Magenver-
kleinerung — Ich will das nicht

22. März 2019 | von

Wann immer ich zu einem neuen Arzt gehe, werde ich zuerst auf mein Gewicht ange­sprochen. Während ich früher gegän­gelt wurde, dass ich eine Diät machen soll, heißt es inzwis­chen meis­tens: „Bla bla bla … Da hil­ft nur eine Magen­by­pas­sop­er­a­tion.“ Schwups halte ich einen Über­weisungss­chein für die entsprechende Klinik in unser­er Stadt in Hän­den — für einen „Beratung­ster­min“. Und das, obwohl ich jedes Mal ver­sichere, dass ich mich aus­giebig informiert habe und diese Oper­a­tion für mich nicht infrage kommt.

Meine Mei­n­ung dazu wird nicht geduldet und bei jedem weit­eren Arzt­ter­min werde ich gefragt, ob ich denn endlich meinen Beratung­ster­min wahrgenom­men habe. Wenn ich verneine, werde ich erneut belehrt, dass ich mich operieren lassen muss, wenn ich es nicht schaffe, so abzunehmen. Meinen Ver­stand, meine Mei­n­ung und das Recht an meinem eige­nen Kör­p­er muss ich wohl vorher bei der Arzthelferin abgeben.

„Ich füh­le mich nicht gese­hen, bevor­mundet, als dumm abgestem­pelt, diskriminiert.” 

Ein ärztlich­es Inter­esse an dem eigentlichen Prob­lem, mit dem ich in die Prax­is gekom­men bin, ist meist nicht vorhan­den. Schließlich ist mein Übergewicht sowieso die Wurzel allen Übels, selb­st wenn ein gebroch­en­er Zeh Grund meines Arztbe­such­es ist.

Übergewicht mal schnell wegoperieren? 

Die Magen­by­pas­sop­er­a­tion, die mir von meinen Ärzten nahegelegt wird, ist ein schw­er­er, kom­plex­er und vor allem unwider­ru­flich­er Ein­griff an einem gesun­den Organ. 0,5 Prozent der Ein­griffe enden tödlich. Das Ster­berisiko ist zwar ger­ing, aber den­noch vorhan­den. Jede Oper­a­tion ist risiko­r­e­ich, auch für dünne Men­schen. Bei dick­en Men­schen, da müssen wir uns nichts vor­ma­chen, ist es um ein Vielfach­es erhöht. Neben den üblichen Risiken, die jede Art von Ein­griff mit sich bringt, kann es zu fol­gen­den Schä­den kom­men (auch bei gelun­gener Operation):

  • Reflux (Sod­bren­nen)
  • Erbrechen
  • Blähun­gen
  • Gal­len­steine
  • Magen­schleimhaut-Erkrankun­gen
  • Leck­a­gen der Klammer-Nähte
  • Veren­gun­gen der kün­stlichen Magen-Darm-Verbindung bis hin zum Magenverschluss
  • Nährstoff­man­gel­syn­drom
  • sehr häu­fig (bei 70–75% der Patien­ten) das Dump­ing-Syn­drom: eine Sturzentleerung der Nahrung in den Dün­ndarm, ver­bun­den mit Benom­men­heit, Übelkeit, Bauch­schmerzen, Zit­tern und Schwitzen

Dauerhafte Gewichtsabnahme nicht garantiert

Was alle Patien­ten bet­rifft: Eiweiß, Spurenele­mente und Vit­a­mine kön­nen nach der Oper­a­tion nicht mehr aus­re­ichend über die Nahrung zuge­führt wer­den und es müssen lebenslang Nahrungsergänzungsmit­tel ein­genom­men wer­den. Flüs­sige und brei­ige Nahrung kann leicht den verklein­erten Magen passieren und hochkalorische Lebens­mit­tel wie Eis, Pud­ding und Limon­aden kön­nen zu erneuter Gewicht­szu­nahme führen. Selb­st bei diszi­plin­iert­er Ernährung ist ein „Rebound-Effekt“ nicht aus­geschlossen, der nach eini­gen Jahren eine erneute Gewicht­szu­nahme zur Folge hat. Denn der Kör­p­er gewöh­nt sich an die gerin­gere Energiezu­fuhr und man nimmt dann wieder zu.

