Roomstorys

Entwerfen urbane Träume: Nicolas Laisné Associés aus Paris

Ich habe mich selten in einem Haus so wohl gefühlt, wie in dem ich im Moment lebe. Und das liegt nicht nur an meiner Einrichtung, sondern an der Architektur. Die passt perfekt in die Umgebung, in unseren Hinterhof in Montreuil. Das Büro von Architekt Nico Laisné (NL*A Paris) liegt nur einen Katzensprung von uns entfernt. Schon lange wollte ich mich mit ihm über seine Ideen unterhalten und auch über die vielen interessanten Projekte, an denen er mit seinem Partner Dimitri Roussel momentan arbeitet. (Nicolas‘ Frau Felicitas habe ich auch schon getroffen und für Euch interviewt).

Was steht am Anfang eines architektonischen Projekts?

Nicolas Laisné: Natürlich haben wir Bilder im Kopf, aber das Wichtigste ist der Prozess. Der Austausch mit allen am Projekt Beteiligten, bei dem man die Idee findet. Gute Architektur ist immer das Resultat eines guten Teams. Beim Projekt „L’Arbre Blanc“ (auf Deutsch: Der weiße Baum) war die Kollaboration mit anderen Architekten eine Vorraussetzung der Stadt Montpellier. Und wir dachten, der Dialog zwischen japanischer und französischer Kultur könnte interessant sein. Daher haben wir uns mit Manal Rachid und Sou Fujimoto zusammen getan und uns in Tokyo getroffen. Und haben dort eine Woche diskutiert.

Dimitri Roussel: Wir haben uns gefragt: Was wäre in dieser Stadt, in der die Sonne an fast allen Tagen im Jahr scheint, ein Traumhaus?

Nicolas-laisne-larbre-blanc
Ein siebszehnstöckiger weißer Baum: Das Projekt „L’arbre Blanc“. © Sou Fujimoto Architects and OXO / Manal Rachdi / Nicolas Laisne Associes
nicolas-lasine-larbre-blanc-wohnung
So sollen die Wohnungen von innen aussehen. © NL*A Paris

Und warum ist das ein siebzehnstöckiges Gebäude in Form eines weißen Baumes?

Nicolas Laisné: Wir versuchen auf die Umgebung mit unserer Architektur zu reagieren. Es in die Zukunft, die Natur und in die Stadt zu integrieren. Wenn man heute in einem Haus auf dem Land wohnen will, muss man lange mit dem Auto in die Stadt fahren, weil die Arbeit in der Stadt ist. Wir finden es besser, in dichten Städten zu wohnen, und das Leben in der Stadt mit großen Terrassen, Pflanzen und Bäumen angenehm zu machen, anstatt den ganzen Tag auf der Straße zu verbringen.

nicolas-laisne-larbare-blanc-terrasse
Eine Terrasse für die Bewohner des L’Arbre Blanc. © NL*A Paris

Dimitri Roussel: Es ist auch gut für die Energiebilanz und Nachhaltigkeit, wenn die Menschen in dichten Städten wohnen.

Nicolas Laisné: Auf dem Dach des „L’Arbre Blanc“ wird es zwei Räume geben: einen für die Bewohner des Hauses, die dort die Terrassen für Parties reservieren können. Denn wir dachten uns: Warum sollte jemand im zweiten Stock eines Turms wohnen wollen, wenn er nie ganz oben sein kann? Und einen für die Öffentlichkeit, eine Bar mit einer wunderbaren Aussicht.

nicolas-lasine-larbre-blanc-bar
Auch der Öffentlichkeit soll das Projekt L’Arbre Blanc zugänglich sein. © NL*A Paris

Gestaltet Ihr Eure Architektur von außen her oder von innen?

