Handgemacht: Mit dir wird ein Schuh draus

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Ein junges Start-up-Unternehmen. Höre ich diese Worte, denke ich zunächst an hippe Leute aus Berlin mit großen Brillen, die „irgendwas mit Internet“ machen. Hip sind Andreas Sonnefeld und Marcus Slomczyk natürlich auch, aber sie leben weder in Berlin, noch machen sie „irgendwas mit Internet“. Im traditionsreichen Weimar entwickelten sie aus einer studentischen Vision heraus etwas ganz und gar Handfestes: Schuhe.

Comake_Team

Andreas Sonnefeld (Dipl.-Produktdesigner) und Marcus Slomczyk (Dipl.-Betriebswirt)

Die meisten Ideen entstehen, wenn einen etwas stört oder man etwas braucht, was es in der Form bisher nicht gibt. Andreas und Marcus störte, dass Schuhe heutzutage größtenteils so produziert werden, dass man sie nicht selbst reparieren kann. Die Einzelteile industriell gefertigter Schuhe sind miteinander verklebt; hält der Kleber nicht mehr, sind die Schuhe irreparabel und landen meistens in der Tonne. Was, wenn man seine Schuhe selbst in Ordnung bringen kann, oder noch besser, selbst fertigen kann? Und der Clou: Was, wenn die Einzelteile der Schuhe dabei auch noch umweltfreundlich und fair hergestellt worden sind?

Comake_Bausatz

Das Set, aus dem man sich seine eigenen Schuhe näht.

Gefördert durch ein Gründerstipendium des Europäischen Sozialfonds und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, entstand aus diesen Überlegungen COMAKE. Der Name ist ein Wortspiel aus den englischen Begriffen „co“ (zusammen, gemeinsam) und „make“ (machen, herstellen). Seit letztem Jahr kann man bei COMAKE ein Set bestellen und sich seine eigenen Schuhe nähen – ganz ohne Nähmaschine, sondern so richtig per Hand. Jedes Teil wurde umweltfreundlich produziert. Die Sohle besteht aus Naturkautschuk, welcher ein nachwachsender Rohstoff ist, und wird in Frankreich von Hand gegossen. Unverkennbar: Der Sohlenabdruck hinterlässt das Stadtbild von Weimar, wo die Idee entstand.

Comake_Sohlen

Das Leder der Schuhe kommt aus Italien und wird dort pflanzlich (auch genannt vegetabil) gegerbt. Bei der Herstellung wird auf Chrom und den Einsatz weiterer Schadstoffe verzichtet – aus Rücksicht auf die Gesundheit der Mitarbeiter in den verarbeitenden Betrieben. Das Fußbett für den COMAKE SHOE wird in Deutschland hergestellt und besteht aus Kork, Latex, Jute und auch pflanzlich gegerbtem Leder. Und selbst die Wahl der Schnürsenkel ist wohl durchdacht: In Erfurt, quasi um die Ecke von Weimar, werden sie produziert.

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Wie ich mein eigenes Brot backen, Kleidung selbst nähen oder Papier schöpfen kann, dafür gibt es viele Anleitungen. Immer mehr Menschen treffen die Entscheidung, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und keine industriell gefertigten Produkte zu verwenden. Aber von der Idee, seinen eigenen Schuh zu nähen, hatte ich bisher auch noch nichts gehört.

Das Gefühl des Selbermachens spielt auch bei COMAKE eine ganz große Rolle und ist Bestandteil der Philosophie des Start-ups. In einer ausführlichen Anleitung, die mitgeschickt wird, erfährt man genau, woraus die Einzelteile des Schuhs bestehen und wie man sie zusammensetzt. Hat man seinen COMAKE SHOE so gern, dass man ihn oft trägt, wird detailliert beschrieben, wie man verschlissene Teile austauschen kann.

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Auf den ersten Blick ein selbstverständlicher Gedanke: Der Schuh soll gut aussehen – damit man ihn schließlich auch trägt. COMAKE gibt es bisher in unterschiedlichen Farbkombinationen. Das Feedback der bisherigen Käufer ist super, sagen Andreas und Marcus. Als liefe man barfuß. Die Kunden sind unterschiedlichen Alters – die Älteren werden an früher erinnert, als vieles noch handgefertigt war, die Jüngeren machen sich Gedanken über den Konsum und die Wegwerfgesellschaft.

Comake_Farben

Und wie geht es jetzt weiter? Um noch mehr Fahrt aufzunehmen, sind laut Andreas und Marcus weitere Größen und Modelle geplant, oder zum Beispiel auch die Lieferung ins Ausland. Bisher kann man den COMAKE SHOE in allen deutschsprachigen Ländern ordern. Bei einem Start-up wie COMAKE sei viel zu bedenken und zu organisieren, zum Beispiel die Lagerung der Materialien oder die Abwicklung mit den unterschiedlichen Lieferanten. Allem voran die Produktionswerkzeuge, die im eingeplanten Budget ordentlich zu Buche schlagen. Vor allem gilt jetzt eins: noch bekannter zu werden und noch mehr Leute von ihrer Philosophie zu überzeugen.

Übrigens, für diejenigen, die sich das Nähen des eigenen Schuhs nicht zutrauen, gibt es auch den fertigen Schuh, auf Bestellung extra für dich in Thüringen zusammengenäht – das Modell THE LAZY.

Hallöchen, ich bin Christina. Ich wollte schon von klein auf die Welt retten. Und zwar die ganze. Zugegeben, das grenzt an Größenwahnsinn. Als ich älter wurde, beschloss ich, erstmal bei mir anzufangen: bewusst konsumieren, langlebige Produkte kaufen und reparieren statt wegwerfen. Nebenbei offene Ohren und Augen haben für das, was in der Welt so passiert und wo man etwas tun kann, damit es allen etwas besser geht. Um das herauszufinden, war ich viel im Ausland unterwegs, besonders in Afrika und Skandinavien, habe in sozialen und ökologischen Projekten mitgearbeitet und viele interessante Menschen kennengelernt. Wieder zurück in meiner Heimat, halte ich nun für euch von Hamburg aus Augen und Ohren offen und schreibe auf re:BLOG über Tricks und Kniffs, wie ihr euren Alltag mit Spaß und Kreativität nachhaltiger gestalten könnt. Let it re!

Letzte Kommentare (3)

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Irene
Mittwoch, 20. Mai 2015, 11:48 Uhr

Coole Idee! Ich wäre nie drauf gekommen, Schuhe selbst zu nähen. Im Moment fehlt mir die Zeit, aber die Idee heb ich mir in meiner „Things-to-do-Sammlung“ auf!
Danke!
Liebe Grüße

Christina
Dienstag, 28. April 2015, 21:32 Uhr

Hey Christof, danke danke! 🙂
Das Leder ist „nur“ vegetabil gegerbt und nicht vegan. Da COMAKE ja in gewisser Hinsicht noch in den „Kinderschuhen“ steckt, wäre es sicherlich spannend, eine vegane Serie anzuleiern.
Ich schlage den Jungs das mal vor!
Liebe Grüße
Christina

Samstag, 25. April 2015, 12:59 Uhr

Gut geschriebener, interessanter Artikel, liebe Christina.

Eines habe ich aber nicht ganz verstanden: Ist das „Leder“ denn nun vegan oder nur vegan gegerbt?

Einfach bewusste Grüße

Christof