Fat Shaming – einfach nur ehrlich?

10. Januar 2020 | von

Vor ein paar Wochen durfte ich an einem Umstyling teil­nehmen. Als zwar selb­st­be­wusster, aber eher intro­vertiert­er Men­sch ste­he ich nicht gern im Mit­telpunkt und war zunächst skep­tisch und unsich­er, ob ich meinen Kör­p­er über­haupt so öffentlich präsen­tieren soll. Ich habe mich getraut. Und was soll ich sagen, ich bereue nichts! Ich hat­te einen grandiosen Tag im Foto­stu­dio, habe ganz reizende Men­schen ken­nen­gel­ernt und viele Tipps und neue Inspi­ra­tio­nen für meine Frisur, Make-up und meinen Klei­dungsstil einge­sam­melt. Es war ein­fach nur schön! Als das Umstyling-Post­ing veröf­fentlicht wurde, bekam ich vor allem von Fre­un­den und Bekan­nten, aber auch von vie­len mir unbekan­nten Men­schen, viel pos­i­tives Feed­back und Lob für meine Fotos. Oft wurde mir gesagt, wie schön ich sei. Das höre ich son­st eher sel­ten und es war ein­fach nur wun­der­bar und beflügelte mich für viele Tage. Und erin­nerte mich auch daran, dass wir uns gegen­seit­ig viel öfter Kom­pli­mente machen soll­ten. Es sind kleine Stre­ichelein­heit­en für die Seele. Und das tut so gut.

Soulfully umstyling
plus size umstyling mit conny

Ab in die Vorurteils-Schublade

Das Soul­ful­ly-Team postete Links zum Umstyling auch auf Insta­gram und Face­book. Auch dort gab es ganz viele nette und wohlwol­lende Kom­mentare, die mein Herz erwärmten. Und dann kam das, wom­it ich bere­its gerech­net hat­te und für das ich mir schon meine innere Rüs­tung zurecht­gelegt hat­te. Es begann mit den Sätzen: „Die Dame ist sehr stark übergewichtig und da hil­ft auch kein Umstyling. Das ist wed­er schön noch gesund.“ Schnell hängten sich mehrere Frauen dran und in vie­len weit­eren Kom­mentaren wurde darüber spekuliert, wie krank ich auf­grund des Übergewichts sei, dass ich keinen Sport mache und mich wahrschein­lich auch nicht aus der Woh­nung traue. Es gab einige Stim­men, die mein­ten, dass ich vielle­icht eine Krankheit habe und deswe­gen nicht abnehmen könne, dann sei das ja vielle­icht akzept­abel, son­st aber auf gar keinen Fall. Mein Gewicht sei aber sich­er nicht krankheits­be­d­ingt und man gab mir den ver­meintlich guten Ratschlag, dass ich gefäl­ligst meine Ernährung umstellen und Sport treiben soll. Denn in so einem Kör­p­er kann man sich doch nicht wohlfühlen. Die meis­ten Kom­men­tieren­den haben nicht ein­mal das Post­ing gele­sen – sie haben auf Face­book das Bild ein­er dick­en Frau gese­hen, haben die Vorurteils-Schublade aufge­zo­gen und los­gelegt. Blöder­weise habe ich einen Full­time­job, gehe zweimal die Woche zum Sport, esse kein Fast­food, reise gern, bin ständig mit Fre­un­den unter­wegs, gehe auf Konz­erte, gehe tanzen und bin zufrieden mit meinem Leben. Und nun? Warum ist mein Gewicht für irgendwelche frem­den Men­schen im Inter­net, die mich noch nie per­sön­lich ken­nen­gel­ernt haben, nur so inter­es­sant? Warum nutzen sie ihre kost­bare Leben­szeit zum Schreiben von Kom­mentaren, in denen sie mich so herabsetzen?

