Für kein Geld der Welt: Interview mit Raphael Fellmer

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Kön­nte wirk­lich alles so ein­fach sein? Das ist eine der Fra­gen, die unwillkür­lich aufkommt, wenn man sich mit Raphaels Lebensstil befasst. Er ist ein­er, der weit­er geht, der die let­zte Kon­se­quenz zieht. Über fünf Jahre lebte er ohne Geld, im „Geld­streik“ wie er es selb­st nen­nt. Es begann alles im Jahr 2010 mit ein­er Reise von Den Haag nach Mexiko. Zurück in Europa ließ er sich in sein­er Heimat­stadt Berlin nieder, lebte weit­er­hin ohne Knete, dafür mit Frau und bald auch mit Kind. Sie zogen in eine leer­ste­hende Woh­nung, die Lebens­mit­tel wur­den con­tain­ert. In der Prax­is bedeutete das für Raphael eine abendliche Tour zu den Hin­ter­aus­gän­gen der Super­märk­te, dor­thin wo die Müll­ton­nen ste­hen. Denn genau da lan­den die Lebens­mit­tel, die zwar noch genießbar sind, sich aber nicht mehr so gut verkaufen lassen, da sie den stren­gen Stan­dards des Han­dels nicht mehr entsprechen oder das Min­desthalt­barkeits­da­tum abge­laufen ist. Und davon gibt es jede Menge.

In Deutsch­land wer­den jährlich über 18 Mil­lio­nen Ton­nen weggeschmis­sen. Eine abstrak­te Zahl, die in ihrem Aus­maß auch dann nicht richtig greif­bar wird, wenn man sie auf den Einzel­nen run­ter­bricht: Laut ein­er WWF-Studie wer­den in Deutsch­land 313 Kilo genießbare Lebens­mit­tel wegge­wor­fen – pro Sekunde. Ein Fakt, den man am lieb­sten sofort wieder vergessen möchte, doch genau diese Fak­ten sind es, die Raphael nicht mehr loslassen und die er zuhauf parat hat. Wieder geht er einen Schritt weit­er, grün­det die Lebensmittelretten-Bewegung die mit­tler­weile mit der Plat­tform foodsharing.de fusion­iert ist, über die Lebens­mit­tel geteilt wer­den.

gerettete Lebensmittel von Raphael Fellmer

© Stephan Benz

Er scheint das per­son­ifizierte schlechte Gewis­sen meines Flex­i­tari­er­tums zu sein. Ein­er von denen, die die Welt ret­ten, während ich mir einen Coffee-to-go mit Sojamilch gönne. Doch Raphael ist kein­er, der andere belehren möchte. Mit­tler­weile ist er Vater von zwei Kindern, hat den Geld­streik been­det, aber den Traum vom Teilen noch lange nicht aus­geträumt.

Im Sep­tem­ber 2017 startete Raphael zusam­men mit Mar­tin Schott und Alexan­der Piut­ti sein neustes Pro­jekt: den Öko-Supermarkt Sir­Plus in Berlin, in dem über­schüs­sige Lebens­mit­tel verkauft wer­den. Ein Lebensmittel-Outlet, kön­nte man sagen. Teil des Konzeptes, das durch eine erfol­gre­iche Crowfunding-Kampagne umge­set­zt wer­den kon­nte, ist außer­dem eine Lebens­mit­tel­box, die nach Hause geliefert wird – die soge­nan­nte „Ret­ter­box“ soll noch in diesem Jahr auf den Markt gehen sollen. “Mit unserem Konzept des Food Out­let Stores und dem zukün­fti­gen Lieferser­vice wer­den wir das Ret­ten von Lebens­mit­teln Main­stream machen und so aus der Nis­che in die Mitte der Gesellschaft holen.”, erk­lärt Raphael bei Laden­eröff­nung.

„Ursprünglich war es als ein Exper­i­ment ohne Geld gedacht. Doch es hat alles so gut funk­tion­iert, dass ich beschloss, auch nach mein­er Reise geld­frei zu leben.”

