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„Ich sehe meine Hörminderung nicht als Schwäche, sondern als Stärke“
Kultur

„Ich sehe meine Hörminderung nicht als Schwäche, sondern als Stärke“

Heute, am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, stellen wir euch Pius vor

03.12.2021 Autorin Linda Gondorf Lesedauer: 6 Minuten
Pius Andreas Berger-Kirsten arbeitet im OTTO-Relation-Center in Dresden und hat eine Behinderung. Er ist schwerhörig, liest wegen seiner Hörminderung oft von den Lippen ab, nimmt Gestik und Mimik deutlicher wahr. Er erzählt im Gespräch, vor welchen Herausforderungen Menschen mit Behinderungen stehen und warum die Gesellschaft einen Perspektivwechsel vornehmen muss

Moin Pius, du bist schwerhörig, auf der Straße ansehen kann man dir das nicht. Macht es das für dich manchmal schwieriger?

Dadurch, dass meine Behinderung mich schon mein ganzes Leben begleitet, weiß ich nicht, wie es ist, nicht behindert zu sein. Ich habe keinen Vergleich und ich kenne es sozusagen nicht anders. Ich habe mich, ganz vorsichtig ausgedrückt, unbewusst angepasst. Ich lese viel von den Lippen, von der Gestik und von der Mimik ab. Es ist eine wunderbare Ergänzung und es macht mir sehr viel Spaß, diese Art von Sprachen zu nutzen. Doch außerdem bin ich oft darauf angewiesen, diese Vorteile zu nutzen. Ein klassisches Beispiel sind gesellschaftliche Feierlichkeiten. Wenn sich zum Beispiel 20 Leute in einem Raum unterhalten, kann ich oft keine Gespräche verfolgen, denn mein Gehör ist nicht in der Lage, zu sortieren und herauszuhören. Dies nennt sich Cocktailparty-Effekt. Ich habe kein Richtungshören. Ich drehe mich manchmal im Kreis, um herauszufinden, woher ein Signal oder das Gesprochene kommen. Ich rate den Leuten immer, bei uns Betroffenen auf sich aufmerksam zu machen, indem sie unseren Namen sagen oder uns kurz auf die Schulter tippen. Bitte niemals von hinten ansprechen, denn dies kommt oft nicht bei uns an.

Zurzeit ist das Lippenlesen aber dann schwierig mit Maske, oder?

Ja, ich bin auf Lippenablesen angewiesen. Die Maskenpflicht behindert mich in meinem Alltag und im Berufsleben. Hier muss ich mich manchmal überwinden und mutig sein, meine*n Gesprächspartner*in drüber zu informieren, dass ich eine Hörminderung haben. Oft bitte ich darum, etwas deutlicher, aber nicht lauter zu sprechen. Die Menschen sind oft so lieb und nehmen kurz beim Sprechen die Maske runter und setzten sie dann sofort wieder auf. Das schätze ich sehr. Und ja, manchmal fehlt mir der Mut, zu meiner Behinderung zu stehen, da es leider oft noch einige Vorurteile gibt.

Pius Andreas Berger-Kirsten telefoniert viel mit Kund*innen Bei OTTO habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt, weil ich es auch satthabe, mich zu verstecken. Das Bewerbungsverfahren bei OTTO war spitze

Pius Andreas Berger-Kirsten telefoniert viel mit Kund*innen

Sind Menschen mit Handicap in Deutschland immer noch zu wenig sichtbar?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich diese Frage nicht mit einen klaren 'Ja' oder 'Nein' beantworten kann. Denn es gibt meiner Meinung nach einen Unterschied zwischen sichtbarer Behinderung und nicht-sichtbarer Behinderung. Körperliche Behinderungen können sowohl sichtbar als auch nicht sichtbar sein. Wenn es um die körperliche Behinderung geht, stellen sich wahrscheinlich die meisten Menschen eine Person im Rollstuhl vor. Meine Hörminderung ist ein gutes Beispiel für eine nicht-sichtbare, dennoch körperliche Behinderung. Wenn es um eine psychische Behinderung geht, dann stellen sich die meisten Menschen wohl auch eine Person mit psychischen Einschränkungen vor. Viele Menschen wissen leider nicht, dass auch eine Depression eine Behinderung ist.

Verbesserungsbedarf gibt es auf jeden Fall. Ich persönlich würde den Fokus nicht auf die Sichtbarkeit legen, sondern auf die Hindernisse. Hier ein klassisches Beispiel: Eine Rollstuhlfahrerin geht mit ihren Freundinnen feiern und sie möchten in einen Club. Den Club kann man nur durch eine Treppe betreten. Hier ist nicht der Rollstuhl die Behinderung, sondern die Treppe. Ich möchte damit unter anderem auch zeigen, dass die Gesellschaft einen Perspektivwechsel benötigt.

