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Pferderücken und Bürostuhl. Durch den Tag mit Sophie und Tina
Kultur

Pferderücken und Bürostuhl. Durch den Tag mit Sophie und Tina

Der Schritt in die Selbstständigkeit – Tina und Sophie haben ihn gewagt und ein Start-up gegründet. Trotzdem arbeiten sie weiterhin bei OTTO – und können somit ihre zwei Leidenschaften verbinden

22.11.2021 Autorin Verena Kolb Lesedauer: 8 Minuten
Man könnte meinen, der Tag von Tina und Sophie hätte mehr als 24 Stunden. Die beiden arbeiten nicht nur zu 80 Prozent bei OTTO, sondern haben nebenher „Einhorn-Coaching“ gegründet. Ein Start-up, mit dem sie im Süden Hamburgs pferdegestütztes Coaching anbieten. Wir haben die Gründerinnen und OTTO-Kolleginnen einen Tag lang begleitet und herausgefunden, wie sich Festanstellung und Selbstständigkeit kombinieren lassen


Morgenidylle in Moorburg

Ein sonniger Herbsttag im Oktober in Moorburg, einem kleinen Ort südlich der Elbe. Blätter rascheln, Hähne krähen und die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich langsam durch den morgendlichen Dunst. Es ist kurz vor acht Uhr und auf der Pferdewiese von Einhorn-Coaching herrscht schon reger Betrieb. Ausgestattet mit karierten Jacken, blauen Mützen und wasserfesten Gummistiefeln schauen Christina „Tina“ Rüschhoff und Sophie Rönnau auf ihrem 4000 Quadratmeter großen Pachtgrundstück nach dem Rechten. Betrachtet man sich die zwei genauer, erkennt man neben den Pferdehaaren auf der Kleidung und den vielen Matschschichten an den Schuhen ein Lächeln auf den Lippen. Denn sobald „Bibi und Tina“, wie sie sich scherzhaft nennen, bei ihren Pferden sind, können sie die Energie auftanken, die sie für den anstehenden Tag brauchen. „Die Pferde erden mich. Und auch, wenn die Arbeit mit den Tieren enorm anstrengend ist, habe ich danach mehr Energie als vorher. Im Grunde ist es praktizierte Achtsamkeit“, sagt Sophie. Und das spürt man auch.

Sophie und ihr Pferd Perle

Schaut man sich ein wenig auf dem Grundstück um, sind neben zwei Bauwagen, einer selbst gebauten Theke – auch „Tränke“ genannt – und einer Lagerfeuerstelle viele kleine Details zu finden: Aufgehängte Traumfänger, kleine Blumensträuße, Lichterketten, handgeschriebene Schilder – das Areal von Einhorn-Coaching ist bis ins kleinste Detail liebevoll geschmückt.

Das morgendliche Treffen findet, wie sollte es auch anders sein, auf der Wiese statt. Mit einem dampfenden Kaffee sitzen die beiden auf den Bierbänken unter ihrem Coachingdach und besprechen den Tag von Einhorn-Coaching. Zu den To-dos gehören unter anderem die Vorbereitung des nächsten Coachings am Wochenende, das Checken der E-Mails und ein Brainstorming für ihren ersten Einhorn-Coaching-Weihnachtsmarkt. Eine gute Planung ist wichtig, denn Tina, die auch Mama einer zweijährigen Tochter ist, und Sophie besitzen nicht nur sechs Pferde, die gepachtete Wiese und das Start-up Einhorn-Coaching, bei dem sie Weiterbildungen und Persönlichkeitsentwicklung für Einzelpersonen und Teams anbieten (manche davon mit tierischer Unterstützung). Nein, sie arbeiten auch beide zu 80 Prozent bei OTTO. Üblicherweise aus dem mobilen Office in Moorburg, keine 500 Meter von ihren Pferden entfernt. Heute allerdings ist so ein Tag, an dem beide Welten zusammentreffen: der OTTO-Campus in Bramfeld und die Pferdewiese in Moorburg. Dass beide Stationen an einem Tag angesteuert werden, passiert nicht oft. Denn allein die knappe Stunde Autofahrt vom Land in die Stadt und wieder zurück nutzen die beiden üblicherweise effektiver.

