Selbstversuch: Ein Monat ohne Plastik

| von 
„Wir sind Kinder des Plastik-Zeitalters.”
Wern­er Boote

Wern­er Boote spricht im Doku­men­tarfilm Plas­tic Plan­et von der Plas­tikzeit als Nach­fol­ger der Stein-, Bronze- und Eisen­zeit.  Plas­tik – eine Art von Kun­st­stoff, die heutzu­tage all­ge­gen­wär­tig in unser­er Umwelt und selb­stver­ständlich in unserem All­t­ag gewor­den ist. Es wird häu­fig mit Hygiene in Verbindung gebracht. Lebens­mit­tel und Pro­duk­te sind in Plas­tik eingeschweißt oder Ein­we­gar­tikel sind aus diesem Mate­r­i­al. Dabei ist Plas­tik ganz schön schmutzig. Es wird aus Erdöl gewon­nen, ein immer knap­per wer­den­der, fos­siler Rohstoff. Bei dessen Förderung, Trans­port und Ver­wen­dung wird die Umwelt häu­fig ver­schmutzt. Dazu kommt, dass Plas­tik eine immense Halb­w­ertzeit mit­bringt: Bis zu 450 Jahre kann es dauern bis eine PET-Flasche sich zer­set­zt hat und zu Mikro­plas­tik wird. Welch Ironie, dass die Nutzungs­dauer dage­gen meis­tens sehr kurz aus­fällt.

Plastik Muell
„Ich möchte mir bewusst wer­den, wie sehr mein All­t­ag von Plas­tik dominiert wird und stelle mich selb­st der Her­aus­forderung, einen Monat so gut es geht auf Plas­tik zu verzicht­en.”

Die ersten Reak­tio­nen: Meine Fam­i­lie stellt meine asi­atis­che Herkun­ft in Frage, wird Plas­tik in Viet­nam doch als das Mate­r­i­al über­haupt ange­se­hen: leicht und trotz­dem robust, gün­stig und so schön bunt. Meine Fre­unde ziehen den Hut vor meinem Vorhaben. Auf jeden Fall sorgt das The­ma für anre­gende Gespräche und Diskus­sio­nen am WG-Küchentisch, im Seifen­fachgeschäft, im Büro.

Los geht’s: Mein Leben ohne Plastik!

Plastikfrei Bad

Tag 1

Es geht los. Alles was ich anfasse, scheint sich plöt­zlich in Plas­tik zu ver­wan­deln. Ange­fan­gen bei der Zahn­bürste. Und der Zah­n­pas­ta. Gibt es Zah­n­pas­ta ohne Plas­tikver­pack­ung? Und manche Pas­ten haben sog­ar Plas­tik als Inhaltsstoff habe ich gele­sen. Und das soll also gut für meine Zähne sein? Beim Duschen greife ich zum Sham­poo und set­ze einen weit­eren Punkt auf meine Einkauf­s­liste: Plas­tik­freie Stück­seife. Also für den Kör­p­er. Funk­tion­iert das auch für meine Haare? Google wird mein Fre­und. „Erset­zen“ mein Lieblingsword. Ich finde her­aus: Seifenkraut, kann man aufkochen, um sich dann die Haare zu reini­gen. Als ich meinen Kol­le­gen davon erzäh­le, ver­ab­schieden sie sich von meinem schö­nen Haar. Denen werde ich es zeigen.

Plastikfreie Verpackung

Mein Früh­stück packe ich in meine Tup­per­dose. Aus Plas­tik. Meine Lunch­box ist aus Glas. Ich greife zur Wasser­flasche, ver­dammt, Plas­tik! Auch wenn Pfand­flaschen recy­cled wer­den, geht der Kreis­lauf nicht zu 100 % weit­er. Dazu kommt der hohe Energieaufwand. Na gut. Glas­flasche mit Leitungswass­er befüllen. Hand­tasche gegen Ruck­sack aus­tauschen, die ganzen Box­en und Flaschen trage ich lieber auf zwei Schul­tern.