Gewichtsdiskriminierung

Gemeinsamer Feind: Dicke

Gewichts­diskri­m­inierung ver­fol­gt uns Dicke ein Leben lang. Die 24-jährige Bun­dessprecherin der Grü­nen Jugend, Ricar­da Lang, schreibt beispiel­sweise online über ver­schiedene poli­tis­che The­men. Anstatt mit ihr über ihre Ansicht­en zu disku­tieren, bekommt sie als Antwort viele hässliche Kom­mentare zu ihrem Kör­p­er. Belei­di­gun­gen wie „fette Sau“, „abstoßen­des fettes Pum­melchen“ und „stopf Dich ruhig voll bis Du platzt“ muss sie in den sozialen Net­zw­erken über sich erge­hen lassen. Die Zeitschrift Nido forderte let­ztes Jahr in einem Artikel Eltern dazu auf, mit ihren Kindern über dicke Men­schen zu lästern. Das stärke das Band zwis­chen Eltern und Kindern, denn „jede gute Beziehung braucht einen gemein­samen Feind“. Zitat: „Neulich ste­he ich mit mein­er Tochter in der Apotheke, neben uns eine sehr kor­pu­lente Frau. Wir sehen uns an, grin­sen und reden danach minuten­lang darüber, dass sie sehr, sehr dick war. Und dass wir froh sind, keine Dick­en zu sein.“ Die Redak­tion hielt es nicht für nötig, sich für diesen Artikel zu entschuldigen. Sie habe das The­ma ins Heft genom­men, „weil es ehrlich ist“. „Sollte sich jemand per­sön­lich ange­grif­f­en gefühlt haben, dann tut uns das Leid“ hieß es lap­i­dar. Das zeigt sehr deut­lich, wie wenig das Bewusst­sein für Gewichts­diskri­m­inierung in der Gesellschaft aus­ge­bildet ist. Und lei­der fördert das Lästern über Dicke auch nicht den Zusam­men­halt von Eltern und Kindern, son­dern führt eher zu ein­er gestörten Kör­per­wahrnehmung schon im Kinde­salter. Weil das öffentliche Kri­tisieren und Belei­di­gen von Dick­en in unser­er Gesellschaft so nor­mal ist, sind sich viele Men­schen der Ver­let­zun­gen, die sie anderen zufü­gen, gar nicht richtig bewusst. Die Stig­ma­tisierung von Dick­en darf nicht toleriert wer­den, denn sie trägt zu Essstörun­gen, (psy­chis­chen) Krankheit­en und sozialer Iso­la­tion bei.

Schluss mit den Verletzungen

Die Ursachen des Dick­seins sind vielfältig und kom­plex­er, als all­ge­mein angenom­men wird. Mit ein biss­chen Sport und Kohle­hy­drate weglassen am Abend ist es nicht getan. Mein dick­er Kör­p­er ist das Ergeb­nis eines Kampfes, der begann, als ich zehn Jahre alt war und der mich viel Energie, Opfer und Leben­szeit gekostet hat – und in Zukun­ft auch noch kosten wird. Ich muss mich nicht dafür recht­fer­ti­gen, dass ich dick bin und es ste­ht nie­man­dem zu, mich auf­grund mein­er Kör­per­form zu verurteilen. Nie­mand hat das Recht, einem frem­den Men­schen zu sagen, wie sehr er dessen kör­per­liche Exis­tenz ver­achtet. Fat Sham­ing ist eine Form der Diskri­m­inierung, die genau­so kri­tisch gese­hen wer­den muss wie die Her­ab­set­zung basierend auf Haut­farbe, Herkun­ft, Reli­gion, Kör­per­be­hin­derung oder sex­ueller Orientierung.

Letzte Kommentare (7)

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Kathrin
Sonntag, 30. September 2018, 17:46 Uhr

Liebe Heike, ich glaube, Du hast nicht nachvol­lziehen kön­nen, worum es hier geht.
Nie­mand behauptet dass Übergewicht erstrebenswert ist und der Gesund­heit dien­lich ist.
Übergewicht ist eine Krankheit. Genau­so wie andere Essstörun­gen auch.
Vom Prob­lem ablenken, indem man auf ein anderes Prob­lem hin­weist, löst nicht das Bodysham­ing auf so vie­len Ebenen.
Warum unter­stützen wir uns nicht gegen­seit­ig mit Wertschätzung und Kom­pli­menten, anstatt die Prob­lematik zu negieren.
Im übri­gen hat sich die Autorin nicht an ein­er einzel­nen Stelle über andere Men­schen mit andren Prob­le­men aus­ge­lassen. Son­dern nur aus ihrer Welt berichtet.
Wir müssen noch viel voneinan­der ler­nen, wir soll­ten langsam damit anfangen.
Danke, Con­ny, für die Worte und Deinen Kampf für mehr Toleranz!

Melanie
Dienstag, 11. September 2018, 18:25 Uhr

Ich find dich toll. Sehr schönes Gesicht. Und mein Gott, du siehst toll aus in den Klamotten

Heike
Montag, 10. September 2018, 11:55 Uhr

Das dick sein nicht unbe­d­ingt gesund ist kommt ja nicht von ungefähr !
Ist auch kein Resul­tat von der Mode Welt son­dern von Ärzte und Kliniken .
Weist du wieviele schlanke und dünne auch mit dem Prob­lem des beschimpfs zu kämpfen haben , aber das darf man ja.
Denn wer auf seine Fig­ur achtet dir sowieso nur zu dumm zum Essen oder eingebildet ! 

