Die Angst anderer Frauen so zu werden „wie ich“

16. Dezember 2020 | von

Dicke Men­schen lösen oft heftige emo­tionale Reak­tio­nen aus, manch­mal wird man sog­ar aggres­siv beschimpft oder zurechtgewiesen.

Im Real­life, aber auch im Beson­deren auf Face­book. Oft von Frauen, die ihre Ernährung sehr kon­trol­lieren, ständig auf Diät sind, viel Sport machen und sehr daran arbeit­en, kein Gramm zuzunehmen. Und manch­mal auch von Frauen, die ger­ade viel abgenom­men haben. Die ständi­ge Kon­trolle und Enthalt­samkeit geht auf Kosten von Lebenslust und Genuss. Für so jeman­den bin ich natür­lich eine Pro­voka­tion: Eine Dicke, die das Leben genießt und glück­lich ist, die sich die Lebens­freude gön­nt, auf die sie zugun­sten des Schön­heit­sideals verzicht­en. Sie müssen mir gegenüber klar machen, dass ihr Lebensstil der richtige ist, ich dage­gen unwis­send, krank, ein­sam und wert­los bin. Ver­ste­ht mich nicht falsch — ich spreche mich nicht für oder gegen dünn bzw. dick sein aus, jed­er hat das Recht sein Leben so zu leben, wie er es für richtig hält, aber bitte urteilt nicht über Men­schen, die ihr nicht ken­nt, nur auf­grund ihres Aussehens.

Wenn andere Menschen sich vor mir ekeln 

Manch­mal spüre ich übri­gens sog­ar regel­recht Ekel, den andere Men­schen vor mir haben. Wenn ich durch den Bus gehe, reck­en manche Leute sich extrem zur anderen Seite, damit ich sie ja nicht beim Vor­beige­hen berühre. Vielle­icht denken sie, dass Fett ansteck­end ist?  

Neulich beschimpfte mich eine Frau während ein­er Ver­anstal­tung — unsere Stüh­le waren miteinan­der ver­bun­den, ich kon­nte nicht wegrück­en. Mein Ober­schenkel ragte etwas über und berührte ihr Bein. In der Pause bepö­belte sie mich has­ser­füllt wegen des „Kon­tak­ts“, wie sie es nan­nte, baute unsere Stüh­le auseinan­der und set­zte sich dann sog­ar noch um.  

Einige mein­er dün­nen Fre­undin­nen sind immer wieder auf Diät und erzählen mir, wie sie unter ihren ekel­haft „fet­ten“ Bäuchen oder Ober­schenkeln lei­den. Wenn ich sie etwas ver­ständ­nis­los anschaue, kapieren sie manch­mal sog­ar, was ich denke, und sagen so Sachen wie: Bei dir ist das was anderes, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du dünn bist, das würde ja gar nicht zu dir passen. Aha.

Angst vorm Dickwerden ist Angst vor der Ausgrenzung 

Für die meis­ten Frauen ist es der absolute Alb­traum, dick zu wer­den. Sie haben nicht nur Angst vor dem Dick­sein (und somit in ihren Augen nicht mehr begehrenswert und for­t­an hässlich zu sein), son­dern auch davor, wofür Dick­sein ste­ht. So wie wir Dicke dann als krank, maß­los und undiszi­plin­iert zu gel­ten. Denn wer dick ist, kann aus Sicht der Gesellschaft keine gesunde und leis­tungs­fähige Per­son sein. Ich bin die Per­son­ifizierung ihrer eige­nen Vorurteile. Denn dick zu wer­den heißt nicht ein­fach nur dick wer­den, es heißt auch ungeliebt zu sein, ver­sagt zu haben, keine coole Klei­dung zur Auswahl zu haben, aus­ge­gren­zt zu wer­den und so vieles mehr. 

