Food Shaming: Ich entscheide, was ich esse.

21. Februar 2020 | von

Food Shaming: Mein Leben, mein Körper. Und allein meine Entscheidung, was ich esse.

Ich esse gerne. Immer schon. Dafür bin ich dankbar, denn für eine Plus-Size-Frau habe ich ein erstaunlich gesun­des und nor­males Ver­hält­nis zum Essen. Ja, ich bin rel­a­tiv unbeschadet aus vier Jahrzehn­ten voller Diäten her­vorge­gan­gen. Ich esse, wenn ich hun­grig bin, ich höre auf, wenn ich satt bin. Ich kenne kein „Binge“-Eating (Essan­fälle) und ich kann auch nur ein einziges Stück Schoko­lade nehmen, ohne gle­ich die ganze Tafel ver­speisen zu müssen. Ich esse mit Freude und ohne Schuldgefühle.

Meis­tens zumindest.

Food Shame Erfahrungen

Denn manch­mal … manch­mal füh­le ich mich doch schuldig. Wenn auf der Speisekarte ein Salat mit Puten­streifen ste­ht – und ich mir das Wiener Schnitzel mit Pommes bestelle. Wenn ich keinen Obst­salat als Dessert ordere, son­dern lieber die Mousse au Choco­lat. Wenn ich noch ein zweites Mal zum Buf­fet gehe, weil die Lasagne so leck­er war. Ja, dann schäme ich mich.

Weil ich beim Essen nicht als erstes an die Waage und mein Gewicht denke, son­dern an den Genuss. Weil ich mich als Dicke bess­er im Griff haben und diszi­plin­iert­er sein sollte.

Manch­mal tre­f­fen mich dann Blicke, die mir genau das bestäti­gen: „Denk mal an Deine Fig­ur!“ „Iss lieber den Salat!“ „Gehst Du wirk­lich noch ein zweites Mal zum Buf­fet? Kannst Du Dir das denn figür­lich leis­ten?“ Manch­mal kann ich sie abschüt­teln, diese Blicke, oder weglächeln. Manch­mal ste­he ich darüber und zucke gedanklich mit den Schul­tern, während ich die zweite Por­tion Lasagne genieße. Oder die Mousse au Choco­lat. Manch­mal aber schäme ich mich tat­säch­lich. Dafür, dass ich so wenig Selb­st­be­herrschung habe. Dafür, dass ich zu gerne esse. Vor allem aber dafür, dass ich es zulasse, dass mich diese Blicke tre­f­fen und mir zeigen, wie brüchig mein Selb­st­wert­ge­fühl doch ist.

Erfahrung mit Food Shaming

Was mir in solchen Situationen hilft:

  • An mein Mantra denken: Mein Kör­p­er, mein Leben, meine Entschei­dung. Es geht nie­man­den außer mir etwas an, was ich esse und wie viel.
  • Krönchen richt­en, weit­erge­hen. Und lächeln. Ich lasse mir den Spaß am Leben und Essen doch nicht verderben!
  • Genießen – ohne Schuldge­füh­le! Wenn Du eine Mousse au Choco­lat essen willst, dann iss keinen Obstsalat!
  • Gelassen bleiben. Mein Mot­to: Wenn jemand ein Prob­lem mit mir, mein­er Fig­ur und dem, was ich esse, hat, dann ist es nicht mein Prob­lem. Son­dern seines.
  • Und zum Schluss mein Lieblingstipp – weil er zugle­ich schlagfer­tig und char­mant ist: „Du hast mich so angeguckt, als hättest Du sel­ber gerne ein Dessert. Da habe ich Dir eines mit­ge­bracht!“ Der Wink mit dem Zaunpfahl wirkt oft Wunder.

Wie reagierst Du, bei strafend­en Blick­en oder – noch schlim­mer – doofen Kom­mentaren? Hast Du Tipps?

