Respekt statt Ablehnung: Schöne Erlebnisse aus dem dicken Alltag

27. Dezember 2019 | von

Ich spreche hier oft darüber, welche diskri­m­inieren­den Erfahrun­gen man als Dicke so macht, aber noch nie habe ich dir etwas über meine pos­i­tiv­en Erleb­nisse erzählt. Es wird also höch­ste Zeit, dass all jene winzig kleinen Sit­u­a­tio­nen Erwäh­nung find­en, die mich sehr fröh­lich oder glück­lich gemacht haben.

Wie ein respektvoller Umgang vieles ändert:

Im Flugzeug

Fliegen ist ja immer ein The­ma für dicke Men­schen. Wenn ich auf meinen Sitz zus­teuere und schon dieses Entset­zen in den Augen meines zukün­fti­gen Platz­nach­barn sehe, der still vor sich hin­betet: „Oh bitte nicht, lass nicht die Dicke den Platz neben mir haben!“ Und dann die ent­gleisenden Gesicht­szüge, wenn ich mich neben ihn set­ze — oh, ich has­se es. Meis­tens wird nicht mal zurück­ge­grüßt und ich werde den ganzen Flug über von der Seite still „ange­has­st“. Frauen sind meis­tens etwas entspan­nter als Män­ner, und da gab es mal eine junge Frau, die mich schon anstrahlte, als ich mich neben sie set­zte, die sich fre­undlich mit mir unter­hielt und gle­ich meinte: „Ich mach mal die Lehne zwis­chen uns hoch, das ist doch viel beque­mer für Sie!“ Wow. Wir hat­ten einen kurzweili­gen und unter­halt­samen Flug.
Das Schlimm­ste am Fliegen ist aber das Bit­ten um eine Gurtver­längerung. Ich warte immer, bis ich sitze und sich das Ein­steigegewusel etwas gelegt hat. Wenn man zu früh fragt, wird man oft wieder vergessen. Ich klin­gle dann oder bitte eine vor­bei­flitzende Flug­be­glei­t­erin um den Gurt. Dabei lässt es sich nicht ver­mei­den, dass alle Flug­gäste in der Umge­bung das mit­bekom­men. Ich gehe damit sehr selb­st­be­wusst um, empfinde es aber trotz­dem jedes Mal als demüti­gend. Und dann gab es da diese eine Flug­be­glei­t­erin bei Air Berlin — die Flugge­sellschaft gibt es ja inzwis­chen gar nicht mehr. Jeden­falls hat diese wun­der­bare Frau gle­ich ges­can­nt, dass ich eine Ver­längerung brauche, hat diese unaufge­fordert her­aus­ge­sucht, in ihrer Faust zusam­mengerollt, mir im Vor­beige­hen unauf­fäl­lig in die Hand gedrückt und mir dabei nur ganz kurz ver­schwörerisch zugezwinkert. Nie­mand hat das reg­istri­ert. Ich war ziem­lich fas­sungs­los — wie über­aus aufmerk­sam, nett, empathisch und amüsant war das bitte?

Als Dicke Essen gehen

Im Restaurant

Neulich habe ich eine Minikreuz­fahrt auf der Queen Mary 2 gemacht. Bitte jet­zt keine Kli­madiskus­sion — ich schäme mich, natür­lich, aber es war trotz­dem wun­der­schön. Jeden­falls wird man, wenn man abends das Restau­rant betritt, vom Per­son­al zu seinem Platz geleit­et. Wir gin­gen also los, dann dreht sich der Kell­ner zu uns um, bit­tet viel­mals um Entschuldigung — der Tisch sei lei­der doch noch nicht fer­tig und wir mögen bitte noch kurz hier warten. Ich sehe aus den Augen­winkeln, wie er am Tisch einen Stuhl mit sehr engen Lehnen gegen einen anderen Stuhl ohne Lehnen aus­tauscht. Er kommt zurück, entschuldigt sich noch ein­mal (!) für die Verzögerung, bringt uns zum Tisch und weist mir den Stuhl ohne Lehnen zu. Leute! Wie nett und rück­sichtsvoll kann es hier heute noch wer­den? Ich habe kein Prob­lem damit, im Restau­rant um einen anderen Stuhl zu bit­ten, wenn ich wegen irgendwelch­er engen Stuh­lkon­struk­tio­nen nicht bequem sitzen kann oder er so eng ist, dass er dro­ht beim Auf­ste­hen wom­öglich an meinem Hin­tern kleben zu bleiben, aber das ist natür­lich immer unan­genehm und pein­lich vor den anderen Gästen. Wie nett und vorauss­chauend war es, mir das zu ers­paren.