Angst vorm Dick sein

Selbstliebe ist wichtig für jede Frau 

Selb­stakzep­tanz und Selb­stliebe sind also nicht nur für uns Dicke ein The­ma. Jede Frau jeden Gewichts sollte sich damit beschäfti­gen. Denn Leute, ich kann es echt nicht mehr hören. Jeden Tag das Lamen­tieren über Speck, Gewicht, Essver­hal­ten, Winkearme, dicke Bäuche, zu dicke Beine, Diäten, Fit­ness … es reicht! Ihr seid emanzip­ierte, kluge, tolle Frauen. Investiert eure Zeit und Energie in sin­nvolle Dinge und genießt euer Leben. Macht euch nicht davon abhängig, wie euer Kör­p­er beschaf­fen ist, welche Makel er vielle­icht hat und was andere darüber denken kön­nten. Ihr seid gut, wie ihr seid. Und wer im Reinen mit sich selb­st ist, ist auch nicht mehr boshaft anderen gegenüber. Begeg­net euch selb­st, genau­so wie euren Mit­men­schen, mit Liebe und Respekt. Wir sind Schwest­ern, wir soll­ten zusam­men­hal­ten, zusam­men kämpfen, uns gegen­seit­ig unter­stützen und uns nicht gegen­seit­ig fer­tig machen. 

Love & Peace! 

Fotos: Anna Ziegler
Make-up: Eve­lyn Innerhofer

Letzte Kommentare (12)

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Sonnenschein
Freitag, 11. Dezember 2020, 8:50 Uhr

Ich habe nichts gegen Übergewichtige. Die meis­ten sind sog­ar von Charak­ter super lieb, lustig und immer gut drauf das bewun­dere ich an vie­len. Man muss sich aber ein­fach im klaren sein wie man sich sehen will und wie man sich am wohlsten fühlt. Wenn die Gesund­heit darunter lei­der finde ich es nicht gut. Wenn man sich nicht gut bewe­gen kann. Mit seinen Kindern nicht fan­gen spie­len kann usw. Ich finde es wichtig auf sich selb­st zu acht­en und kön­nte es mir nicht vorstellen so stark übergewichtig zu sein. Ich gönne mir auch jeden Nach­mit­tag was süßes zu meinen Kaf­fee. Man darf es nur nicht übertreiben. Ein­fach das richtige Maß zu find­en ist hier glaub ich nicht so ein­fach. Gesunde Sachen schmeck­en auch und sind nicht schwierig zum Kochen. Ich kri­tisiere nicht die übergewichti­gen. Jeden das seine. Alles gute weiterhin.

Beka
Donnerstag, 10. Dezember 2020, 19:33 Uhr

“Und manch­mal auch von Frauen, die ger­ade viel abgenom­men haben. Die ständi­ge Kon­trolle und Enthalt­samkeit geht auf Kosten von Lebenslust und Genuss.”

Im Grunde finde ich den Text wirk­lich gut geschrieben.
Allerd­ings finde ich oben genan­ntes Zitat eben­falls über­grif­fig und wertende.
Ich habe ger­ade sehr viel abgenom­men, aber war nie “enthalt­sam” oder habe meine Lebenslust und den Genuss einge­büßt. Es gibt ja nicht nur schwarz und weiß, son­dern so viele Far­ben dazwischen 👍🏻.

Milena Malika
Donnerstag, 10. Dezember 2020, 18:06 Uhr

Ich war ein dünnes Kind. Eher mager, sehr mäke­lig mit dem Essen. Süßes möchte ich nicht — wed­er Schoko­lade noch Kuchen. Und ich war rel­a­tiv sportlich: Rad­fahren, Schwim­men, Tanzen..Wettkämpfe haben mich nicht intetessiert — ich war über­haupt nicht ehrgeizig.
Als ich mit 20 heiratete, wog ich 48 Kg, nach drei Kindern in 5 Jahren immer­hin 55kg.
Und so ging es weit­er: mit 40 hat­te ich 62 Kg und Klei­der­größe 38.
Und dann kamen Wech­sel­jahre­und Krankheit…mit Kor­ti­son hat­te ich dann plöt­zlich 30kg mehr!! Das ging für mich gar nicht. Also Weight Watch­ers, Sport­stu­dio, jedes Essen wiegen, bew­erten. Mein Leben drehte sich 2 Jahre nur um Essen.…Klar,ich nahm an: 70 Kg hat­te ich dann wieder — aber zu welchem Preis???
Und dann hörte ich auf mit dem Essen-Terror
Sport Terror
Wiege Terror.
Weil ich keine Lust habe, mich ständig zu regle­men­tieren, diszi­plin­ieren. Ich wiege mich nicht mehr. Ich koche backe, esse und nasche gern.
Ich habe einen Hund, ein Fahrrad und einen Schrebergarten.
Klam­ot­ten kaufen ich passend ( Größe 48–50 ),
Ich wiege bes­timmt 95 Kg.
Und das macht mir gar nix.
Ich werde wed­er Top­mod­el, Bal­le­ri­na noch Influencerin 😂😂😂
Ich habe näm­lich einen richti­gen Beruf, bei dem dick sein völ­lig egal ist!

