Digitales Fasten

7. Februar 2020 | von

Heute möchte ich eine Erfahrung beschreiben, die ich auf dem Weg nach Hause gemacht habe. Ich stand an der U‑Bahnstation, wo auch die Tram abfährt. Ich entsch­ied mich, die Tram zu nehmen, obwohl sie etwas länger braucht. Die Fahrt ist ein­fach gemütlich­er und im Gegen­satz zur U‑Bahn lohnt es sich, rauszuschauen, weil die Tram auf der Straße und eben nicht unterirdisch fährt. So stieg ich ein und freute mich darauf, den ganzen Wein­bergsweg run­terzu­tuck­ern. Doch dann erwis­chte ich mich selb­st bei einem sehr eige­nar­ti­gen Mechanismus.

Der Lock­ruf des Displays

Nach der drit­ten Sta­tion bemerk­te ich, dass ich gar nicht aus dem Fen­ster schaute und die Fahrt genoss, son­dern auf mein Handy star­rte und wie automa­tisch zum x‑ten Mal am Tag meine Face­book-Tim­line hoch- und run­ter­scrollte! Kopf­schüt­tel­nd über mich selb­st ließ ich mein Tele­fon in meine Tasche gleit­en und ein Unwohl­sein schlich sich ein. Vor noch zehn Minuten habe ich mir vorgenom­men, den schö­nen Anblick der Nach­mit­tagssonne zu genießen und dann tippe ich wie fremdges­teuert auf meinem Tele­fon herum. Und das Absurde ist: Ich habe wed­er etwas gesucht noch gele­sen. Als ich mein Tele­fon dann mit einem lan­gen Seufz­er aus­geschal­tet und ver­staut hat­te, ver­suchte ich mich auf den Anblick draußen zu konzen­tri­eren. Doch mich überkam immer und immer wieder der Drang, nach meinen Handy zu greifen, und zu schauen, ob nicht doch jemand angerufen oder mir eine Nachricht oder E‑Mail geschrieben hat. Ich spürte schon förm­lich das Zuck­en im Handge­lenk und die reflexar­tige Bewe­gung, wenn ich irgend­wo ein Piepen ver­nahm. Plöt­zlich kam ich mir wie eine Süchtige vor, die unbe­d­ingt ihrer Sucht nachge­hen muss.

Was ich alles ver­passen könnte!

Handy

Je mehr ich mich darauf eingeschossen hat­te, jet­zt nicht nach dem Handy zu greifen und zu schauen, ob es ein neues Tweet gibt, desto größer wurde mein Ver­lan­gen danach und ich geri­et in Panik. Was ist, wenn ein neuer Auf­tragge­ber ver­sucht, mich zu erre­ichen oder, noch schlim­mer, meine Mut­ter ver­sucht mich anzu­rufen, weil mein Vater gestürzt ist? Mein Handy war nicht länger als zwei Minuten aus und ich hat­te schon ein exis­ten­zielles Prob­lem! Da half nur noch eines: Tief in den Beck­en­bo­den atmen und der Ver­suchung, das Handy aus der Tasche zu nehmen, zu wider­ste­hen. Ich hat­te mir vorgenom­men, bis zum Aussteigen durchzuhalten.

Im Off-Modus auf Entdeckungsreise

Ganze zehn Minuten noch. Ich spürte die erste Schweißper­le über meine Stirn rin­nen, doch dann ent­deck­te ich auf der Straße eine alte Fre­undin. Ich wink­te ihr durch das Fen­ster zu, doch sie sah mich nicht, da sie auf ihr Handy star­rte. Ich wusste gar nicht, dass sie ein Kind hat, so lange haben wir uns schon nicht mehr getrof­fen! Dann sah ich, dass das neue Haus an der Ecke schon fer­tig gebaut ist und bewohnt wird. Das hätte ich auch früher bemerken müssen, denn ich fahre die Strecke doch häu­figer. Ich sah die neue Bepflanzung am Wein­bergspark und dass sich schon einige Blät­ter gelb fär­ben. Mein Blick blieb an zwei älteren Damen hän­gen, die sich lachend eine Tüte Bon­bons teil­ten und im Sch­neck­en­tem­po den Wein­bergsweg hochgingen.

Schmun­zel­nd zur Ruhe kommen

Mein Gedanke, ob die bei­den wohl schon immer hier wohnen und sich schon ewig ken­nen, wurde durch das Gebim­mel der Straßen­bahn unter­brochen. Mir war so, als ob ich zum ersten Mal, seit ich Berlin bin, dieses fast altertüm­liche Geräusch höre. Klang das schon immer so? Auf jeden Fall ist es mir an diesem Tag zum ersten Mal aufge­fall­en. Während ich über mich schmun­zelte, merk­te ich, dass ich ganz ruhig gewor­den bin. Mein son­st so hek­tis­ch­er Griff nach dem Handy war ver­schwun­den. Ich stieg ganz gemäch­lich aus und genoss die Stim­mung, in der ich ger­ade war. Ich fühlte, dass ich seit langem wieder ein­mal bewusst meine Stadt, mein Umfeld wahrnahm. Dann beschloss ich, mich noch für eine halbe Stunde in den Park auf die Wiese zu leg­en und ein­fach nichts anders zu tun, als den Vögeln und dem Wind in den Blät­tern zu lauschen. Kein Face­book, kein Twit­ter, kein What­sApp, keine SMS, kein Anruf, keine Neuigkeit­en, keine Fre­und­schaft­sein­ladun­gen – ein­fach abschal­ten. Und als ich den frischen Wind auf meinen Gesicht spürte, bemerk­te ich, dass ich ganz bei mir war und ich nicht immer sofort erre­ich­bar sein muss. Schließlich habe ich auch einen Anruf­beant­worter, den ich später abhören kann.

Auf dem Rasen sitzen

Ein­fach mal abschalten!

Als ich mich dann schlen­dernd nach Hause begab, kam mir die Idee des „Dig­i­tal­en Fas­tens“. Ich möchte ab sofort jeden Tag, min­destens zwei Stun­den auf sämtliche dig­i­tal­en Geräte verzicht­en. Mich voll und ganz auf das, was ich in der Zeit mache, konzen­tri­eren. Alleine oder aber auch mit Fre­un­den. Nicht ständig erre­ich­bar sein, nicht ständig auf neue Nachricht­en warten und nach Neuigkeit­en fah­n­den, son­dern im analo­gen Hier und Jet­zt sein!

Pro­biert es doch auch ein­fach Mal aus. Ihr werdet sehen, dig­i­tales Fas­ten entspan­nt nicht nur den Kopf son­dern auch die Seele.

Wald

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