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Wir feiern … Zukunftsforschung: „Ich wünsche mir weniger Konsum“
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Wir feiern … Zukunftsforschung: „Ich wünsche mir weniger Konsum“

In den kommenden Wochen wollen wir über die Zukunft des Handels, der Technologie und der Gesellschaft träumen und treffen dafür Gesprächspartner, die Visionen im Kopf haben

Autorin Linda Gondorf Lesedauer: 7 Minuten
Sie hat eine ruhige, nachdenkliche Art, ist voller Ideen, ohne dabei angestrengt zu wirken. Susanne Eckes hat einen spannenden Beruf: Sie ist Zukunftsforscherin. Wenn alles im Wandel ist, weiß sie es schon vorher – oder ahnt es zumindest. Meist geht es um den gesellschaftlichen Wandel. Im Interview erzählt sie von wandelnden Unternehmen, gesellschaftlichen Herausforderungen und Sinnhaftigkeit

Susanne Eckes war einmal Strategic Planner für Saatchi & Saatchi, Volunteer bei Unicef, Smoothie-Verkäuferin in Australien und zwischendurch sogar Schrotthändlerin. Nun arbeitet Susanne seit rund zehn Jahre als freie Referentin des Zukunftsinstitutes. Das Zukunftsinstitut zählt zu den wichtigsten Think-Tanks der Trend- & Zukunftsforschung und liefert strategisches Wissen für die Wirtschaft von morgen.

Bei unserem Gespräch geht es ziemlich schnell ums Eingemachte, ums große Ganze. Nämlich wie die Gesellschaft den digitalen und kulturellen Wandel überhaupt aushält. Sie kritisiert auch mal den Handel, diskutiert über Sinnhaftigkeit von Produkten. Susanne Eckes stellt sich den großen Fragen des gesellschaftlichen Fortschritts und zeigt uns auf, wo künftig innovative Geschäftsfelder liegen.

Hallo Susanne, ich habe direkt eine Frage, bei der deine Fantasie gefragt ist.

SUSANNE ECKES: Das passt doch ganz gut. Ich glaube, Fantasie gehört zu meinen Stärken.

Wenn du dir ein Unternehmen bauen könntest. Wie würde dieses aussehen?

Subjektiv würde ich ein Purpose-Unternehmen gründen, sodass die Gewinne nicht bei einer Person landen, sondern aufgeteilt werden. Dann würde der Gewinn den Mitarbeiter*innen gehören und dem Unternehmen oder dem Unternehmenszweck zugutekommen und es würden die davon profitieren, die Tag für Tag dort arbeiten. Das ist doch eine gute Sache.

Gibt es ein Unternehmen, welches den Mitarbeiter*innen gehört?

Ja Ecosia - die ökologische Suchmaschine. Der Gründer Christian Kroll hat dieses Unternehmen 2009 gegründet und vor kurzem in eine Purpose-Stiftung umgewandelt. Er wollte es nicht vererben und verkaufen, er findet es gehört seinen Mitarbeiter*innen. Von diesem Konzept höre ich immer häufiger. Das ist der perfekte Ansatz, denn Unternehmen bringen Menschen zusammen, die gemeinsam etwas Schaffen wollen, da ist es doch nur gerecht, wenn sie auch vom Unternehmen profitieren. Dann stimmt auch die Motivation. Viele verstehen im Unternehmen häufig nicht mehr den Sinn der vorliegenden Arbeit, da fehlt dann die Motivation.

Wie wichtig wird in Zukunft Sinnhaftigkeit sein?

Sinnhaftigkeit nimmt einen immer höheren Stellenwert ein. Wenn ich meine Vorträge halte, dann kommen viele Gespräche auf, weil Menschen den Sinn der Arbeit nicht mehr erkennen. Wenn beim Automobilkonzern minütlich ein Auto vom Band geht, fragt man sich, wie viele noch auf Halde produziert werden müssen. Heute stellen Mitarbeiter*innen mehr in Frage und machen den Mund auf. Ich habe in der Vergangenheit oft festgestellt, dass Meetings ganz gruselig abliefen, wenn eine Gruppe von Menschen überlegt, wie man die nächste Innovation in den Markt reindrücken kann, ohne dass es dafür einen Sinn gibt. Wenn es eine gute Idee gibt, von der ein Unternehmen überzeugt ist, dieses ein Problem löst oder anderen Menschen etwas bringt, super. Aber wenn der Sinn ist, über eine weitere Geschmacksinnovation im Joghurtbereich oder im Duschgelsortiment zu brainstormen, finde ich das derzeit absurd.

Man hat das Gefühl die junge Generation sucht vermehrt nach dem Sinn.

Alle behaupten, dass die Generation der „Fridays for future”-Bewegung sehr kritisch sein wird und dass sie Sinnlosigkeit ansprechen und etwas bewegen wollen. Bei ihnen reicht reden nicht mehr aus, sie wollen machen und sehen, dass was geschieht. Ich habe große Hoffnung, dass solch eine Bewegung auch die Kultur von Unternehmen ändert und wir alle zusammen was bewegen.

Wir sprechen ja heute miteinander, weil wir zu unserem 70. Geburtstag nicht nostalgisch zurückblicken, sondern auf zukünftige Trends blicken wollen. Doch in Unternehmen geht es oft um die Frage nach dem nächsten Hype. Kann es sein, dass ziemlich viel „überhyped“ wird?

