Ethno

Bee My Guest: Edinburgh – 2 Tage in einer Edinburgher Stadtvilla aus dem 19. Jh.

Unsere Städtereise findet nun langsam ihr Ende… schnief. In unserer Serie „Bee My Guest“ entführten Euch unsere Blogger bereits nach Krakau, Lissabon und Kopenhagen. Ein letztes Mal dürfen wir Nic von Luzia Pimpinella und Mel von Gourmet Guerilla auf ihre Reise begleiten. Sie flogen nämlich mit easyJet in die schottische Hauptstadt Edinburgh. Vorhang auf!

Nicole Mel

Erster Eindruck: Imposante Bleibe

„40B Royal Terrace”, sagt der Taxifahrer mit vielen schottisch rollenden „Rs” und hält am Bordstein vor der imposanten grauen Fassade. Wir spähen von der Rückbank nach draußen und sind augenblicklich begeistert: Wir stehen vor einer der repräsentativen Edinburgher Stadtvillen aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts – einem der typischen britischen Häuser mit Souterraingraben, kleiner Brücke zur Eingangstür und glänzend schwarz gestrichenen Eisenzäunen. Hier werden wir die nächsten beiden Nächte verbringen und tagsüber die schottische Hauptstadt unsicher machen – wie großartig ist das denn!

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Neugierig klettern wir aus dem geräumigen britischen Taxi. Während der Taxifahrer unsere Koffer auf den Bürgersteig wuchtet (wie Leute mit einer kleinen Reisetasche auch nur für zwei Tage verreisen können, wird uns wohl für immer ein Rätsel bleiben), schauen wir uns um. „Unser” Haus ist ein Eckhaus in einer ganzen Reihe von herrschaftlichen Gebäuden im gregorianischen Stil. Gegenüber der Royal Terrace liegt eine Parkanlage, durch die in der Ferne der unaussprechliche Fluss „Firth of Forth” schimmert. Wir stehen und schauen. „40B is downstairs”, macht sich unser Taxifahrer dezent bemerkbar und deutet durch das schwarze Geländer nach unten. Alles klar, der Mann will weiter.

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Zwei Minuten und 24 englische Pfund später sind unsere Koffer und wir auf dem Weg ins Souterrain. Über die Steintreppe rattern wir nach unten, durchqueren den kleinen, bepflanzten Garten und betätigen – very british – den Klopfer an der blauen Eingangstür. Wenige Augenblicke später öffnet sich tatsächlich die Tür. Unsere Gastgeberin Xanthe begrüßt uns herzlich und erklärt uns kurz die wichtigsten Dinge.

Gleich danach ist die bezaubernde Xanthe wieder in eine der oberen Etage verschwunden und wir lassen uns begeistert auf das riesige grüne Samtsofa im Wohnzimmer plumpsen.

Unkonventionelle Einrichtung

Wir sitzen in einer bunten, unglaublich gelungenen Mischung von alt und neu, von Vintage und Contemporary-Design. Während wir bei einem kühlen Gläschen Wein – danke Xanthe! – entspannen, lassen wir das ganze erst einmal auf uns wirken. Obwohl (oder gerade weil) die unterschiedlichsten Dinge aus ganz verschiedenen Design-Jahrzehnten unkonventionell miteinander kombiniert worden sind, ergibt sich ein harmonisches, wohnliches und ultra-modernes Wohngefühl.

Über den schweren und ausladenden Couchtisch aus Marmor mit massiven Chrom-Füßen könnte man beispielsweise durchaus geteilter Meinung sein. In einer anderen Umgebung würde er vielleicht wie ein Neureichen-Relikt aus den 80ern aussehen. In dieser Umgebung jedoch denkt man ziemlich überrascht: „Ja! Ich brauche sofort mehr Marmor in meinem Leben.”

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Retro-Style im Wohnzimmer:

Auch an der großen Stehlampe mit gedrechseltem Holzfuß und orangefarbenem Leinenschirm wäre man auf einem Flohmarkt vermutlich naserümpfend vorbeigegangen. Hier wird sie im richtigen Setting plötzlich zum coolen Designobjekt. Und sie verträgt sich ganz wunderbar mit der modernen Plexiglaslampe mit dem Drei-Affen-Motiv, die über dem Sofa ein gemütliches, indirektes Licht spendet.

