Schief ist schön: Essen retten (Teil 2)

| von 

Letzte Woche habt ihr den ersten Teil des Interviews gelesen, welches Susann von Krautkopf mit Lea Brumsack und Tanja Krakowski von CulinARy MiSfiTs geführt hat. Hier folgt nun, wie versprochen, der zweite Teil. Weiter unten erfahrt ihr außerdem, was Zubin Farahani von der Berliner Manufaktur DÖRRWERK mit Obst anstellt, welches wegen kleinster Mängel aussortiert wird.

CulinaryMisfits2_ganzeErnte

© Culinary Misfits

Lea und Tanja, habt ihr das Gefühl, dass das Bewusstsein der Menschen für frisches, gutes und regionales Gemüse wirklich wächst oder ist das aktuelle Interesse ein Trend, der bald wieder vorüber sein könnte?

Wir befinden uns sicherlich in unserer eigenen Blase zwischen Foodies und Weltverbesserern. Natürlich glauben wir, dass sich etwas tut, sonst würde auch ziemlich schnell unsere Motivation schrumpfen. Es gibt Schnippeldiskos, Einmach-Kurse, sehr engagierte Bauern, motivierte Jugendliche, die anpacken wollen, und und und. Doch – wenn ich alle paar Monate außerhalb vom Wochenmarkt und Bio-Laden im konventionellem Supermarkt schnuppern gehen, sehe ich genau das Gegenteil: mit Zusatzstoffen vorgetäuschte Lebensmittel, die weder lecker, frisch und gesund sind, noch irgendeine ehrliche Entstehungsgeschichte erzählen.

Wir sind hungrig nach ehrlichem Essen und wollen dies am besten noch selbst herstellen können. Es ist ein Trend, der schon lange anhält und hoffentlich auf dem Weg ist, auch Mainstream zu werden. Ich freue mich, wenn wir bei uns im Laden jemanden mit Pastinake und Bete anstelle von geschmacklosen Tomaten aus spanischen Plastikfeldern überzeugen konnten.

Culinary_Misfits_Einmachgläser

© Hendrik Haase

Was kann jeder Einzelne zu Hause dafür tun, etwas zur Veränderung der Missstände beizutragen?

An erster Stelle steht die Lust und Neugier. Es geht nicht um Hokuspokus am Herd oder teure Restaurants, sondern um das eigene Erfahren zwischen Acker, Topf und Teller. Dazu kann gehören, die alten Rezepte der Oma heraus zu kramen und auf eigene Art zu interpretieren, wie auch nicht blind in das Gemüseregal zu greifen, sondern sich mit dem Produkt und dem Produzenten auseinanderzusetzen. Kriterien wie Regionalität, Sortenvielfalt und altes Handwerk kommen dann schon fast von allein.

CulinaryMisfits2_Kartoffeln

© Culinary Misfits


 

Vielen Dank an Lea Brumsack und Tanja Krakowski für das Interview. Auch Zubin Farahani geht es gegen den Strich, dass Obst aufgrund kleinster Mängel wie Druckstellen oder Schrammen entsorgt wird. Inspiriert von einem Freund aus der Foodsharing Szene, gründete er im Sommer 2014 die Berliner Manufaktur DÖRRWERK. Er verarbeitet gerettete Früchte zu Fruchtpapier. Der süße Snack wird nicht nur zu 100 % aus gerettetem Obst hergestellt und trägt damit zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung bei, er ist auch noch wahnsinnig gesund.

Doerrwerk_Tüten

© Dörrwerk

Was genau ist Fruchtpapier und wie wird es hergestellt?

Fruchtpapier ist ein Snack aus hauchdünnem, getrocknetem Fruchtpüree. Hergestellt wird es, indem wir Apfel & eine andere Frucht (Mango, Ananas, Banane oder Erdbeere) mischen, fein pürieren und dann auf Blechen bei niedriger Temperatur schonend trocknen. Das Ergebnis ist eine knusprige und auf der Zunge zergehende Knabberei für zwischendurch, die aus 100 % Obst besteht – also gesund und vegan ist – und keinerlei Zusätze aufweist.