Es wird sehr viel mit Buzzwords gearbeitet und ganz viele Themen sind einfach nur Luftblasen. Jede*r möchte sein Thema groß machen und hypen, aber manchmal ist da gar nicht so viel dran. In den vergangenen 20 Jahren konnte man das vielleicht machen, aber die Schrittzahl hat so rasant zugenommen. Wir werden überhäuft mit „Trendthemen“ und haben deshalb den Blick für das große Ganze verloren. Wir befinden uns gerade im Digital Age und unsere ganze Gesellschaft, unsere ganze Arbeitsweise ändert sich. Da sollte man sich jetzt den großen Fragen stellen, wie wir uns zukünftig als Gesellschaft organisieren und wie wir mit unserem Planeten umgehen wollen. Welche Lösung kann uns die Digitalisierung für die Lebensqualität aller liefern, so dass der Mensch und der Planet im Fokus stehen? Der US-amerikanischer Autor und Dozent Douglas Rushkoff spricht vom „Team Human“ und zeigt in seinen Vorträgen, dass die Digitalisierung zum Mittel und Zweck für die menschliche Zukunft benutzt werden soll. Wir müssen aufhören, Technologien zu nutzen, um Menschen für den Markt zu optimieren, so Rushkoff. Das sehe ich genauso.

Wie wird deiner Meinung nach der Handel 2030 aussehen?

Es gibt zwei wichtige Wörter für den Handel in 2030: Das ist einmal Access und Resonanz. Access ist für mich, manche Dinge einfach punktgenau angeboten zu bekommen – sehr pragmatisch und effektiv gedacht. Dazu wird künstliche Intelligenz vor allem im Bereich Logistik wichtig um Angebot und Nachfrage besser zu matchen. Wie toll wäre es, wenn wir durch KI nicht mehr so viele Lebensmittel verschwenden würden oder zeitnah und punktgenau ausliefern könnten. Ich glaube, dass Logistik und Planung, auch was Ökologie anbelangt, einfach viel besser und schlauer ablaufen kann, damit wir nicht noch mehr Ressourcen verschwenden.

Und bei Resonanz geht es darum Erlebniswelten zu schaffen beziehungsweise Resonanzräume anzubieten, in denen Transformation stattfinden kann. Einen Austausch der in uns etwas zum schwingen bringt, wenn man sich verbunden fühlt mit der Welt. Wie cool wäre es zum Beispiel, wenn mir in einem Adidas-Shop nicht von Verkäufer*innen sondern von Botschafter*innen geholfen wird, die Sportler*innen sind und Expert*innen in ihren Bereichen. Von einem Tennis-Ass eine Meinung zu einem Produkt zu bekommen, ist so viel mehr Wert. Sie posten es dann nicht nur als Influencer*in sondern werden im Geschäft zu Botschafter*innen.

Man hört heraus, dass du dir von den Menschen weniger Konsum wünschst und dass der Handel sich mehr Gedanken über Sinnhaftigkeit und Services machen sollte, anstatt um ein weiteres Produkt, welches keiner benötigt.

Ich wünsche mir weniger Konsum, aber glaube nicht daran, dass wir in Zukunft weniger konsumieren werden, nur weil wir es sollten. Dieses „Age of Less“, von denen viele Zukunftsforscher reden, sehe ich nicht, auch wenn es mein Wunschgedanke wäre. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nun alle freiwillig Veganer werden oder nicht mehr fliegen, aber ich wünsche mir, dass alle ein wenig davon in ihrem Alltag integrieren. Die Frage auch hier ist, was funktioniert für die meisten Menschen? Hier gibt mehrere sinnvolle Ansätze, zum einen: Verbote und neue Standards. Ich habe keinen Anspruch darauf, dass ich mir jeden Tag Fleisch leisten kann oder es im Flugzeug immer ein Fleischgericht geben muss. Ich habe auch kein Recht auf Plastiktüten oder Strohalme. Da könnte die Regierung in Zukunft Regeln schaffen. Auch Unternehmen können sich da Settings setzen und schauen, was noch sinnvoll und zeitgemäß ist und somit eine Haltung entwickeln. Zum anderen ist es wirklich innovativ an neuen Entwicklungen zu arbeiten wie Michael Baumgartner es in seiner Theorie „Cradle to Cradle“ gut auf den Punkt bringt: Konsumenten dürfen verschwenderisch sein, wenn es in einer Kreislaufwirtschaft passiert. Wenn alle Materialien, die benutzt werden, wiederverwertbar oder kompostierfähig sind.

Des Weiteren muss es ein Bewusstseinswandel in breiten Schichten der Bevölkerung geben. Was kann Konsum leisten und was nicht? Wo behindern mich die vielen Dinge, die ich besitze sogar? Man muss sich nur in den eigenen vier Wänden umschauen und sich fragen, was man alles besitzt und eigentlich nie benötigt. Wer einmal nach Marie Kondo aufgeräumt hat, der kauft danach bewusster ein. Zumindest eine Zeit lang.

Jetzt muss ich es am Ende trotzdem noch fragen: Was ist für dich das Trendthema der nächsten Jahre?

Wofür ich besonders die Fahne hochhalte ist das Thema Kooperation. Die einzelnen Autohersteller können zum Beispiel das Thema Wasserstoff- oder E-Auto nicht allein vorantreiben. Es macht keinen Sinn abzuwarten, was die anderen machen. Sinnvoll wäre es, sich an einen Tisch zu setzen, anstatt die Technologie immer nur für sich selbst behalten zu wollen oder am Abwarten zu scheitern. Um die „gute Sache“ voranzutreiben, wären auch beim Handel Kooperationen dringend nötig. Diese Branche ist hier schon weiter als die Automobilbranche, gerade im Kontext des Plattformgeschäfts und trotzdem müssen wir weg vom alten, industriellen Wettbewerbsgedanken, hin zur Kooperationsmethode. Wenn es ökologisch der Sache dient, dann sollten alle ihre Mauern abreißen und zusammenarbeiten. Dieses Konkurrenzdenken ist fehl am Platz, wenn es um eine wichtige Angelegenheit geht, die alle betrifft.

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