Offener Brief an alle, die mir aufgrund meines
Gewichts wehgetan haben

3. April 2019 | von

Was treibt euch eigentlich dazu, mir auf offener Straße „Fette Sau“ hinterher zu rufen? Wir haben uns noch nie gesehen, wir kennen uns nicht, ich habe euch nichts getan, dennoch fallt ihr so hasserfüllt über mich her. Ich habe mich oft gefragt, warum ihr das eigentlich macht. Jemanden herabsetzen, damit ihr euch selbst besser fühlt. Ist es das? Wie armselig!

Mehr Respekt für Uebergewichtige

Ihr gebt mir ungefragt an der Bushaltestelle oder im Supermarkt Tipps zur Ernährung. Ich werde kopfschüttelnd angeschaut oder man fragt sich laut, wie ich mich nur so habe gehen lassen können. Ihr seht einen dicken Menschen und hackt auf ihn ein – mein Menschsein wird reduziert auf meinen Umfang. Was geht in euren Köpfen vor? Warum, denkt ihr, ihr habt das Recht, mich zu beleidigen? Weil ich als dicker Mensch weniger Wert bin als ihr, denkt ihr das?

Ihr müsst nicht angewidert das Gesicht verziehen, wenn ich im Flugzeug den Platz neben euch habe. Glaubt mir, für mich ist es noch viel schlimmer als für euch. Ich werde den ganzen Flug über versuchen, mich so klein wie möglich zu machen und euch so wenig wie möglich zu belästigen. Es wäre doch für uns alle schöner, wenn ihr einfach nett zu mir seid und wir eine gute Zeit zusammen haben.

Und ihr Ärzte, warum verdiene ich nicht dieselbe Behandlung wie ein dünner Mensch? Ich bekomme zu hören: „Daran ist Ihr Übergewicht schuld. Das müssen wir nicht weiter untersuchen, dabei kommt sowieso nichts raus.“ Ein dünner Patient bekommt alle Untersuchungen, die ihm zustehen. Die Beschwerden von dicken Patienten werden nicht ernst genommen. Das ist unethisch und grob fahrlässig. Ihr seid es, die mich krank machen. Aufgrund eurer Diskriminierung mag ich überhaupt nicht mehr zum Arzt gehen. Jeder Arztbesuch stresst mich. Es ist anstrengend, immer wieder als disziplinlos, dumm, fett, gefräßig und maßlos abgestempelt zu werden. Und es tut weh!

Diskriminierung von Uebergewichtigen

In Facebook-Kommentaren werde ich aufgefordert, abzunehmen, denn so zu sein wie ich, das sei nicht gesund und so würde ich mich nicht wohlfühlen. Nein, dass ich glücklich bin, glaubt ihr mir nicht, schließlich wart ihr „selbst mal dick“ und „wisst, wovon ihr redet“. Statt dass wir (dicke) Frauen uns füreinander starkmachen und füreinander einstehen, hacken wir uns gegenseitig die Augen aus. Das macht mich sprachlos. Und traurig.

Es geht euch nichts an, was ich esse oder nicht esse, ob ich krank oder gesund bin, ob ich mich wohlfühle oder nicht. Und hört auf, so zu tun, als wärt ihr um meine Gesundheit besorgt. Das ist so heuchlerisch. Ich muss mit niemand anderem als meinem Arzt über meine Gesundheit sprechen, Eure ungefragte Meinung braucht kein Mensch. Kümmert euch um euren eigenen Körper und lasst mich so sein, wie ich bin. Ich bin euch keine Rechenschaft schuldig. Lasst mich in Ruhe und hört auf, mir wehzutun. Ich wünsche mir von euch, dass ihr mich als das wahrnehmt, was ich bin: ein sensibler Mensch. Ihr könnt mich kritisieren für meine Meinung, mein Verhalten und meine Äußerungen, aber hört auf, meinen Körper da mit reinzuziehen. Was für eine schrecklich hässliche Welt ist das, in der Menschen immer noch wegen ihres Aussehens angegriffen werden?

Fatshaming auf Social Media

Ich bin nicht mit meinem Körper im Krieg, sondern mit euch, der Gesellschaft. Täglich muss ich gegen Vorurteile anstrampeln, mich neu beweisen und vermitteln, dass ich ein fleißiger, kluger und glücklicher Mensch bin, obwohl ich dick bin. Es erfordert Mut und Kraft, sich ständig gegen die Diskriminierung zu wehren. Manchmal macht mich das so unendlich müde. Ich musste mir ein dickes Fell und ein starkes Selbstbewusstsein zulegen, um diese Angriffe auszuhalten und mir dabei noch mein fröhliches Gemüt zu bewahren.

„Es ist nicht okay, dicke Menschen zu diskriminieren. Gewichtsdiskriminierung ist eine Menschenrechtsverletzung. Ich habe ein Recht auf Würde, Respekt und Gleichbehandlung.”

