Partnersuche und Plus-Size

18. Juli 2018 | von

„Lieb Dich selbst, sonst liebt Dich keiner!“

Ich weiß nicht genau, was mein Mann dachte, als er mich vor rund 27 Jahren das erste Mal sah. Ver­mut­lich irgen­det­was wie „ganz schön üppig“. Denn auch wenn ich damals nach meinen heuti­gen Maßstäben ger­adezu dünn war – zu der Zeit sah ich das natür­lich ganz anders. Und tat­säch­lich war an mir auch mehr dran, als an meinen Stu­di­enkol­legin­nen: Mehr Hüfte, mehr Busen, mehr Po.

Das Schlimme: Ich hat­te wirk­lich das Gefühl bei der Part­ner­suche im Ver­gle­ich zu meinen schlanken Fre­undin­nen deshalb im Nachteil zu sein.

Hochzeitsfoto Plus-Size

Mit mein­er Net­zw­erkkol­le­gin und Fre­undin Brit­ta Janzen habe ich mich kür­zlich über dieses The­ma unter­hal­ten. Daraus ent­stand die Idee zu einem Inter­view, denn auch sie war immer schon ein biss­chen „mehr“. Nun habe ich ihr ein paar Fra­gen rund um das The­ma Plus-Size und Part­ner­suche gestellt – und freue mich sehr über ihre ehrlichen Antworten.

Brit­ta hat sehr viele Jahre als Jour­nal­istin gear­beit­et, für Frauen­magazine geschrieben und auch Radio und Fernse­hen gemacht. Bis sie sich vor ein paar Monat­en einen Leben­straum erfüllte und in ihrer Heimat­stadt Kiel ihr Wollgeschäft „Wolle & Wun­der“ eröffnete. Hier lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Söh­nen, direkt an der Ostseeküste …

Liebe Britta, erzähl bitte kurz: Wie und wann haben Du und Dein Mann Euch kennengelernt?

1998 war ich Nachricht­enredak­teurin bei ein­er Tageszeitung und habe bis zum Andruck gear­beit­et, ich war also erst weit nach Mit­ter­nacht zu Hause. Was fängt man um die Uhrzeit mit dem Feier­abend an? Ich habe im Inter­net gechat­ted, irgend­wo auf der Welt war ja immer noch jemand wach. Und hat­te dabei irgend­wann ein nettes Gespräch mit einem Typen, der auch aus Deutsch­land war. Nicht nur das: Wir stell­ten schnell fest, dass wir bei­de aus der gle­ichen Stadt kamen und nur ca. 500 Meter voneinan­der ent­fer­nt vorm Com­put­er saßen. Nach vie­len Chats und mehreren Wochen trafen wir uns abends genau auf hal­ber Strecke spon­tan auf eine Piz­za. Es wurde ein sehr, sehr langer Abend …

Du warst ja auch damals schon eine Plus-Size-Frau. War das jemals ein Thema zwischen Euch?

Ich musste meinen Mann in Vor­bere­itung auf unser Gespräch direkt fra­gen, ob er damals dachte „Mann, die ist ja ganz schön mop­pelig!“. Er hat gesagt (und ich soll ihn wörtlich zitieren!), dass er geflasht war von mein­er umw­er­fend­en Ausstrahlung und mein­er faszinieren­den Per­sön­lichkeit. Ich selb­st habe mir nie Gedanken gemacht, ob er mich vielle­icht dick fand – es war ein­fach klar, dass er mich toll fand. So wie ich ihn.

Britta Janzen

Foto links © Ines Matz-Boom­gar­den | Foto rechts: Brit­ta mit der Liebe ihres Lebens

Ganz schön selbstbewusst! Warst Du immer schon so?

Ich habe als Teenag­er ziem­lich zugelegt und war lange sehr unglück­lich mit meinem Gewicht und mein­er Fig­ur, bis ich das Buch „Warte nicht auf schlanke Zeit­en“ von Renate Göck­el in die Hand bekam. Und für mich beschloss:

Das ist mein Leben, so bin ich – und wer damit nicht klarkommt, lässt es eben.

Dass ich früh beru­flichen Erfolg hat­te, tat meinem Selb­st­be­wusst­sein natür­lich gut. Noch wichtiger war die Erfahrung, dass eine pos­i­tive Ausstrahlung und eine inter­es­sante Per­sön­lichkeit die meis­ten Men­schen mehr beein­druckt als Größe 36. Auf die weni­gen, für die nur der BMI zählt, kon­nte ich schon immer gut verzichten.

Hattest Du jemals das Gefühl für Deinen Mann abnehmen zu müssen?

Nein, nie. Mein Gewicht ist gele­gentlich aber schon The­ma. Ich bin Stress-Esserin und wiege je nach Leben­sphase zwis­chen 90 und 150 Kilo. Und natür­lich merkt er, wenn es mir kör­per­lich nicht gut geht oder ich mich gar nicht mehr in mein­er Haut wohlfüh­le. Oder beim Toben mit den Kindern sofort schlapp­mache. Dann ver­sucht er, mich behut­sam zu mehr Bewe­gung zu motivieren und schlägt öfter mal gesunde Rezepte für uns vor. Nicht immer erfolgreich …

Gab es in eurer Partnerschaft Situationen, in denen Du gerne schlanker gewesen wärst?