Adipositaschirurgie: Nur Symptombehandlung

Hat man durch die OP erfol­gre­ich abgenom­men, müssen als näch­stes Hautüber­schüsse wegoperiert wer­den. Am Bauch, am Rück­en, am Busen, an den Beinen, an den Armen. Wieder eine Rei­he von OPs. Einige Patien­ten erkranken nach der Oper­a­tion an Drogen‑, Glücksspiel‑, aber vor allem an Alko­hol­sucht. Zum einen mag das daran liegen, dass man nicht mehr so viel Alko­hol verträgt wie vor dem Ein­griff und schneller berauscht ist, zum anderen liegt aber auch der Ver­dacht nahe, dass Patien­ten mit ein­er Essstörung ihre Gefüh­le nun nicht mehr mit Essen zudeck­en kön­nen und stattdessen zu anderen Sucht­mit­teln greifen, vor allem zum Alko­hol. Adi­posi­taschirurgie ist eben nur Symp­tombe­hand­lung und keine Ursachen­be­he­bung. Der Ver­lust von Gewicht nach ein­er baria­trischen Oper­a­tion macht einen Patien­ten nicht automa­tisch zu einem glück­licheren Menschen.

Ich bin es Leid, mich rechtfertigen zu müssen

Für viele Men­schen mag eine OP der richtige Weg sein, und es ist okay, dass man mir diese Möglichkeit auch ein­mal aufzeigt. Aber dann ist es auch gut. Mein Lei­dens­druck ist nicht so groß, als dass ich diese Oper­a­tion, inklu­sive des Rat­ten­schwanzes an Nach­be­hand­lun­gen und Fol­ge­op­er­a­tio­nen, auf mich nehmen möchte. Außer­dem bin ich am Lipö­dem erkrankt, auch nach ein­er Gewichtsab­nahme bleibt die schmerzhafte Fettverteilungsstörung beste­hen. Und obwohl ich so dick bin, bin ich ein zufrieden­er und glück­lich­er Men­sch. Für Ärzte ist das wahrschein­lich unvorstell­bar. Vielle­icht lebe ich nicht so lange wie ein dün­ner Men­sch, vielle­icht aber doch und vielle­icht fällt mir auch schon mor­gen eine Kokos­nuss auf den Kopf. Dann ist es eben so … Denn eines ist sich­er: Lebend kommt hier kein­er von uns raus, egal ob dünn oder dick. Wichtig ist doch, was wir aus unser­er kurzen Leben­szeit machen. Und ich habe beschlossen, jeden einzel­nen Tag zu genießen.

Neben der Magenverkleinerung gibt es noch andere Eingriffe fuer Uebergewichtige

Bariatrische Eingriffe — diese Methoden gibt es

Für alle, die sich inten­siv­er mit dem The­ma Adi­posi­taschirurgie beschäfti­gen möcht­en, habe ich hier noch mal die unter­schiedlichen Möglichkeit­en aufgelistet:

