Wie ich lernte, meinen kranken
Körper zu lieben

17. Januar 2020 | von

Was passiert, wenn der eigene Kör­p­er plöt­zlich ver­sagt? Lässt man sich hän­gen und gibt auf oder lernt man, sich neu zu akzep­tieren, und find­et so sein per­sön­lich­es Glück?

Bei manchen Geschicht­en weiß man gar nicht so recht, wo man anfan­gen soll. Aber eins ist sich­er, meine begann weit nach­dem ich ange­fan­gen habe, mich als Plus-Size-Frau zu mögen und zu akzep­tieren. Es erwartete mich eine schw­er­wiegen­dere Erfahrung, die mich auf eine ganz neue Weise testete. Ich musste meinen Kör­p­er neu erfahren, Neues über ihn ler­nen und mich neu akzep­tieren – auf ganz andere Art. Das bedurfte lange Jahre, viel Selb­stre­flex­ion und neues Denken.

Trig­ger-Warung: Dieser Text beruht auf mein­er per­sön­lichen Erfahrung. Bewusst habe ich mich dazu entsch­ieden, das Wort Depres­sion im Text selb­st nicht zu nutzen, auch wenn es ein Teil mein­er Erfahrung war. Wenn es dir seel­isch nicht gut geht, soll­test du dir drin­gend pro­fes­sionelle Hil­fe suchen. Wir haben hier zwei Seit­en für dich für weit­ere Informationen.
https://www.telefonseelsorge.de/  & https://www.mytherapyapp.com/de/blog/telefonseelsorge-rufnummern

Bei schweren Erkrankungen nicht den Mut verlieren

Wenn der Körper versagt

Am Anfang war es nur ein leicht­es Ziehen im Fuß. Ein Besuch beim Arzt später hieß es dann: Bän­derdehnung. Diese Dehnung ließ aber nicht nach und ich hat­te so einige Monate ohne Hil­f­s­mit­tel damit zu kämpfen, bis ich schließlich zur Gehstütze griff, um den Fuß zu ent­las­ten. Viele Arztbe­suche später war ich mit­tler­weile auf zwei Gehstützen angewiesen, weil ich die Schmerzen beim Laufen nicht mehr aushal­ten kon­nte. Die zahlre­ichen ver­meintlichen Diag­nosen von Orthopä­den und Sportmedi­zin­ern waren ständig mit dem Satz „Sie müssen abnehmen!“ ver­bun­den. Ich sollte mein Gewicht reduzieren, um wieder ohne Schmerzen zu laufen. So macht­en sich Zweifel bre­it, ob ich denn den Entschluss zur Akzep­tanz meines dick­en Kör­pers zu vor­eilig getrof­fen hat­te und mich nun doch bemühen musste, abzunehmen. Nach zwei Jahren mit Schmerzen und ein­er unge­sun­den Abnahme von 15 Kilo habe ich trotz­dem nicht ohne Schmerz laufen kön­nen. Ich musste irgend­wann ein­se­hen, dass ich mein Leben anders gestal­ten muss, denn es wurde langsam aber sich­er unangenehm.

Was tun wenn du dich hilflos fühlst

Kämpfen bis zur Ohnmacht

Mit­ten im Studi­um, mit einem Neben­job, weit weg von Fam­i­lie und Fre­un­den, wohnte ich ganz allein in der zweit­en Etage und kon­nte mein Leben ein­fach nicht mehr nor­mal führen. (Hier muss ich noch erwäh­nen, ich war sehr stolz auf meinem Weg, als einzige in der Fam­i­lie, die es zum Studi­um gebracht hat. Der Weg vom Arbeit­erkind mit Migra­tionsh­in­ter­grund zum Studi­um war nicht OHNE.) Die Gehstützen wur­den zur Falle. Der Weg zur Uni wurde im ver­schneit­en Jan­u­ar zur Katas­tro­phe. So schnell wollte ich aber nicht aufgeben. Ich schaffe das schon … wie immer. Bei 30 Grad ein 6er Pack Wass­er über fünf Straßen mit zwei Gehstützen zu trans­portieren und sich wun­dern, dass man zuhause in Ohn­macht fällt?! Ja, alles schon durchgemacht. Ich habe mir größte Mühe gegeben, meine Selb­st­ständigkeit zu erhal­ten, und habe meine Gesund­heit dabei immer weit­er einge­büßt. Die Ohn­macht war schließlich der Schlüs­sel­mo­ment, in dem ich einge­se­hen habe, dass es nicht mehr funk­tion­iert. Meine Erken­nt­nis: ein­se­hen, dass ich nicht mehr alleine und selb­st­ständig leben kann. Das war das Schwierig­ste für mich und ist auch heute noch mit Trä­nen und Wut ver­bun­den. Denn es bedeutete damals, nicht nur mein Leben ändern zu müssen, son­dern auch aufgeben, und zwar alles, was ich mir bis dahin erar­beit­et hatte.