Sophie (links) und Tina (rechts) besprechen den Tag bei einem gemeinsamen Kaffee

Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel und aus diesem Grund machen sich Tina und Sophie nach ihrem Besuch auf der Wiese und einem Zwischenstopp zu Hause gemeinsam in Sophies Lada auf dem Weg zu OTTO. Und auch, wenn der grüne Geländewagen noch an das Landleben erinnert, sind die zwei Frauen kaum wiederzuerkennen: raus aus den Pferdeklamotten, rein in den Stadt-Look.

Die Vereinbarkeit von Festanstellung und Selbstständigkeit

Die Frage, wie sich Festanstellung und Selbstständigkeit vereinbaren lassen, hören die beiden nicht selten. „Der Trick ist, einfach alles clever miteinander zu verbinden. Beispielsweise in der Mittagspause mit dem Hund spazieren gehen und dabei über neue Ideen sprechen oder bei einem Ausritt am Nachmittag den Ablauf des nächsten Coachings durchgehen“, sagt Tina. Und da wundert es auch nicht, dass auf dem Weg zum Campus noch schnell eine Instagram Story für den Account @einhorn_coaching aufgenommen wird. Hier geben die zwei fast täglich Einblicke in ihrem Alltag – und das authentisch und stets mit einem derben Spruch auf den Lippen.

Auf dem Weg zum Campus nehmen Sophie und Tina noch schnell eine Instagram Story für Einhorn-Coaching auf

Der Weg in die Selbstständigkeit

2019 entschieden sich die zwei dazu, Einhorn-Coaching zu gründen. Der Weg in die Selbstständigkeit war kurz, aber nicht immer einfach. Ganz nach dem Motto „Test & Learn“ und mit ihrem agilen Mindset von OTTO im Hinterkopf, zogen sie eine Homepage hoch, machten Fotos, bauten nicht nur die Social-Media-Kanäle, sondern auch einen Kund*innenstamm auf. Alles Schritt für Schritt und ohne finanzielle Unterstützung, sodass sie in dieser Zeit oft auch mal zurückstecken mussten. Tina arbeitet zu diesem Zeitpunkt schon zu 80 Prozent bei OTTO, schreibt neben diesem Beruf noch journalistische Texte. Sophie hingegen steigt 2019 bei OTTO ein, hatte da bereits Einhorn-Coaching gegründet. Eine 80-Prozent-Stelle ist für sie zu diesem Zeitpunkt also Voraussetzung. Nachdem die Gründung offiziell von OTTO als Arbeitgeber genehmigt wird, lassen die zwei Frauen es sich nicht nehmen, Dr. Michael Otto höchstpersönlich ihre Business-Idee vorzustellen, den sie als Reiter natürlich schnell von dem Konzept begeistern konnten.

Der Tag bei OTTO startet

Zehn Uhr, Ankunft in Bramfeld. Den Laptop unter dem Arm geklemmt, die Tasche in der Hand und das zusammengerollte Flipchartpapier noch irgendwo dazwischen: Auf dem Parkplatz von OTTO trennen sich erst einmal die Wege der zwei Gründerinnen.

Auf dem Campus trennen sich erstmal die Wege

Während die studierte Kommunikationsdesignerin Sophie in die OTTO-IT unterwegs ist, um dort ihre Digitalisierungsprojekte voranzutreiben, geht es für Journalistin Tina in den Bereich Strategy & Brand, wo sie als Texterin tätig ist. Klingt erst einmal nicht mehr danach, als würden hier die Welten OTTO und Einhorn-Coaching noch groß verschwimmen. Doch weit gefehlt: Synergieeffekte gibt es durchaus. Durch ihre verschiedenen Aus- und Weiterbildungen, unter anderem zu agilen Coaches, kann Sophie beispielsweise ab sofort die Rolle des Team-Coaches übernehmen und durch internes Coaching das Wir-Gefühl in ihrem OTTO-Team stärken. Und auch Tina kann ihr Coaching-Know-How regelmäßig bei OTTO-Workshops einfließen lassen, beispielsweise in der Arbeitsgruppe „Gendergerechte Sprache“.

Fragt man die beiden, welches Gefühl sie mit OTTO verbinden, zögern sie nicht lange: „Für mich ist es ein heimeliges und warmes Gefühl. Ich mag den Kontrast zum Land und dieses Campus-Feeling“, sagt Tina.