Bea
Dienstag, 8. Dezember 2020, 23:14 Uhr

Ich bin haupt­säch­lich am Bauch dick, so das viele, die mich nicht ken­nen, fra­gen, wann es denn soweit ist und in welchen Monat ich bin und ähn­lich­es. Sie sind meist pein­lich berührt, wenn ich sage, das ich nicht schwanger, son­dern ein­fach nur dick bin. Das unver­schämteste außer dem unge­fragten Rat, das ich eine Magen­verkleinerung machen lassen soll, war erst kür­zlich. Da sagte ein wild­fren­der klein­er dür­rer Mann zu mir: sagen Sie mal, sind sie schwanger? Wenn nicht, soll­ten sie schle­u­nigst mal abnehmen! Da ist selb­st mir die Erwiederung von irgend­was, im Hals dteck­en geblieben. Ich frage mich immer wieder, warum andere Men­schen ein Prob­lem damit haben, das ich dick bin, das ist doch meine Sache. Ich bin doch nicht auf die Welt gekom­men, um andr­ren Men­schen zu gefallen!

Nicole
Mittwoch, 9. September 2020, 11:50 Uhr

Grund­sät­zlich bin ich dafür Leben und Leben lassen. Die Men­schheit ist bunt, und das ist gut so. Kein Ver­ständ­nis allerd­ings habe ich vor Men­schen die auf Grund ihrer Lebensweisen/ Ernährung Gesund­heit aufs Spiel set­zen. Habe von 46kg bis 96kg alles durch, und habe für mich gesagt, wenn die Gesund­heit lei­det, dann wird etwas getan. Und Bewe­gung ist gut für die Gesundheit.

Stephanie
Dienstag, 8. September 2020, 23:30 Uhr

Wun­der­voll tre­f­fend beschrieben. Ich erlebe es genau­so. Schlanke Fre­undin­nen jam­mern rum und sagen dann, “du bist ja so unglaublich selb­st­be­wusst und bei dir fällt das Gewicht gar nicht so ins Auge”.
Ich kenne bei­de Seit­en. Schlank und begehrt zu sein. Und nun dick und unsicht­bar. Aber ich lebe mein Leben für MICH, nicht für ANDERE. Als ich schlank war, war ich qua­si immer auf Diät, nie wirk­lich zufrieden mit mir. Jet­zt, wo ich dick bin, ist es so und ich bin glück­lich. Keine Diät mehr. Kein Gedanke mehr, was andere wohl denken.. ! So zufrieden wie jet­zt war ich noch nie. Was nicht bedeutet, dass ich nicht gerne schlanker wäre. Ja, wäre ich gerne, aber diese Quälerei, der Ver­lust des Genuss­es- nein. Weswe­gen. Ich liebe mich.

Tinaa
Dienstag, 8. September 2020, 1:55 Uhr

Ach Con­ny, das kenne ich alles gut. Allerd­ings finde ich es sehr schwierig mich selb­st als Dicke zu akzeptieren.
Es ist mir unan­genehm, wenn z.B. im Restau­rant eine ganze Rei­he auf­ste­hen muss, weil ich son­st nicht an ihnen vor­bei auf die Toi­lette gehen kann. Oder in der Eis­diele schon guck­en muss, ob ich meinen Hin­tern wohl wieder aus dem zarten Stühlchen rauskriege. Aber das wäre nicht so drama­tisch, aber mit zunehmen­dem Alter wird die man­gel­nde Beweglichkeit echt zum Prob­lem. Sei es bei der Toi­let­ten­hy­giene( hat darüber schon mal jemand gesprochen?) aber auch bei jedem Schritt. Arthrose in den Knien und Hüften sind echt unschön und in der Öffentlichkeit Sock­en anzuziehen… Oha..so wün­sche ich mir mit­tler­weile nichts sehn­lich­er als eine Diät zu schaf­fen, nicht um hüb­sch­er, son­dern um schmerzfreier zu wer­den. Deine Artikel finde ich trotz­dem toll und wichtig!

