Der unbequeme Mann
Kultur

Der unbequeme Mann

Ein Interview mit Benjamin Köhler, Pro­jek­t­man­ag­er Cor­po­rate Respon­si­bil­i­ty, zum Thema Siegelflut, CSR und Mode

06.11.2019 Von Viktoria Rüpke Lesedauer: 6 Minuten
Benjamin Köhler kümmert sich um alles, was gerade in Politik, Gesellschaft und Unternehmen diskutiert wird: grüne Themen. Er ist Nach­haltigkeitsmanager und muss in seiner Rolle auch mal unbequem sein. Wir haben ihn gefragt, was er privat fürs Klima tut, wie OTTO nachhaltig wirtschaftet und wo noch Luft nach oben ist

Hallo Ben, würdest du sagen, du lebst nachhaltig?

BENJAMIN KÖHLER: Ich würde behaupten, dass ich durch meine Arbeit und auch durch meine dahinter liegende Motivation vermutlich deutlich bewusster mit dem Thema umgehe als viele andere. Von einem konsequent nachhaltigen Lebensstil bin aber auch ich noch weit entfernt, aber ich habe mich definitiv auf den Weg gemacht und versuche soweit es geht, nachhaltig sinnvolle Entscheidungen in meinem Leben zu treffen und meinen eigenen Fußabdruck und den meiner Familie im Blick zu behalten.

Man kann in so vielen Bereichen nachhaltig sein: Mode, Lebensmittel, Verkehr... was ist für dich wichtig?

Es wirklich konsequent zu meinen, bedeutet eben auch auf so viele Details zu achten. Ich habe mir klare Prioritäten gesetzt. Konkret sind das die angesprochenen Bereiche. Bei unserer Ernährung haben wir als Familie fast aufgehört Fleisch zu essen. Nicht zu 100 Prozent, aber im Einkaufswagen landet es vielleicht noch alle zwei Wochen, ohne dass wir etwas vermissen. Wir wohnen in einer gut isolierten Wohnung und haben sehr überschaubare Heizkosten, was einer der größten Hebel beim Thema CO2-Reduktion ist. Ein Auto habe ich, aber bewusst kein Elektroauto, weil mich das Konzept noch nicht überzeugt, sondern einen Gebrauchtwagen, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber dafür muss kein neues Auto für mich produziert werden. Das ist definitiv noch ausbaufähig, denn kein Auto ist sicherlich die beste Variante. Bei meiner Kleidung achte ich tatsächlich immer mehr auf die verwendeten Rohstoffe, wie nachhaltige Baumwolle, recycelte Materialien oder Langlebigkeit. Und ich stelle gerade in letzter Zeit fest, dass es auch sehr gut tut weniger im Kleiderschrank zu haben. Das schafft Vereinfachung und regelmäßiges Ausmisten fühlt sich für mich sehr gut an.

Was hast du gelernt und wie kamst du in diesen Bereich?

Ich bin Ende 30 und als ich studiert habe, waren Studiengänge mit CSR oder Nachhaltigkeit im Titel noch nicht existent. Ich habe Ökonomie studiert und schnell festgestellt, dass mich Nachhaltigkeitsthemen aus einer persönlichen Motivation heraus stark interessieren. Was ich heute mache und weiß ist nicht auf der Uni gelernt, sondern Learning by Doing.

Wie würdest du Corporate Social Responsibility definieren?

Unternehmerische Sozialverantwortung ist wohl die direkte Übersetzung. Den Begriff mag ich nicht besonders. Das „Social“ finde ich zu verkürzt. Es geht auch um soziale Themen, aber eben nicht nur. Ich bin eher ein Fan von CR, Corporate Responsibility auf Deutsch „Unternehmensverantwortung“. Das lässt es offener und trifft gleichzeitig eher den Kern.

Es gibt aber doch einen Unterschied zwischen CSR und Nachhaltigkeit, oder?

Darüber könnte man sicherlich ein Buch schreiben, was die genauen Unterschiede dieser beiden Begriffe ist. Ich will es mal versuchen. Beide beinhalten ein gemeinsames Ziel: Zukunftsfähigkeit schaffen! Der Begriff von CSR bezeichnet eher nachhaltige, wirtschaftliche Ziele von Unternehmen und Nachhaltigkeit das große Ganze.

Bei OTTO beschäftigt man sich schon ziemlich lange mit dem Thema. Wie sieht nachhaltiges Wirtschaften bei OTTO aus?