Letzte Kommentare (4)

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Bea
Dienstag, 15. Dezember 2020, 17:08 Uhr

Guter Artikel!
Ich esse auch was ich möchte und auch Mousse au choco­late! So!
Im Urlaub habe ich mich mit eine Frau ange­fre­un­det, die auch eher hum­mel­hüftig war, genau wie ich.
Sie war mit ihrem Fre­und dort.
Mor­gens am Früh­stücks­büf­fet sagte er zu Ihr, als sie Crois­sant 🥐 und Rührei auf ihren Teller tat:“Das woll­ten WIR doch nicht mehr essen.“
WAAAAAS.….. ich dachte, ich hör nicht mehr richtig!!
Ich entschei­de, was ich esse.… und vor allem im Urlaub hätte ich keine Lust auf solche Kommentare.
Wenn ich für mich entschei­de, dass ich kein 🥐 esse okay.… aber das ist MEINE Entscheidung.
Diese soge­nan­nten Ratschläge.… sind auch Schläge.…. aber die, die sie austeilen, merken das nicht mal.

Deamon
Freitag, 3. Februar 2017, 11:05 Uhr

Liebe Susanne, das kommt mir alles so unglaublich bekan­nt vor. Ich bekomme von den Kol­legin­nen jeden Tag vorgelebt, wie “Frau” zu essen hat! Von Genuss kann da keine Rede mehr sein. Auch ich war als Kind schon dick, und das wurde mir im wahrsten Sinne des Wortes von allen auf das But­ter­brot geschmiert. Heute habe ich auch noch diese Momente, in denen ich mir sage, dass es doch egal ist, was die anderen denken, allerd­ings ist es ein stetiger Kampf mit mir sel­ber, hier stark zu bleiben.
Ein Erleb­nis hat mir dabei geholfen. Wir waren mit eini­gen Kol­legin­nen und Kol­le­gen essen in einem Steak­house und ein­er der Kol­le­gen meinte schon im Vor­feld: “Die Mädels essen doch eh alle Salat!” — Es haben alle Salat bestellt, nur ich nicht. Und wurde belohnt mit den Worten: “Endlich mal eine Frau, die weiß, was schmeckt.” Seit­dem ver­suche ich, mich nicht zu ver­biegen und das zu essen, was ich will. Und ich LIEBE Mousse au choco­lat! 🙂 In diesem Sinne, genießt das Leben und das Essen. Liebe Grüße, Deamon

Dienstag, 31. Januar 2017, 12:29 Uhr

Liebe Susanne, die Erwartun­gen der anderen sind die Erwartun­gen der anderen. Sagt man doch so, oder? Wem hil­ft das, wenn Du im Restau­rant Cola light zu Salat mit Puten­streifen isst und anschließend hun­grig und frus­tri­ert nach Hause gehst? Ich hab früher gekell­nert und mag generell Men­schen, die genießen kön­nen. Bleib ja bei der Schoko­laden­mousse und lass die Fin­ger vom Salat! Ist meis­tens eh fettes Fer­tig­dress­ing draufgepampt. ? Liebe Grüße Conny

Dienstag, 31. Januar 2017, 9:55 Uhr

Liebe Susanne, ich kann das so gut ver­ste­hen! Blicke habe ich gott­sei­dank noch keine bemerkt, aber ich denke manch­mal auch so. Vor allem bin ich nicht unbeschadet, schon seit mein­er Kind­heit habe ich ständig das Gefühl zu dick zu sein (auch in den Zeit­en in denen ich wirk­lich dünn war) meine Mut­ter hat mir da irgend­wie so einen Knacks mit­gegeben, weil sie mich schon in mein­er Kind­heit auf Diät geset­zt hat und mein Kinder­arzt mir Adi­posi­tas bescheinigte! Schlimm sowas! Ich habe also zum Essen ganz und gar kein gutes Ver­hält­nis! Ich über­lege ständig wie viele Kalo­rien etwas hat und ob es nicht zu hochkalorisch ist! Früher wur­den mir Schmalzbrote und Malz­bier ver­boten, weil es zu viele Kalo­rien hat, sog­ar Bana­nen durfte ich nicht essen, weil sie stopfen! Mit­tler­weile ver­suche ich ein­fach mich gesund zu ernähren, mir nichts zu ver­bi­eten und endlich mit meinem Kör­p­er ins Reine zu kom­men! Mal sehen, ob ich das schaffe! Hab Dank für Deinen Erfahrungs­bericht und Deine Gedanken zum The­ma! Viele liebe Grüße, Kathrin