Tipps für einen Neustart

Der schwere Neustart 

Aufgeben und neu starten – gar nicht so ein­fach.
 Abbruch und zwar kom­plett. Neu­nan­fang in mein­er Heimat­stadt, ohne Job und Per­spek­tive, denn ich war sicht­bar krank, aber ohne richtige Diag­nose. Ich musste ler­nen, um Hil­fe zu bit­ten. Meine Geschwis­ter waren immer für mich da und tat­en alles, was ich nicht mehr kon­nte. Eben­so wie meine beste Fre­undin und mein Fre­und. Das war mein fes­ter Kreis, denn andere Men­schen um Hil­fe bit­ten, wäre für mich ein weiter­er Rückschlag gewe­sen. Im Grunde kon­nte ich kaum mehr etwas alleine, und ich wusste mir auch nicht zu helfen. Zum einen wusste ich ein­fach nicht, ob der Zus­tand bleibt und die Ärzte wussten nicht, was ich habe, und gaben mir auch keine Hil­festel­lung, keine Tipps oder auch nur einen Hin­weis darauf, wie ich mein Leben erle­ichtern kön­nte.  

Das Mitleid der anderen

Der Umzug brachte eine weit­ere Unan­nehm­lichkeit: Ständig traf ich alte Bekan­nte, die nur fragten: „WAS HAST DU DENN GEMACHT?“ Egal was son­st noch so in meinem Leben gewe­sen ist, sie sahen zu mir runter und es begann die Odyssee der mitlei­di­gen Blicke. Diese Blicke waren für mich eigentlich der Haupt­grund, nicht mehr das Haus zu ver­lassen, Fre­unde nicht mehr zu tre­f­fen und mein soziales Leben völ­lig ein­schlafen zu lassen. Ich lebte allein in einem Kör­p­er, den ich nicht wollte UND an dem ich nichts ändern kon­nte. Ich nahm eine Auszeit von allen Men­schen und hoffte auf eine bahn­brechende Ther­a­pie, die mein Leben wieder kit­tete. Es war eine Farce, denn je mehr ich ver­suchte, kör­per­lich gesund zu wer­den, desto mehr litt meine Seele. Ich nahm das Geld, das ich nicht hat­te, und machte sämtliche Ther­a­pi­en durch, die ich find­en kon­nte. Am Ende fand ich mich doch wieder am Anfang: Selb­st­be­wusst­sein im Keller, Hoff­nung aufgegeben, Per­spek­tiv­en nicht zu sehen.

Umdenken und wirklich neu starten

Es gab einen Moment, in dem ich erkan­nte, dass es so nicht weit­er gehen darf. Mein Mann, der schon vor mein­er Krankheit an mein­er Seite war, hat mich wo es ging unter­stützt, jeden mein­er Träume erfüllt und mir immer das Gefühl gegeben, keine Last zu sein. Für ihn hat­te sich eigentlich auch alles geän­dert. Kein Händ­chen­hal­ten, kein Arm in Arm laufen und immer schauen, dass alles bar­ri­ere­frei ist. Da machen Dates doch richtig Spaß, oder? Er war mein Halt zu dieser Zeit und hat dabei so viel selb­st durch­machen müssen. Ich wollte, dass es für ihn wieder eine glück­lichere Zeit im Leben gibt und erkan­nte: ICH war der Schlüs­sel dazu. Das Allein­sein tat mir nicht gut und zusam­men waren wir ein­fach das bessere Team. Wir heirateten und beka­men eine Tochter. Beste Entschei­dung ever! Danke!

