Die verrücktesten Diäten der Geschichte

30. April 2020 | von

Am 6. Mai feiern wir den inter­na­tionalen Anti-Diät-Tag. Ini­tia­torin des ersten Aktion­stages im Jahr 1992 war die britis­che Autorin Mary Evans Young, die an ein­er Essstörun­gen litt und sich gegen den Schlankheitswahn und für die Akzep­tanz des eige­nen Kör­pers ein­set­zte. Alljährlich find­en sei­ther an jedem 6. Mai in vie­len Län­dern der Welt Aktio­nen gegen die Diskri­m­inierung dick­er Men­schen und für ein gesun­des Kör­per­bild statt. Für uns hier auf Soul­ful­ly ist jed­er Tag Anti-Diät-Tag, aber heute natür­lich ganz beson­ders. Um nicht wieder gebetsmüh­le­nar­tig Selb­stakzep­tanz zu predi­gen — obwohl man gar nicht oft genug darüber schreiben kann — habe ich mir für heute mal etwas Unter­halt­sames aus­gedacht. Ich stelle euch die ver­rück­testen Diäten der Geschichte vor.

Die erste Diät der Welt wird 1558 erfunden

1558: Der Diätenwahn beginnt

Das erste Diät­buch der Geschichte erscheint: „Vom maßvollen Leben“. Autor ist der Venezian­er Lui­gi Cornaro. Es enthält eine Liste erlaubter und ver­boten­er Nahrungsmit­tel und ver­spricht den Her­ren dadurch neu gewonnene Man­neskraft zu erlan­gen — per­fek­tes Marketing.

19. Jahrhundert: Apfel-Essig-Diät und Sisi

Lord Byron trinkt mehrere Tassen Apfel-Essig am Tag, um den Kör­p­er zu reini­gen. Übelkeit und Erbrechen sind die Folge und führen zu dem gewün­scht­en Gewichtsverlust.
Die öster­re­ichis­che Kaiserin Sisi (1837–1898) hat einen Tail­lenum­fang von 46 Zen­time­ter. Dafür isst sie fast nichts und treibt wie besessen Sport: Reit­en, Fecht­en und Train­ing in ihrem pri­vat­en Fit­nessz­im­mer ste­hen auf dem Pro­gramm. Sie macht die Orangendiät, Eidiät, Milchdiät, isst fet­tarme Brühe und gesalzenes, rohes Eiweiß zum Mit­tagessen und ab und zu auch mal ein Veilch­eneis. Dreimal täglich lässt sie ihr Gewicht über­prüfen und dokumentieren.
1883 taucht der Begriff „Kalo­rie“ das erst Mal auf und legt den Grund­stein für viele fol­gende Diäten.

Abnehmen mit Zigaretten geht das

Trennkost, Superkauen und elektrische Schläge

Der New York­er Arzt Howard Hay geht davon aus, dass Pro­teine und Kohlen­hy­drate nicht gle­ichzeit­ig ver­daut wer­den kön­nen und propagiert die Haysche Trennkost.
Horace Fletch­er, auch Amerikan­er, erfind­et das Superkauen, auch „Fletcheris­ing“ genan­nt. Er sagt, man kann alles essen, was man will, ohne zuzunehmen, man muss es nur min­destens 32 Mal kauen — auch Getränke. Den Speise­brei lässt man ohne Schluck­en in die Speis­eröhre fließen, was dann noch im Mund verbleibt, ausspucken.
In Frankre­ich wird unter­dessen die pas­sive Ergother­a­pie erfun­den. Zum Abnehmen lässt man sich hier­bei von 100 Strom­stößen pro Minute durchzucken.

1920er Jahre: Zigaretten-Diät

Lucky Strike fordert mit seinem Slo­gan „Reach for a Lucky instead of a sweet“ die über­wiegend weib­liche Ziel­gruppe zum Zigaret­tenkon­sum auf, statt zu essen. Noch heute greifen viele zur Zigarette, um das Hungerge­fühl zu dämpfen — dazu bekan­nte sich z. B. auch Schaus­pielerin Michelle Pfeif­fer in ihren jun­gen Jahren.

1930er Jahre: Abnehmen mit Dynamit

In den USA kommt eine Pille auf den Markt, die den Sprengstoff Dini­tro­phe­nol enthält. Durch den Wirk­stoff wird der Grun­dum­satz extrem erhöht, allerd­ings kann es auch zu Hirnöde­men und zum Herz­tod führen. Men­schen sind bere­it, das für einen schlankeren Kör­p­er auf sich zu nehmen: noch 2006 starb eine 19jährige Frau an den Fol­gen ille­gal beschaffter DNP-Präparate.

1940er Jahre: Die ersten Appetitzügler

Schlank machende Süßigkeit­en namens „AYDS“ kom­men auf den Markt. Bis in die 70er Jahre sind diese Pra­li­nen, But­ter­bon­bons und Erd­nuss­cremes der Verkauf­ss­chlager in den USA.