Es wäre so schön, wenn ihr euch für die Diskriminierung dicker Menschen sensibilisieren und mithelfen würdet, auch anderen zu signalisieren, wenn sie etwas nicht akzeptables gesagt haben. Ich wünsche mir so sehr, dass kein Kind mehr Erniedrigung und Spott aufgrund seines Gewichts erleben muss. Bitte liebe Eltern, Lehrer, Verwandte, Mitschüler, Freunde, zeigt den Kindern und jungen Menschen, dass sie wertvoll sind, dass ihr sie liebt, und dass sie gut sind, so wie sie sind. Niemand darf sich schlecht und minderwertig fühlen, nur weil er dick ist!

Fotos: Anna Ziegler
Make-up: Evelyn Innerhofer

Letzte Kommentare (14)

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!

Carina
Samstag, 13. April 2019, 20:26 Uhr

Loebe Conny! Wenn Menschen doch nur halb so oft dumme Kommentare abgeben würden, wenn sich jemand so verletzend verhält. Damit diejenigen merken, dass sie sich völlig inakzeptabel verhalten. Wir alle sollten mehr Mut dazu haben anderen beizustehen. Ich erinnere mich an einige Situationen (nicht bezogen auf Dicke, aber egal) in meiner Jugendzeit, in denen ich nicht den Mut hatte der betroffenen Person beizustehen und das tut mir sehr leid. Zuschauen ist nämlich auch nicht viel besser als diskriminieren.

Conny
Dienstag, 2. April 2019, 16:28 Uhr

Danke für Eure vielen lieben und schön geschriebenen Kommentare! Das bedeutet mir sehr viel, denn es erforderte schon ein bisschen Mut, diesen Artikel zu schreiben und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Es freut mich sehr, dass ich damit offensichtlich ins Schwarze getroffen und viele Menschen berührt habe. Vielen lieben Dank!

Pao
Sonntag, 31. März 2019, 14:30 Uhr

Liebe Conny,
Du sprichst mich aus der Seele!
Im Gegenteil zu Dir, bin ich mit meinem Übergewicht nicht glücklich. Destotrotz, das bin ich: Ein Mensch mit dem Recht unglücklich zu sein und aus seiner Art das zu bearbeiten. Die Intoleranz gegen Dicke ist
schlimmer geprägt als alle andere Intoleranzen. Da ich auch Ausländerin bin, weiss ich wovon ich rede….

Chrischi
Samstag, 30. März 2019, 23:35 Uhr

Conny, dein Kommentar ist großartig! Du bist ein toller Mensch, warmherzig, witzig und spontan. Ich kann das beurteilen, denn ich kenne dich jetzt seit über 30 Jahren! Und ich hoffe, dass wir noch lange zusammen Spaß haben, auch wenn wir uns nicht so oft sehen wie gewünscht. Du kannst definitiv in den Spiegel schauen, bei den anderen bin ich mir da nicht so sicher. Fühl dich unterstützt und gedrückt!

    Conny
    Dienstag, 2. April 2019, 15:15 Uhr

    Chrischi, Du Liebe, ich wusste gar nicht, dass Du hier mitliest. Ich drück Dich ganz doll zurück und hab gerade Tränchen in den Augen – danke für Deine lieben Worte!

Samstag, 30. März 2019, 10:53 Uhr

Danke! Danke für diesen guten Artikel!

JJ
Samstag, 30. März 2019, 8:17 Uhr

Liebe Conny,

du hast absolut Recht, unsere Gesellschaft ist im Hinblick auf Gewichtsdiskrimierung leider krank. Wie kann es sein, dass sich Fremde anmaßen, dein Aussehen oder Gewicht derart zu kommentieren? Wo bleibt da die Menschlichkeit? Ich selbst habe in meinem Leben auch die Erfahrung gemacht, dass fremde Menschen von frühester Kindheit an meinten, meine Größe und mein Gewicht ungefragt bewerten zu müssen, obwohl ich nie dick war. Als Kind zwar groß und kräftig, was dazu führte, dass mich die Ärztin bei der Vorschuluntersuchung (!) als dick bezeichnete und mir ein ungutes Gefühl vermittelte, obwohl ich mir bis dato als kleines Kind nie Gedanken über mein Gewicht gemacht hatte. Denn ich war ja gesund und sportlich! Genauso erging es meiner kleinen Nichte, die ebenfalls bei der Vorschuluntersuchung als übergewichtig bezeichnet wurde (was sie gar nicht ist) und deshalb im Alter von 5 Jahren (!) eine Diät machen wollte. Später als Teenie war ich extrem schlank, worauf ich als magersüchtig bezeichnet wurde. Witzigerweise befand sich mein Gewicht aber immer in einem normalen Bereich, also auch das schützt nicht vor solchen dummen Kommentaren. Ganz besonders bei Kindern und Jugendlichen sollte man sich vor jeglichen Kommentaren zu Aussehen und Figur hüten, es sei denn, es handelt sich um ein Kompliment;-). Denn das kann den Grundstein für eine Essstörung und ein gestörtes Körpergefühl legen. Ich hoffe, dass – vielleicht auch durch den Body Positivity Trend – ein Umdenken erfolgt. Wobei man aber aufpassen muss, dass man dann nicht anfängt, die sehr dünnen Menschen zu diskriminieren, denn auch das kann normal und gesund sein. Ich lese sehr gerne Blogs von dünnen, dicken und durchschnittlichen Frauen, denn gerade die Vielfalt finde ich sehr spannend. Also macht weiter so und lasst euch von (vielleicht neidischen?) Kommentaren unzufriedener Menschen nicht unterkriegen!

