Dicke Eltern — dicke Kinder?

7. April 2021 | von

Meine Eltern waren bei­de dick. Wir lebten auf dem Land. Die bei­den waren selb­st­ständig und jeden Tag fürs Geschäft 12 bis 14 Stun­den auf den Beinen, auch an den Woch­enen­den. Sie waren sehr, sehr fleißig – das Klis­chee vom maßlosen, faulen Dick­en greift hier also mal wieder nicht. Täglich wurde frisch gekocht. Ein­fache, ländliche Küche mit regionalen Zutat­en. Kein Fast Food und keine Fix­tüten. Trotz­dem waren sie sehr dick und auch ich war als Kind dick und bin es heute immer noch.

Sind meine Eltern schuld?

Klar, gutes Essen war uns wichtig. Meine Eltern waren nur zweimal im Leben im Urlaub, mussten immer sparsam leben und die gemein­samen Mahlzeit­en am Küchen­tisch waren im son­st so trube­li­gen All­t­ag ein Luxus. Unsere kleine „Fam­i­lienoase“. Ich frage mich, ob ich ein­fach die „schlecht­en Gewohn­heit­en“ mein­er Eltern über­nom­men habe. Ob wir genetisch vor­be­lastet sind oder woran es eigentlich liegt, dass ich auch dick gewor­den bin. Viele Wis­senschaftler haben sich bere­its mit diesem The­ma beschäftigt und darum soll es heute gehen.

Schwangere Plus-Size Frau

Schon vor der Geburt auf Dicksein programmiert

Forsch­er Mar­tin Wabitsch von der Uni­ver­sität­sklinik Ulm hat im Rah­men ein­er Studie 1.000 Kinder und deren Eltern unter­sucht und nachgewiesen, dass es eine vorge­burtliche Pro­gram­mierung auf „dick“ gibt. Wenn die Müt­ter schon vor der Schwanger­schaft übergewichtig waren, hat­ten deren Kinder bere­its in der Schulzeit einen um 40 bis 50 Prozent höheren Insulin­spiegel als Kinder von nor­mal­gewichti­gen Müt­tern. Und das macht anfäl­lig für Übergewicht. Die betrof­fe­nen Kinder bleiben, auch wenn sie sich später gesund ernähren, dauer­haft von der ange­bore­nen Stof­fwech­sel­störung geprägt und wer­den dazu neigen, mehr zu essen. Der Stof­fwech­sel lässt sich auch nicht umprogrammieren.

Übergewicht bei Kindern

Sind die Gene Schuld?

Die Moleku­largenetik­erin Pro­fes­sor Dr. Anke Hin­ney von der Uniklinik Essen forscht schon seit 20 Jahren darüber, wie genetis­che Fak­toren das Gewicht mitbes­tim­men. „Min­destens 50 Prozent, manche sagen sog­ar bis zu 80 Prozent, der Var­i­anz des Kör­pergewichts ist erblich bed­ingt“, sagte Anke Hin­ney auf einem Fach­sym­po­sium in Berlin. Es gibt mehrere Hun­dert Gen­vari­anten, die das Gewicht bee­in­flussen. Bes­timmte Gene kön­nen die Men­schen sog­ar 40 bis 60 Kilo schw­er­er machen, zum Beispiel das Lep­tin-Gen. Meist lässt sich aber nicht nur ein einziges Gen als Ursache für das Gewicht aus­machen, es ist das Zusam­men­spiel ver­schieden­ster genetis­ch­er Vari­anten, die einzeln durch­schnit­tlich nur eine Erhöhung des Kör­pergewichts von 100 bis 1.500 Gramm aus­machen. Eigentlich ein schlauer Zug der Natur, denn in Zeit­en von Hunger­snöten hät­ten Men­schen mit diesen Gen­vari­anten einen Über­lebensvorteil, da sie die weni­gen ver­füg­baren Kalo­rien gut ver­w­erten können.

Übergewichtige Familien

Von Mäusen und Menschen – „Epigenetik“

Am Helmholtz Zen­trum in München kon­nte der Forsch­er Prof. Dr. Mar­tin Hrabe de Ange­lis in ein­er Studie nach­weisen, dass nicht nur die Gene bes­tim­men, ob Kinder zum Dick­w­er­den neigen, son­dern auch das Ver­hal­ten und die Kon­sti­tu­tion der Eltern vor der Zeu­gung. Die Ver­an­la­gung zu Übergewicht und Dia­betes wird also vererbt. Dabei ist nicht nur die DNA beteiligt, son­dern auch die Ele­mente, die am Gen­strang hän­gen und durch das Ver­hal­ten der Eltern erst aktiviert wer­den. Das nen­nt man Epi­genetik. Mehrere Stu­di­en an Mäusen und Men­schen hat­ten zuvor bere­its bewiesen, dass Übergewicht epi­genetisch von Vätern weit­ergegeben wer­den kann. Wis­senschaftler aus Kopen­hagen zum Beispiel fan­den epi­genetis­che Verän­derun­gen in Sper­mien, die Gene zur Steuerung von Appetit betrafen. Pro­fes­sor Hrabe de Ange­lis kon­nte in sein­er Studie beweisen, dass der müt­ter­liche Ein­fluss auf die Verän­derung des Stof­fwech­sels noch weitaus größer ist.

Übergewichtige Kinder

Und was heißt das jetzt für mich?

Unsere Gene und der Lebensstil der Eltern prä­gen den Stof­fwech­sel des noch unge­bore­nen Kindes. Kinder von dick­en Eltern wer­den also eher dick als Kinder von dün­nen Eltern. Men­schen mit ein­er genetis­chen Adi­posi­tas-Anlage haben ein Päckchen zu tra­gen, das dünne Men­schen nicht bewälti­gen müssen. Dazu kommt natür­lich noch das Ver­hal­ten, das auch ganz maßge­blich von den Eltern und der Umwelt geprägt wird und das Gewicht in die eine oder andere Rich­tung bee­in­flussen kann. Es geht mir nicht darum, eine Recht­fer­ti­gung fürs Dick­sein zu find­en. Und schon gar nicht darum, meine oder andere Eltern zu verurteilen. Jed­er trägt für sich selb­st Ver­ant­wor­tung. Aber für einige Men­schen ist es eben beson­ders schw­er, dünn(er) zu wer­den und zu bleiben.

„Es wäre ein­fach sehr schön, wenn es in unser­er Gesellschaft etwas mehr Ver­ständ­nis dafür gäbe und Dicke nicht immer nur als maß- und diszi­plin­los abgestem­pelt werden.” 

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