Welche Herausforderungen bringt die Arbeitswelt für Menschen mit Behinderung mit sich?

Hier ist tatsächlich Ableismus die größte Herausforderung. Ableismus bedeutet, dass man davon ausgeht, dass Menschen mit Behinderungen gewisse Leistungen nicht vollbringen können oder gewisse Dinge nicht von allein erledigen können. Das ist in meinen Augen noch ein sehr großes Problem im Berufsleben, aber auch in der Gesellschaft. Ein Mensch mit Behinderung kann mit modernen Hilfsmitteln die gleiche Leistung vollbringen, wie ein Mensch ohne Behinderung. In manchen Fällen sogar besser.

Ich habe ein spezielles Hörgerät, das ich ausschließlich für die Arbeit nutze. Dieses ist in der Lage, sich mit Hilfe einer T-Spule mit Kopfhörern und Telefonen zu koppeln

Wie ergeht es dir bei OTTO?

Ich persönlich hatte bei jedem Unternehmen Erfahrungen mit Ableismus. Bei OTTO habe ich auch mal eine Situation erlebt, wo ich auf gewisse Vorurteile gestoßen bin. Das möchte ich nicht abstreiten. Dennoch möchte ich dazu auch sagen, dass diese Vorurteile in einem persönlichen Gespräch beseitigt wurden. Es hat mich sehr berührt, dass man auf mich zugekommen ist, um offene Fragen zu klären. Das ist ein klares Zeichen für Wertschätzung und ein deutliches Symbol für Inklusion.

Welches Hilfsmittel nutzt du bei deiner täglichen Arbeit?

Ich nutze ein modernes Hilfsmittel: Ich habe ein spezielles Hörgerät, das ich ausschließlich nur für die Arbeit nutze. Dieses Hörgerät ist in der Lage, sich mit Hilfe einer T-Spule mit Kopfhörern und Telefonen zu koppeln. Störgeräusche werden ausgeblendet und das Gesprochene wird direkt ins Hörgerät übertragen. Hier habe ich auch einen großartigen Vorteil, denn ich kann in Ruhe meine Arbeit erledigen, ohne von Nebengeräuschen abgelenkt zu werden. Das ist doch cool.

Wie müssen Unternehmen hier unterstützen? Was läuft heute schon gut, was geht besser?

Ich bin der Meinung, dass Unternehmen sich mehr über die Vielfalt von Behinderungen informieren und sich besser ausstatten sollten. Wäre es nicht viel schöner, wenn ein Unternehmen zu Bewerber*innen, die Behinderungen haben, sagen kann: „Die Hindernisse sind längst beseitigt. Wir sind hierzu sehr gut ausgestattet.“ Klar, es ist mit Kosten und Investitionen verbunden, es würde dennoch den Bewerber*innen ein klares und starkes Zeichen für Inklusion, Wertschätzung und Toleranz vermitteln. Ich persönliche hatte eine positive Erfahrung, die ich bei OTTO erleben durfte und kann hier aber nur für mich und nicht für alle Kolleg*innen mit Behinderung sprechen: Ich persönlich bin über die Jahre sehr skeptisch und vorsichtig geworden, wenn es darum ging, mich bei einem Unternehmen zu bewerben und habe oft meine Behinderung verschwiegen. Bei OTTO habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt, weil ich es auch satthabe, mich zu verstecken. Das Bewerbungsverfahren bei OTTO war spitze. Vor meinem visuellen Vorstellungsgespräch hat sich jemand aus der Schwerbehindertenvertretung persönlich bei mir gemeldet. Es wurde nicht gefragt, was ich für eine Behinderung habe, sondern was ich benötige, um optimal arbeiten zu können. So war es auch im Vorstellungsgespräch. Das ist großartig. Solch eine Erfahrung habe ich noch nie bei einem Bewerbungsverfahren erleben dürfen. Mir wurde gezeigt, dass ich willkommen bin, egal wer ich bin. Das spüre ich auch hier im Kollegium. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und bin angekommen.

Was rätst du Betroffenen?

Mutig sein, zu seiner*ihrer Behinderung stehen und die Behinderung nicht als Schwäche, sondern als Stärke oder als individuelles Merkmal betrachten. Menschen mit Behinderungen haben meiner Meinung nach einzigartige Fähigkeiten und Vorteile, die nicht-behinderte Menschen nicht haben. Diese Erkenntnis hat meine Persönlichkeit gestärkt und ich sehe die Welt mit ganz anderen Augen.

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