Plietsche Idee: Ein messingfarbener, filigraner Schallplattenständer aus den 50ern wurde kurzerhand zum stylischen Zeitschriften- und Magazinständer umfunktioniert und fügt sich mit großer Leichtigkeit in den gelungenen Stilmix.

Die riesige moosgrüne Samtcouch ist aber unzweifelhaft das Herzstück des Wohnzimmers und ein echtes Statement-Piece. Eine Idee, die man sich unbedingt merken muss: Ein paar der ursprünglichen Kissenbezüge wurden durch bunte Kissenhüllen ersetzt und machen die Couch so zu einem individuellen Hingucker. Die harmonische Wirkung der so unterschiedlichen Knallfarben hat uns tatsächlich überrascht.

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Einmal alles, bitte!

Nic hat als leidenschaftlicher Interior-Fan bei den bestickten „Throw Pillows“ natürlich gleich das einprägsame Design von Jonathan Adler erkannt. Wer üblicherweise nicht bei namhaften Designern shoppt oder einfach gern oft umdekoriert, kombiniert verschiedene bunt gemusterte Kissen für sein ganz persönliches, immer neues Lieblingssofa.

Apropos Lieblingssofa: Das grüne Samtschätzchen ist so gemütlich, dass wir tatsächlich fröhlich quatschend die Zeit vergessen und dabei den Weißwein austrinken. So ist es schon ziemlich spät, als wir beschließen, alles weitere auf den nächsten Tag zu verschieben und uns in unsere Schlafzimmer zurückziehen.

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Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom schottischen Himmel und blinzelt uns durch die stilechten Holzläden, die man von innen vor die Fenster klappt, wach. Die Schlafzimmer sind hell und freundlich mit wenigen ausgesuchten Möbeln sowie einzelnen farbigen Wohnaccessoires ausgestattet. Mel nimmt sich direkt vor, das heimische Frolleinzimmer auch deutlich übersichtlicher zu gestalten und bei nächster Gelegenheit den angesammelten Krempel zu entsorgen. Wenige, bewusst gewählte Stücke verbreiten immer eine aufgeräumte und entspannte Atmosphäre – die beste Voraussetzung für erholsame Nächte.

Unsere Lieblingsprodukte zum Nachstylen:

In Mels Schlafzimmer begeistert das dunkelgrün bezogene Boxspringbett mit Palmenblatt-Motiven. Dazu passen die messingfarbenen Kugellampen über dem Bett und an der Zimmerdecke ganz wunderbar. Der 50er-Jahre-Spiegel an der Wand gegenüber dem Fenster gibt dem Raum mehr Licht und Perspektive.

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Hingucker und erfrischender Stilbruch in der Harmonie sind der knallrote Plastikschriftzug „Dancing” und der Bärentisch mit Baumscheibenplatte. Ein reizendes Detail aus alter Zeit: Innen an der Zimmertür hängt ein einzelner, verschnörkelter Haken – perfekt, um das Negligé oder ein Jäckchen daran aufzuhängen.

Bedauerlicherweise kann man in Mietwohnungen nicht alle Türen anbohren – Mel würde sonst sofort zu Hause mit dem Akkubohrer zur Tat schreiten.

Nic findet ihr luftiges, helles Schlafzimmer genau das richtige für Morgenmuffel, die einen kleinen Schubs brauchen, um in Schwung zu kommen. Als leidenschaftliche Tapetenkleberin hat sie die grafische Tapete an der Schlafzimmerwand schwer begeistert. So ein Hingucker-Muster kann jeden Raum von „Standard” auf „Hipster” verändern. Gern mitgenommen hätte sie außerdem den runden 70er-Jahre-Spiegel mit dem verchromten Tulpenfuß auf der Kommode. Ein absolutes Lieblingsstück und so zeitlos schön!