Das Gründerteam von Sirplus

Wir sprachen mit Raphael über seine Zeit ohne Geld, das Hier und Heute und den Unter­schied zwis­chen Wun­sch und Wirk­lichkeit.

Geld als Währung ist in unser­er Gesellschaft selb­stver­ständlich. Wie kamst du darauf, auf Geld zu verzicht­en?

Ange­fan­gen hat alles mit zwei Hochzeit­sein­ladun­gen nach Mexiko, zu denen ich unbe­d­ingt wollte. Ursprünglich hat­te ich geplant, dor­thin zu fliegen, doch je länger ich über die Reise nach­dachte und darü­ber, was diese Flu­greise für meinen ökol­o­gis­chen Fußab­druck bedeuten würde, desto mehr reifte die Idee ein­er ganz anderen Reise in mir. Mit Fre­un­den über­legte ich mir alter­na­tive Reisemöglichkeit­en und so begann unser gemein­sames Exper­i­ment: eine Reise von Den Haag nach Mexiko, – ganz ohne Geld. Diese Reise dauerte ins­ge­samt 15 Monate und war ursprünglich als ein Exper­i­ment ohne Geld gedacht. Doch es hat alles so gut funk­tion­iert und sich richtig ange­fühlt, dass ich beschloss, auch nach mein­er Reise geld­frei zu leben.

Wie sind euch die Men­schen auf eur­er Reise begeg­net?

Eine Begeg­nung in Marokko: Wir hat­ten eine kleine Durst­strecke beim Tram­p­en, kein­er wollte uns an diesem Tag mit­nehmen. Als es schon dunkel war, hielt schließlich ein LKW-Fahrer neben uns an, der schon zwei weit­ere Leute im Wagen hat­te. Wir klemmten uns also hin­ter die Sitze, als wir ein paar Stunden später in Casablan­ca anka­men, lud er uns ganz selb­stver­ständlich zu sich nach Hause ein. Tat­säch­lich bot er uns nicht ein­fach nur einen Platz zum Schlafen, son­dern räumte gle­ich seine ganze Woh­nung und zog mit sein­er hochschwan­geren Frau zu ihrer Fam­i­lie, die ein Stock­w­erk höher wohnte. Wir hat­ten ursprünglich gar nicht geplant, länger als eine Nacht dort zu bleiben, doch sie bat­en uns genau das zu tun. Da wir das Gefühl hat­ten, dass sie das wirk­lich schön fan­den, blieben wir. Während der drei Tage, die wir dort ver­bracht­en, kam auch das Kind der bei­den zur Welt, was natür­lich auch noch ein­mal ganz beson­ders war. Schließlich nahm er uns sog­ar noch weit­er mit nach Agadir, wohin seine näch­ste LKW-Fahrt ging.

Trampen in Mittelamerika

© pri­vat

Jet­zt hast Du ja selb­st Kinder. Wie geht ihr als Fam­i­lie mit materiellen Wün­schen heute um?

Klar, solche Wün­sche gibt es natür­lich auch bei uns. Aber da wir uns ja frei­willig in die Sit­u­a­tion begeben haben, haben sie schon eine natür­liche Rel­a­tiv­ität. Wenn wir Dinge braucht­en, dann habe ich mich über ver­schiedene Wege auf die Suche gemacht. Ich habe auch meine Dien­ste ange­boten, zum Beispiel bei Umzü­gen zu helfen oder zu stre­ichen. Allerd­ings bin ich von den Tauschgeschäften dann eher abgekom­men, weil es sich für mich auch wie eine Art Währung ange­fühlt hat. Ich sehe an mein­er Tochter, dass materielle Wün­sche gener­iert sind. Für sie war es nor­mal, dass wir beispiel­sweise gebrauchte Klei­dung tra­gen. Natür­lich sind alle Kleinkinder zunächst frei von materiellen Wün­schen, aber es gab eine Sit­u­a­tion, in der ihre Urgroß­mut­ter ihr einen Ruck­sack schenken wollte und sie ihn mit der Begrün­dung ablehnte, dass sie schon einen Ruck­sack habe. Für Kinder ist das, was in ihrer Umge­bung passiert nor­mal. Für unsere Tochter Alma ist veg­ane Ernährung und auch Lebens­mit­tel­ret­ten eine absolute Nor­mal­ität.

