Wie du selbstbewusst mit
Beleidigungen umgehen kannst

29. Mai 2020 | von

Jeder von uns ken­nt das – wild­fremde Men­schen auf der Straße belei­di­gen uns mit einem Spruch über unseren Kör­p­er, „besorgte“ Bekan­nte oder Ver­wandte geben uns unge­fragt Ratschläge, wie wir abnehmen könnten.

Trauriger Luftballon

Aber wie damit umge­hen? Was antworte ich und vor allem, wie schütze ich mich gegen diese Ver­let­zun­gen? Im All­t­ag ein­er dick­en Frau sind Belei­di­gun­gen von frem­den Men­schen gar nicht mal so sel­ten. Heute zeige ich dir prak­tis­che Kon­ter­sprüche und ‑meth­o­d­en.

Für sich selbst einstehen, wenn man verletzt wird

Wenn wir kränk­ende Bemerkun­gen hören, soll­ten wir reagieren. Und natür­lich auch selb­st darauf acht­en, dass wir nie­mand anderen belei­di­gen. Seit­dem ich mich mit Selb­stakzep­tanz und Selb­stliebe beschäftige, habe ich gemerkt, dass ich anderen gegenüber sehr viel tol­er­an­ter gewor­den bin. Es fällt mir zum Beispiel leichter, nei­d­los zu befind­en, dass jemand beson­ders schön aussieht und es ihm auch auf eine her­zliche Art zu sagen. Ich ver­suche alle Men­schen so zu nehmen, wie sie sind. Was mir zugegeben­er­maßen auch nicht immer gelingt. Aber ich werde immer bess­er darin.

Be strong

Es gibt ver­schiedene Möglichkeit­en, auf Belei­di­gun­gen zu reagieren. Bei mir spielt immer eine Rolle, was gesagt oder getan wird und wie wichtig mir die Per­son ist. Diese Kon­ter­meth­o­d­en gegen Belei­di­gun­gen haben sich beson­ders bewährt:

  1. Zurück­star­ren: Wenn mein Kör­p­er anges­tar­rt wird, starre ich mit hochge­zo­ge­nen Augen­brauen zurück – kommt es zum Augenkon­takt, ist die Per­son dann meist sehr ver­legen, weil sie beim Star­ren ertappt wurde. Oder ich drehe mich wie ein Mod­el auf dem Lauf­steg und frage: „Kön­nen Sie alles gut sehen?“
  2. Ignori­eren: Wenn ich von Frem­den belei­digt werde, ignoriere ich das in den meis­ten Fällen. Oft fällt mir so schnell keine schlagfer­tige Antwort ein oder ich bin so über­rumpelt, dass es mir die Sprache ver­schlägt. Ich tue dann ein­fach so, als hätte ich nichts gehört oder als sei ich nicht gemeint. Man nimmt dem Angreifer den Wind aus den Segeln, indem man ihn behan­delt wie Luft – denn manch­mal wollen diese Men­schen nur Aufmerksamkeit.
  3. Wegge­hen: Ignori­eren und wegge­hen, das mache ich, wenn ich von frem­den Men­schen belei­digt werde. Aber es ist auch eine gute Reak­tion, um ein­er Auseinan­der­set­zung mit Bekan­nten aus dem Weg zu gehen. Nichts zu sagen, kann auch bedeuten, dass man die Mei­n­ung des anderen nicht genug schätzt, als dass sie ein­er Antwort wert wäre. So weiß mein Gegenüber, was ich von der ganzen Sache halte, aber man ver­mei­det einen Streit.
  4. Selb­stvertei­di­gung mit Worten: Ich antworte nur, wenn mir etwas wirk­lich gutes, witziges oder den Gegenüber sprach­los machen­des ein­fällt. Auf keinen Fall sollte man mit ein­er Gegen­belei­di­gung kom­men, damit stellt man sich auf eine Stufe mit der Per­son, die einen belei­digt hat. Immer gut funk­tion­iert dieser Spruch (mit leicht abwe­sen­dem Gesicht­saus­druck): „Entschuldige bitte, ich muss eingeschlafen sein. Hast du was gesagt?“Und wenn Dir die Beziehung zu Deinem Gegenüber wichtig ist, dann sprich ganz direkt an, dass der Kom­men­tar Dich ver­let­zt hat und damit kom­men wir zu Punkt 5:
  5. Disku­tieren: Weil Fat­sham­ing in unser­er Gesellschaft so nor­mal gewor­den ist, ist es wichtig, dass wir andere für das The­ma sen­si­bil­isieren. Mir fällt das manch­mal auch schw­er. Wenn ich in ein­er großen Gruppe am Tisch sitze und es fällt ein kör­per­feindlich­er Kom­men­tar – nicht nur über mich, auch über jemand anderen – dann bleibe ich manch­mal still, weil ich die Stim­mung nicht kaputt machen möchte. Es ist aber wichtig, dass wir für uns ein­ste­hen und ganz klar for­mulieren, was uns ver­let­zt hat, denn nur so kön­nen wir etwas verän­dern. Beson­ders wichtig ist das, wenn der anderen Per­son gar nicht bewusst ist, dass uns ihre abw­er­tende Wort­wahl gekränkt hat.
Don't be mean

