Anders als alle: das Experiment „Slow Fashion“

| von 

Da bin ich wieder! Ich hat­te euch ja schon vor ein­er Weile von meinem „Klamotten-Konsum-Wandel“ (was für ein Wort!) erzählt. Der Plan, den ich damals aus­ge­heckt hat­te: Schluss-Aus-Vorbei mit Mode, die ohne Rück­sicht auf Ver­luste bei Men­sch, Tier und Umwelt pro­duziert wird – mas­sig, bil­lig, kur­zlebig. Stattdessen wollte ich von nun an darauf acht­en, dass die Sachen, die ich kaufe, in erster Lin­ie fair pro­duziert sind. Klar, auch Umwelt­fre­undlichkeit und der Verzicht auf tierische Mate­ri­alien soll­ten eine Rolle spie­len. Da es aber immer noch schw­er ist, Labels zu find­en, die es wirk­lich auf ganz­er Lin­ie richtig machen, ist es wichtig, Pri­or­itäten zu setzen.

Aber mal But­ter bei die Fis­che: Was ist nun – fast ein halbes Jahr später – aus der Idee gewor­den, Klam­ot­ten bewusster zu kon­sum­ieren? Zu welchen Erken­nt­nis­sen bin ich gekom­men? Wie schwierig ist es tat­säch­lich, sich umzustellen? Bin ich glück­lich oder gen­ervt? Was sagen Kon­to­stand und Klei­der­schrank zu meinem Sinneswan­del? Ober habe ich sog­ar aufgegeben? Das Aller­wichtig­ste zuerst: Nö, ich habe nicht hin geschmis­sen. Warum auch? Denn wie ihr gle­ich an mein­er Liste der wichtig­sten Erken­nt­nisse, Effek­te und High­lights sehen werdet, gibt es nur pos­i­tive Punk­te. Mit leuch­t­en­den Augen und einem guten Gefühl lege ich nun also mal los.

Schuhe anziehen

1. Was für`n Spaß!

Da ich mit dem The­ma vorher wenig am Hut hat­te, hieß es natür­lich erst­mal: „Ab auf die Suche!“. Welche Labels gibt es? Welche liegen in mein­er Preisklasse, passen zu meinem Stil und sind außer­dem leicht ver­füg­bar? Ich habe mich natür­lich jedes Mal sehr gefreut, wenn ich neue Stores und Labels ent­deckt habe, die passten und meist von jun­gen Leuten mit ein­er tollen Vision gegrün­det wur­den. Wenn ich dort kaufe, freue ich mich nicht nur über ein neues Teil, son­dern auch darü­ber, eine Idee zu unterstützen.

2. Weniger Sinnlosigkeit

Ich kaufe längst nicht mehr so sinn­los wie früher. Die Anzahl der Klam­ot­ten, die ich kaufe und dann doch nicht anziehe, hat sich um etwa 90 Prozent reduziert. Das hängt wohl damit zusam­men, dass ich nicht mal eben an einem entsprechen­den Laden vor­beikomme und mir denke: „Ach, guck­ste mal kurz rein und nimmst irgend­was mit“. Wenn ich einkaufen gehe, ist das gut über­legt und eine wesentlich bewusstere Entscheidung.

Kleiderstange

3. Absolut im Plus

Ihr kön­nt es euch vielle­icht denken: Dadurch, dass ich weniger spon­tan kaufe, gebe ich auch weniger aus. Außer­dem habe ich mehr von den Sachen, in die ich mein Geld stecke, weil ich mir ein­fach bess­er über­legt habe, ob ich das auch wirk­lich brauche oder ob es auch wirk­lich zu mir passt.

4. Stolz wie Bolle!

Dadurch, dass ich Sachen bewusster kaufe, haben sie einen ganz anderen Wert. Ich kann euch zu jedem Teil erzählen, wo ich es aufge­ga­belt und wahrschein­lich auch, was ich bezahlt habe – eben weil ich es nicht kurz mal auf dem Weg irgend­wohin schnell in eine Tüte geschmis­sen habe. Neulich habe ich beispiel­sweise in einem Vintage-Laden einen tollen Rock gekauft. Eine Fre­undin war hin und weg als sie ihn sah. Ihr ken­nt das vielle­icht: Wenn etwas neu ist und jemand danach fragt, tut man so, als hätte man es eh schon ewig rum­liegen, nur eben ein­fach noch nicht so oft ange­zo­gen. Habe ich früher auch so gemacht. In dem Fall aber bin ich ganz anders damit umge­gan­gen: Ich habe stolz wie Bolle erzählt, dass der Rock sec­ond­hand ist und ich dafür einen guten Preis gezahlt habe.