Auch wenn die Arbeitsbereiche der beiden bei OTTO klar getrennt sind, sie sogar in verschiedenen Gebäuden arbeiten, gibt es trotzdem zwischendurch auch Zeit für gemeinsame Gespräche auf dem Campus. In der Mittagspause oder bei einem gemeinsamen Kaffee auf dem Boulevard. Wer jetzt glaubt, die Freundschaft der beiden sei bei OTTO gestartet, liegt falsch. Alles begann 2015 mit einer gemeinsamen Reitbeteiligung an Tinas Pferd Franela. Schnell entstand eine enge Freundschaft, ebenso die Idee, ihr eigenes „Pferde-Ding“ zu machen. Mit der eigenen unabhängigen Pferdewiese und weiteren Pferden im Repertoire wurde den zweien schnell klar, dass da noch mehr Potenzial schlummert. Und so entschlossen sie sich bei einem Bier dazu, sich mit pferdegestütztem Coaching selbstständig zu machen.


Zurück aufs Land

16 Uhr, zurück an der Wiese von Einhorn-Coaching. Von den Büro-Outfits ist mittlerweile nichts mehr zu sehen, stattdessen schlüpfen die zwei wieder in ihre Gummistiefel und erklären dabei das Prinzip von Einhorn-Coaching. „Bei Pferden gibt es oft ähnliche Konstellationen wie in menschlichen Teams. Da haben wir beispielsweise das Alpha-Tier, das die Rolle des Führenden in der Herde einnimmt oder auch Beta, die rechte Hand von Alpha. Das Wunderbare daran ist, dass man eben diese Rollen perfekt auf die verschiedenen Rollen in einem menschlichen Team übertragen kann. Denn jede Position hat dort ihre Berechtigung. Durch die Pferde kann gelernt werden, wie man im Team funktioniert, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt und wie man Aufgaben gemeinsam löst“, sagt Sophie. Was Einhorn-Coaching von anderen pferdegestützten Coachings abhebt, ist, dass das Pferd hier nur ein methodisches Mittel von vielen ist und nicht der Mittelpunkt des Coachings.

Während Tina das Pferd Franela mit Haarkreide in ein „Einhorn" verwandelt, erklärt sie die Namensgebung des Start-ups: „Mit dem Namen Einhorn-Coaching wollen wir uns klar von dem Pferdethema abgrenzen, wollen modern, aber eben auch ein bisschen trashig sein – das spiegelt der Name gut wider.“ Während die beiden mit dem Namen ursprünglich hippe Werbeagenturen ansprechen wollten, gehören zu ihrem Kund*innenstamm mittlerweile Konzerne wie Beiersdorf und Bertelsmann. Neben den Teams können aber auch Privatpersonen bei Tina und Sophie geschult werden, ebenso wie Veranstaltungen ausgerichtet werden. Somit ist die Wiese mit Partys, Konzerten und Punschtrinken im Winter ein beliebter Treffpunkt für kleine und große Dorfbewohner*innen geworden.

Mit dem Namen Einhorn-Coaching wollen wir uns klar von dem Pferdethema abgrenzen, wollen modern, aber eben auch ein bisschen trashig sein – das spiegelt der Name gut wider.

Tina Rüschhoff - Texterin bei OTTO

Bevor sich in Moorburg der Tag dem Ende neigt, bereiten sich Tina und Sophie noch auf ein Coaching am kommenden Wochenende vor. Neben der ausgiebigen strategischen Planung wird auch die Location auf Vordermann gebracht: Dekoration, Verpflegung, Coaching-Equipment – bei Einhorn-Coaching gibt es eben das All-inclusive-Paket.

Wir machen keinen Unterschied zwischen Beruf- und Privatleben – wir bringen alles miteinander in Einklang und sorgen dafür, dass es uns damit gut geht.

Tina Rüschhoff und Sophie Rönnau

Fragt man die beiden, wie sie den Spagat zwischen Selbstständigkeit und Konzernjob schaffen, so lautet die Antwort, dass es kein Spagat sei, es sich jedenfalls nicht nach einem anfühle. „Wir machen keinen Unterschied zwischen Beruf- und Privatleben – wir bringen alles miteinander in Einklang und sorgen dafür, dass es uns damit gut geht“, so Tina und Sophie. Erschöpft, aber happy geht für die beiden so ein sonniger Herbsttag im Oktober in Moorburg, einem kleinen Ort südlich der Elbe, zu Ende.

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