Familie Fellmer

© pri­vat

Wer außer­halb gesellschaftlich­er Nor­men lebt, bekommt häu­fig Kri­tik. Ein­er der Haup­tkri­tikpunk­te am Leben ohne Geld ist wohl, dass es nur dann funk­tion­iert, wenn andere dir Dinge zur Ver­fü­gung stellen. Wie siehst du das?

Das ist der Punkt, an dem sich viele stoßen. Doch genau darum ging es uns, um die Kri­tik an der Über­flussge­sellschaft, indem wir nichts Neues mehr kon­sum­ierten, son­dern auf das zurück­greifen, was andere als wert­los eracht­en. Wenn das nicht mehr gehen würde, beispiel­sweise weil nicht, wie in Deutsch­land ton­nen­weise noch gute Lebens­mit­tel weggeschmis­sen wer­den wür­den, dann wäre das Prob­lem gelöst. Das gilt auch für andere Dinge, wie etwa Tex­tilien oder Wohn­raum. Durch das soge­nan­nte Aus­nutzen der Über­flussge­sellschaft wollte ich auf diese Prob­leme aufmerk­sam machen und den Leuten auch zeigen, dass jed­er etwas mit diesem Über­fluss zu tun hat. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft und kein­er kann da mit dem Fin­ger auf andere zeigen. Auch ich nicht, ich finde, man muss der Real­ität in die Augen schauen, um sie dann zu verän­dern.

Du hast deinen Geld­streik nun been­det. Also alles zurück auf Anfang?

Für mich hat sich tat­säch­lich nicht viel geän­dert. Mein All­t­ag ist zu 99 Prozent gle­ich geblieben: Ich engagiere mich nach wie vor haupt­säch­lich ehre­namtlich. Der einzige Unter­schied ist, dass ich vorher das Geld kom­plett ablehnte, sei es für Fernse­hauftritte, Vorträge oder auch das Buch, das ich geschrieben habe. Jet­zt nehme ich es für solche Arbeit­en an. Natür­lich auch, weil wir nun wieder Miete zahlen.

Seit vier Jahren gibt es foodsharing.de und von der ein­sti­gen Koop­er­a­tion mit einem Super­markt in Berlin hat es sich mit­tler­weile zu einem dicht­en Net­zw­erk in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz entwick­elt. Alles auf kom­plett ehre­namtlich­er Basis! Mit­tler­weile kon­nten über 15.000 Food­saver mehr als vier Mil­lio­nen Kilo Lebens­mit­tel ret­ten.

Eseensretter Raphael Fellmer

© Patrick Lip­ke

Was ist dein größter Traum?

Mein großer Traum ist, das Ganze noch zu erweit­ern: Noch inter­na­tionaler zu wer­den und ein Hand­buch rauszubrin­gen, wie jed­er so etwas umset­zen kann.

 

Titel­bild: © pri­vat

Aussortiert: Mit einer Kleiderspende Gutes tun

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Uganda, März, 2015 Meine Augen sind wegen der ostafrikanischen Hitze etwas angeschwollen. Es herrscht das Ende der Trockenzeit und der Regen wird sehnsüchtig erwartet. Ich blicke durch die staubige Fensterscheibe unseres alten Toyotas. Erst vor wenigen Sekunden haben wir an einer Tankstelle gehalten, als eine hellblaue Trainingsjacke vor meinen Augen erscheint: Torsten, MTV Diepenau. Bisher habe ich hier in zwei Wochen Uganda keinen einzigen Deutschen getroffen. Torsten, das klingt ziemlich deutsch. Als ich genauer hinschaue, merke ich, dass Torsten einen Rock und hochgesteckte Haare trägt. Ich muss schmunzeln und freue mich über eine Altkleiderspende, die ankam. Doch wie kam Torstens…

Moin, ich bin Jana und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es bald mehr Plastik im Ozean gibt als Fische. Genau diese schreckliche Prognose hat mich dazu...

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