Zum Hauptinhalt springen
Menü öffnen/ schließen
DE EN

Dieser Inhalt ist in der gewünschten Sprache nicht verfügbar

„Die Sternchen* nerven“: So bedeutend ist gendergerechte Sprache
Kultur

„Die Sternchen* nerven“: So bedeutend ist gendergerechte Sprache

Wie wichtig ist es gendergerecht zu sprechen und zu schreiben? Wir bei OTTO haben uns vorgenommen, unsere Sprache zu verändern. Die Expert*innen von Fairlanguage geben uns im Interview einen Einblick, wie bedeutend das Thema ist

12.09.2019 Autorin Linda Gondorf Lesedauer: 5 Minuten 5 Kommentare
OTTO setzt sich für gleichberechtigte Sprache für Männer, Frauen und alle weiteren Geschlechter ein. Das Unternehmen „Fairlanguage“ bietet dazu Hilfestellungen an. Michael Martens ist Co-Founder bei Fairlanguage und Agnes Fetthauer ist New Business Managerin. Beide sprechen mit uns im Interview über die Anfangszeit, Kritiker*innen, Vorbilder und warum gendergerechte Sprache in den täglichen Gebrauch gehört

Moin Michael, hallo Agnes. Wie kamt ihr persönlich dazu, euch mit fairer Sprache auseinander zu setzen?

AGNES FETTHAUER: Ich habe in Hamburg Politikwissenschaften studiert, und in dem dortigen universitären Umfeld stellte sich nie die Frage, ob in der geschriebenen Sprache gegendert wird, denn das war immer der Standard. In der gesprochenen Sprache, in der nur selten gegendert wurde, sah das jedoch anders aus.

MICHAEL MARTENS: 2017 hatte ich die initiale Idee zu Fairlanguage und habe Tizia, einer langjährigen Freund*in, davon erzählt – im März 2018 sind wir dann zusammen gestartet. Über die Community Women Tech Makers lernten wir zwei Leute kennen und mit der Zeit kamen weitere neue und alte Kontakte hinzu.

AGNES: Meine persönliche Auseinandersetzung mit fairer gesprochener Sprache dauert bei mir noch an. Ich achte sehr darauf im professionellen Fokus gendergerecht zu sprechen, auch im privaten Kontext rede ich so, erwische mich aber dabei, es auch mal zu vergessen, ich stolpere dabei immer mal wieder.

Das ist wohl ganz normal zu stolpern. Habt ihr euch als Team schnell daran gewöhnt nicht nur fair zu schreiben, sondern auch fair zu sprechen?

AGNES: Im Team gibt es Unterschiede, manchen fällt es leichter, manchen weniger leicht. Die geschriebene Sprache fällt den wenigsten schwer, aber manchmal gibts es auch Wörter, bei denen wir zweimal überlegen müssen, wie sie am besten klingen und innerhalb des Satzes noch gut gelesen werden können. Zum Beispiel „Arzt-Termin“ oder „HNO-Arzt“: Damit sprechen wir nur Männer an, obwohl das einfach nicht richtig ist.

Warum ist das Thema gerade heutzutage so wichtig?

MICHAEL: Mit gendergerechter Sprache positionieren sich Unternehmen gegen Diskriminierung und für Vielfalt. Unternehmen schaffen damit inklusive Arbeitsumgebungen. Aber nur wenn sie es ernst meinen und nicht nur einmal im Jahr beim CSD Flagge zeigen. Unternehmen praktizieren weniger Diskriminierung im Alltag, nicht zuletzt durch eine sensiblere Sprachverwendung. Mittelfristig zahlt sich das auch finanziell aus.

AGNES: Studien zeigen, dass Unternehmen, die divers aufgestellt sind, produktiver und innovativer arbeiten und höhere Umsätze erzielen. Neben der angesprochenen besseren Performance und der Frage, wie Menschen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ in Stellenanzeigen berücksichtigt werden können, können es sich Unternehmen schlicht nicht mehr leisten, auf wertvolle Talente zu verzichten. Der Fachkräftemangel schwebt wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft, insbesondere im Handwerk und im Technologie-Bereich, aber auch in der öffentlichen Verwaltung. Sprechen Stellenanzeigen nur Männer an, dann laufen die Unternehmen Gefahr, dass hochqualifizierte Frauen und andere Geschlechter sich gar nicht erst bei ihnen bewerben.

Michael Martens ist Geschäftsführer von fairlanguage Unsere Erfahrung in diesen Kontexten zeigt, dass das Wissen um gendergerechte Sprache erst aufgebaut werden muss

Michael Martens ist Geschäftsführer von fairlanguage

Warum hat es so lange gedauert, bis es hier in Deutschland endlich präsenter wird?

MICHAEL: Sprachliche Veränderungsprozesse sind nie Hauruck-Aktionen, denn Sprache entwickelt sich nur langsam. Da ist immer Geduld gefragt. Auch hat Sprache und Sichtbarkeit in der Sprache etwas mit Machtverhältnissen zu tun. Menschen, die Macht abgeben sollen, sind da erfahrungsgemäß eher zögerlich. In anderen Ländern ist die Diskussion schon weiter, wovon wir für den deutschsprachigen Kontext profitieren können.