Lehne
Sonntag, 13. Oktober 2019, 11:12 Uhr

Ich war als Kind schon sehr kräftig. Aber bin erst sehr dick gewor­den nach dem mein Sohn geboren wurde. Man stellte eine Unter­funk­tion fest. Ich würde immer mehr. Ich nahm es gar nicht so wahr, weil ich mit mir zufrieden war. Es kamen öfter neg­a­tive Kom­mentare. Die rühren mich nicht. Denn diese Men­schen waren mir nicht nah. Ich bin glück­lich so wie ich bin. Ich finde es gut, dass es Men­schen gibt die genau­so denken. Nicht jed­er dicke Men­sch ißt maß­los. Es gab und gibt schon immer dickere Men­schen. Wichtig ist, dass man dass jed­er sich so annimmt wie er ist und sich nicht nach der Norm richtet. Wenn er weiß wie das die Gesund­heit darunter lei­det wird er schon was tun was für ihn gut ist.

Marion
Freitag, 11. Oktober 2019, 6:48 Uhr

Vie­len Dank für den tollen Artikel. Ich bin mein ganzes Leben schon dick. Vor allem dicke Beine und der Hin­tern. Aber ich habe gel­ernt mich nicht unterkriegen zu lassen. Danke das es so Frauen gibt wie du. Mach weit­er so.

Paddy
Mittwoch, 9. Oktober 2019, 8:20 Uhr

Super Artikel, Endlich jemand der schreibt wie man sich fühlt.
Ich habe aufge­hört mit Diäten, Kalo­rien zählen und und und, vor eini­gen monat­en kam die erleuch­tung, ich wün­schte ich hätte sie früher gehabt den seit dem lebe ich stress freier und ich habe keine Lust mehr darauf mich in ein­er Schublade steck­en zu lassen.

Ich bin seit dem glücklicher.

Gruß Susi

Wencke
Freitag, 5. Juli 2019, 9:28 Uhr

Vie­len Dank! Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin es so leid mir über­all andauernd anzuhören, dass ich ja gar nicht glück­lich sein kann, weil ich ein Voll­weib / Hum­melfee bin (die Kom­mentare der Anderen sind natür­lich weniger höflich) Und wie ich denn Intim­ität leben kann, wo ich doch gar keinen Body dafür hab! (Mir war gar nicht bewusst das es den jet­zt auch schon gibt 🤔) Und trotz­dem bin ich es, nicht jeden Tag gle­ich, den­noch kann ich mich mit Liebe im Spiegel abse­hen und denke mir, alles dran! Und ich ver­ste­he nicht, warum Men­schen mit mehr auf den Rip­pen immer mit­geteilt wer­den muss, was sie bess­er machen kön­nten usw. soll­ten wir den Dün­nen auch mal Tips geben? In diesem Sinne habt ein schönes Wochenende!

Corinna
Mittwoch, 26. Juni 2019, 11:29 Uhr

Großar­tiger Artikel! Danke dafür! Am lieb­sten würde ich jet­zt auch loschreiben… vielle­icht sollte ich auch mal einen Blog machen, weiß allerd­ings gar nicht wie das geht. Zurück zum The­ma: mir ist auch aufge­fall­en, dass viele Frauen tat­säch­lich Angst vorm “dick” oder “hässlich” sein haben. Beson­ders in meinem Arbeit­sum­feld. Da wer­den unter den jun­gen Mädels zweifel­hafte Diäten aus­pro­biert, nicht vorhan­dene Fal­ten wegge­spritzt und son­stiges. Der Druck scheint immens zu sein. Meine War­nun­gen wer­den belächelt. Denn ich (47) war früher auch schlank und habe mich zum Teil auch Dick diätet. Das Schlimme ist aber eigentlich, dass diese Mädels (22–32 jährig) eher unglück­lich und zum Teil depres­siv sind. Hüb­schen sich für Män­ner auf und find­en dann gar keine, weil diese eher was natür­lich­es und zum anfassen haben möcht­en.… verkehrtes Weltbild…traurig.