Deutschland der Länge nach

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Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“, lautet ein bekanntes Zitat des deutschen Dichters Matthias Claudius aus dem Jahr 1774. „Viel wandern macht bewandert“, schrieb der deutscher Philologe und Aphoristiker Otto Kimmig alias Peter Sirius 1899 in seinem Buch „Tausend und ein Gedanken“. Dass sich an diesen beiden Weisheiten anno 2018 nichts geändert hat, konnte ich diesen Sommer auf meiner 2,2 Millionen Schritte langen Reise von der südlichsten Spitze Deutschlands zur nördlichsten Spitze Deutschlands erfahren. Was ich dabei (und teilweise schon auf meinem Jakobsweg und meiner Alpenüberquerung) alles gelernt habe, erfährst du hier.

1. Deutschland ist groß

In Zeiten, in denen wir mit Flugzeugen, der Bahn, f(l)ixen Bussen, Pkws und E-Bikes so schnell unterwegs und so mobil sind wie nie zuvor, ist uns nicht mehr bewusst, wie groß unser Land ist. Vom südlichsten Punkt Deutschlands am Haldenwanger Eck in den Allgäuer Alpen zum nördlichsten Punkt am Ellenbogen auf Sylt sind es Luftlinie 875 Kilometer. Obwohl ich, abgesehen von dem Schlenker zum Bodensee, keine großen Umwege gemacht habe, kamen auf meiner Route 1735 Kilometer und 24.930 Höhenmeter im Aufstieg zusammen.

Unmittelbar erlebt, also detailliert gesehen, gefühlt, gerochen und geschmeckt habe ich links und rechts von mir ein paar Meter, überblickt allenfalls ein paar Kilometer. Die übrigen zahlreichen Kilometer links und rechts (vom westlichsten zum östlichsten Punkt Deutschlands sind es Luftlinie 640 km) habe ich gar nicht wahrgenommen.

2. Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein

„Meine gesamte Ausrüstung für die 73 Tage wog acht Kilogramm und passte in einen 32-Liter-Rucksack. ”

Ein naturnaher Weg, ausreichend Wasser, eine Mahlzeit, ein gutes Gespräch, ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, eine Mütze Schlaf. Mehr kann ich unterwegs nicht erwarten und mehr brauche ich auch nicht, um glücklich zu sein. Auch das Naturerlebnis kann uns zu unseren Wurzeln und dem, was für uns wichtig ist, führen.

Wanderung Sonnenuntergang Gruppe

Der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson brachte das im 19. Jahrhundert mit den wunderschönen Worten zum Ausdruck: „Abends ging ich hinaus in die Dunkelheit, da sah ich einen schimmernden Stern und hörte einen Frosch quaken. Die Natur schien zu sagen: Nun? Ist das nicht genug?“ Mich lehrt diese einfache Fülle beim Fernwandern, auch im Alltag minimalistisch zu leben und mit weniger glücklicher zu sein.

3. Aus der Agrarlandschaft wurde ein Industriegebiet

Meine Fußreise führte mich leider nicht nur durch schöne Wälder, Mittelgebirge wie die Schwäbische Alb und geschützte Gebiete wie das Biosphärenreservat Rhön und das Weltnaturerbe Wattenmeer, sondern auch tagelang durch dicht besiedelte und landwirtschaftlich stark genutzte Regionen. Eine abwechslungsreiche Agrarlandschaft mit gesunden Böden und Erträgen, wie ich sie noch aus meiner Kindheit kenne, existiert kaum mehr. Es werden nur noch die Hybriden der drei Kulturpflanzen Mais, Raps und Weizen unter Verwendung tonnenweiser Chemikalien angebaut. In diesen subventionierten Industriegebieten gibt es keine natürlichen Kreisläufe mehr.

Industriegebiet
„Die Böden, das Grundwasser, die wilden Pflanzen und die Tierwelt werden vergiftet und zerstört. ”

Der Kollaps ist bereits in vollem Gange, was etwa das Insektensterben verdeutlicht. Noch sind die Landwirtschaft und wir zu retten. Es gibt zukunftsfähige Alternativen, beispielsweise der kleinbäuerliche Bioanbau, die solidarische Landwirtschaft, Permakultur und essbare Wildpflanzenparks. Wer sich für diese Alternativen sowie weitere Vorschläge für ein Leben in Harmonie mit der Natur, unseren Mitmenschen und uns selbst interessiert, dem empfehle ich das Buch „Artgerecht – 13 Thesen zur Zukunft des Homo Sapiens“ von Dr. Markus Strauß.

4. Wandern ist mobile Meditation

Yoga, Zazen, Vipassana, autogenes Training, Klosterurlaub – brauch ich alles nicht. Wandern ist meine mobile Meditation. Dieser Zustand stellt sich am schnellsten ein, wenn ich durch einen einsamen Wald gehe oder einen Berg erklimme.

Wandern Meditation
„Ich konzentriere mich dabei auf meine Schritte und Atmung. Irgendwann ist der Kopf frei und das Herz offen.