Du bist eigentlich Assistenz-Arzt. Wie kamst du auf die Idee, deinen Beruf vorerst aufzugeben und dein eigenes Unternehmen zu gründen?

Die Arbeit als Arzt machte mir meistens schon großen Spaß, aber viele Entscheidungen sind letztlich doch nicht die eigenen bzw. entspringen einer sich rasch einstellenden Routine im Krankenhausbetrieb. Ich habe mich immer nach einem eigenen Unternehmen gesehnt, in dem den eigenen Ideen und der Kreativität wenig Grenzen gesetzt sind und man Dinge einfach ausprobieren kann, wenn man sie für richtig hält. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass heutige Unternehmen wirtschaftlich und wirklich nachhaltig zugleich agieren können. Und das wollte ich gerne in die Tat umsetzen – also habe ich das DÖRRWERK gegründet.

Woher beziehst du die Lebensmittel dafür?

Ich beziehe die Lebensmittel für das Fruchtpapier derzeit überwiegend vom Großmarkt und vereinzelt von kleineren Wochenmärkten. An beiden Orten bleibt oft eine Menge Obst übrig. Ziel ist es aber, für den kommenden Sommer bzw. Herbst, die Kontakte zu Obst-Bauern weiter auszubauen und dann direkt vom Feld z. B. Äpfel und Erdbeeren zu retten.

Doerrwerk_Krautkopf

Vielen lieben Dank für das Gespräch an Zubin Farahani.

Ein Ende der Lebensmittelverschwendung ist noch lange nicht in Sicht, aber seit einigen Jahren setzen sich immer mehr Menschen wie Lea, Tanja (CulinARy MiSfiTs) und Zubin (DÖRRWERK) dafür ein, ein größeres Problembewusstsein in unserer Gesellschaft zu schaffen. Am bekanntesten ist vermutlich die Slow Food Bewegung, die sich für eine Änderung des Lebensmittelsystems engagiert. Die Organisation fördert eine verantwortliche Landwirtschaft, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt. Lebensmittel sollen sauber und nachhaltig hergestellt werden, also ohne die Ressourcen der Erde und die Umwelt zu belasten und die soziale Gerechtigkeit zu missachten. Slow Food steht für die Wertschätzung guter Lebensmittel und die Pflege der Kultur des Essens.

Durch Unternehmen wie der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. und Foodsharing wurden großartige Möglichkeiten entwickelt, um die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren. Beim Foodsharing kann jeder von uns mitmachen und dafür sorgen, dass weniger Obst und Gemüse im Müll landet. Auf gehts!

Titelbild: © Culinary Misfits

Schief ist schön: Essen retten (Teil 1)

| von 
Wir ernähren uns möglichst von regionalem Obst und Gemüse. Das fällt im Sommer und Herbst mit bunt gefüllten Marktständen sehr leicht, wird im Winter bis zum Frühlingsbeginn aber wirklich zu einer Herausforderung und auch wir kommen dann ab und zu an den Punkt, an dem wir etwas anderes als Äpfel und Kohl essen möchten. Heute ist es selbstverständlich, dass wir das ganze Jahr über frische Lebensmittel aus der ganzen Welt beziehen. Dabei vergessen wir nicht nur, mit der Natur und ihren Jahreszeiten zu leben, sondern oft auch den enormen Aufwand, der betrieben wird, um uns das ganze Jahr über meist…

Hi, wir sind Susann und Yannic, seit 2006 ineinander verliebt, leben und arbeiten wir als Fotografen in Berlin. Wir lieben es zu essen und zu kochen, ernähren uns seit vielen...

Zum Autor

Freitag, 27. März 2015, 0:52 Uhr

Schief und krumm ist sowas von schön! Tolle Projekte und tolle Menschen, die sie umsetzen!
Lg Vera