Mein Leben als Ü40-Bloggerin

13. November 2018 | von

Alter ist nur eine Zahl. Und überhaupt ist man so alt, wie man sich fühlt. Wenn man die 39 erst mal überschritten hat, kennt man diese Sprüche. Mehr noch: Man macht sie sich zum Mantra, wiederholt sie gebetsmühlenartig, verinnerlicht sie. Wieder ein Jahr älter? Pah, kein Grund für graue Haare – das ist doch alles nur ein Schritt zu noch mehr Gelassenheit, zum inneren Frieden. Noch mal 25 sein? Ach, du liebe Güte! Bloß nicht. Was war man damals jung und dumm – während man heute auf ein halbes Jahrhundert geistiger Reife zurückblickt. Sicher, man hatte damals diese samtige Pfirsichhaut, einen Körper ohne Besenreiser, Cellulitis, ohne Schwabbel – aber was ist das schon gegen unsere erlachten Falten! Eben.

bloggerin2

© Anette Göttlicher

Dann sind 50 also tatsächlich die neuen 30? Nur besser?! Ja?!

Ach was. Träum weiter!

Wobei: Ich habe das Märchen ja selbst geglaubt. Bis ich mit Mitte 40 Lifestyle-Bloggerin wurde. Und ab dann zum alten Eisen gehörte. Bei Beauty-Events geleitete man mich sogleich zu den Botox- und Filler-Behandlungen, zu Fashion-Shows wurde ich erst gar nicht eingeladen. Und wenn doch, war ich doppelt so alt wie die anderen 99 Prozent. Und doppelt so breit. Unbezahlbar dieser Blick, wenn ich mein Alter nannte. Und das Geflüster hinter meinen Rücken: „Die könnte meine Mutter sein!“ – „Ja, aber meine weiß nicht mal, was ein Blog ist!“

Irgendwann fing es aber an Spaß zu machen. Ich gab die „Grande Dame“ unter den ganzen jungen Hüpfern, kokettierte mit meinen Jahren, bot gnädig das „Du“ an, wenn man mich als einzige siezte. Ich erzählte von meinen drei Kindern, von meinen 25 Berufsjahren – und von den Zeiten, als es noch gar kein Internet gab. Ich ließ mich bestaunen wie ein Jahrmarktspektakel, Quasimodo bloggt jetzt auch. Auf Konferenzen referierte ich über erfolgreiches Bloggen – und blickte in staunende Pfirsichhaut-Gesichter.

bloggerin1

© Anette Göttlicher

Alles war gut – oder zumindest fast –, bis mich eine 20-jährige Studentin anschrieb. Und mich um ein Interview für ihre Bachelorarbeit bat. Wie ich mich denn fühlen würde, so als „ältere Bloggerin“. Wie ich denn mit meinen „älteren Leserinnen“ sprechen würde, und über was!? Und wie ich überhaupt dazu gekommen sei, in meinem Alter noch zu bloggen. (Das Mädel studierte übrigens Kommunikationswissenschaften. Und wollte PR-Beraterin werden.)

Da fühlte ich sie plötzlich: die grau-melierte Blumenkohldauerwelle. Die Stützstrümpfe in 60 DEN. Die bequemen drei-Zentimeter-Absätze in beigen Gesundheitstretern. Die Bifocal-Brille auf der Nase. Ich fühlte mich alt und grau – und mit meinen 49 plötzlich wie 50. Oder 65. Ich war eine ältere Bloggerin. Mit älteren Leserinnen. Und Kukident- oder Hörgeräte-Kooperationen nur noch eine Frage der Zeit.

Einen Spruch habe ich noch. Und der stimmt, manchmal zumindest: Älter werden ist nichts für Feiglinge. Selbst wenn man sich mit 49 normalerweise nur wie 33 fühlt.

bloggerin3

© Anette Göttlicher

 

Letzte Kommentare (13)

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!

Nicole
Donnerstag, 25. Juni 2015, 11:44 Uhr

Bin per Zufall auf diese Seite gestossen – herrlich geschrieben und die Fotos sind super! Beste Grüsse von einer Ü40-Bloggerin – im BESTEN Alter 😉

Elke
Donnerstag, 18. Juni 2015, 13:08 Uhr

Ich hab mich wirklich köstlich amüsiert beim Lesen :-). Und die Fotos sind klasse! Wer braucht schon ein Pfirsichhaut-Gesicht, wenn er ein so schönes pfirsichfarbenes Shirt trägt.

Ruth
Montag, 15. Juni 2015, 12:39 Uhr

Herrlich! Sie wollte PR-Beraterin werden. Was für ein empathisches Kommunikationstalent muss man sein? Hihihihi! 😀

Montag, 15. Juni 2015, 12:02 Uhr

Danke, ihr Lieben, für eure Kommentare! Ich freue mich sehr, dass ihr Spaß beim Lesen hattet. Und ich finde es großartig, dass ihr alt genug seid, um noch das olle „im Blog kommentieren“ zu kennen! 😀 Und nicht nur das auf Facebook!