5. Auf Schnecken zu warten, sollte gut überlegt sein

Auch wenn der Kopf frei und das Herz offen ist, kommen auf solch wochenlangen Wanderungen schon mal komische Gedankenspiele auf. Am 18. Juli schrieb ich folgendes in meinen Bericht: „Als am nächsten Morgen die feuchte Erde unzählige Schnecken auf den Weg treibt und ich über sie hinweg steigen muss, kommt mir eine blöde Frage: Wie lange müsste ich auf eine Schnecke (nicht meine Schnecke) auf Sylt warten, wenn wir zusammen im Allgäu gestartet wären und die Schnecke den halben Tag kriecht und den halben Tag ruht? Nimmt man an, dass es eine Weinbergschnecke wäre, ist die Rechnung einfach. Die Tierchen legen nämlich rund vier Meter pro Stunde zurück. 102 Jahre müsste ich also am Sylter Ellenbogen warten. So viel Zeit hab ich dann doch nicht.“

6. Gehen ist die natürlichste und nachhaltigste Fortbewegungsart

Auch wenn heutzutage alles schneller, weiter und moderner gehen muss, sind Rennen, Radeln, Segwayen, Busfahren, Zugfahren, Autofahren, Paragliding und Fliegen gescheiterte Versuche, etwas Perfektes, nämlich das Gehen, zu verbessern.

Gehen Ist Gesund Natuerlich NAchhaltig
„Gehen ist die ursprünglichste, natürlichste, gesündeste und nachhaltigste Fortbewegungsart des Menschen.

7. Wandern: KEIN Lieblingshobby der Deutschen

„Wandern ist voll im Trend“, „Volkssport Wandern“ und „Wandern ist typisch deutsch“ – solche Sprüche und Schlagzeilen hat jeder schon mal gehört. Das deutsche Wort Wanderlust gibt es sogar in anderen Sprachen wie Englisch, Irisch, Dänisch und Italienisch. Doch im Laufe meiner Deutschlanddurchquerung zweifelte ich immer mehr an der Wanderlust der Deutschen, zumindest im eigenen Land.

Alleine Wandern

So notierte ich am 11. Juli: „Auch auf den letzten vier Etappen auf dem Schwäbische-Alb-Oberschwaben-Weg bekomme ich keinen einzigen Fernwanderer zu Gesicht. Noch krasser: In der Woche, seit ich den Bodensee verlassen habe, treffe ich nicht mal Tageswanderer – Spaziergänger mit Hund ausgenommen. Und ich dachte, Wandern ist der Deutschen liebstes Hobby. Stattdessen sehe ich die Menschen in Büros und Häusern, in Autos und auf E-Bikes, in Fußgängerzonen und Geschäften, in Cafés und Biergärten. Ging nicht vieles besser, wenn wir mehr gingen?“

8. Der Umstieg auf erneuerbare Energien reicht nicht aus

Gleich hinter Husum, am 68. Tag nach meinem Aufbruch in den Allgäuer Alpen tauchte sie dann plötzlich auf, die Nordsee. Ich stieg auf den Deich und erst am Tagesziel wieder runter. Vom Deich aus hatte ich die beste Sicht auf das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer, auf die Halligen, die Insel Föhr und die zahlreichen Wasservögel und konnte beobachten, wie das Wasser zur Ebbe zurückweicht.

Ebbe Spaziergang Ueber Das Wattenmeer

Auf der anderen Seite – im doppelten Sinne – sah ich Windräder, nicht eine Handvoll sondern meist über hundert. Am Abend schrieb ich folgendes in meinen Bericht: „Ich bin für die Energiewende, erkenne aber auch die Probleme, die die erneuerbaren Energien wie Solarstrom oder Windenergie mit sich bringen. Ich glaube, einzig eine Postwachstumsökonomie und ein einfacher, wirklich nachhaltiger Lebensstil aller kann uns noch retten. Weniger bewirkt viel. Nur wer will auf Konsum, Auto, Mobilität, Wohnungsfläche, Fernreisen, Fleisch, Flugobst & Co. verzichten oder diese zumindest stark reduzieren?“

Nordsee Wiese Meer

9. Das Fernwandern zählt zu den günstigsten Arten zu Reisen

Ich habe auf meinem Weg vom Allgäu bis nach Sylt im Schnitt pro Tag 49 Euro für Verpflegung und Übernachtung ausgegeben. Wer seltener essen geht und öfter in Schlafsälen (oder gar im Zelt) nächtigt als ich, kommt mit noch weniger aus.

Verpflegung Fernwandern

Eine dreiwöchige Fernwanderung in Europa ist inkl. An- und Abreise mit Bus oder Bahn für unter 1000 Euro möglich. Das zahlt manch einer alleine für die Flüge ans Ende der Welt und zurück.

10. Nach der Fernwanderung ist vor der Fernwanderung

Als ich am 73. Tag den nördlichsten Punkt Deutschlands am Ellenbogen auf Sylt erreichte, war ich glücklich und stolz. Aber es schwang auch Wehmut mit.

„So frei und belebt wie unterwegs fühle ich mich daheim nicht immer.”
Fernwanderung Sylt

Das ist nicht schlimm, weiß ich doch, dass nach der Fernwanderung vor der Fernwanderung ist. Das Fernwandern bleibt für mich die minimalistischste, nachhaltigste und erfüllendste Art zu Reisen.

Was ich sonst noch alles auf meiner Wanderung erlebt habe, steht übrigens in meinem E-Book „Deutschland der Länge nach – 73 Tage und 1735 km von den Allgäuer Alpen bis Sylt“.

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Hallo, ich heiße Christof und schreibe auf meinem Blog über Minimalismus und Nachhaltigkeit. Ohne materiellen Überfluss, negative Beziehungen und unnötige Verpflichtungen zu leben, führt zu persönlichem Glück und gesellschaftlichem Gewinn....

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