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OTTO-CIO Müller-Wünsch: „Mehr Frauen in Tech-Jobs!“
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OTTO-CIO Müller-Wünsch: „Mehr Frauen in Tech-Jobs!“

Wenn Männer sich für Frauen in Tech-Berufen einsetzen: Aufschrei oder Anerkennung? OTTO-CIO Michael Müller-Wünsch über Frauen in Tech

1.10.2019 Von Linda Klein Lesedauer: 6 Minuten
Die IT-Arbeitswelt ist zu einer Männerdomäne herangewachsen. Doch begonnen hat alles mit weiblichen Programmierern. Denn in den 80er Jahren war dies ein typischer Frauen-Beruf. Heute hingegen brauchen wir „Women in Tech“ mehr als jemals zuvor. Michael Müller-Wünsch, vielen als MüWü bekannt, spricht im Interview über seinen Werdegang, Role Models und die Zukunft der „weiblichen“ Tech-Branche

Klar ist, dass Frauen ein hohes Potenzial für die Technologiebranche bieten. Völlig unklar bleibt, warum dieses Potenzial nicht wesentlich stärker gefördert wird, um Frauen für die Technologiebranche zu begeistern. Denn: Teams, die divers aufgestellt sind, bereichern die Arbeitsweise, das Unternehmen und sich gegenseitig.

Hallo MüWü, würdest du dich selbst als Techie bezeichnen?

Natürlich. Ich war schon immer davon überzeugt, dass Technologie unser Leben verbessert und unsere Möglichkeiten erweitert. Fragen, die mich deshalb schon früh umgetrieben haben, sind: Wie wirkt Technologie in Unternehmen? Was machen technologische Innovationen mit unserer Gesellschaft? Und ganz besonders: Was bedeutet Technologie für Kund*innen im B2B- und B2C-Bereich, aber auch für Kolleg*innen? Das Tolle ist, diese Fragen treiben mich heute immer noch an. Mein Technologie-Interesse ist ungebrochen.

Der Programmierer, ein bleicher Nerd mit schlechter Körperhygiene, meist männlich - dieses Bild passte eigentlich noch nie und trotzdem herrscht es bis heute vor. Hat die Informatik ein Imageproblem?

Früher schon. Heute nicht mehr. Die Informatiker*innen von heute sind unsere Zukunft. Früher hat man all diese intelligenten Menschen, die sich mit Codes und Algorithmen auseinandersetzen, als Nerds abgestempelt. Gamer*innen waren die Außenseiter*innen auf dem Schulhof. Heute generiert der Gaming-Markt in Deutschland einen Umsatz von rund 4,37 Milliarden Euro – pro Jahr, wohl gemerkt. Im deutschen Markt  gibt es übrigens rund 16,3 Millionen weibliche Computerspieler und 18 Millionen männliche. Im beruflichen Kontext gibt es aber sehr wenig weibliche Techies, gerade im Bereich der App-Entwicklung und der Programmierung. Der Fachkräftemangel in der IT hat 2019 einen neuen Höchststand erreicht.

Wie wichtig ist es, mit technologischer Vielfalt schon in der Schule zu beginnen?

Sehr wichtig. Wir brauchen mehr Bewusstsein für Bildung, Ausbildung und lebenslanges Lernen und müssen so viel wie möglich in Bildung und Ausbildung investieren, damit Menschen die Veränderungen verstehen. Wir haben in der Vergangenheit Menschen wie Newton, Galileo und Michelangelo gehabt, die über ihre Arbeiten versucht haben, Dinge zu erklären, um damit das Unverständnis der damaligen Generation aufzulösen. Vergleichbar müssen wir das heute mit der Digitalisierung machen.

Wann und wie bist Du das erste Mal mit der Tech-Branche in Kontakt gekommen?

Ich habe mein Berufsleben als Diplom-Informatiker an der TU Berlin begonnen und dazu parallel Betriebswirtschaft studiert. Anschließend habe ich ungefähr 15 Jahre zu künstlicher Intelligenz geforscht. In meiner Doktorarbeit ging es darum, wie Strategieprozesse mit KI unterstützt werden können – und das im Jahr 1985.