Selb­st­gemacht statt gekauft

Plastikfreie Zahnpasta

Im Badez­im­mer find­et sich der meiste Plas­tik­müll an. Ich habe mir Bam­buszahn­bürsten gekauft und eigene Zah­n­pas­ta aus Kokosöl, Back­pul­ver und Minzöl gemixt. Kokosöl ist mein neuer Fre­und, ich nutze es näm­lich auch als Body Lotion. In Lüneb­urg bin ich let­zte Woche eher zufäl­lig an einem kleinen Seifen­fachgeschäft vor­beigekom­men. Da ich nir­gends Seifenkraut auftreiben kon­nte, wurde ich hier umfan­gre­ich berat­en und marschierte als stolze Besitzerin der ältesten Seife der Welt wieder hin­aus (also das Rezept aus Soda, Olivenöl und Wass­er ist so alt, nicht die Seife). Mit dieser Seife wasche ich mich nun, inklu­sive Haare. Toi­let­ten­pa­pi­er ohne Plas­tikver­pack­ung habe ich bish­er nicht auftreiben kön­nen. Am Ende des Tages stelle ich mir meine eige­nen Regeln auf: Haut­creme und Make-Up darf ich weit­er­hin benutzen. Dass mein Deo trotz Glasver­pack­ung einen Plas­tik­ball hat, nehme ich in Kauf. Mein Plas­tikpro­jekt soll mich in meinem Büroall­t­ag nicht ein­schränken. Generell fokussiere ich mich auf Ver­brauch­sar­tikel, also PC, Kühlschrank und Co wer­den weit­er­be­nutzt

Tag 2

Ich war einkaufen. Beim Bezahlen fällt mir auf: Jute­beu­tel vergessen. Mist. Die kleinen Plas­tik­tüten hin­ter der Kasse winken mir schon zu. Ich tue so als hätte ich sie nicht gese­hen und gehe demon­stra­tiv an ihnen vor­bei, meine Einkäufe gekon­nt zwis­chen ver­schränk­ten Armen und Kinn eingek­lemmt bal­anciere ich alles nach Hause. Da hab ich mir was einge­brockt mit dem Plas­tik sparen.

Superamrkt Plastik Verpackungen

Generell bekomme ich halbe Zusam­men­brüche im Super­markt. Alles ist ver­packt und selb­st Pro­duk­te, die auf den ersten Blick nach Pap­pver­pack­ung ausse­hen haben entwed­er ein Sicht­fen­ster aus Plas­tik oder eine extra Plas­tik­tüte steckt darin. Fleisch geht gar nicht.

Tag 3

Für die Spül­mas­chine nutze ich statt der Tabs Pul­ver. Für die Teller­wäsche per Hand bin ich ein Fan von Ecov­er, eingepackt in recycel­tem Plas­tik.

Tag 4+5

Es hat sich bei der Arbeit herumge­sprochen, dass ich auf Plas­tik verzicht­en möchte. Das schafft Aufmerk­samkeit bei den Kol­le­gen. Es wird auf alles gezeigt, was aus Plas­tik ist: Stift, Lap­top, Handy, …

Obstsalat Verpackung Ohne Plastik

Tag 6

Das mit der Glas­flasche für Wass­er klappt gut. Hier bei OTTO haben wir sog­ar eine eigene Wasserquelle. Und bei uns in der Büroküche haben wir zudem einen Auf­bere­it­er für Kohlen­säure und so. Statt mit seinen Kol­le­gen auf eine Zigarette rauszuge­hen, geht man bei uns eine Runde Wass­er holen. Mit­tler­weile habe ich auch eine Brot­dose aus Edel­stahl. Irgend­wie schön, sein Früh­stück so ein­pack­en zu kön­nen.

Tag 7

Ich bin eine lei­den­schaftliche Snack­erin. Lei­der darf ich wed­er bei den Schoko-Bons zugreifen, noch meine oblig­a­torische Tüte Trockenob­st kaufen. Aber da meine neue Brot­dose sehr geräu­mig ist, schnei­de ich mir eben frischen Apfel für den Nach­mit­tag, lei­der nasche ich alles schon vor dem Mit­tag. Da hil­ft nur noch Kaf­fee.

Kaffee

Tag 8

Mein Inter­esse steigt und steigt. Es steigt soweit, dass ich mir den oben erwäh­n­ten, 90-minütigen Film von Wern­er Boote anschaue.

Tag 9

Mülltüten gibt es übri­gens auch in recycelt, sind aber teuer. Also wick­le ich – soweit es geht – meinen Müll in Alt­pa­pi­er. Schnit­tbrot kaufte ich bish­er auch immer in Plas­tik­tüten. Daher starte ich den Tag alter­na­tiv mit ein­er Banane.