Wie hält man diese Verletzungen von sich fern?

Manch­mal bin ich nach Belei­di­gun­gen sehr trau­rig und niedergeschla­gen. Haupt­säch­lich, wenn ich abw­er­tende Äußerun­gen von Men­schen höre, die ich sehr gern mag und die mir wichtig sind. Ich finde es nicht ein­fach, immer stark zu sein und alles wegzusteck­en. Manch­mal ärg­ere ich mich auch, weil ich nicht sou­verän reagiert habe. Was kann man also tun, um bess­er damit klarzukommen?

  1. Motive hin­ter­fra­gen: Warum hat dein Gegenüber dich belei­digt? Hat er es vielle­icht nur gemacht, um sich selb­st zu erhöhen – sich selb­st aufgew­ertet, indem er dich abw­ertet? Dann sagt die Belei­di­gung gar nichts über dich aus, son­dern nur über die andere Per­son. Oder spiegelst du etwas, wovor die Per­son Angst hat (zum Beispiel selb­st dick zu wer­den)? Ist sie nei­disch, weil du schein­bar ein glück­lich­er dick­er Men­sch bist? Wusste der­jenige vielle­icht gar nicht, wie ver­let­zend seine Aus­sage ist?
  2. Sei selb­stre­flek­tiert: In ein­er Belei­di­gung kann manch­mal auch ein Fünkchen Wahrheit steck­en. Mache nicht den Fehler, alles nur auf dein Gewicht zu schieben. Vielle­icht gibt es auch noch einen anderen Grund, zum Beispiel in deinem Ver­hal­ten, der andere dazu bringt, dich zu kri­tisieren. Über­lege, warum dich eine Aus­sage so ver­let­zt und analysiere, ob du vielle­icht sog­ar etwas daraus ler­nen kannst.
  3. Selb­stakzep­tanz hil­ft: Ein Men­sch, der mit sich im Reinen ist, der sich selb­st liebt und selb­st­be­wusst ist, ist nicht so schnell ver­let­zbar. Und ein Men­sch, der hoch erhobe­nen Hauptes durch die Gegend läuft und von innen strahlt, wird sel­tener angegriffen.
You are enough

Bist du schon auf­grund deines Gewichts belei­digt wor­den? Wie bist du damit umgegangen?