Wie kam es zu eurer Idee Workshops zu geben?

AGNES: Workshops bieten im Gegensatz zu Leitfäden und Schreibregeln die Möglichkeit der Sensibilisierung und Wissensvermittlung. Wenn wir Workshops in Verwaltungen oder Unternehmen geben, dann sind wir häufig mit stereotypen und teils skurrilen Annahmen konfrontiert.

MICHAEL: Unsere Erfahrung in diesen Kontexten zeigt, dass das Wissen um gendergerechte Sprache erst aufgebaut werden muss. Beispielsweise verändern Schreibregeln die Haltung zu der Thematik in einem Arbeitsteam nicht so ohne Weiteres. Hierbei arbeiten wir nicht autoritär, sondern bemühen uns alle Teilnehmenden bei ihrem individuellen Wissensstand abzuholen.

Eines der häufigsten Kritiken an gendergerechter Sprache ist, dass die Sternchen den Lesefluss beinträchtigen. Stimmt das?

MICHAEL: Es ist ein gängiger Vorwurf, dass sich die Lesbarkeit von Texten mit neuen und ungewohnten Schreibweisen verschlechtern würde. Jedoch haben eine Vielzahl von Studien die Verständlichkeit von verschiedenen Schreibweisen getestet und dabei herausgearbeitet, dass sowohl die Binnen-I-Form als auch die Neutralisierung und die Schrägstrich-Variante keine signifikanten Unterschiede im Verständnis und der Erinnerungsfähigkeit hervorrufen. In einem Experiment mit Studierenden wurde herausgefunden, dass viele weitere sprachliche Faktoren bei der Eingängigkeit eines Textes einen größeren Unterschied machen als die verwendete geschlechtliche Sprachform, die keinen signifikanten Unterschied machte. Eine Studie von Steiger & Irmer zeigt deutlich, dass die beste Lesbarkeit und die größte Verständlichkeit durch die neutralisierende Form erreicht wird.

Mir ist es wichtig, dass Unternehmen gendergerechte Sprache einfach mal ausprobieren

Michael Martens

Welche Unternehmen haben gendergerechte Sprache schon verinnerlicht?

AGNES: Bisher arbeiten wir sowohl mit größeren Unternehmen als auch mit dem öffentlichen Sektor, wie Städten, zusammen. So begleiten und beraten wir derzeit die Landeshauptstadt Kiel auf ihrem Weg zu einem gendergerechten Sprachgebrauch.
Die TÜV NORD GROUP haben wir umfassend beraten und alle Texte der Karriere- Website auf ihre sprachliche Wirkung analysiert und überarbeitet mit dem Ziel, einerseits Frauen zu begeistern und andererseits – vor dem Hintergrund der eingeführten Dritten Option – gendergerecht zu schreiben. Aktuell werden die Projektergebnisse durch die TÜV NORD GROUP umgesetzt.

Vor welchen Herausforderungen steht ihr als Wegbereiter dieser „Bewegung“?

MICHAEL: Wir wollen zusammen mit Unternehmen eine Haltung zu sprachsensiblen Sprachgebrauch entwickeln. Es gibt Organisationen, für die sind Change-Prozesse sehr normal, für andere wiederum nicht – da arbeitet man gegen das ganze Mindset an und gegen alte Muster. Unternehmen, die in Sachen Digitalisierung schon sehr weit sind, tun sich auch mit so einem Thema leichter. Ich brauche Offenheit, Flexibilität und muss Veränderungen zulassen. Unternehmen, die das mitbringen, mit denen arbeitet es sich einfacher. Spannender ist es natürlich, wenn wir Widerstände auflösen können und für mehr Klarheit sorgen. Mir ist es wichtig, dass Unternehmen gendergerechte Sprache einfach mal ausprobieren und sich in den Prozess begeben, und nicht versuchen, perfekt zu sein. Erst durchs „Machen“ verinnerlichen wir die Sprache und lernen, was funktioniert und was nicht.

Tags in diesem Artikel:

Diskutiere jetzt mit ...

Es ist ein Fehler aufgetreten ...

Ihr Beitrag
  • HW

    31.05.2021

    Ich lösche mein Otto Konto. Ich unterstütze diesen Gender-Gaga nicht.

    Antworten Antworten
    Ihr Beitrag
  • Bea R.

    10.05.2021

    Ich kann mich den anderen Kommentaren hier nur anschließen. Als Deutschlehrerin zwickt es mich manchmal beim Lesen einiger Gender-Artikel im Netz. Leider finde ich auch, dass Otto hier an manchen Stellen übertreibt, z.B. bei Wortschöpfungen wie "Kund*in-Nummer" oder "Kund*innenkarte" (Otto UP). Mir ist es immer etwas peinlich, wenn weibliche Endungen so exponiert mit einem Stern hinten angestellt werden. Das sieht einfach albern aus und ich persönlich brauche das nicht. Wenn ich von "meinen Schülern" spreche, sehe ich vor meinem geistigen Auge Jungen und Mädchen unterschiedlicher Religionen und Ethnien. Und zu dem Arzt-Beispiel im obigen Text: Ich kann doch sagen, dass ich zum Zahnarzt oder zur Frauenärztin gehe. Bei konkreten Personen kann man im Einzelfall das Geschlecht ja eindeutig benennen. Na ja, Otto wird wissen, was damit bezweckt werden soll. Aber ich möchte auch erwähnen, dass mir andere Bemühungen - wie nachhaltige Verpackungen - sehr gut gefallen!