  • Magen­bal­lon: Ein dehn­bar­er Bal­lon wird per Endoskop durch die Speis­eröhre im Magen platziert und dort mit ein­er Kochsal­zlö­sung gefüllt. Dadurch wird das Magen­vol­u­men verklein­ert und ein schnelleres Sät­ti­gungs­ge­fühl set­zt ein.
  • Magen­band: Der obere Teil des Magens wird durch ein elastis­ches Band eingeschnürt, so dass ein soge­nan­nter Vor­ma­gen entste­ht. Ist dieser Vor­ma­gen mit Speisen gefüllt, set­zt die Sät­ti­gung ein und der Patient isst deut­lich weniger als bish­er. Das Band kann genau wie der Magen­bal­lon wieder ent­fer­nt werden.
  • Schlauch­ma­gen (Magen­verkleinerung): Etwa 3/4 des Magens wer­den oper­a­tiv abge­tren­nt und ent­fer­nt. Übrig bleibt ein 2–3 cm schmaler Schlauch (Sleeve) mit einem sehr gerin­gen Fas­sungsver­mö­gen. Eine Magen­verkleinerung kann nicht rück­gängig gemacht wer­den. Ein weit­er­er Ein­griff ist möglich, wie z. B. ein Magenbypass.
  • Magen­by­pass: Zusät­zlich zur Magen­verkleinerung wird bei dieser Oper­a­tion auch der Ver­dau­ungsweg verkürzt. Ein klein­er Teil des Magens (ca. 20 ml Fas­sungsver­mö­gen) wird abge­tren­nt. Auch der Dün­ndarm wird durchtren­nt. Der kleine, abge­tren­nte Magen wird dann wieder mit dem restlichen Dün­ndarm ver­bun­den. Die Nahrung gelangt nun direkt von der kleinen Magen­tasche in den verkürzten Dün­ndarm. (siehe Infografik)

Die Oper­a­tio­nen wer­den von der Krankenkasse unter bes­timmten Voraus­set­zun­gen ab einem BMI von 40 bezahlt. Bei schw­er­wiegen­den Begleit­erkrankun­gen ab einem BMI von 35. Derzeit wer­den in Deutsch­land rund 15.000 baria­trische Oper­a­tio­nen pro Jahr durchge­führt, Ten­denz steigend. Promi­nente Patien­ten sind u.a. Sig­mar Gabriel und Patri­cia Blanco.

Bild­copy­right: rawpixel/unsplash, mar­tin brosy/unsplash

Letzte Kommentare (3)

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Netti
Samstag, 24. August 2019, 18:10 Uhr

Liebe Con­ny, ich hat­te 2010 eine Magen­verkleinerung. Habe auch tat­säch­lich ca. 30 kg abgenom­men. Lei­der habe ich dann aber fest­gestellt, dass ein klein­er Magen sich nicht automa­tisch auf den Kopf auswirkt. Der wurde näm­lich nicht mit operiert. Kurz gesagt, ich wiege jet­zt wieder ca. 132 kg, habe eine Ver­hal­tens­ther­a­pie gemacht und beschlossen, dass ich nicht mehr an mir rum­ex­per­i­men­tieren werde um abzunehmen. Und seit ca. 5 Jahren nehme ich nun auch nicht mehr zu. Für mich ist das ein Erfolg, da ich bere­its als Kind pum­melig war, ständig auf Diät geset­zt wor­den bin und mein Gewicht trotz­dem immer mehr anstieg. Die Angst, dass ich SO keinen Mann und keinen Job find­en würde (Eltern, Fre­unde), waren auch unbe­grün­det. Ich bin auch mit Adi­posi­tas sehr glück­lich ver­heiratet und habe einen tollen Job. Meinem Mann ist das Gewicht auch vol­lkom­men egal. Seine Fre­undin­nen waren schon immer „bunt“ gemis­cht. Jede® muss ihren (seinen) Weg find­en. Allen viel Erfolg dabei!!!

Coco
Mittwoch, 13. März 2019, 18:28 Uhr

Hal­lo 😊

Ich hab 2017 mit 27 Jahren bei 105 kg einen Schlauch­ma­gen bekom­men (bmi42)

Wiege aktuell 66–68 kg. 

Bereue den Weg nicht. Habe keine Prob­leme und bin endlich ohne schmerzen in den Gelenken.

Andrea Schmidt
Mittwoch, 27. Februar 2019, 19:19 Uhr

Richtig krass!!!
Danke für die Infor­ma­tion, sehr gut erklärt.
Würde ich auch nur als aller­let­ze Notlö­sung im Krankheits­fall zulassen.
Geht anson­sten gar nicht
L.G.