Ein Liebesbrief an meinen Körper

20. Januar 2020 | von

Wir schreiben hier immer wieder über Selb­stliebe und Selb­stakzep­tanz. Ein erstrebenswert­er Zus­tand — doch der Weg dahin ist für viele Frauen nicht ein­fach. Wir wollen dir regelmäßig Tipps an die Hand geben, die dir helfen kön­nen, einen weit­eren Schritt auf deinem Weg zu gehen.

Eine Übung für mehr Selbstliebe

Heute möchte ich dich bit­ten zu einem schö­nen Füller oder Stift zu greifen, ein Stück Papi­er zur Hand zu nehmen und einen Brief zu schreiben. Oder du machst es so wie ich und set­zt dich dafür an deinen Lap­top oder Tablet. Die Auf­gabe lautet: Schreibe einen Liebes­brief. Ja, ganz genau. Einen Liebes­brief – und zwar an deinen Kör­p­er! Das klingt albern? Ist es aber nicht. Briefe schreiben ist eine sehr hil­fre­iche Tech­nik und funk­tion­iert wie ein Rah­men, um Gedanken zu sam­meln und zu struk­turi­eren. Wenn du über deinen Kör­p­er nach­denkst, kom­men dir vielle­icht auch neg­a­tive Gedanken. Aber wenn du einen Liebes­brief schreib­st, dann bleib­st du fokussiert. Du kannst an deinen ganzen Kör­p­er schreiben oder auch nur an ein Kör­perteil, mit dem du sehr unzufrieden bist. Die Psy­cholo­gie-Pro­fes­sorin Renee Engeln hat in ein­er Studie her­aus­ge­fun­den, dass das Schreiben über den eige­nen Kör­p­er das Selb­st­be­wusst­sein stärkt. Fast alle teil­nehmenden Frauen hat­ten nach dem Schreiben eine pos­i­ti­vere Ein­stel­lung zu ihrem Kör­p­er oder zu dem Kör­perteil, an das sie geschrieben haben.

Es lohnt sich also, das selb­st ein­mal auszupro­bieren, find­est du nicht? Wenn du magst, teile doch bitte deinen Brief mit uns in den Kom­mentaren und den anderen Soul­ful­ly-Leserin­nen. Wir wür­den uns freuen!

Liebesbrief an den Körper
Liebesbrief an den Körper

Mein ganz persönlicher Liebesbrief an mich:

Lieber Kör­p­er,

du bist sich­er ziem­lich erstaunt über diesen Brief. 51 Jahre hal­ten wir es nun schon zusam­men aus und dies ist das erste Mal, dass ich dir schreibe. Ach, wir haben ja schon so viel zusam­men erlebt. Du hast immer zu mir gehal­ten und bist mit mir durch dick und dünn gegan­gen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich? Ich war nicht immer gut zu dir. Um ehrlich zu sein, ich war eine Bitch. Weißt du noch? Wirk­lich schlimm war die Zeit damals, als wir im Krieg miteinan­der waren und ich dich gehas­st habe. Ich habe dich mit Crash-Diäten mal­trätiert und habe dich als fett und hässlich beze­ich­net. Ich habe dich dafür gehas­st, dass du mich nach außen repräsen­tierst. Ich habe es gehas­st, dass ich nicht aus dir her­aus kon­nte. Ich habe gedacht, ich kön­nte dich vielle­icht mögen, wenn du nur anders sein kön­ntest. Und ich war verzweifelt, als mir klar wurde, dass du, Kör­p­er, nie so sein würdest, wie ich dich gern gehabt hätte.

Dabei warst du immer wunderschön.

Du hast immer zuver­läs­sig funk­tion­iert. Ohne zu mur­ren hast du mich durch das Leben, sog­ar durch die halbe Welt getra­gen. Immer wieder hast du mir Zeichen gegeben, wenn ich dich über­fordert habe. Manch­mal musstest du zu drastis­chen Mit­teln greifen, hast dich selb­st ver­let­zt oder bist krank gewor­den, nur damit ich zur Ruhe komme. Du hast immer einen Weg gefun­den mit mir zu sprechen, aber ich, ich habe meis­tens nicht auf dich gehört. Während ich das schreibe, rollen mir ein paar Trä­nen über die Wan­gen. Für all das, was ich dir ange­tan habe, möchte ich mich bei dir entschuldigen.

Ich danke dir dafür, dass du immer wieder gesund gewor­den bist, meine Wun­den geheilt hast, aus­genüchtert bist, mir unge­sun­des Essen verziehen hast – alles, ohne je nach­tra­gend gewe­sen zu sein. Du hast alles ertra­gen, ohne mich je im Stich zu lassen. Du bist ein kleines Wun­der, ein Kunst­werk aus Knochen, Ner­ven, Muskeln, Orga­nen – und Fett.

