Klischee: Papiertüten sind besser als Plastiktüten

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Nein, ja, nein, ja, jein, gegebe­nen­falls, möglicher­weise, manch­mal ja, aber nur wenn. Das sind die Antworten auf die Frage, ob Papiertüten denn nun bess­er sind als ihre mäßig ange­se­henen Kol­legin­nen aus Plas­tik – und die meis­ten sind lei­der Gottes richtig. Sie haben nur einen Man­gel: Es ist keine Zahl drin.

Wie meinen? Was für eine Zahl?? Ich kläre auf: Wir Erden­peo­ples haben ja inzwis­chen gel­ernt, dass es zwis­chen Schwarz und Weiß, zwis­chen super­schurkig und super­christlich, zwis­chen umwelt­säuisch und ökozöli­batär dur­chaus noch die eine oder andere Nuance und Abstu­fung gibt. Und bei unserem aktuellen Prob­lem, welche Tüte nehm ich und welche vertei­di­ge ich, gilt das ganz beson­ders. Über kaum ein anderes, im Maßstab ja eher kleines Umweltk­lis­chee, stre­ite ich mich mit mir und anderen Unbelehrbaren am meisten:

Jute oder Plas­tik mit­nehmen? Papi­er an Kasse kaufen? Läden, die noch Plas­tik haben, boykot­tieren und Unverpackungs-Stores hochfre­quen­tieren? Oder auf Polyester-Beutel umschwenken?

Weißer Jutebeutel

Welche Tüte nehme ich bloß?

Und dann die anderen Spezial­fra­gen: Muss ich mir nun richtige Mülltüten kaufen, weil ich keine Plas­tik­tüten mehr auf Halde habe, die ich zweck­ent­frem­den kann? Entschei­det das Wet­ter plöt­zlich, welche Vari­ante ich nehme, da Papiertüten bei Regen auf dem Radgepäck­träger durch­sup­p­schen und der Bio­joghurt meine Hose voll­spe­ichelt, die ich dann wieder waschen muss und ich so noch tiefer ins Ökomi­nus rutsche? Dann der ästhetis­che Aspekt: Soll ich etwa auf den coolen Hipster-Style ein­er mit­ge­bracht­en Aldi-Tüte mit ihrem klas­sis­chen Krypto-Bauhaus-Design auf der näch­sten Vernis­age verzicht­en? Und der human­is­tis­che Impe­tus: Sollte ich nicht den kleinen Gemüse­händler an der Ecke, der als einziger in mein­er Gegend noch sein Obst in diese zart­lab­bri­gen superdün­nen Plas­tik­tüten steckt, nicht unter­stützen, weil ich jed­er Min­der­heit mein wohlwol­len­des Nick­en zuteil wer­den lassen möchte?

Ja, das sind Fra­gen. Die sich am besten nicht nur mit Buch­staben, son­dern mit Zahlen beant­worten lassen, ich deutete es an. Vielle­icht erst mal knapp die Fak­ten: Papiertüten sind nicht so super, wie sie ausse­hen, da sie a) in der Her­stel­lung zu viel Ressourcen verd­ingsen (Energie, Wass­er, Zell­stoff, vor allem aber Chemikalien) und b) sich also erst bei ihrer vierten Nutzung ökotech­nisch rech­nen. Aber wann benutzt man eine Papiertüte schon vier­mal? Und wie packe ich dem Kind einen Tuschekas­ten für die Schule ein – etwa in Papi­er? Bit­teres Lachen.

Papiertüte mit Aufdruck

Ab wann ist die Ökobilanz okay?

Auf dieses zugegeben leicht abwegige Fall­beispiel komme ich, da es in mein­er Jugend üblich war, sowas zu machen. Natür­lich auss­chließlich mit Plas­tik­tüten. Hobby-Soziologen wie ich erkan­nten an der Fal­tung ebendieser Tüten, ob die Mut­ter beruf­stätig war oder nicht. An den Fal­ten erkennbar akku­rat zusam­men­gelegt wurde offen­bar in den Fam­i­lien, in denen die Eltern Zeit hat­ten – also reiche Luxus­fam­i­lien mit Müßig­gang im Tagesablauf. Geknüllt wurde hinge­gen in den Heimen, wo kein­er sich Gedanken machen kon­nte, weil was weggear­beit­et wurde und die händ­sich etwas für unser aller Brut­tosozial­pro­dukt tat­en. Aber ich schweife ab, vom Fal­ten zurück zu den Fakten.

Denn auch bei der anderen Alter­na­tive, dem Jute­beu­tel oder einem Sack­erl aus Baum­wolle ist die Öko­bi­lanz erst dann im okayen Bere­ich, wenn man ihn 25 bis 32 Mal wiederver­wen­den kann. Also doch Plas­tik? Anscheinend ist ja der Casus Knackus in der Frage, worin man seine Sachen in das licht­durch­flutete Nach­haltigkeit­shaus trägt, allein die Zahl, WIE OFT man das gewählte Behält­nis in Zukun­ft wieder benutzt: Bei Papi­er rech­net es sich bere­its bei weni­gen Malen. Bei Plas­tik, Jute- und Polyester-Beuteln erst nach deut­lich mehr Gebräuchen – die man aber auch deut­lich öfter gebrauchen kann, weil sie deut­lich länger hal­ten. Yehu­di desto Menuhin!

Jutebeutel am Strand

So ist auch bei diesem Klis­chee mal wieder einige geistige Flex­i­bil­ität nötig, denn die Wahrheit liegt hier eben nicht unrück­bar auf ein­er Seite. Bess­er man fragt sich an der Kasse nicht, ob man seine eigene Nach­haltigkeit lieber gefal­tet oder geknüllt haben möchte, son­dern entschei­det sich wed­er für wed­er noch für noch – und nimmt einen eige­nen Beu­tel mit. Wieviel Taschen man im Schrank hat, kann ja jed­er wohl selb­st zählen. Danichfür.

Klischee: Wassersparen ist nicht umweltfreundlich

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Gestern hab ich wieder 25 Badewannen Wasser verbraucht. Und heute sieht es wohl auch nicht viel besser aus. Was? Wie bitte? Was hab ich für einen grotesken Wasserbrauch?! Bin ich so ein Dreckschwein? Oder kann ich beim Zähneputzen das „Stop the water while using me“-Schild nicht einfach mal befolgen und den Hahn ausstellen?

Nein, das sind natürlich nicht die Ursachen dieser irren Menge, die angeblich jeder Deutsche im Schnitt momentan am Tag verbraucht. Das meiste Wasser, das wir verbrauchen, sehen wir gar nicht. Es steckt in unserem Essen, in unseren Klamotten und in unseren Konsumgütern. Insofern…

Gereon Klug ist und war viel: Plattenhändler, Herausgeber, Tourmanager, Songschreiber, Autor und andere selbstausbeuterische Berufe. Er nimmts mit Humor - oder genau. Sein Name ist kein Künstlername, auch wenn das...

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