Was sollte deiner Meinung nach getan werden, um die Tech-Szene für Absolvent*innen und Abiturient*innen noch interessanter zu gestalten?

Neugierig machen. Das funktioniert einerseits über eine fundierte schulische Ausbildung, andererseits ist es spannend das erlernte Handwerkszeug durch außerschulische Initiativen zu ergänzen – mit dem primären Ziel, Interessierte zusammen zu bringen, um sich über die gemeinsame Begeisterung für Technologie miteinander zu vernetzen. Ein tolles Beispiel dafür ist die Hacker School, die wir schon zweimal auf dem OTTO-Campus begrüßen durften. Dazu gibt es das OTTO Digital Camp for Women „develop<her>“– organisiert von PLAN F, unserem Frauennetzwerk bei OTTO. Eineinhalb Tage lang dreht sich alles um Frauen in der Technologie. Die Teilnehmerinnen können dort in kleinen Gruppen, betreut von erfahrenen OTTO-Entwickler*innen, nicht nur die Grundlagen der Programmierung lernen, sondern auch konkrete Projekte umsetzen. Die technologischen Vorkenntnisse sind dabei zweitrangig. Mit der developHER schaffen wir einen Rahmen, der zum Auszuprobieren und zum Austausch einlädt.

Die Hacker-School

Die Hacker School lädt technisch interessierte Kinder und Jugendliche ein, sich von professionellen Programmierer*innen und Entwickler*innen inspirieren zu lassen und von ihnen zu lernen. Die Hacker School findet auf dem OTTO-Campus statt. Über 70 Student*innen nahmen an verschiedenen Hacker-Sitzungen teil - von einer einfachen Tic-Tac-Toe-Anwendung mit JavaScript bis hin zu einer Reise in das Innenleben eines PCs. Die Hackerschule bietet technisch interessierten Kindern die Möglichkeit, sich nach dem Schulabschluss grundlegend auf eine technische Berufsausbildung oder ein Studium vorzubereiten.

Habt ihr da schon Talente abgreifen können?

Wir haben mit dem HR-Startup „neue fische“ zusammengearbeitet, das sich als praxisorientiertes Boot Camp für Programmierer*innen versteht. Hier lernen Quereinsteiger*innen in drei Monaten Grundlagen der Programmierung. Hier können wir bereits erste positive Erfolge vermelden: Nach einem Vorstellungsgespräch, dem Kennenlernen des Teams und einer zweistündigen Probezeit haben wir Ende letzten Jahres eine Absolventin als Junior Software Developer eingestellt. Es wird deutlich, dass die Möglichkeiten den Einstieg in den eigenen Traumjob zu schaffen genauso vielfältig sind, wie die Träume selbst. Auch ohne mehrjähriges Informatikstudium ist ein Job in der Tech-Branche möglich. Das unterstützen wir als Unternehmen gern.

Warum schrecken noch immer so viele junge Frauen und Mädchen vor einer Ausbildung in den MINT-Fächern zurück?

Wegen der bleichen Nerds? (lacht) Nein, Spaß beiseite. Vor allem weil es auch heute noch kaum bekannte weibliche Rollenvorbilder gibt. In einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC aus dem vergangenen Jahr konnten ein Viertel der Befragten berühmte Männer aus Berufsfeldern in Tech- und naturwissenschaftlichen Bereichen nennen: Steve Jobs, Bill Gates, Stephen Hawking, Elon Musk. Aber nur 11 Prozent nannten ungestützt berühmte Frauen, beispielsweise Ada Lovelace oder Marie Curie. Und auch der Blick in die Arbeitswelt zeigt ein Ungleichgewicht: Laut einer Umfrage des Digitalverbands Deutschland, Bitkom, arbeiten erst 17 Prozent Frauen im IT-Bereich. Ich beobachte aber leider auch noch zu oft, dass Schüler*innen, wenn sie im Erwerb der MINT-Fertigkeiten nicht mitkommen, es oftmals als Jungs-Domäne abtun. Hier müssen wir noch besser auf die Lern-Situation von Mädchen und jungen Frauen eingehen. Für mich ein klarer Auftrag an die Bildungsinstitutionen zielgruppenspezifischer auszubilden. Wir verlieren sonst viel zu früh tolle Talente!