1950er Jahre: Hyp­nose, Band­würmer und sich selb­st „dünn­beten“

Hyp­nose wird das erste Mal zur Unter­drück­ung von Hungerge­fühlen einge­set­zt. Um an Gewicht zu ver­lieren, infizieren Men­schen sich absichtlich mit Band­würmern. Ange­blich hat auch Maria Callas durch diese Band­wur­mdiät 50 kg Gewicht ver­loren. Fakt ist: Band­würmer helfen nicht beim Abnehmen, kön­nen Krankheit­en über­tra­gen und die Organe schädi­gen. Allein der Gedanke daran lässt mich erschaud­ern! Für christliche Abnehmwillige erscheint das dage­gen harm­lose Buch „Pray Your Weight Away“ (Bete Dein Übergewicht weg), gefol­gt von „I Prayed Myself Slim“ (Ich habe mich selb­st schlank gebetet).

Mit Alkohol abnehmen wurde in den 1960ern empfohlen

Weight Watchers, Dornröschen‑, Alkohol- und Brigitte-Diät

Jean Nidetch grün­det 1963 Weight Watch­ers und organ­isiert  für die Frauen aus ihrer Nach­barschaft wöchentliche Sitzun­gen in ihrem Wohnz­im­mer. Gegen Gebühr, ver­ste­ht sich. Elvis Pres­ley war berühmtester Anhänger der Dorn­röschen-Diät — abnehmen durch schlafen. Mit­tels Schlafmit­teln sedierte er sich manch­mal über mehrere Tage, um nicht essen zu müssen. 1964 wird das Buch „The Drink­ing Man’s Diet“ von Robert Cameron ein Best­seller. Wie der Titel bere­its ver­muten lässt, ste­ht vor allem Alko­hol auf dem Diät­plan. 1969 erscheint zum ersten Mal die bis heute erfol­gre­iche kalo­rienre­duzierte Mis­chkost­diät in der Zeitschrift Brigitte.

Eine der bekanntesten Diäten ist die Kohl-Diät

Kieferverdrahtung, Atkins Diät und magische Kohlsuppe

Men­schen lassen sich das erste Mal den Kiefer ver­draht­en, um keine feste Nahrung mehr aufnehmen zu kön­nen und so die Kalo­rien­zu­fuhr zu drosseln. Lebens­ge­fährlich wird diese Proze­dur, wenn man sich übergeben muss — was dur­chaus passieren kann, wenn man viel flüs­sige Nahrung zu sich nimmt. 1972 erscheint das Buch „Die Diätrev­o­lu­tion“ von Robert Atkins und macht ihn zu einem reichen Mann. Bei Atkins Low-Carb-Diät wird viel Fleisch und Fett gegessen, Kohlen­hy­drate wer­den dage­gen wegge­lassen. Als ich ca. 14 Jahre alt war ver­bre­it­ete sich die magis­che Kohlsup­pendiät wie ein Lauf­feuer und jed­er machte sie, auch ich. Das magis­che daran ist, dass der Kör­p­er ange­blich mehr Kalo­rien bei der Ver­dau­ung ver­braucht, als in der Suppe enthal­ten ist. Man kon­nte also so viel davon essen, wie man wollte, ohne zuzunehmen. Irgend­wann kon­nte man sie nur ein­fach nicht mehr sehen.

1980er Jahre: Low-Fat und Eier-Diät

Fett ist böse und ihm wird über­all der Kampf ange­sagt. Der Fet­tan­teil der Nahrung darf nicht über 30% liegen und Light-Pro­duk­te schießen wie Pilze aus dem Boden. Mar­garet Thatch­er macht während dessen ange­blich eine Eier-Diät: Whiskey, Spinat und 28 Eier in der Woche.

1990er Jahre: Kate Moss und Mary Evans Young

Untergewicht wird zum Schön­heit­side­al — Kate Moss prägt auf den Lauf­ste­gen der Welt den soge­nan­nten „Hero­in-Chic“. Dage­gen set­zt die Fem­i­nistin Mary Evans Young am 6. Mai 1992 ein Zeichen mit ihrem ersten Anti-Diät-Tag.

2000er Jahre: Low Carb und allerlei verrückter Kram

Was bringt die Low-Carb-Diät

Das Fett ist reha­bil­i­tiert, und nun sind die Kohlen­hy­drate an allem Schuld. Low Carb, Glyx-Diät, Logi und Paleo (Steinzeit-Diät) sind der neue heiße Scheiß. Außer­dem wird Inter­vall­fas­ten pop­ulär. Und dann gab es noch die Volumetrics‑, Lager­felds 3D‑, Markert‑, Hollywood‑, Makrobiotische‑, Vollweib‑, Montignac‑, South-Beach‑, Blutgruppen‑, For­mu­lar- und und und-Diät.

Eine Frau aus Neusee­land macht die Ener­gy-Drink-Diät. Über acht Monate trinkt sie täglich 10–15 Ener­gy­drinks, son­st nichts. Sie nimmt 45 Kilo ab und stirbt an einem Herzinfarkt.

Mari­ah Carey isst nur noch rosa­far­bene Lebens­mit­tel — Lachs, Him­beeren, Pink Grape­fruit. Sieht wenig­stens schön aus. Hat aber nichts genützt, abgenom­men hat sie am Ende 36 Kilo erst nach ein­er Magen­verkleinerung. Magen­verkleinerung ist die Diät 2.0 der Neuzeit.

2020

Nie­mand macht mehr Diäten. Alle dick­en Men­schen sind gesellschaftlich akzep­tiert und glücklich.
(Man wird doch wohl noch träu­men dür­fen?) 🙂

Fotos: Anna Ziegler
Make-up: Eve­lyn Innerhofer

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