Ich erin­nere mich an eine einzige Sit­u­a­tion: Auf einem Volks­fest woll­ten wir mit Fre­un­den in ein Fahrgeschäft. Bei der let­zten Kon­trolle vor dem Start bat mich der Mitar­beit­er vor den Augen hun­dert­er Besuch­er, wieder auszusteigen – ich war zu üppig für den Sicher­heits­bügel. Das war für mich demüti­gend und für ihn glaube ich in diesem Moment auch.

Hast Du schlanke Frauen bei der Partnersuche als Konkurrentinnen empfunden? Oder Dich irgendwie „unterlegen“ gefühlt?

Als ich jünger war, bes­timmt! Ich habe aber irgend­wann fest­gestellt, dass Män­ner, denen die gute Fig­ur ihrer Fre­undin wirk­lich sehr wichtig ist, für mich als Part­ner sowieso unin­ter­es­sant sind. Weil sie häu­fig ober­fläch­lich sind und eher unsicher.

Mit 19 hat­te ich kurz einen Fre­und, der mir hin­ter ver­schlosse­nen Türen Liebe schwor, aber in der Öffentlichkeit nicht mit mir Hand in Hand gehen wollte. Brrr, nie wieder!

Ich mag Män­ner mit starkem Charak­ter und gesun­dem Selb­st­wert­ge­fühl, die wis­sen, was sie wollen. Natür­lich ist Ausse­hen nicht egal, aber Attrak­tiv­ität lässt sich doch nicht nur an Kör­per­maßen fest­machen. Und für diejeni­gen mein­er Fre­undin­nen, die Mod­el­maße haben, war die Suche nach dem Traum­mann auch nicht leichter.

 

Hast Du einen Tipp für Plus-Size-Frauen, die auf Partnersuche sind?

So banal es auch klingt: „Lieb Dich selb­st, son­st liebt Dich kein­er!“ Wenn ich nicht mal selb­st weiß, was an mir anziehend und liebenswert ist – wie soll es dann jemand anderes her­aus­find­en? Oder auch nur Lust bekom­men, es her­auszufind­en? Ich stelle oft fest, dass fül­lige Frauen nicht mal ver­suchen zu flirten, weil sie grund­sät­zlich davon aus­ge­hen, dass nie­mand sich für sie inter­essieren kön­nte. Das ist Quatsch! Wenn man mit offe­nen Augen und lachen­dem Mund durch die Welt geht, find­et man auch die Liebe.

Liebe Britta, danke für das Gespräch!

Letzte Kommentare (1)

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!

Nicole
Donnerstag, 16. August 2018, 14:34 Uhr

Hal­lo Brit­ta und Susanne,

das ist so schön geschrieben! Und wie ich beobachtet habe, für viele so schw­er umset­zbar. Woran liegt das?

Ich glaube an Fol­gen­des: Ich bin in den Nieder­lan­den aufgewach­sen und war mit meinen 1.82 und Kon­fek­tion­s­größe 48 immer sehr zufrieden. Bis ich mit 18 in Deutsch­land eine Aus­bil­dung in Ham­burg gemacht habe und mir schla­gar­tig klar wurde — meine Maße sind hier ‘zu viel’. In Deutsch­land haben mich vor allem die Frauen in mein­er Umge­bung darauf aufmerk­sam gemacht, dass mit mir was nicht stimmt — zu groß, zu dick und manch­mal auch zu laut — Nicht die Her­ren! Die Einkäufer der meis­ten Ham­burg­er Bek­lei­dungs­geschäfte sind anscheinend auch schlanke Frauen, was man sofort merkt bei den ange­bote­nen Kon­fek­tion­s­größen. Das hat schon frus­tri­ert, aber zum Glück kann Frau ja in Hol­land shoppen! 

Trotz­dem hat­te ich nie ein Prob­lem ein Part­ner zu bekom­men, im Gegen­satz zu vie­len mein­er schlanken Fre­undin­nen. Ich denke die Möglichkeit, dass mich ein Mann abweisen kön­nte, wegen ein paar Pfunde zu viel, kam in mein­er Gedanken­welt in der Jugend ein­fach nicht vor und das prägt mich bis heute.

Ich finde es wird viel zu viel mit dem Fin­ger auf Men­schen gezeigt, die anders ausse­hen. Es ist hier vol­lkom­men nor­mal das zu tun und ganze Kon­ver­sa­tio­nen kön­nen so anfan­gen. Ich erlebe das in den Nieder­lan­den nicht so schlimm und es scheint eine kul­turelle Geschichte zu sein. Und so was ändert sich nur dann, wenn wir alle anfan­gen uns selb­st zu kon­trol­lieren und nicht mitzu­machen, wenn mal wieder jemand nur wegen sein­er äußer­lichen Attribut­en beurteilt wer­den soll. Also an die Mädels da draußen, lets start! 😊

Viele Grüße Nicole