Während der ganzen Zeit war meine einzige Welt, die ich noch so erhal­ten kon­nte, wie ich sie haben wollte, mein Blog. Da habe ich weit­er­hin meine Liebe zur Mode aus­gelebt und musste mit nie­man­dem über meine Sit­u­a­tion reden. Ich kon­nte noch den Teil von mir ausleben, der ich immer war, und bekam neue Ange­bote und die Möglichkeit, mich zu pro­fes­sion­al­isieren. Danke! Die Liste lässt sich noch ewig weit­er­führen. Ich hat­te einge­se­hen, dass es so viel mehr gab, wofür ich dankbar sein kon­nte und stellte mir dann selb­st die Frage: Welche Frau wollte ich sein? Die bemitlei­denswerte, die sich in ihrer Woh­nung ver­steckt und darauf hofft, gesund zu wer­den, oder die starke, selb­st­ständi­ge Frau, die ich mal war?

Wer möchte ich sein?

Gehstützen, Roll­stuhl, Rol­la­tor? Alles nur Mobil­ität­shil­fen, die mich von A nach B brin­gen. Sie sagen nichts über mich aus! Ich nahm mein Leben in die Hand, recher­chierte, wie ich trotz Hand­i­cap vieles alleine meis­tern kön­nte. Es war eine lange Try-and-Error-Phase, aber es hat sich gelohnt. Jet­zt weiß ich, wie es läuft und kann zu 99,9 % mein Leben ohne Hil­festel­lung von andern leben. Und auch wenn ich mal Hil­fe brauche, es kostet mich keine Über­win­dung mehr, zu fra­gen. Ich entsch­ied mich für die starke Frau, die trotz Gehstützen ihr Leben auf die Rei­he bekommt. Die ihre Per­sön­lichkeit vor ihr Ausse­hen bürstet. Die ihre Stärken nutzt, um den Men­schen zu zeigen, dass sie mehr ist als ein kranker Kör­p­er. Und die mitlei­di­gen Blicke? Wie weggeblasen!

Tipps zum glücklich werden
Tipps für mehr Selbstakzeptanz

Die Macht der Entscheidung

Und ja, es ist tat­säch­lich so. Es ist eine bewusste Entschei­dung! Ich entsch­ied mich bewusst, mein Leben in eine andere Bahn laufen zu lassen. Nicht mehr dem hin­ter zu trauern, was ich ver­loren hat­te, son­dern das zu feiern, was ich gewon­nen habe. Zu akzep­tieren, dass etwas anderes in meinem Leben auf mich wartet, hat mir geholfen, nach vorne zu sehen. Meine Bes­tim­mung auf mich zukom­men zu lassen und dann zu sehen, wie ich trotz mein­er Krankheit Glück find­en kon­nte. Deshalb mein Rat an dich:

Entschei­de dich bewusst dazu, glück­lich zu wer­den, und sei dankbar!

Letzte Kommentare (1)

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!

Andrea
Sonntag, 23. Februar 2020, 10:26 Uhr

Liebe Mia,ich wün­sche dir weit­er­hin alles Gute. Nach Unfällen und Stürzen ging es mir eine Zeit lang genau wie dir. Ich ging trotz Stützen weit­er­hin arbeiten,meine Schü­lerIn­nen akzep­tierten diese auch als meine Begleit­er. DIE ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT…ohne Sport,zu Hause in der Physiotherapie,mein Orthopäde grüßte mich schon auf der Straße…dann schob ich meine Gehil­fen zusam­men und stieg aufs Fahrrad…mit den Gehhil­fen tappte ich ans Ufer des nahen Sees ‚warf sie in den Sand und schwamm…von da an gings aufwärts…bis zum näch­sten chrash😉…mir hat Arbeit sehr geholfen,zu Haus wär ich in schwere Gedanken versunken…