„Too much“ oder zu wenig?

Probleme von Plus-Size-Frauen

Letzte Woche war ich bei einer ziemlich edlen Veranstaltung eingeladen. Ich wusste, dass sehr hochkarätige Gäste aus Kunst, Politik und Kultur geladen waren. Auf der Einladung war wohl deswegen eine elegante Abendrobe als Dresscode vorgegeben.

Dick auftragen oder dezent daherkommen?

Da auch Freunde und Bekannte kommen sollten, war ich sehr freudig und hatte große Lust mich so richtig schick zu machen. Ich hatte auch schon seit einigen Wochen das Kleid, das ich tragen möchte im Kopf. Doch womit sollte ich es kombinieren? Eine knallige Strumpfhose à la Tati? Oder doch lieber die dezente hautfarbene Strumpfhose? Meine feinen Schuhe mit leichtem Goldschimmer oder die Gemusterten mit Plateau? Ich habe hin und her probiert. Und schwankte zwischen: „Das ist jetzt aber too much.“ und „Nee, das ist nun aber wirklich zu wenig. Viel zu langweilig. Gar nicht Dein Style.“

Beim Schmuck angelangt ging es weiter. Kette und Ohrringe? Elegant? Nein, das ist viel zu viel. Geradezu aufgesetzt! Also doch lieber nur eine Kette? Und so ging es weiter: Ich schwankte zwischen „too much“ und „zu wenig“. Plötzlich kamen mir meine ganzen Kleider total übertrieben und viel zu auffällig vor. Ich entschied mich letztendlich dann für die dezenteste Variante: Ein blaues, leicht glänzendes Stoffleid, das über die Knie geht, die feinen Schuhe und einer ziemlich dezenten fast unsichtbaren Kette. Aber schon als ich aus dem Haus ging, zweifelte ich daran, ob es das richtige Outfit für den Abend ist.

Probleme von Plus-Size-Frauen

Meine Fahrt zu der Veranstaltung war mit einer Dreiviertelstunde ziemlich lang und permanent schwirrten mir „too much“ und „zu wenig“ im Kopf herum. Wahrscheinlich war es einfach meine Angst davor in irgendeiner Weise unangenehm aufzufallen. Ich wollte für dieses Event unbedingt das richtige Outfit finden, um mich an dem Abend sicher und gut zu fühlen. Ich fing an mich zu fragen, was denn schlimmer sei: „too much“ oder zu wenig auffallen? Je nach Situation kann man beim Styling ganz schön daneben liegen. Wenn man zum Beispiel die Schwiegereltern zum ersten Mal zum Kaffee trifft und in einer ausladende Paillettenrobe auftritt oder als einzige auf einer Kostümparty ohne Verkleidung kommt. Beides blöd. Ich habe das Gefühl, wenn man zu viel gestylt ist, dann beschämt man die anderen? Und wenn man selbst zu wenig angemessen gekleidet ist, schämt man sich selbst?

Doch noch tiefer geht es, wenn man als Person „too much“ ist. Auch ich habe das schon öfter gehört. Aber was heißt das dann genau? Bedeutet es, dass die Persönlichkeit zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht?

Oder hat es einen physischen Charakter? Also, dass der Körper „too much“ ist! Gerade wir Plus-Size-Frauen machen uns da immer viele Gedanken.

Probleme bei Großen Größen

 

Eine Kollegin von mir hat inzwischen so eine Angst davor „too much“ zu sein, dass sie sich ständig zurücknimmt. Sie versucht sehr leise zu sprechen, ihr Temperament zu zügeln, sich eher im hinteren Bereich des Raumes aufzuhalten und sich dezent zu kleiden. Doch jetzt hat sie das Problem, dass sie in ihrem Job, trotz guter Arbeit, gar nicht mehr auffällt und ihren Kollegen stets den Vortritt lässt.

So nimmt sie zwar Rücksicht, aber ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie stets zurück.

Aber kann man als Mensch überhaupt „too much“ sein?

Mir fällt eine Freundin ein, die immer alles für andere machen will. Oftmals viel zu viel. Also zu viel des Guten? Eine andere Freundin hat gerade zwei Online-Dating-Matches. Sie echauffiert sich über den einen, der immer zu viel schreibt – das wäre wirklich „too much“, während sie sich ärgert, dass der andere viel zu wenig schreibt. Eine Frage des richtigen Maßes?

Als ich bei der Party ankomme, grüble ich immer noch.

Muss man also immer genau die Mitte finden? Fühlt man sich dann erst wohl, wenn alles ganz ausgewogen ist?

Irgendwie ja, aber irgendwie auch nein. Denn ein gesellschaftliches Miteinander sollte keine Waage sein, die bei den kleinsten Veränderungen schon aus der Balance gerät.

Vor allem beim Thema Kleidung. Da sollten Toleranz und Feinfühligkeit eine größere Rolle spielen. Ja, ich gebe zu: Wenn ich an Abenden so richtig in Fahrt komme und mir eine Geschichte nach den anderen über die Lippen kommt, dann habe ich meistens so einen guten Drive, dass ich mich sehr wohl fühle. Dabei muss ich aber natürlich darauf achten, dass auch andere zum Zug kommen lasse. Trotzdem sollte die Angst vorm „too much“ sein nicht Oberhand gewinnen, sodass man sich permanent zügelt.

Plus-Size Erfahrungen

Und dann war ich auf der Veranstaltung …

An dem Abend der Veranstaltung sah ich gar nicht nach mir selbst aus. Ich habe versucht mich dem Dresscode angemessen anzuziehen, um nicht aufzufallen.

Als ich aus dem Auto gestiegen bin, kam mir schon meine Freundin entgegen, die aussah wie ein Hollywood-Star aus den 1950ern. Mit einer tollen Föhnfrisur und einem atemberaubenden roten Abendkleid. Sie umarmte mich und stammelte lachend: „Tati! So peinlich! Ich bin total „too much“. Ich dachte alle kommen so!“

Dann betrachtete sie mein Abendoutfit und lachte: „Und Du, naja! Du bist, glaube ich, für heute etwas …“, ich unterbreche sie und frage: „Zu wenig?“ Sie nickt und wir beide müssen lachen. Wir machen uns direkt auf ins Getümmel. Zwischen all den Leuten, die irgendwie genau den Stil des Abends getroffen haben, außen eben meine Freundin und ich. Die eine „too much“ und die andere „zu wenig“.

An dem Abend habe ich dann mit meinen Freunden und Bekannten genau über dieses Thema gesprochen. Es kam heraus, dass sich alle über „too much“ oder „zu wenig“ Gedanken machen. Wir diskutierten darüber, wer sich wohler bei „too much“ oder „zu wenig“ fühlt.

Ich für meinen Teil kann dazu sagen: Eindeutig „TOO MUCH“! Sich einfach von gesellschaftlichen Konventionen befreien und zu sich zu stehen.

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