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Transgender: „Kein Mensch ist gleich, aber alle sind wertvoll“
Kultur

Transgender: „Kein Mensch ist gleich, aber alle sind wertvoll“

Wir haben mit Tom, stolzer Dad einer Transfrau, über Transgender gesprochen

28.06.2021 Autorin Linda Gondorf Lesedauer: 3 Minuten
Auch in Deutschland werden Transmenschen noch immer in vielen Situationen benachteiligt – am Arbeitsmarkt oder im Alltag. Wir wollen das ändern. Unisex-Toiletten, Gendersprache und LGBTIQ*-Netzwerk tragen jetzt schon dazu bei. Tom Bryssinck ist Abteilungsleiter Customer & Loyalty bei OTTO und stolzer Vater einer Transfrau. Er spricht mit uns über Hürden, Akzeptanz, Gendersprache und diverse Unternehmen

Hey Tom, willst du uns von deiner Familie erzählen, um uns einen kurzen Einblick zu geben, warum wir heute genau mit dir zum Thema Transgender reden?

Sehr gerne. Im Jahr 1998 sind meine Frau und ich Eltern von Zwillingen geworden. Zwei Jungs. Unsere Erziehung war nie geschlechtsspezifisch, weil wir die Blau-Rosa-Trennung – vereinfacht gesprochen - auch immer etwas schräg fanden. Früh hatten meine Frau und ich das Gefühl, dass unser Ältester homosexuell sein könnte. Im Jahr 2015 hat sich diese Ahnung auch bestätigt und schnell hatten wir auch ein Kind, das viel entspannter war, wenn es zum Beispiel um die Frage von Beziehungen ging.

Im gleichen Jahr, unsere Zwillinge haben ein sehr enges Verhältnis zueinander, sagte uns unser Zweitgeborener in Kroatien beim Abendessen, dass wir nun neben einem schwulen Sohn auch eine Tochter hätten. Sie würde jetzt gerne mit dem Namen Emma angesprochen werden wollen. Da waren wir anfänglich überrascht, im Nachhinein fügten sich aber immer mehr Bilder zusammen, sodass wir diesen Wunsch nachvollziehen konnten. Heute ist Emma amtsrichterlich dokumentiert und offiziell im Ausweis und Führerschein als Frau abgebildet.

Abteilungsleiter Customer & Loyalty bei OTTO Für mich ist es sehr wichtig, in einem Unternehmen zu arbeiten, das Wert auf Vielfalt legt, denn es ist wichtig, über Diversität zu sprechen

Abteilungsleiter Customer & Loyalty bei OTTO

Wie wichtig ist es für dich in einer offenen Unternehmenskultur zu arbeiten?

Ein sehr guter Freund von mir, wir kennen uns seit 1980, erzählte mir damals, fast noch unter der Hand, das er schwul ist. Es war noch nicht lange her, dass nach Paragraf 175 Homosexualität strafbar war. Und noch viel später wurde erst der Paragraf aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Obwohl dieser Freund mit vielen schwulen Künstlern bei einer großen Company gearbeitet hat, konnte er die langjährige Beziehung zu seinem Freund nicht bekanntmachen.
Ich glaube schon, dass es besser geworden ist und dass auch Unternehmen dazu beitragen können. Für mich ist es sehr wichtig, in einem Unternehmen zu arbeiten, das Wert auf Vielfalt legt, denn es ist wichtig, über Diversität zu sprechen, da sie normal und bereichernd ist. Nur wenn ich angst- und sorgenfrei arbeiten kann, kann ich kreativ sein und meine Arbeitskraft voll und ganz einbringen. Ich glaube auch, dass große Unternehmen, wenn sie es ehrlich meinen, gesellschaftliche Impulse setzen können.

Wir bei OTTO haben ein LGBTIQ*-Netzwerk, genderneutrale Toiletten, wir etablieren in vielen Abteilungen die Gendersprache. Hilft dir das?

Ja, um mich selbst zu kalibrieren. Kürzlich sah ich im „Hamburg Journal“ eine kurze Befragung zum Gendersternchen. Da wurde mir bewusst, wie wichtig dieses kleine Zeichen ist. Eine Interviewte bezog es nur auf Homosexualität, dabei ist es viel mehr als das. Wir können mit Sprache Bilder im Kopf verändern, wegkommen von Begrifflichkeiten wie Feuerwehrmann, Polizist, Krankenschwester. Durch Sprache verändert sich mittel- und hoffentlich langfristig unser aller Verhalten. Kein Mensch ist gleich, aber alle sind wertvoll. Im Falle meiner Tochter ist zum Beispiel das Thema Toiletten ab und an noch ein Konflikt: Frauen- oder Männer-Toilette?

Es ist wichtig, dass sich Unternehmen für die Rechte von Transmenschen einsetzen. Denn je mehr wir die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren, desto eher nehmen Diskriminierung und Einschränkung ab. Und dann sind wir alle gefragt: Leben wir es vor und zeigen denen, die es ablehnen, dass sie nicht „normal“ sind. Es ist zwar weniger geworden, aber ich habe noch Sprüche gehört wie: „Lasst uns hier nicht rumschwuchteln“ oder „Das ist so eine schwule Lösung“. Hier sollte es Widerspruch geben.

Was wünschst du dir für die Zukunft, wenn es um das Thema Transgender geht?

Dass Sexualität eine private Sache ist. Ich bin stolz auf meine Kinder und mir zerreißt es das Herz, wenn sie mir erzählen, dass sie an der Bushaltestelle blöd angemacht wurden. Meine Tochter hatte in den letzten viereinhalb Monaten einen nervenzermürbenden Schrift- und Telefonverkehr mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkasse. Ich wünsche mir, dass so etwas Menschen zukünftig nicht mehr angetan wird.

Was braucht es dafür, dass Menschen über Themen wie LGBTIQ* reden können?

Wenn wir es alle als selbstverständlich ansehen, müssen wir nicht drüber reden. Bis dahin: Vertrauen, Offenheit und immer dran denken, dass manche Worte verletzen.

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