Auf­macher­fo­to © Jan­na Tode

Letzte Kommentare (10)

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Vincenca
Samstag, 5. September 2020, 11:54 Uhr

Ich war auf dem Weg zu einem Straßen­fest, war dort mit Fre­un­den verabre­det und voller Vor­freude, hat­te endlich einen Park­platz gefun­den und lief die engen Gassen ent­lang zum Tre­ff­punkt. Dann kamen mir mehrere junge Men­schen ent­ge­gen und ein­er sagte: ” macht alle Platz für den Schinken”. Dies hat mich wie eine Ohrfeige getrof­fen, ich hat­te Herzrasen und Koof­schmerzen, weil es mich so hart traf. Dies ist schon einige Jahre her, abet im Zusam­men­hang mit diesem Straßen­fest den­je ich jedes Jahr aufs neue daran, wie ver­let­zend es für mich war. Ansich bin ich selb­st­be­wußt und sehe trotz Übergewicht gut und gepflegt aus aber dieses Ereig­nis ist nis heute ein Stachel gen­lieben. Vielle­icht weil ich auf dem Weg zu Fre­un­den so freudig und gelöst war und mit keinen Anfein­dun­gen rechnete.…

Nicht relevant
Montag, 29. Juni 2020, 14:16 Uhr

Sor­ry, aber warum soll man sich selb­st reflek­tieren, wenn ein jemand einen auf­grund seines Gewichts beleidigt?
Was geht andere Men­schen das Gewicht eines Indi­vidu­ums an? Nichts!

Diana
Mittwoch, 11. März 2020, 13:37 Uhr

Ich bin 15, wiege ca. 60 kg und werde täglich von frem­den, meist jün­geren Men­schen aus mein­er Schule belei­digt. Ich weiß nicht, warum alle sich über mich lustig machen. Außer­dem arbeite ich ger­ade daran, das biss­chen Gewicht zu viel, abzunehmen. Ich muss zugeben, dass es mich immer noch extrem ver­let­zt und ich ver­ste­he nicht, warum so viele Men­schen so ober­fläch­lich sind.

Ricky
Freitag, 17. Januar 2020, 12:24 Uhr

Hal­lo, ich bin extrem übergewichtig, 150 Kilo, ich bin krank, habe pflege­grad, muß Medika­mente nehmen, die auch zu mein­er Gewicht­szu­nahme beitra­gen und das abnehmen fast unmöglich machen. Ich werde oft belei­digt, auch wenn ich im Roll­stuhl sitze, so in der Art, ” guck, die fette sau ist sog­ar zu faul zum laufen”. Ich ver­suche es dann auch zu über­hören. Meine Fam­i­lie und meine Fre­unde lieben mich, wie ich bin und ste­hen zu mir. Es ist nicht leicht, ich wäre lieber nor­mal gewichtig, aber ich mag mich trotzdem.

Tatjana
Dienstag, 24. Dezember 2019, 5:13 Uhr

Hal­löchen. Erst mal danke für den tollen Artikel und die Vorschläge wie man mit diesen Belei­di­gun­gen umge­hen kann.
Mir tut es sehr leid, dass es anderen eben­so geht wie mir, aber es tut auch gut zu wis­sen, dass man mit dieser Prob­lematik nicht allein da steht.
Mir ist es erst gestern so ergan­gen, dass ich auf offen­er Straße, von ein­er frem­den Per­son, wegen meines dick seins belei­digt wurde. Lei­der kon­nte ich nicht schnell genug reagieren, aber vielle­icht war es auch gut so.
Mein Prob­lem ist nicht das Essen, son­dern die Schild­drüse (autoim­mune Unter­funk­tion), aber es ste­ht einem ja nicht auf der Stirn geschrieben, dass man krank ist. 

Ich wün­sche allen hier viel Selb­st­be­wusst­sein, starke Schul­tern und besinnliche Weihnachten.
Liebe Grüße.

Havva
Donnerstag, 10. Oktober 2019, 23:08 Uhr

Hi, hab zufäl­lig eure (ina/bine) Kom­mentare gele­sen, was mir sehr nahe gegan­gen ist. Lasst nicht zu, dass andere eure Leben­se­in­stel­lung neg­a­tiv bee­in­flussen. Wenn es ein Prob­lem gibt, dann ist es deren Prob­lem. Es regt mich sooo auf, dass sich einige das Recht nehmen Men­schen ein­fach zu belei­di­gen. Gut, ich bin auch keine Mut­ter Tere­sa, fluche auch mal hier und da. Aaaaber Men­schen wegen ihres Ausse­hens zu belei­di­gen ist ein­fach unter­ste Schublade. Solche Per­so­n­en haben sel­ber ihr Leben nicht im Griff, daher ver­suchen Sie ihre Frust von Anderen auszu­lassen. Ver­liert bitte wegen solche Trolle nicht euren Mut. 