    Antworten Antworten
    Ihr Beitrag
  • Dennis Köster

    03.05.2021

    Das ist eine absolut unnötige Sprachverbiegung, die gesellschaftlich nicht akzeptiert ist und nur von gewissen ideologisch geprägten Menschen vorangetrieben wird. Schade, dass manche Firmen meinen, sie müßten da mitmachen, wohl aus Angst, dass sie sonst weniger einnehmen. Traurig. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

    Antworten Antworten
    Ihr Beitrag
  • Karsten Meyer

    26.04.2021

    Auch wenn ich als Mann per se Befangenheit unterstellt bekomme, halte ich die Diskussion um gendergerechte Sprache für sehr problematisch. Sie ist kein Ausdruck des Sprachwandels, sondern ein auf mehreren zweifelhaften Grundannahmen und gründlicher Unkenntnis der deutschen Sprache basierender Versuch, gegen den Willen des größten Teils unserer Bevölkerung eine Sexualisierung sämtlicher Lebensbereiche zu forcieren. Sprache ist ein Kulturgut, und deren Sprecher und Sprecherinnen durch Vorschriften zur Verwendung bzw. Vermeidung von Wörtern zu zwingen, zutiefst undemokratisch und rechtlich zumindest fragwürdig. Zur Freiheit der Meinungsäußerung zählt auch die Freiheit der Wortwahl. Wenn nun aber Diskriminierungen an Universitäten wegen der angeblich nicht "gendergerechten" Verfassung von wissenschaftlichen Arbeiten stattfinden, indem diese schlechter bewertet werden, ist das ebenso ungerecht. Die angebliche Benachteiligung von Frauen ist nun gerade in Deutschland nicht das vordringlichste Problem. In diesem Zusammenhang empfinde ich es auch anmaßend, dass mehr und mehr Internetauftritte zum Duzen übergegangen sind. Was auch immer in den Redaktionsstuben und Medienagenturen geraucht wird, es gibt auch eine soziale Realität und Mitmenschen außerhalb von Twitter und Instagram, für die Sprache noch einen gewissen kulturellen Stellenwert hat und denen diese Genderabsurdidäten inzwischen langsam auf die Nerven gehen. Sie sind nichts mehr, als eine Sprachverhunzung. Sie haben bisher zwar eher geschwiegen und schmunzelnd zugeschaut, wie sich die Medien im gegenseitigen Genderpirouettendrehen überbieten, aber der Widerstand wächst. Denen ist auch egal, wie viele likes es gibt.

    Antworten Antworten
    Ihr Beitrag
    • Manuel Boenke

      04.05.2021

      Bemühungen für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung jeglicher Art halte ich grundsätzlich für richtig und wichtig. Die hier bei Otto bis zum Exzess angewandte Sprachverhunzung (mit Sternchen in fast jedem Satz) ist hierbei jedoch wenig hilfreich, sondern karikiert eher solche Werte. Sprache ist seit Jahrhunderten einem ständigen Wandel unterworfen. Dieser führt jedoch immer zu einer Vereinfachung im Alltagsgebrauch. Aus diesem Grund haben sich in den letzten Jahren auch immer mehr handliche und kurze Anglizismen in die deutsche Sprache eingeschlichen und sperrige Begriffe abgelöst (z.B. liken, posten, adden, etc.). Man spricht ja auch vermehrt von "gendergerechter" und immer weniger von "geschlechtergerechter" Sprache. Wir wollen eine inklusive Gesellschaft sein und Deutsch sollte für Migranten und Grundschulkinder einen einfachen und verständlichen Zugang bieten. Neu*e, umständlich*e Sternchenkonstruktion*innen helfen da aus meiner Sicht niemandem weiter. Da wäre es sogar vorteilhafter, Artikel und Wortendungen ganz wegzulassen, um geschlechterneutral zu bleiben. Ich persönlich fand es schon anmaßend, dass Otto in den letzten Jahren die Kundenanrede vom "Sie" auf "Du" umgestellt hat. Für mein Empfinden sollte gerade in einer Geschäftsbeziehung ein höflicher und respektvoller Umgang gewahrt bleiben. Otto gehört ausdrücklich nicht zu meinem Familien- oder Bekanntenkreis. Mir wäre Otto auf jeden Fall sympathischer, wenn ich wieder in gewohnter Sprache (gemäß aktuell gültiger Rechtschreibregeln) angesprochen werden würde. Vielleicht sollte man über eine Sprachwahl in den Konto-Einstellungen nachdenken, um unterschiedlichen Kundenbedürfnissen hier gerechter zu werden (Stichwort: Altersdiskriminierung)?