Wie sieht es da bei OTTO aus?

Bei OTTO sind es aktuell 21 Prozent im Bereich Business Intelligence und 18 Prozent in der IT. Auch bei uns herrscht also noch Verbesserungsbedarf. Eine Ausnahme ist unser E-Commerce-Bereich mit 56 Prozent Frauenanteil – das ist wirklich super.

Warum braucht die Branche Frauen in technologischen Berufen?

Ganz einfach: Wir brauchen Frauen in Tech, weil Frauen ebenfalls Kundinnen von Tech sind. Dazu brauchen wir ganz verschiedene Perspektiven auf eine Problemstellung. Das allerdings ist nur möglich, wenn ganz unterschiedliche Menschen an einer Lösung arbeiten. Ein Team mit besonders vielen, ausschließlich männlichen Kollegen hat einen unvollständigen Blick auf die Aufgabe. Dabei sind viele „weiblich“ konnotierte Fähigkeiten entscheidend für den Erfolg unserer Anstrengungen. Nur ein Beispiel: Frauen beziehen in der Regel mehr Parameter bei der Lösung von Problemen ein, als Männer. Dort, wo vielfältige Menschen zusammenarbeiten, entstehen meist bessere und kreativere Ideen – das ist der Wert von gemischten Teams.

Warum glaubst du, dass sich gerade Männer für Frauen in Tech-Berufen einsetzen sollten? Manche schreien jetzt schon auf „Wir können uns selbst wehren“ 😉?

In erster Linie bin ich CIO bei OTTO – und kann in dieser Rolle, unabhängig von meinem Geschlecht, Einfluss auf das System nehmen und aktiv neue Strukturen fördern. Ich sag es jetzt einfach: Ich bin ein Mann und ich will mehr Frauen in Tech-Jobs. Ich freue mich, wenn ich Teil der Lösung sein kann, um bei OTTO mehr Frauen in diesen tollen Berufen zu fördern. Deshalb freue ich mich auch, dass ich in unserem Frauennetzwerk Plan F ein gern gesehener Gast bin und insbesondere im Workstream „Women in Tech“ einen Beitrag leisten kann. Auch appelliere ich an alle TECH-Entscheider*innen, dass sie doch bitte jungen Frauen durch Hospitation mal einen Einblick in das Gestaltungsfeld der IT-Bereiche einer Organisation gewähren. Wenn wir uns als Gestalter*in und Entscheider*in engagieren, können wir sicherlich Mädchen und Frauen für unsere tagtägliche Arbeit begeistern.

Für Frauen: Die developHER

OTTO öffnete schon zweimal seine Tore für Tech-interessierte Frauen innerhalb und außerhalb des Konzerns und lud zum develop<her>, powered by PLAN F, dem Netzwerk für Frauen im Business. Anderthalb Tage lang konnten die Teilnehmer*innen im Co-Working-Space Collabor8 alles über digitale Schlüsselkompetenzen lernen und kurzweilige Sessions besuchen. Ergänzt durch spannende Impulsvorträge, darunter von den OTTO-Bereichsvorständen Katy Roewer und Michael Müller-Wünsch, sowie weiblichen Tech-Startup-Gründerinnen aus Hamburg. In den Sessions konnten Teilnehmer*innen Chatbots bauen ohne Code, SEO-Basics lernen, Wordpress anlegen und Grundlagen der Webentwicklung lernen. Vorkenntnisse in den jeweiligen Themenbereichen waren nicht vonnöten.

Welche Botschaft möchtest du Frauen oder Mädchen mitgeben, die sich für Technik interessieren?

Viele Frauen wissen heutzutage oft gar nicht, was man alles mit Technologie machen kann, wie breit das Berufsbild eigentlich ist. Mal wieder eine neue Sprache lernen? Na klar – aber warum sollte es sich dabei denn nicht einmal um eine Programmiersprache handeln?


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