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„Die Sternchen* nerven“: So bedeutend ist gendergerechte Sprache
Kultur

„Die Sternchen* nerven“: So bedeutend ist gendergerechte Sprache

Wie wichtig ist es gendergerecht zu sprechen und zu schreiben? Wir bei OTTO haben uns vorgenommen, unsere Sprache zu verändern. Die Expert*innen von Fairlanguage geben uns im Interview einen Einblick, wie bedeutend das Thema ist

Autorin Linda Gondorf Lesedauer: 5 Minuten
OTTO setzt sich für gleichberechtigte Sprache für Männer, Frauen und alle weiteren Geschlechter ein. Das Unternehmen „Fairlanguage“ bietet dazu Hilfestellungen an. Michael Martens ist Co-Founder bei Fairlanguage und Agnes Fetthauer ist New Business Managerin. Beide sprechen mit uns im Interview über die Anfangszeit, Kritiker*innen, Vorbilder und warum gendergerechte Sprache in den täglichen Gebrauch gehört

Moin Michael, hallo Agnes. Wie kamt ihr persönlich dazu, euch mit fairer Sprache auseinander zu setzen?

AGNES FETTHAUER: Ich habe in Hamburg Politikwissenschaften studiert, und in dem dortigen universitären Umfeld stellte sich nie die Frage, ob in der geschriebenen Sprache gegendert wird, denn das war immer der Standard. In der gesprochenen Sprache, in der nur selten gegendert wurde, sah das jedoch anders aus.

MICHAEL MARTENS: 2017 hatte ich die initiale Idee zu Fairlanguage und habe Tizia, einer langjährigen Freund*in, davon erzählt – im März 2018 sind wir dann zusammen gestartet. Über die Community Women Tech Makers lernten wir zwei Leute kennen und mit der Zeit kamen weitere neue und alte Kontakte hinzu.

AGNES: Meine persönliche Auseinandersetzung mit fairer gesprochener Sprache dauert bei mir noch an. Ich achte sehr darauf im professionellen Fokus gendergerecht zu sprechen, auch im privaten Kontext rede ich so, erwische mich aber dabei, es auch mal zu vergessen, ich stolpere dabei immer mal wieder.

Das ist wohl ganz normal zu stolpern. Habt ihr euch als Team schnell daran gewöhnt nicht nur fair zu schreiben, sondern auch fair zu sprechen?

AGNES: Im Team gibt es Unterschiede, manchen fällt es leichter, manchen weniger leicht. Die geschriebene Sprache fällt den wenigsten schwer, aber manchmal gibts es auch Wörter, bei denen wir zweimal überlegen müssen, wie sie am besten klingen und innerhalb des Satzes noch gut gelesen werden können. Zum Beispiel „Arzt-Termin“ oder „HNO-Arzt“: Damit sprechen wir nur Männer an, obwohl das einfach nicht richtig ist.

Warum ist das Thema gerade heutzutage so wichtig?

MICHAEL: Mit gendergerechter Sprache positionieren sich Unternehmen gegen Diskriminierung und für Vielfalt. Unternehmen schaffen damit inklusive Arbeitsumgebungen. Aber nur wenn sie es ernst meinen und nicht nur einmal im Jahr beim CSD Flagge zeigen. Unternehmen praktizieren weniger Diskriminierung im Alltag, nicht zuletzt durch eine sensiblere Sprachverwendung. Mittelfristig zahlt sich das auch finanziell aus.

AGNES: Studien zeigen, dass Unternehmen, die divers aufgestellt sind, produktiver und innovativer arbeiten und höhere Umsätze erzielen. Neben der angesprochenen besseren Performance und der Frage, wie Menschen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ in Stellenanzeigen berücksichtigt werden können, können es sich Unternehmen schlicht nicht mehr leisten, auf wertvolle Talente zu verzichten. Der Fachkräftemangel schwebt wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft, insbesondere im Handwerk und im Technologie-Bereich, aber auch in der öffentlichen Verwaltung. Sprechen Stellenanzeigen nur Männer an, dann laufen die Unternehmen Gefahr, dass hochqualifizierte Frauen und andere Geschlechter sich gar nicht erst bei ihnen bewerben.

Michael Martens ist Geschäftsführer von fairlanguage Unsere Erfahrung in diesen Kontexten zeigt, dass das Wissen um gendergerechte Sprache erst aufgebaut werden muss

Michael Martens ist Geschäftsführer von fairlanguage

Warum hat es so lange gedauert, bis es hier in Deutschland endlich präsenter wird?