    Conny
    Dienstag, 2. April 2019, 15:44 Uhr

    Liebe JJ, Bodypositivity heißt, dass jeder gut ist, wie er ist, ob dick oder dünn. Niemand soll aufgrund seines Aussehens angegriffen werden. Das gilt, genau wie Du sagst, ganz besonders für Kinder und Jugendliche. Also lasst uns alle zusammen die Welt ein kleines bisschen besser machen. Es lebe die Vielfalt!

Jemand der das gut versteht
Freitag, 29. März 2019, 18:04 Uhr

Oh wie gut ich das kenne, dieses „Wie kann man sich nur so gehen lassen?“ Das „Die fette Sau sollte weniger fressen und Sport machen!“

Der Irrglaube, dass der eigene Lebenstil besser sei, nur weil man schlank ist. In vielen Fällen essen diese schlanken Menschen exakt das selbe, haben halt nur das Glück einen anderen Stoffwechsel zu haben.

Es ist in unserer Gesellschaft nicht akzeptabel sich offen herablassend gegenüber Ausländern und Behinderten (zurecht!) zu äußern, aber bei Übergewicht ist das offenbar in Ordnung, da darf man Menschen niedermachen. Der Dicke ist ja selber schuld.

Meine Lieblingsfrage: „Isst Du zu viel oder bist Du krank?“ Erstens: Was geht es dich an? Zweitens: Ab einem BMI von über 30 spricht man von krankhaftem Übergewicht, man IST also krank. Wer sich damit wohl fühlt, der darf das gerne, ich werde ihn deswegen nicht angreifen oder ungefragt maßregeln, ich persönlich fühle mich mit meinem Übergewicht nicht gut und will etwas daran ändern.

Bei Ärzten habe ich bislang meist Glück gehabt, wobei ich auch einige Negativbeispiele nennen kann. Aber ich bin nicht auf den Mund gefallen und meine Mutter kommt aus der Krankenpflege, für mich waren Ärzte nie Halbgötter in weiß.

Ich fürchte nur so lange gewisse Medien noch Shows bringen in denen dicke Menschen als Sahne fressende Idioten dargestellt werden, so lange wird sich nichts ändern.

Ich finde es jedenfalls schade, wenn man jemanden wegen dem Äußeren verachtet, so entgeht eventuell die Chance einen tollen Menschen kennen zu lernen.

Vielen Dank jedenfalls für diesen offenen Brief.

    Conny
    Dienstag, 2. April 2019, 15:46 Uhr

    @Jemandderdasgutversteht So schön gesagt! Danke!

Melodie
Freitag, 29. März 2019, 17:08 Uhr

Hallo Conny,ich lese seit 2 mit,ich finde es super wie du deine Meinung schreibst.Ich denke alle Frauen die Übergewichtig sind ,haben die selbe Erfahrung gemacht, Diskreminierung ,Beleidigungen, abschätzende Blicke.
Wenn ich raten darf ,dann arbeitest du bestimmt auch in dem Verlag , die die Meins herausgibt.
Warum keine eigene Zeitung für uns Frauen? Mit Tips, Mode, Freizeit…Eigene Berichte oder Treffen im Alex …😀Das wäre eine Starke Sache, um mit Stärke wieder heim zu gehen, nichts bewirkt mehr, als zu sehen: Wir sind nicht alleine…😀

    Conny
    Dienstag, 2. April 2019, 16:13 Uhr

    Liebe Melodie, danke für Deinen lieben Kommentar. Schau doch mal im Zeitschriftenregal nach dem „Curvy Magazine“, am 4.4. gibt es eine neue Ausgabe, vielleicht ist das was für Dich. Ich bin übrigens nicht daran beteiligt. 😉

Rosemarie Krützfeldt
Freitag, 29. März 2019, 15:44 Uhr

Und auf Facebook bekommt man immer zweierlei „Freundschaftsanfragen“:
Leute, die einem Abnehmprodukte anpreisen und Gigolos, die denken, eine füllige Frau sei einsam und nehme jeden, der ihr kleine Freundlichkeiten schreibt, um ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen…

Toller Beitrag....
Freitag, 29. März 2019, 9:51 Uhr

Ganz toller Beitrag….genau so ist es ein total trauriger Spiegel unserer Gesellschaft “ Sein und Schein“