Meine Muse: Oma Sophie

29. November 2017 | von

Und schon geht es weit­er mit unser­er Aktion „The Muse Club“. Wir haben zehn Blog­gerin­nen mit Olym­pus Pen Sys­tem Kam­eras aus­ges­tat­tet und sie gebeten, ihre ganz per­sön­liche Muse zu por­traitieren. Welche Frauen inspiri­eren, ermuti­gen, beein­druck­en sie? Bis zum 15. Okto­ber kön­nt Ihr das auf Soul­ful­ly lesen und ab dem 16. Okto­ber für Eure Lieblings­geschichte voten.

Den Anfang machte Ulrike, bekan­nt als Miss Bar­toz, mit ein­er wun­der­schö­nen Geschichte über ihre Fre­undin Nina, die franzö­sis­ches Flair an die Elbe gebracht hat! Heute stellt Tan­ja Mar­fo vom Label “Kur­ven­rausch” ihre Muse vor. Die Make-up-Artistin (Rougekäp­pchen) aus Ham­burg wirbelt die Plus-Size-Com­mu­ni­ty mit ihrer Energie immer gehörig auf: Sie organ­isiert Fash­ion-Shows, reist zu zahlre­ichen Beau­ty-Events und bringt ein Lifestyle-Mag­a­zin für kurvige Frauen im Netz her­aus; und das ist noch längst nicht alles, was die 1,86 Meter große und gle­icher­maßen selb­st­be­wusste Frau umtreibt. Uns erzählt sie heute eine berührende, sehr per­sön­liche Geschichte über ihre Oma, “Miss Sophie”:

“Meine Inspi­ra­tionsquelle ist kein Star­let, kein Dichter oder Maler. Meine Muse, die mich manch­mal küsst, ist meine Oma. Sophie Hack, geborene Ohl, geboren am 18.März 1901, gestor­ben im Sep­tem­ber 1994. Ein Men­sch, den ich „nur“ 14 Jahre meines Lebens gekan­nt habe und der trotz­dem unheim­lich viele Spuren, auch in meinem All­t­ag, hin­ter­lassen hat. Für mich ist dieses Musen-Pro­jekt etwas sehr beson­deres: Das Her­aus­suchen alter Fotos, das Durch­blät­tern alter Briefe und das Gefühl, dass meine Oma immer noch da ist und auf mich achtet, machen mich glücklich.

Tanja_Muse_RingMiss Sophie, wie mein Vater immer zu sagen pflegte, ist in Ham­burg Berge­dorf geboren und aufgewach­sen. Zuhause wurde bei ihr meis­tens nur „Platt geschnackt“ und wenn sie sich doch mal ärg­erte, dann wurde auch auf Platt geflucht. Stil und Geschmack sind Dinge die sich entwick­eln und uns zu Hause vorgelebt wer­den. Ich erin­nere mich gerne an Besuche bei ihr. Ich saß mit Marme­laden­plätzchen in ihrem Wohnz­im­mer, das Röhren­ra­dio lief im Hin­ter­grund, meine Oma löste Kreuz­worträt­sel, und ich stellte wie immer viele Fra­gen.  Am lieb­sten aber hörte ich mir alte Geschicht­en an, während ich im Ohrens­es­sel saß oder mich auf ihrem großen Sofa an sie kuschelte.

Ich weiß auch heute noch, wie ihre Woh­nung aus­sah. Viel Holz, teures Geschirr und Porzel­lan (in einem extra Schrank auf­be­wahrt), Par­ket­t­bo­den, Kristal­l­vasen, ein großer Gash­erd, ihre Nähecke mit der schö­nen Lese­lampe, die einen äußerst amüsan­ten und “puffig” geformten Schirm hat­te, ihr Waschtisch im Schlafz­im­mer aus Mar­mor… Bei mein­er Oma war alles schick, aber nicht über­trieben und vor allem war alles alt.

Tanja_Muse_Bild1Sophie hat­te immer die Ruhe weg –  ganz anders als ich. Sie wurde mit etwa 60 Jahren Witwe und lebte seit­dem alleine in der Alt­bau­woh­nung in Berge­dorf. Wöchentlich waren wir bei mein­er Oma zu Besuch oder sie bei uns. Wann immer ich kon­nte, wollte ich alleine Zeit mit mein­er Omi ver­brin­gen. Sie kon­nte wahnsin­nig gut back­en und hat­te immer Marme­laden­plätzchen in ein­er kleinen Keks­dose in ihrem Küchen­schrank. Oft nähte sie mir Klei­der in vie­len bun­ten Far­ben, manch­mal sog­ar mit Spitzenkra­gen, die ich als Kind nicht son­der­lich schön fand – ganz im Gegen­satz zu mein­er Mutter.