Auch dünne Men­schen haben es schw­er , da gib’s keine Tipps in jed­er Frauen Zeitschrift wie man mal schnell 5 kg zunimmt , welche klam­ot­ten ein wenig dünne arme und Beine kaschieren !
So hat wohl jed­er sein los zutragen .
Also stellt euch nicht immer als Opfer oder missver­standene der Gesellschaft hin

Conny
Freitag, 10. August 2018, 12:31 Uhr

Liebe Bibi, Vero und Bieny,

es scheint noch ein langer Weg zu sein, bis wir ganz frei von Ver­let­zun­gen und Vorurteilen leben kön­nen — aber diesen Weg könne wir gemein­sam gehen und uns gegen­seit­ig unterstützen.
Ich finde es ganz großar­tig, Vero, dass Du als Trainer­in arbeitest. Wir haben so tolle Leserin­nen hier bei Soul­ful­ly — denn es ist genau so, wie Bibi es for­muliert: „Seit­dem ich füh­le und lebe, dass ich gut bin wie ich bin, ist alles gut.“ Ihr macht auch den Frauen Mut, die noch unter­wegs sind zu Selb­stakzep­tanz und Selb­stliebe. Ganz dick­es Danke für eure Kom­mentare, das Teilen eur­er Erfahrun­gen, das Lob und die Kritik!

Bibi
Donnerstag, 9. August 2018, 9:21 Uhr

Danke für deinen Artikel, fand ich sehr tre­f­fend. Wobei mir eine Pas­sage doch etwas sauer aufgestoßen ist — näm­lich die, in der du erk­lärst, dass du Sport machst, Fre­unde hast etc. Kein dick­er­er Men­sch sollte sich recht­fer­ti­gen (müssen) für seine Kör­per­form. Früher habe ich das auch getan, erst seit­dem ich mich davon frei gemacht habe, erhalte ich komis­cher­weise keine neg­a­tiv­en Lästereien oder ver­meintlich gut gemeinte Ratschläge mehr. Oder das Gefühl, in eine Schublade gesteckt zu wer­den, weil ich zu große Brüste für eine Größe 36 (ja das ist 20 Jahre her) oder einen zu großen Bauch zum Hüb­sch­sein hätte.
Seit­dem ich füh­le und lebe, dass ich gut bin wie ich bin, ist alles gut. Und wenn ich tat­säch­lich mal der Mei­n­ung bin, mein Gewicht hin­dert mich an irgen­det­was, dann ändere ich es. Aber nicht, weil ich irgend­je­man­des Klis­chees erfüllen will … Nicht auf seinen Kör­p­er reduziert zu wer­den, son­dern als Men­sch wahrgenom­men zu wer­den, das ist toll.

Vero
Dienstag, 31. Juli 2018, 9:29 Uhr

Hal­lo Conny,
vie­len Dank für dieses außeror­dentlich ehrliche Statement.
Vor allem über die Tat­sache, dass man keinem Men­schen anse­hen kann, was für Gründe dafür ver­ant­wortlich sind, zu dick oder zu dünn zu sein. Nur weil irgendwelche Modemach­er eine Size Zero erfun­den haben, in nicht mal annäh­ernd eine nor­mal gebaute Frau passen würde, ist alles was sich darum ergibt gle­ich “abnor­mal”.
Ja, auch ich habe einiges Zuviel auf den Rip­pen — der Grund hier­für? Den sieht man mir nicht an, denn er ist vielfältig und nicht nur auf ein einzelnes Prob­lem zu reduzieren.
Vielle­icht sind es meine 4 Kinder, die ich geboren habe. Vielle­icht ist es eine Erkrankung. Vielle­icht die Tat­sache, dass ich gerne und gut koche — vielle­icht ist es alles zusammen.
Eines ist es aber ganz bes­timmt nicht, Zuwenig Sport und undiszi­plin­iertes Essen.
Ich bin näm­lich Trainer­in — ich unter­richte Cardio/Koordinationssport und Pilates. Neben­her trainiere ich Tae­Bo und mein Essen — auf­grund man­nig­faltiger Unverträglichkeit­en sehr diszi­plin­iert und mehr als gesund.
Und genau weil ich jede Woche 4 mal in der Halle ste­he und als “Dicke” den “Dür­ren” zeige wo der Ham­mer hängt, genau deswe­gen danke ich dir.

Liebe Grüße
Vero

Bieny
Sonntag, 29. Juli 2018, 9:05 Uhr

Dieses The­ma begleit­et mich mein Leben lang.
Die Men­schen sollen doch auf sich selb­st schauen!
Mir war und ist ein gepflegtes Äußeres wichtig. Ob dünn oder dick
Ich finde es klasse, das es für größere Grössen jet­zt so tolle Sachen gibt.
Ich habe zwar 35 kg abgenom­men, darüber bin ich sehr froh, aber das war ein har­ter Weg.
Ich habe viele ver­let­zte ober­fläch­liche Men­schen ken­nen gel­ernt, die mol­li­gr verurteilt haben.Auf den ersten Blick sahen sie nach aussen hin gut aus.
Aber hin­ter der Fasade war es ganz anders. Mit dem lästern über mol­lige ver­bar­gen sie ihre eige­nen Baustellen.!
Deshalb verurteilt niemand !