Dimitri Roussel: Es ist ein Dialog zwischen beidem. Außen ist die urbane Strategie entscheidend, und zwar wie das Haus in die Stadt passen soll. Innen ist es die Frage, wie der Bewohner die Architektur benutzen wird. Beide Aspekte müssen effizient sein, da gibt es keine Hierarchie. Bei dem Bürogebäude in Nizza – wir haben Anfang dieses Jahres den Wettbewerb gewonnen – haben wir zum Beispiel ein ganz neues Konzept von Arbeitsräumen entwickelt. Die Versammlungsräume befinden sich außen auf Terrassen, sodass man in die Ferne schauen kann und auch mit den anderen Mitarbeitern verbunden ist, die außen die Treppen hinaufsteigen. Weil wir alle Treppenhäuser außen am Gebäude entlang führen, ist der Raum innen ganz frei und den Mitarbeitern bleibt die maximale Fläche zum Arbeiten.

nico-laisne-projekt-nizza
© NL*A Paris

Dieser Dialog von außen und innen ist sehr wichtig in der japanischen Architektur. Seid Ihr deshalb an ihr so interessiert?

Nicolas Laisné: Die Beziehung, die Japaner zu ihrem Garten haben, ist etwas ganz Besonderes. Sie benutzen die kleinen Räume ganz simpel und arbeiten viel mit Schiebetüren. Erst gehört ein Raum zum Haus, dann verschiebst Du eine Wand und der Raum wird zur Terrasse des Gartens. Es ist sehr subtil. Wir lieben diese Subtilität der japanischen Kultur. Das war definitiv ein Ansatz beim Projekt „L’Arbre Blanc“ in Montpellier.

Und weil die Zusammenarbeit mit den Partnern des Projekts „LArbre Blanc“ so gut lief, arbeitet Ihr an weiteren Projekten zusammen?

Dimitri Roussel: Genau. Wir haben gerade einen weiteren Wettbewerb zusammen gewonnen, die „École Polytechnique à Paris-Saclay“.

In Euren Häusern entwerft Ihr auch raffinierte Möbel, wie zum Beispiel eine Treppe, unter der man auch Bücher verstauen kann, wie in meinem Haus. Braucht der Bewohner kaum noch eigene Möbel in Eurer Architektur?

Nicolas Laisné: Wir mögen die Idee, dass ein Gebäude ein großes Möbel sein könnte, dass es dem Bewohner sehr einfach macht, seine Sachen unterzubringen. Aber wir wollen mit unserer Architektur das Leben der Menschen nicht zu sehr kontrollieren. Daher muss auch immer Platz gelassen werden für die eigenen Möbel. Die Räume sollen sich mit den Menschen verändern.

Dimitri Roussel: Ich liebe Vintage-Möbel. Und finde es cool, wenn die Gegenwart mit der Vergangenheit aufeinandertrifft, wenn man alte Möbel in ein neues Haus stellt.

nico-laisne-portraet
Sprudelt vor Ideen: Nicolas Laisne. © NL*A Paris

Was ist Euer liebstes Gebäude in Paris?

Dimitri Roussel: Oscar Niemeyer’s Monument der Kommunistischen Partei in Paris. Es ist so elegant. Niemeyer sagte, er hat das Gebäude so wie die Kurven der brasilianischen Frauen geformt.

Nicolas Laisné: Die Fondation Cartier von Jean Nouvel. Ich habe für Jean Nouvel in New York gearbeitet und respektiere ihn sehr. Ich liebe dieses Gebäude in Paris, weil es mit fast nichts gebaut wurde: Glas, Stahl und die Reflexionen der Umgebung.

Träumt Ihr davon, eines Tages in Euren eigenen Häusern zu leben?

Nicolas Laisné: Das ist immer eine schwierige Frage für Architekten. Du gehst die Treppe runter und fragst Dich: Habe ich das richtig gemacht? Wenn es ein technisches Problem gibt, dann ist das Dein Fehler. Ich würde gerne in einem Hause leben, das ich entworfen habe, aber gleichzeitig bedeutet das so viel Verantwortung und Druck. Niemand ist kritischer als der Architekt selber.

Danke für das Interview!