Schlau wie meine Oma war, nähte sie Knöpfe an den Kra­gen, damit ich ihn abknöpfen kon­nte. Ob Klei­der aus Kord, Samt, mit und ohne Spitzenkra­gen oder kleine Pul­lun­der: Meine Oma kon­nte richtig gut nähen. Kein Wun­der, sie war ja auch gel­ernte Schnei­derin. Ein Kleid gibt es sog­ar noch in mein­er Erin­nerungskiste. Sophie war auch pri­vat immer gut gek­lei­det. In Hosen habe ich sie nie gese­hen. Sie trug oft Röcke und Blusen, teil­weise mit ein­er hohen Taille oder ein­fach lock­er in den Rock gesteckt. Sie war keine Frau, die sich viel schmink­te, aber sie legte sehr viel wert auf ihre Haare. Bei Regen schütze sie diese mit einem kleinen, durch­sichti­gen Häubchen mit Punk­ten, was ich wahnsin­nig toll fand mit fünf Jahren. Also besorgte mir meine Oma auch so eine Haube und wir gin­gen im Regen gemein­sam spazieren – mit Plastikhäubchen.
Tanja_Muse_3Meine Oma hat­te bei­de Weltkriege miter­lebt und kon­nte mir viele Geschicht­en darüber erzählen. Davon, dass mein Papa Kohle „mopsen“ ging unten am Güter­bahn­hof, dass sie kilo­me­ter­lang für frische Milch und Brühe durch den Wald liefen, dass eines Tages ihr Lieblingskrämer­laden plöt­zlich ver­schwun­den war und darüber, dass einige ihrer Fre­unde nicht mehr aus dem Krieg zurück­ka­men. Wie sie in den 1920er Jahren tanzen ging und ihren Emil, meinen Opa ken­nen­lernte, und wie wichtig es ist, dass man sich lieb hat.

Tanja_Muse7Was hätte ich dafür gegeben, die Roar­ing Twen­ties mitzuer­leben. Ich liebe Charleston, Swing, das wun­der­schöne Jugend­stil-Design und den Klei­dungsstil. Zur Hochzeit schenk­te man sich früher teures Porzel­lan und Möbel. Die Schlafz­im­mer­mö­bel mein­er Oma waren aus schw­eren und mas­siv­en Holz und wur­den extra zur Ver­lobung ange­fer­tigt. Einen Nacht­tisch habe ich noch, in ihm bewahren wir unsere Servi­et­ten und das Sil­berbesteck auf. Er hat eine schwere Mar­mor­plat­te und ist her­rlich verziert. Was mir an mein­er Oma immer sehr gefiel ist, dass sie es sich immer schön gemacht hat. Sie kochte für sich selb­st, deck­te sich den Tisch mit ihrem besten Ser­vice am Son­ntag, zog sich schön an, machte sich zurecht und duftete immer nach Rosenpuder.

Tanja_Muse4Ihre Liebe zum Detail ist mir sehr gut in Erin­nerung geblieben, genau so wie ihre fes­ten und her­zlichen Umar­mungen, die liebevollen, alten und ganz zarten Hände die mich immer stre­ichel­ten. In diesem Moment, im Gedanken bei mein­er Oma, bin ich ein wenig wehmütig und wün­sche mir meine Oma für eine kurze Zeit zurück. Ich würde ihr für ihre Liebe danken, die mich auch heute, über 20 Jahre nach ihrem Tod, immer noch trägt und tief in meinem Herzen sitzt. Ihr Danke sagen, für die vie­len schö­nen Dinge, die sie mir beige­bracht hat, und für ihre kreative Ader, die sie auch an mich weit­ergegeben hat.”

Danke Miss Sophie!

Tanja_Oma

Trau­rig und schön zugle­ich, Tan­jas Gedanken über ihre Oma, oder? Am Don­ner­stag geht es weit­er mit ein­er neuen Musen-Geschichte, dies­mal erzählt von Clau­dia von Curvy Clau­dia. Sie stellt Euch eine beein­druck­ende Frau vor, deren Kühn­heit und Aben­teuer­lust sie immer wieder selb­st ans­pornte. Eine Über­fliegerin … Aber lest selbst!

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