MICHAEL: Sprachliche Veränderungsprozesse sind nie Hauruck-Aktionen, denn Sprache entwickelt sich nur langsam. Da ist immer Geduld gefragt. Auch hat Sprache und Sichtbarkeit in der Sprache etwas mit Machtverhältnissen zu tun. Menschen, die Macht abgeben sollen, sind da erfahrungsgemäß eher zögerlich. In anderen Ländern ist die Diskussion schon weiter, wovon wir für den deutschsprachigen Kontext profitieren können.

Wie kam es zu eurer Idee Workshops zu geben?

AGNES: Workshops bieten im Gegensatz zu Leitfäden und Schreibregeln die Möglichkeit der Sensibilisierung und Wissensvermittlung. Wenn wir Workshops in Verwaltungen oder Unternehmen geben, dann sind wir häufig mit stereotypen und teils skurrilen Annahmen konfrontiert.

MICHAEL: Unsere Erfahrung in diesen Kontexten zeigt, dass das Wissen um gendergerechte Sprache erst aufgebaut werden muss. Beispielsweise verändern Schreibregeln die Haltung zu der Thematik in einem Arbeitsteam nicht so ohne Weiteres. Hierbei arbeiten wir nicht autoritär, sondern bemühen uns alle Teilnehmenden bei ihrem individuellen Wissensstand abzuholen.

Eines der häufigsten Kritiken an gendergerechter Sprache ist, dass die Sternchen den Lesefluss beinträchtigen. Stimmt das?

MICHAEL: Es ist ein gängiger Vorwurf, dass sich die Lesbarkeit von Texten mit neuen und ungewohnten Schreibweisen verschlechtern würde. Jedoch haben eine Vielzahl von Studien die Verständlichkeit von verschiedenen Schreibweisen getestet und dabei herausgearbeitet, dass sowohl die Binnen-I-Form als auch die Neutralisierung und die Schrägstrich-Variante keine signifikanten Unterschiede im Verständnis und der Erinnerungsfähigkeit hervorrufen. In einem Experiment mit Studierenden wurde herausgefunden, dass viele weitere sprachliche Faktoren bei der Eingängigkeit eines Textes einen größeren Unterschied machen als die verwendete geschlechtliche Sprachform, die keinen signifikanten Unterschied machte. Eine Studie von Steiger & Irmer zeigt deutlich, dass die beste Lesbarkeit und die größte Verständlichkeit durch die neutralisierende Form erreicht wird.

Mir ist es wichtig, dass Unternehmen gendergerechte Sprache einfach mal ausprobieren

Michael Martens

Welche Unternehmen haben gendergerechte Sprache schon verinnerlicht?

AGNES: Bisher arbeiten wir sowohl mit größeren Unternehmen als auch mit dem öffentlichen Sektor, wie Städten, zusammen. So begleiten und beraten wir derzeit die Landeshauptstadt Kiel auf ihrem Weg zu einem gendergerechten Sprachgebrauch.
Die TÜV NORD GROUP haben wir umfassend beraten und alle Texte der Karriere- Website auf ihre sprachliche Wirkung analysiert und überarbeitet mit dem Ziel, einerseits Frauen zu begeistern und andererseits – vor dem Hintergrund der eingeführten Dritten Option – gendergerecht zu schreiben. Aktuell werden die Projektergebnisse durch die TÜV NORD GROUP umgesetzt.

Vor welchen Herausforderungen steht ihr als Wegbereiter dieser „Bewegung“?

MICHAEL: Wir wollen zusammen mit Unternehmen eine Haltung zu sprachsensiblen Sprachgebrauch entwickeln. Es gibt Organisationen, für die sind Change-Prozesse sehr normal, für andere wiederum nicht – da arbeitet man gegen das ganze Mindset an und gegen alte Muster. Unternehmen, die in Sachen Digitalisierung schon sehr weit sind, tun sich auch mit so einem Thema leichter. Ich brauche Offenheit, Flexibilität und muss Veränderungen zulassen. Unternehmen, die das mitbringen, mit denen arbeitet es sich einfacher. Spannender ist es natürlich, wenn wir Widerstände auflösen können und für mehr Klarheit sorgen. Mir ist es wichtig, dass Unternehmen gendergerechte Sprache einfach mal ausprobieren und sich in den Prozess begeben, und nicht versuchen, perfekt zu sein. Erst durchs „Machen“ verinnerlichen wir die Sprache und lernen, was funktioniert und was nicht.

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