slow Fashion second Hand

5. Ein Geständnis …

Unter diesem Punkt muss ich euch kurz was geste­hen: Natür­lich fiel es mir anfangs schw­er, wenn ich an den Schaufen­stern der Fast-Fashion-Läden vor­bei gurk­te und darin ein cooles Teil sah. Ich musste mich selb­st manch­mal am Kra­gen mein­er Jacke ziehen, um nicht in den Laden zu laufen. Bis ich auf einen ein­fachen Trick kam, der im Kopf entste­ht: Wenn ich früher Sachen im Schaufen­ster sah, zählte mein Kopf Pro-Argumente auf, warum es nichts schaden kön­nte, doch mal in den Laden zu guck­en – würde super gut zu den neuen Schuhen passen und ziem­lich gün­stig ist es ja auch (was übri­gens das Fatale an Fast Fash­ion ist: Ob es uns so richtig gefällt oder nicht – wir kön­nen es ja mal mit­nehmen, weil es finanziell nicht wehtut. So entste­hen Müll­berge und die Indus­trie wird weit­er ange­heizt, Massen zu pro­duzieren). Heute ist es umgekehrt: Mein Kopf zählt die Kontra-Argumente auf und ruft so noch mal in Erin­nerung, warum ich nicht dort kaufen sollte – unfaire Arbeits­be­din­gun­gen, die umwelt­be­las­tende Pro­duk­tion und riesige Müll­berge. Denn Fast Fash­ion ist schnell da, aber eben auch schnell wieder in der Tonne. Fünf gute Gründe. Das ist doch ganz ordentlich, oder? Aaach… da fällt mir glatt noch Numero 6 ein:

6. Anders als alle

Ich sehe plöt­zlich nicht mehr aus wie alle. Ich komme zu kein­er Hochzeit oder Par­ty mehr und trage das gle­iche Kleid oder den gle­ichen Pul­li wie drei Andere. Weil die Art, wie ich kaufe und wo ich kaufe, ganz indi­vidu­ell ist. So, zum Schluss muss ich euch noch was anderes geste­hen: Voll ist mein Klei­der­schrank trotz­dem schon wieder. Aber vielle­icht hat das ja auch ein wenig mit dem Frau­sein zu tun. Und immer­hin muss ich dieses Mal kein schlecht­es Gewis­sen haben 🙂

Lust, mehr über Slow Fashion zu erfahren?

Vor ein paar Tagen ist übri­gens das Buch „Fash­ion made fair“ erschienen, ein Bild­band, der einen gelun­genen Überblick über den aktuellen Stand nach­haltiger Mode gibt. Über 30 Slow-Fashion-Designer aus der ganzen Welt und inno­v­a­tive Geschäftsmod­elle, beispiel­sweise über die Ein­beziehung von Kon­sumenten oder das Leasen und Recy­clen von Klei­dern, wer­den hier vorgestellt. Ein biss­chen stolz sind wir natür­lich auch, denn – klein­er Trom­mel­wirbel – unser re:BLOG wird auch erwähnt.

Fashion made fair

© Pres­tel Verlag

Und wer mehr von mir lesen möchte, find­et auf meinem neuen Blog Hel­l­laut ganz viel rund um die The­men Nach­haltigkeit und gute Laune!

Für kein Geld der Welt: Interview mit Raphael Fellmer

| von 
Könnte wirklich alles so einfach sein? Das ist eine der Fragen, die unwillkürlich aufkommt, wenn man sich mit Raphaels Lebensstil befasst. Er ist einer, der weiter geht, der die letzte Konsequenz zieht. Über fünf Jahre lebte er ohne Geld, im „Geldstreik“ wie er es selbst nennt. Es begann alles im Jahr 2010 mit einer Reise von Den Haag nach Mexiko. Zurück in Europa ließ er sich in seiner Heimatstadt Berlin nieder, lebte weiterhin ohne Knete, dafür mit Frau und bald auch mit Kind. Sie zogen in eine leerstehende Wohnung, die Lebensmittel wurden containert. In der Praxis bedeutete das für…

Moin, ich bin Sophie, Rosinenaussortiererin, Sport-Unfan, Handy auf lautlos-Stellerin, Teilzeit-Dickkopf und deshalb Vollzeit-Freiberuflerin für Redaktion und Social Media. Als ich Marie von der Re:BLOG-Crew kennenlernte, wurde ich mit dem Interesse...

Zum Autor