gefühl werde ich zurück in meinen All­t­ag mitnehmen.

Zur Info: Die 72 Hour Cab­ins im schwedis­chen Dal­s­land lassen sich abhängig vom Wet­ter ab Mai bis in den Herb­st hinein buchen. Die acht Hüt­ten ste­hen an drei ver­schiede­nen Orten.

Wohnen im Alter

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Wenn man jung ist, macht man sich über das Wohnen im Alter erstmal keine allzu großen Gedanken. Ist ja noch lange hin, denkt man sich. Aber auch in „jungen Jahren“ sollte man sich schon mit dem Thema auseinandersetzen. Da wir uns auch schon öfter darüber Gedanken gemacht haben, wie und wo wir in Zukunft wohnen und leben möchten, haben wir uns mal intensiver damit beschäftigt und geschaut, was es für Möglichkeiten gibt. Oft ist es ja so, dass das eigene Haus im Alter viel zu groß ist. Die Kinder sind ausgezogen, der Ehepartner ist verstorben und plötzlich sitzt man alleine…

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Redaktionsteam Reisefeder unter anderem für Magazine wie Brigitte, Onlineportale wie Spiegel Online oder Reisebücher wie Merian. Anke hat Ökologie und Kommunikation studiert und...

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