Meine Schwest­er hat übergewicht. Es tat mir soo weh zu sehen, dass sie in der Öffentlichkeit nichts essen wollte, weil ihr das unan­genehm war. Aber auch übergewichtige Men­schen dür­fen das Bedürf­nis haben ein­fach mal leck­er zu essen, ohne sich dabei beobachtet zu fühlen. Schämt euch nicht dafür was oder wie ihr seit. Seit ein­fach ihr selb­st. Men­schen haben immer was zu bemän­geln. Bei dem einen ist es die Frisur, bei dem anderen die Klam­ot­ten usw usw. Es wird nie aufhören. Es sei denn der Men­sch ist mit sich im reinen, da kann jed­er was sagen, von einem.Ohr gehts rein vom anderen raus und trotz­dem hat man einen schö­nen Tag:)

Ina
Sonntag, 18. August 2019, 14:38 Uhr

Bine, das tut mir leid. Bei mir ist es tat­säch­lich das Essen, aber ich bekomme es ein­fach nicht hin. Ich kom­pen­siere viel damit. Dass das nicht gut ist, weiss ich. Und ich würde es gerne ändern — ein paar Mal habe ich es auch geschafft, aber ich komme lei­der immer wieder in alte Ver­hal­tensweisen zurück. Es hat seine Gründe. Ich ver­suche, die anderen nicht zu has­sen, son­dern mir zu sagen, dass sie vielle­icht ein­fach auch viele Prob­leme haben. Denn ich möchte nicht has­sen. Das macht ja auch was mit einem. Es tut gut zu hören, dass man nicht ganz alleine ist. Danke für Deine Antwort, Bine. Ich habe täglich reingeschaut und gehofft, dass jemand anderes auch schreibt. Du hast mich heute sehr glück­lich gemacht. Jemand auf dieser Welt, der mich gehört hat. <3

Bine
Montag, 12. August 2019, 15:01 Uhr

Ina mir geht’s genau­so. Ich habe Lip-/Lym­phödeme am ganzen Kör­p­er und bei mir ist es noch nicht mal das Essen. Ich hab mal ein junges Mäd­chen sprach­los gemacht, als ich sagte: Sei froh, dass du gesund bist. — Alter­na­tiv kön­nte ich sagen: Meine Krankheit hat nix mit Essen zu tun. Ich esse weniger als die meis­ten und auch nicht über­mäßig Hochkalorische Sachen, trotz­dem bin ich richtig dick. An eini­gen Tagen nervts mich, an anderen lässt es mich kalt, wenn ich belei­digt werde. Das schwankt… ich sage immer: ich has­se Men­schen (die ich nicht kenne) — werde auch langsam soziophob.

Ina
Dienstag, 6. August 2019, 1:17 Uhr

Mir passiert es lei­der sehr häu­fig, dass ich von wild­frem­den Men­schen fies wegen meines Gewichts beschimpft werde, als “fette Sau” heute mal wieder — ohne dass ich dazu beitrage. Ein­fach mit­ten auf der Strasse, an der Ampel ste­hend oder in ähn­lichen Sit­u­a­tio­nen. Ich habe mit diesen Men­schen keinen Stre­it gesucht, sie nicht anges­tar­rt oder gar etwas gesagt. Eigentlich ver­suche ich, so unauf­fäl­lig wie möglich zu sein. Manch­mal denke ich ein­fach, man merkt, dass “man es mit mir machen kann”. Ich bin darüber so verzweifelt, dass ich immer mehr Kon­tak­te meide.

joe
Samstag, 20. April 2019, 10:20 Uhr

Ich habe den Mager­wahn erfol­gre­ich abgewehrt!