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Eine unerwartete Wiederentdeckung: Die schlichte Seersucker-Bettwäsche war eine Spontan-Liebe auf den zweiten oder sogar dritten Blick. Eigentlich hat Nic den kreppigen Baumwollstoff seit Jahren nur mit spießigen Bettbezügen mit aufdringlichen Mustern in Verbindung gebracht. Hier war ihre Bettwäsche-Liebe jedoch strahlend weiß mit einer feinen dunkelgrauen Paspel-Einfassung – ein moderner und edler Look ganz ohne Bügeln oder Mangeln. Sie bekennt sich in Sachen „pflegeleichte Bettwäsche” hiermit ganz offiziell geläutert. Sie outet sich außerdem als ein totaler Fan der simplen Mini-Ankleidezimmer-Lösung, die zu ihrem Schlafzimmer gehört – eine Kleiderstange, viele Bügel, ein einfacher Spiegel an die Wand gelehnt, ein flaches Regal und ein Wäschekorb aus Bast hören sich spartanisch an. Trotzdem reicht tatsächlich schon die ausdrucksstarke Tapete an der Wand, um dem Ganzen das gewisse Luxusfeeling von einem schicken Ankleidezimmer zu geben.

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Frühstück auf Britisch

Ein Picknickkörbchen aus geflochtener Weide ist in der Küche attraktiver Sammelplatz für diversen Frühstückskram. Der Brite gestaltet sein Frühstück in der Woche ja eher übersichtlich. Da wir beide nicht gern ausufernd frühstücken, passt uns das ganz wunderbar. Der Retro-Toaster produziert köstliche, goldbraun geröstete Brotscheiben (viel fluffiger und leckerer als deutschesnToastbrot), die mit Butter (Nic) oder mit Butter und Marmelade (Mel) bestrichen werden. Dazu gibt es eine Tasse Tee – natürlich stilecht in der Kanne mit Teatowel aufgebrüht. So einfach, so köstlich! Wir sind happy.

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Auch in der modernen Einbauküche mit warmen Holzfronten findet man übrigens überraschende Einzelstücke: Ein Vintage-Radio aus den 50ern verträgt sich ganz wunderbar mit der neuzeitlichen Mikrowelle und dem Retro-Toaster.

Was zu einem britischen Frühstück dazu gehört:

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In dem kleinen, an das Wohnzimmer angrenzenden Raum, finden wir dann noch einen Teakholz-Esstisch im Dänischen Design aus dem 60ern und die fast schon obligatorische Kugellampe mit Marmorfuß. Mit ein paar poppig-grafischen Bildern an der Wand wird diese Kombination allerdings zu einem reizenden kleinen Esszimmer, das man am liebsten sofort mit nach Hause nehmen würde. Keine Angst vor Bildern mit Aussage!

Deko für die Wände:

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Und war das auch was typisch Schottisches in der Wohnung? Nein. Und ja. Die Stadt Edinburgh verbindet ganz unterschiedliche Epochen und Stile mit viel Lebendigkeit. Design-Elemente wie das berühmte karierte Tartan-Muster der verschiedenen Clans, traditionelle Kleidung wie Schottenröcke oder der Tweet-Stoff werden ganz natürlich mit dem modernen Leben kombiniert. Wir haben meisterhafte Dudelsackspieler mit Hipster-Bart und Flesh-Tunnel-Ohrring gesehen. Auch baulich wurde eine Menge kombiniert: Bestimmte Bereiche von Edinburgh sind mit drei übereinanderliegenden Schichten Wohnhäusern bebaut – man hat das Moderne immer wieder über das Alte gebaut und damit ein ganz unvergleichliches Stadtbild geschaffen. Am Fuße des Burgbergs mit den über Jahrhunderte hinweg erweiterten Wehranlagen tobt die Gegenwart mit vielen spannenden kleinen und großen Läden, Shoppingcentern, tollen Bars und Restaurants. Die einmalige Kombination von Tradition und Weltoffenheit, von Altem mit Neuem, kann man in Edinburgh an den unterschiedlichsten Stellen finden. Auch in der Wohnung haben wir genau diese Kombination wiedergefunden und waren sofort verliebt – eine einmalige Zusammenstellung aus ganz unterschiedlichen Design-Stilen, bunt gemischt von den 30ern bis heute.

Mitgenommen aus dieser tollen Stadt haben wir nicht nur zwei unvergessliche Tage. Wir haben auch eine Menge Inspiration und gute Vorsätze im Gepäck: Nic möchte Stile in Zukunft noch unkonventioneller mixen, als sie es ohnehin schon tut und noch viel mutiger mit Farben umgehen. Mel wird überflüssigen Krempel entsorgen und den Platz in ihrer Wohnung bewusster für ausgewählte Stücke freimachen. Und natürlich 2.300 bunte Kissenhüllen kaufen. Mindestens.