Wir haben uns bei OTTO früh Ziele gesetzt, um die wesentlichen Themen in unserem Wirtschaften zu adressieren. Das beinhaltet den Einsatz von umweltschonenden Verpackungen, unsere Klimaschutzstrategie, bei der wir das ehrgeizige Ziel haben, bis zum nächsten Jahr unsere CO2-Emissionen um 50 Prozent reduziert zu haben und auch das Thema soziale und ökologische Mindeststandards in unserer Lieferkette. Darüber hinaus involvieren wir unsere Kunden, in dem wir ein Rücknahmesystem mit dem Namen „Platz schaffen mit Herz“ für gebrauchte Kleidung haben und dem Kunden Zugänge zu nachhaltigen Sortimenten bieten, zum Beispiel durch unser Label GOODProduct. Zusätzlich zu all diesen genannten Themen werden wir in regelmäßigen Abständen auch immer wieder in ganz unterschiedlichen Projekten aktiv, vom Brunnenbau in Mosambik, über Bäume pflanzen auf Amrum, bis hin zur Unterstützung von Projekten wie „Das Geld hängt an den Bäumen".

Die Begriffe CSR und Nachhaltigkeit beinhalten ein gemeinsames Ziel: Zukunftsfähigkeit schaffen

Zur Orientierung für den Kunden gibt es sehr viele Siegel. Diese sorgen für Verwirrung beim Konsumenten. Mit welchen arbeitet OTTO?

Mit einer Vielzahl und hier liegt auch die Krux. Nachhaltigkeit differenziert sich aus und das merkt man an der Anzahl der Siegel. Das führt natürlich zum besagten Siegeldschungel, vor allem, wenn man wie wir alle Sortimente anbietet. Uns ist es wichtig auf die Aspekte Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit wert zu legen und wir vereinfachen für unsere Kunden den Siegeldschungel, in dem wir mit GOODProduct ein Label eingeführt haben, das alle Nachhaltigkeitssiegel vereint und einen einfacheren Zugang bietet.

Hast du ein nachhaltiges Projekt bei OTTO, das dir besonders gut gefällt?

Eines unserer Herzensprojekte ist „Platz schaffen mit Herz“. Unsere Kleiderspende, bei der wir die Erlöse an gemeinnützige Organisationen spenden. Das Besondere daran ist, dass unsere Kunden über die Verteilung der Erlöse mitentscheiden können und damit ihre persönlichen Herzensprojekte unterstützen können. Ganz spannend finde ich aber auch unser Rügen-Projekt. Hier helfen wir bei der Renaturierung von Mooren, denn diese sind gigantische Kohlenstoffspeicher und spielen eine bedeutende Rolle für Klima und Umwelt.

Kolleg*innen bei der Arbeit auf Rügen. OTTO unter­stützt dort das Moorprojekt

Nachhaltigkeit wird in der Gesellschaft immer wichtiger. Es ist aber immer auch eine Frage des Preises. Glaubst du, dass der Trend der Konsumenten eher dahin geht, mehr auf den Preis oder mehr auf eine faire Produktion zu achten?

Ich glaube, dass die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum gerade in der letzten Zeit enorm gestiegen sind. Und ich glaube auch, dass es bei vielen Menschen eine Art Neubewertung gibt, wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit bei Kaufentscheidungen ist. Aber und hier kommt das „Aber“: Ein mittelmäßiges Produkt oder eine mittelmäßige Dienstleistung wird nicht besser, nur weil sie nachhaltig ist oder führt gar zu einer höheren Preisbereitschaft der Kunden. Das muss Hand in Hand mit zentralen Faktoren wie Qualität und Design gehen.

Wie stehst du zu Fridays for Future?

Mich freut es wirklich sehr zu sehen, dass eine junge Generation aufsteht um für ein Thema einzustehen, dass ihr wirklich wichtig ist – und uns alle angeht. Es ist zudem ermutigend zu beobachten, mit welcher Dringlichkeit dies getan wird. Und im übrigen bin ich mir auch sicher, dass es niemandem schaden wird, wenn der Freitag für solch ein höher anzusehendes Ziel geschwänzt wird.

Was kannst du dem Konsumenten, der einen nachhaltigen Beitrag in seinem Leben leisten möchte, mit auf den Weg geben?

Es fängt bei jedem selbst an und, das finde ich noch entscheidender, jeder kann anfangen. Ob es die Entscheidung beim Einkauf ist, die Wahl des Verkehrsmittels, die Planung des Urlaubs. Es gibt so viele Entscheidungen, die wir täglich positiv beeinflussen können. Wir haben es in der Hand!

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