Meine Haare, meine Augen und meine Lip­pen sind dir beson­ders gut gelun­gen. Auch bei meinen Brüsten und mein­er Taille hast du dich sehr bemüht. Meine Beine sehen aus, als hät­ten sie Hagelschlagschä­den. Sie sind oft schw­er und schmerzen, aber sie sind stets bemüht alles zu geben. Ich kann ihnen nicht böse sein. Inzwis­chen sind wir ein gutes Team, Kör­p­er, auch wenn ich lange gebraucht habe, dich zu akzep­tieren. Am lieb­sten mochte ich dich schon immer, wenn wir gemein­sam tanzen. Dann spüre ich: Wir gehören zusammen.

Ich weiß noch, als ich mich mit dir ver­söh­nt habe und dich fragte, ob wir Fre­unde sein wollen. Es war, als hättest du tief eingeat­met und gedacht: Endlich fragt sie mich. Seit­dem wir Fre­unde sind, geht es mir viel bess­er. Und dir auch. Ich gebe mein Bestes, damit es dir gut geht – aber ich bin nicht per­fekt und nicht immer gelingt mir das. Aber ich werde mich anstren­gen und weit­er­hin gut für dich sor­gen. Es ist so schön dich zu haben, Kör­p­er. So wie du bist. Nie­mand son­st hätte all das je für mich getan. Ich weiß, dass das nicht selb­stver­ständlich ist. Ich danke dir.

Und ich liebe dich.

Deine Con­ny

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Letzte Kommentare (3)

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Dk5487
Samstag, 23. Januar 2021, 19:38 Uhr

Ich finde die Frau Super

Salome
Freitag, 2. August 2019, 12:45 Uhr

Lieber Kör­p­er,

du bist ein Wunder. 

In nur ein­er einzi­gen Minute leis­test du so viel Erstaunlich­es! Während ich tippe, ver­ar­beit­en meine Augen visuelle Reize sin­nvoll, schlägt mein Herz, wird meine Tem­per­atur reg­uliert, meine Zellen ver­sorgt, meine Knochen auf dem Stuhl ange­ord­net, sodass ich sich­er sitze, neue Zellen gebildet, sorgt ein kom­plex­es Sys­tem aus Muskeln und Ner­ven, dass ich ein- und ausatme. Und das alles ist nur ein winziger Teil dessen, was du jede Sekunde ohne Pause für mich tust.

Du sorgst dafür, dass ich über­lebe, laufen kann, ohne darüber nachzu­denken, welchen Muskel ich beu­gen oder streck­en muss und wie ich das Gle­ichgewicht halte. Du regelst Schlaf, Hunger, Angst, Flucht und Angriff.

Mit deinen Ohren höre ich Beethoven, mit dein­er Nase rieche ich, ob die Milch noch gut ist, mit deinen Füßen durch­wan­dere ich ferne Län­der und bringe den Müll vor die Tür.

Durch dich habe ich Orgas­men gehabt, eine Schwanger­schaft über­lebt und bin wieder voll­ständig davon gene­sen. Mit dein­er Stimme habe ich Worte geformt, die mich in Teufels Küche und zu einem Diplom gebracht haben. Ich habe mit dir gelacht und geweint und einem Typen in die Eier getreten, bevor ich schnell auf deinen Füßen weg­ger­an­nt bin.

Ich habe dich mal­trätiert, ver­flucht und schlecht behan­delt. Das tut mir leid. 

Ich dachte lange, deine Haup­tauf­gabe sei es, schlank zu sein – also schön zu sein. Ich spare mir jet­zt, dir zu sagen, was ich schön an dir finde, weil es keine Leis­tung ist, schön zu sein, son­dern ein Glück. Meine Nase mag schön sein, aber ohne, dass sie mir die wun­der­barsten Geruch­sor­gas­men und die ekel­haftesten Stink-Ago­nien beschert, wäre sie sinnlos.

Danken möchte ich dir für meine voll funk­tion­stüchti­gen Hände. Meine Hände sind großar­tig und sie kön­nen so viel. Dir einen Brief schreiben, meinen Hin­tern abputzen, mein Geld ver­di­enen, die Krümel auf der Arbeit­splat­te wegfe­gen, Bilder zeich­nen, per­vers­es Zeug anstellen, Katzen­fell stre­icheln, Teig kneten, Schul­terknubbel weg­massieren, Geschenke zauber­haft ver­pack­en, Fig­uren for­men, Löch­er in Wände bohren, Reifendruck prüfen, klatschen, Trä­nen weg­wis­chen, auf Klavieren Klimpern, Notrufknöpfe drück­en, Nag­el­lack abknibbeln … 

Schön­heit ist nur ein winziger und ver­gle­ich­sweise klein­er Aspekt deines riesi­gen Spektrums.
Es ist, als würde man ein Meis­ter­w­erk auf die Sig­natur des Kün­stlers reduzieren und sich grä­men und in Depres­sio­nen ver­fall­en, weil diese in der recht­en Ecke ist und nicht in der linken.

Du musst auch nicht “trotz­dem” schön sein. Du hast zu viel wichtigeres zu tun. Hüb­sch sein ist ein­fach nicht deine Aufgabe.

Beste Grüße

Eve
Freitag, 19. Oktober 2018, 22:39 Uhr

Danke für die war­men Worte, die wir uns selb­st zu wenig sagen. #Best Blog­ger on Soulfully.