Banane Zum Fruehstueck

Tag 10

Oliven­seife als Sham­poo war ein Schuss in den Ofen. Ich füh­le mich nach der Dusche unge­duscht: Meine Haare sind schw­er und sträh­nig. Bei Lush kaufe ich mir eine extra Haar­seife inklu­sive fes­ch­er Met­all­dose für die Reise.

Tag 11

Beim Viet­name­sen um die Ecke möchte ich mir Som­mer­rollen mit­nehmen. Dass sie diese statt in ein­er Plas­tik­box in meine Edelstahl-Lunchbox ein­pack­en sollen ist gar kein Prob­lem.

Sommer Rollen

Beim Smooth­ie to go lassen sie für mich den Plas­tikdeck­el weg. Fra­gende Blicke ernte ich trotz­dem und erzäh­le in Kurz­fas­sung von meinem Vorhaben.

Smoothie To Go

Tag 12 – 14

Fam­i­lien­woch­enende! Wir fahren zu meinem Onkel. An der Tür werde ich her­zlich von meinem kleinen Cousin begrüßt. Auf seine Weise her­zlich: Er beschießt mich mit seinem neuesten Spielzeug, einem Plastik-Gewehr, mit tausenden von Plas­tikkugeln. Meine Predigt über den infla­tionären Gebrauch von Plas­tik lässt den Achtjähri­gen unbeein­druckt. Komisch.

Tag 15 – 16

Ich mei­de mit­tler­weile Super­märk­te und kaufe alles, was ich bekomme auf dem Wochen­markt bei mir um die Ecke. Heute bin ich jedoch in Berlin und betrete neugierig den Orig­i­nal Unver­packt Laden mit­ten in Kreuzberg. Pas­ta, Cremes oder sog­ar Vod­ka kann ich mir in meine eigens mit­ge­bracht­en Behäl­ter abfüllen – cool!

Unverpackt Einkaufen Weniger Plastik

Tag 17

Meine Mama feiert 25-jähriges Jubiläum bei ihrem Arbeit­ge­ber und ich möchte ihr zu diesem Anlass (noch mehr) Blu­men schenken (sie hat ja schon vier Sträuße von ihren Kol­le­gen bekom­men). Da ich spät dran, bin stürze ich ins näch­ste Geschäft und finde eine äußerst sel­tene Orchidee. Also, die gab es nur zwei Mal in dem Regal. Ärg­er­licher­weise ist sie von Plas­tik umhüllt. Die Arme! Aus Zeit­not werde ich schwach und nehme sie trotz­dem mit. Meine Mama freut sich.

Plastikverpackung Blumen

Tag 26

Wir sind in der O2-World und schauen uns „Plan­et Erde – Live in Con­cert“ an. Die einzel­nen Geschicht­en, zusam­menge­set­zt aus den besten Szenen der BBC Doku-Reihe, wer­den von Max Mohr mod­eriert und vom 80-köpfigen Orch­ester der Prager Phil­har­moniker begleit­et. Ein gigan­tis­ches Spek­takel also. Schade, dass der Bech­er in mein­er, und in vie­len anderen Hän­den aus Plas­tik ist, während Max dazu aufruft die Schön­heit der Erde zu erhal­ten.

Tag 28

Am let­zten Tag mein­er Chal­lenge haue ich nochmals richtig auf mein Plastik-Konto. Mit 800 anderen Gästen feiere ich das viet­name­sis­che Neu­jahrs­fest und fab­riziere dadurch einen Haufen Müll. Denn, das Beste am Neu­jahrs­fest ist das leckere Essen. So leck­er, dass ich mein Gewis­sen für diesen Abend auss­chalte und mit Plastik-Besteck von meinem Plastik-Teller esse, der in Plastik-Folie eingewick­elt war.

Plastikgeschirr Neujahrsfest

Wie gesagt, Plas­tik ist bei Viet­name­sen ein sehr beliebtes Mate­r­i­al. Als ich nachts nach Hause komme, erin­nere ich mich an mein leeres Zahnpasta-Glas. Doch trotz Müdigkeit lasse ich auch heute die kon­ven­tionelle Zahnpasta-Tube links liegen, laufe in die Küche und mixe mir fix neue Zah­n­pas­ta, dies­mal mit weniger Back­pul­ver.