Als Dicke Sport machen

Beim Sport

Ich besuche ver­schiedene Sportkurse, die speziell für Dicke sind. Jeden Sam­stag gehe ich in einen Aqua-Fit­ness-Kurs. Der Train­er ist zwar meis­tens ziem­lich schlecht gelaunt, gibt aber das bei weit­em pro­fes­sionell­ste Train­ing, das ich im Aqua-Fit­ness-Bere­ich je erlebt habe. Zudem ist er sehr aufmerk­sam und kor­rigiert sofort, wenn man eine Übung mal falsch aus­führt. Ich füh­le mich dort irgend­wie ernst genom­men — jeden­falls weiß ich nicht, wie ich es bess­er erk­lären soll. Es ist eben nicht so ein „naja-für-die-Dicken-müssen-wir-uns-ja-nicht-soviel-Mühe-geben“-Kurs, wie ich es schon oft erlebt habe, son­dern ein anspruchsvolles Sportange­bot.
Und dann sei hier auch noch die großar­tige Dörte Kuhn von Kur­ven­re­ich Yoga erwäh­nt, die Yoga für wirk­lich jede Frau anbi­etet. Geht nicht, gibts hier nicht. Yoga wird ein­fach für jeden passend gemacht. Nie­mand muss Angst haben, irgen­det­was nicht zu kön­nen, nicht flex­i­bel genug zu sein oder dass der Bauch im Weg ist: Dörte zeigt Vari­a­tio­nen, die jed­er Kör­p­er bew­erk­stel­li­gen kann. Ich bin so dankbar für diese Erfahrung und freue mich, dass es Men­schen gibt, die uns Dick­en die Möglichkeit geben, angst­frei in einen Sportkurs zu gehen und uns dort ein­fach aufge­hoben und sich­er zu fühlen.

Als Dicke beim Arzt

Beim Arzt

Vor ein paar Jahren musste ich mich ein­er größeren Oper­a­tion unterziehen. Beim Vorge­spräch mit dem Chirur­gen erwäh­nte er mit keinem Wort mein Gewicht, was ich sehr ungewöhn­lich fand. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich von neuen Ärzten zunächst zurecht gewiesen werde, dass ich adipös bin, dass das die Wurzel allen Übels ist und ich selb­st Schuld an meinen Beschw­er­den bin. Er aber redete objek­tiv, fre­undlich und auf Augen­höhe mit mir. Ich sprach dann selb­st an, ob die OP mit dem hohen Gewicht nicht risiko­r­e­ich sei? Daraufhin sagte er: „Wir sind Profis, natür­lich ist es etwas kom­pliziert­er, aber Sie haben das Recht auf eine best­mögliche Behand­lung — diese bedarf­s­gerecht auf Sie zuzuschnei­den, ist unsere Auf­gabe und soll Ihre Sorge nicht sein.“ Und da musste ich weinen. Als sehr dicke Frau wird man bei Ärzten oft nicht ernst genom­men, her­ablassend behan­delt oder gedemütigt. Einen so respek­tvollen Umgang bei einem Arzt, der mich gar nicht kan­nte, habe ich sel­ten erlebt. Er hat mir so die Angst genom­men und die Oper­a­tion ver­lief auch ohne Kom­p­lika­tio­nen.

Meine Freunde

Zu guter Let­zt: Ich habe die besten Fre­unde der Welt, die meinen Kör­pe­rum­fang nie zum The­ma machen und die mir das Gefühl geben, völ­lig in Ord­nung zu sein, so wie ich bin. Eigentlich ist es trau­rig, dass ich diesen Artikel über­haupt schreiben musste, denn jed­er Men­sch, egal welche Kör­per­form, hat Respekt ver­di­ent. Vielle­icht wer­den wir eines Tages in ein­er Welt leben, in der alle Kör­p­er respek­tiert und gefeiert wer­den, aber bis dahin wer­den wir uns noch über jedes einzelne pos­i­tive Erleb­nis freuen müssen.

Hin­ter­lasse gern einen Kom­men­tar und erzäh­le uns davon, wenn dir auch etwas Schönes passiert ist.

Letzte Kommentare (3)

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Compulilli
Montag, 23. Dezember 2019, 21:54 Uhr

Vie­len lieben Dank für diesen tollen Beitrag. Es gibt sie noch: die Leute, denen es um den Men­sch und nicht um die Fig­ur geht. Ich habe in allen Fällen ähn­lich­es erlebt und auch genau das Gegen­teil. Auch meine Fre­unde und Kol­le­gen ste­hen hin­ter mir und reg­istri­eren meine Kör­per­fülle gar nicht mehr. Allerd­ings hat meine Mut­ter ein Prob­lem damit und wird auch nicht müde, mir das in spitzen Bemerkun­gen “unterzu­jubeln” . Mal stecke ich es bess­er weg und an anderen Tagen tut es richtig weh. Es wäre schön, wenn es tat­säch­lich irgend­wann nicht mehr wichtig ist, welche Klei­der­größe man trägt.

Yvonne
Mittwoch, 18. Dezember 2019, 15:10 Uhr

Ich habe auch vor eini­gen Jahren die Erfahrung machen müssen, das Ärzte doof sind. Der Orthopäde, den ich auf­grund mein­er Fußschmerzen auf­suchte, schaute mich nur an und meinte, wortwörtlich, sie sind halt zu fett für Ihre Füße. Geholfen hat er mir nicht. Ich habe daraufhin den Arzt gewech­selt.

Elbsonne
Freitag, 13. Dezember 2019, 22:15 Uhr

Hal­lo Con­ny,
ich wüsste wahnsin­nig gern, wo Du den Aqua Fit­ness Kurs machst.Die guten Train­er sind näm­lich sehr rar.
Vie­len Dank im Voraus und entschuldige, dass das völ­lig außer­halb des The­mas ist.
Viele Grüße