Gunda von Hauptsache warme Füße!
Samstag, 13. Juni 2015, 23:37 Uhr

Hihi, „Quasimodo bloggt jetzt auch“ ist hübsch, und ein Hörgerät für lau wäre doch nicht das Schlechteste. 🙂 Gut, dass die meisten von uns aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters tatsächlich weniger feige sind als noch mit Anfang 20. 😀
Es ist halt wie’s ist. Machen wir das Beste draus!

Livia
Samstag, 13. Juni 2015, 19:42 Uhr

Ja, manchmal fühle ich mich auch wie ein Teenie und kurz darauf wieder wie eine Frau mit Lebenserfahrung. Sind wir nicht eigentlich zeitlos? Manchmal kann ich mich sogar für „going gray, looking great“ erwärmen – und dann hole ich mir doch wieder Haarfarbe 🙂 Ich glaube, alt bin ich erst, wenn mir mal jemand einen Sitzplatz im Bus anbietet. Und bis dahin mache ich einfach weiter, alles, was mich interessiert und Spaß macht 😉

Michaela
Samstag, 13. Juni 2015, 11:21 Uhr

Tatsächlich bin ich – so als „ältere Leserin“ (immerhin nicht „alt“ – danke dafür ;-)) – durchaus froh darüber, wenn mich Menschen ansprechen, die ebenfalls bereits vor 30 Jahren das erste Mal mit ihren Plateau-Schuhen umknickten, Onesies schon trugen, als sie noch schnöde „Overalls“ waren und die Ferngespräche mit den nicht nur aus dem Museum bekannten Wählscheibentelefonen abrupt beendeten, wenn das Budget überschritten war.
Und natürlich lasse ich mich ebenso gern von so jungen, knackigen Autorinnen ansprechen wie es die Verfasserin dieses Beitrages ist!

Brigitte Anders
Samstag, 13. Juni 2015, 8:30 Uhr

Liebe Susi,
was für tolle Fotos von Dir! Und der Text: Genial, wie immer. 🙂 Dabei wollte ich mich nur meiner FB-SEO-Gruppe widmen, bin dann aber über Deinen Post gestolpert. Herzlich lachen musste ich über das von jungen Pfirsichhäuten bestaunte Jahrmarktspektakel.

Clia
Freitag, 12. Juni 2015, 20:05 Uhr

Ich fühl mich ja manchmal, besonders wenn ich schwierige Entscheidungen treffen muss, so ängstlich wie mit 15. Und manchmal, besonders wenn ich schlecht geschlafen hab, fühle ich mich auch wie 75. Davon mal abgesehen: Diese angehende PR-Beraterin sollte vielleicht mal einen Selbstverteidigungskurs besuchen. Für den Fall, dass ihr jemand das lockere Mundwerk ernsthaft verübelt. 😉

Meine Mutter weiß übrigens auch nicht, was ein Blog ist. Sie ist aber auch schon 78. 🙂

dieMelanie
Freitag, 12. Juni 2015, 18:05 Uhr

Wenigstens zahlt Lifta bestimmt besser als Primark!

Dörte Behrmann
Freitag, 12. Juni 2015, 16:48 Uhr

Moin liebe Susanne,
diese pralle Lebensfreude, die aus deinen Bildern spricht, die ist durch nichts zu ersetzen. Keine Ahnung, ob du mit 20/25 Jahren auch schon so authentisch lebensfroh warst. Die meisten 25-jährigen, die ich kenne, sind es nicht. Sie tun sehr erwachsen und sind ausgrenzend statt erwachsen zu sein und Vielfalt zuzulassen. Klar, du hast 25 Lebensjahre mehr als sie gelebt – aber das hat der Großteil der Bevölkerung auch. Die Mehrheit der Gesellschaft ist ja eindeutig auf deiner Seite, altersmäßig! Ich denke, was am meisten an diesem Altersvergleich stört – und diese Diskussion gab es ja neulich schon mal – ist das Bewusstsein um das eigene Lebensende, das scheinbar bei einer 50jährigen näher ist, als bei einer 20jährigen. Und das macht Angst. Der beste Grund, an der Lebensfreude festzuhalten. Alles Liebe von Dörte

Susanne
Freitag, 12. Juni 2015, 16:34 Uhr

Klasse!

Annette
Freitag, 12. Juni 2015, 16:22 Uhr

Herrlich. „Quasimodo bloggt jetzt auch“ :-D. Genaugenommen muss es heißen: „Quasimodo bloggt schon immer“. Und während die Twens vor Staunen den Mund nicht mehr zukriegen, schwingen wir die Krückstöcke, bis die Brille beschlägt.