Nach der Challenge

um es vor­weg zu nehmen: Ich bin wieder dem Plas­tik ver­fall­en. Meine Edel­stahltrink­flasche und –box sind zwar noch regelmäßig in Gebrauch, aber ich erwis­che mich lei­der so manch­es Mal dabei, aus Bequem­lichkeits­grün­den nachzugeben, so zum Beispiel bei Süßigkeit­en. Zahn­bürste und Zah­n­pas­ta wur­den auch zurück­er­set­zt – die Bam­buszahn­bürste hielt meinem aggres­siv­en Zahnputz-Stil nicht lange stand und ich gebe zu, dass ich den Pfef­fer­minzgeschmack im Mund dem Back­pul­ver vorziehe. Es ist jedoch keine voll­ständi­ge Res­ig­na­tion.

Seife Unverpackt
„Aber: Mein Plastik-Konsum hat sich deut­lich ver­ringert. ”

Ich gehe viel bewusster einkaufen und mein Gewis­sen hat mir fre­undlicher­weise auch ein Plastik-Konto ein­gerichtet, das jedes Mal, wenn ich Plas­tik in der Hand halte, fröh­lich klin­gelt und mich innehal­ten lässt, ob ich das ger­ade wirk­lich kaufen möchte. Als Smalltalk-Thema hat sich dieses Pro­jekt auf jeden Fall bewährt. Und im pri­vat­en Umfeld habe ich damit den ein oder anderen Fre­und für das The­ma sen­si­bil­isieren kön­nen. Meine Mama präsen­tierte mir vor Kurzem stolz ihr neues Küchen­sieb aus Met­all statt Plas­tik. Na, wenn das kein guter Erfolg ist!

 

Aufmacher © Fotolia – Ivan Kruk

Sharing Economy: Die neue Art zu teilen

| von 
Wenig Besitz kann glücklich machen? Ja, richtig gelesen. Während die Werbung uns immer noch ständig verkauft, dass wir dies oder das unbedingt besitzen müssen, um zufrieden zu sein, entwickelt sich das Bewusstsein vieler Menschen zunehmend in eine andere Richtung. Zumindest wenn ich meinem näheren Umfeld Glauben schenken darf: Autos, Markenbekleidung, teure Elektronikgeräte. Heutzutage muss man kaum mehr etwas besitzen und kann scheinbar doch alles haben. Das Zauberwort: Sharing! Vor Kurzem waren Bekannte in meiner neuen Wohnung zu Besuch und musterten mein Schlafzimmer, als hätte ich etwas verbrochen. „Geschmack hast du ja eigentlich schon“, ließen sie mich wissen, um mich…

Moin, ich bin Marie. Waschechte Hamburgerin und nordisch by nature. Hier bei OTTO halte ich für re:BLOG Ausschau nach spannenden Ideen und Menschen, coolen Eco-Outfits und berichte für euch von...

Zum Autor

felix
Montag, 29. August 2016, 18:26 Uhr

Schade das es du dich nicht durchge­set­zt hast, mit den Verzicht auf Plas­tik. Vielle­icht helfen dir die Tipps weit­er: Natur­pro­duk­te bei Zah­n­pas­ta (wenn du doch Tuben willst. Defin­i­tiv ohne mikro­plas­tik) Zahn­bürste gibts mit wechselkopf(wenn plas­tik) ,feste Sham­poo­seifen (schau mal bei Sauberkun­st) ,Deo im Glas ist weniger Plas­tik. Hoffe sind ein paar Anre­gun­gen dabei?

Christoph
Donnerstag, 20. August 2015, 13:08 Uhr

Guter Ansatz – gute Sto­ry und gefühlt richtig. Hast Du Dich bei Deinem Selb­stver­such mal mit der Öko­bi­lanz deines neuen Lebensstil beschäftigt? Ist es ökol­o­gisch ins­ge­samt bess­er, Glas, Met­all und Papi­er zu nutzen als ggf. Mehrweg-Tupperware-Boxen?

Noch bessere wäre es, ins­ge­samt auf „Ein­weg“ zu verzicht­en, siehe z. B. Tag 11 🙂

Montag, 27. Juli 2015, 18:06 Uhr

Tolle Doku­men­ta­tion!

Auch ich ver­suche seit einiger eit meinen Müll zu reduzieren. Es ist echt schw­er. Vorallem wenn der Fre­und nicht mit­macht! 🙂

Ich habe vor einiger Zeit mal eine Liste mit Zero Waste Alter­na­tiv­en aufge­führt – ist natür­lich noch aus­baufähig – aber diese Dinge mache bzw nutz ich aktuell. Den­noch ist es super schw­er und nicht immer ein­fach!

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