Das dicke
Geschäft mit den Dicken

24. Juni 2020 | von

Als dicke Frau habe ich aus Sicht der Gesellschaft nur eine Auf­gabe: ein dün­ner Men­sch zu wer­den. Dick­sein darf höch­stens ein tem­porär­er Zus­tand sein, dem man mith­il­fe ein­er end­losen Bat­terie an Ange­boten und Pro­duk­ten der Diätin­dus­trie möglichst schnell zu Leibe rück­en muss.

Ernährungs­ber­atung, Weight Watch­ers, Diät­pul­ver, Diä­trat­ge­ber, For­mu­la-Diäten, Abnehmkurse, Diät­nahrungsmit­tel, Bauch­weg-Train­er, Light­pro­duk­te, Online-Abnehm-Coach­ings, Hyp­nose, phar­mazeutis­che Pro­duk­te, Bewe­gungskurse und last but not least: Magen­verkleinerung. Und wir machen alle fleißig mit und geben unser Geld für Pro­duk­te und Dien­stleis­tun­gen aus, die uns ein dün­neres, gesün­deres und glück­licheres Leben versprechen.

Allein in Europa wer­den jährlich über 100 Mil­liar­den Euro mit Abnehmwilli­gen ver­di­ent. Mit unseren gefühlten Defiziten lässt sich also ein pri­ma Geschäft machen. Und jet­zt kommts: Die Indus­trie ist aber gar nicht daran inter­essiert, dass wir abnehmen und dauer­haft dünn wer­den, denn dann würde ja ihr Geschäftsmod­ell wie ein Karten­haus zusammenstürzen.

Die Diätindustrie profitiert vom Selbsthass

Wir wer­den von der Indus­trie manip­uliert. Es wird uns vorge­gaukelt, dass man uns coachen und unter­stützen will und dass man um unsere Gesund­heit besorgt ist, aber in Wirk­lichkeit ist das nur eine große, emo­tionale Verkaufsver­anstal­tung. Bedenkt eines: Wenn jed­er abnehmen würde, dann hät­ten sie keine Kun­den mehr. Es geht nicht darum, uns „schön“, „sexy“ oder „gesund“ zu machen, son­dern darum, uns möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Das Vorurteil, dass Dicke die Wahl haben, dünn zu sein, nur nicht genug Selb­st­diszi­plin auf­brin­gen, gefräßig und faul sind, befeuert die Diätin­dus­trie. Wir glauben, dass wir wert­los sind, wenn wir uns nicht wenig­stens anstren­gen, Gewicht zu verlieren.

Diäten versagen, nicht wir!

Wenn es ein Abnehm­pro­dukt gäbe, das zuver­läs­sig und langfristig funk­tion­iert, dann wären wir alle dünn. Aber nur zwei Prozent der Abnehmwilli­gen schaf­fen es, ihr Gewicht dauer­haft zu reduzieren. Ein Traum für die Diätin­dus­trie. Denn 98 Prozent der­jeni­gen, die abgenom­men haben, nehmen wieder zu und bleiben zahlende Kun­den. Die drastis­che Reduzierung der Energiezu­fuhr ver­set­zt den Kör­p­er in Stress und er ver­sucht alles, um sein ursprünglich­es Gewicht wieder zu erhal­ten. Der Grun­dum­satz wird run­terge­fahren. In Zeit­en von Hunger­snöten war das wichtig für das Über­leben der Menschheit.

Heute, mit dem Überange­bot an hochkalorischen Nahrungsmit­teln, ist das ein Prob­lem für uns. Der JoJo-Effekt lässt grüßen. Nach vie­len Diäten bleibt der Stof­fwech­sel dann dauer­haft im Keller und das Abnehmen fällt immer schw­er­er. Trotz des vor­pro­gram­mierten Mis­ser­fol­gs wer­den immer wieder neue Hoff­nun­gen geschürt. Denn solange uns von der Indus­trie das Schön­heit­side­al von einem dün­nen, makel­losen Kör­p­er vorge­hal­ten wird, das wir nie erre­ichen kön­nen, solange wird mit unserem Streben nach diesem Ide­al Geld ver­di­ent. Stellt euch doch nur ein­mal vor, alle Frauen wür­den aufhören, ihre Kör­p­er zu has­sen, dann würde wahrschein­lich die Weltwirtschaft zusammenbrechen.

Selbstfürsorge statt Diätfrust

Mit glück­lichen Dick­en, die ihre Kör­p­er akzep­tieren und lieben, lässt sich kein Geld ver­di­enen. Anstatt dein Geld und deine Energie an zweifel­hafte Diät­pro­duk­te und Dien­stleis­tun­gen zu ver­schwen­den, sorge lieber gut für dich selb­st! Esse mit Genuss gesund, natür­lich und region­al. Mache Sport, weil es dir Spaß macht und nicht, weil du deinen Kör­p­er has­stLerne, deinen Kör­p­er zu akzep­tieren und zu lieben. Denn du selb­st bist das Allerbeste und Wertvoll­ste, in das du investieren kannst.

Fotos: Anna Ziegler
Make-up: Eve­lyn Innerhofer

Letzte Kommentare (4)

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Melodie
Donnerstag, 28. März 2019, 13:49 Uhr

Hal­lo Con­ny, wun­der­bar auf den Punkt gebracht.Erst wenn man sich selb­st akzep­tiert wie man ist hält das Karusell an.Viele Fak­toren ernährt Übergewicht,Veranlagung
‚Gene und falsche Essgewohnheiten,bedingt auch durch den Beruf.Einkaufen wird zum Stress­fak­tor da die Indus­trie kün­stliche Zutat­en und Zuck­er in Massen versteckt.Zurück ein­fach an Omas Tisch, da gab es nur frische Pro­duk­te die Garten und Händler anboten.Macht Arbeit,macht aber auch Spass und Essgenuss.Alles mit Massen und die Diätin­dus­trie kann Insol­venz anmelden.Gesunde Lebensweise bringt uns eventuell nur ein paar Kilo weniger, dafür aber ein Lächeln 😀🤣

    Conny
    Dienstag, 2. April 2019, 16:35 Uhr

    @Melodie Word! Genau so ist es.

NicTrue
Dienstag, 26. März 2019, 10:51 Uhr

Abso­lut gelun­gener Beitrag! Habe ich auch alles schon durch und wird mich wohl bis an mein Lebensende begleit­en. Und es sei gesagt: Auch eine Magen­verkleinerung als let­zter Ausweg hil­ft vie­len nicht dauer­haft! Bei mein­er Tochter ver­suche ich es bess­er zu machen: KEINE DIÄTEN!

    Conny
    Dienstag, 2. April 2019, 16:42 Uhr

    @NicTrue genau das ist der richtige Weg. Bei der näch­sten Gen­er­a­tion soll­ten wir nicht diesel­ben Fehler machen, die wir gemacht haben.