Wie unsere Mütter unser Körperbild beeinflussen

27. November 2020 | von

Was eine Mut­ter über ihren eige­nen Kör­p­er denkt und wie sie den Kör­p­er ihrer Tochter kom­men­tiert, hat großen Ein­fluss auf das zukün­ftige Kör­per­bild und das Essver­hal­ten eines Kindes.

Kind auf Waage

Eltern möcht­en, dass ihre Töchter ein gesun­des Kör­per­bild entwick­eln und sich selb­st lieben ler­nen. Dank Social Media, Wer­bung und ein­er Gesellschaft, in der nur dünne Kör­p­er akzep­tiert sind, kann das ein schw­er erre­ich­bares Ziel sein. Tat­säch­lich aber haben Müt­ter selb­st einen sehr großen Ein­fluss auf die Sichtweise der Töchter und kön­nen das Selb­st­be­wusst­sein sowie das Kör­perge­fühl stärk­er bee­in­flussen, als wir vielle­icht denken.

Plus Size Frauenkoerper

Meine Mutter – mein Spiegel

Ich war ein dick­es Kind, und obwohl meine Mut­ter auch sehr dick war, hat sie mir schon in früh­ester Kind­heit durch stichel­nde Bemerkun­gen klar gemacht, dass Dick­sein nicht okay ist und dass ich nicht hüb­sch sein kann, solange ich dick bin. Ich habe ihre Kri­tik stumm ertra­gen, aber sie hat mich tief im Herzen getrof­fen. Fat­sham­ing in der Fam­i­lie führte zu Fra­gen wie: Wenn selb­st die eigene Mut­ter mich hässlich find­et, wie nehmen mich denn dann erst andere Men­schen wahr? Mein Selb­st­wert­ge­fühl war schon im Kinde­salter am Boden. Während ich das schreibe, merke ich, wie schw­er es mit fällt, darüber zu sprechen und mein­er geliebten Mut­ter, die diese Welt schon lange ver­lassen hat, damit auch Vor­würfe zu machen. Ich bin mir sich­er, dass es nicht ihre Absicht war, mich zu ver­let­zen, son­dern mich durch ihre Sprüche zum Abnehmen zu motivieren.

Aber das Gegen­teil war lei­der der Fall. Ich fühlte mich nicht geliebt und das Essen wurde mein Fre­und, wenn es darum ging, Prob­leme zu bewälti­gen – denn Essen hat mich getröstet. Meine „Gewicht­sprob­leme“ wur­den dann mit zunehmen­dem Alter immer größer. Und mein Selb­st­be­wusst­sein immer klein­er. Ich glaube, meine Mut­ter schämte sich für ihren eige­nen Kör­p­er und die Haupt­mo­ti­va­tion ihrer Kri­tik war, mich vor diesen Gefühlen zu schützen. Sie wollte wohl nichts anderes sagen als: „Ich möchte nicht, dass du ein­mal so aussiehst wie ich und das ertra­gen musst, was ich jeden Tag erlebe.“

Sie war selb­st Opfer des Drucks, der Vorurteile gegen Dicke und der Stig­ma­tisierung durch die Gesellschaft. Das wollte sie mir ers­paren und wusste nicht, wie sie es anders ver­mit­teln sollte. Allerd­ings kön­nen diese schein­bar harm­losen, aber gemeinen kleinen Bemerkun­gen lebenslange Kon­se­quen­zen nach sich ziehen. Ich und auch viele mein­er schon seit Jahrzehn­ten erwach­se­nen Fre­undin­nen spüren immer noch den Ein­fluss der Mut­ter auf ihr eigenes Kör­per­bild – für manche pos­i­tiv, aber doch für die meis­ten von uns negativ.

Mutter und Kind beim Sport

Positive Körperbilder vermitteln: 5 Tipps für Mütter

Müt­ter kön­nen pos­i­tive Vor­bilder sein und uns lehren, uns und unseren Kör­p­er zu lieben. Hier kom­men 5 Tipps für Müt­ter, um ihren Töchtern ein möglichst pos­i­tives Kör­per­bild mit auf den Weg zu geben:

1. Den eige­nen und den Kör­p­er ander­er Men­schen nicht bewerten
Kinder ler­nen von ihren Müt­tern. Wenn wir unseren und andere Kör­p­er bew­erten, wer­den auch die Kinder anfan­gen, Kör­p­er zu bew­erten und in gute und schlechte einzuteilen. Sie wer­den schließlich auch ihren eige­nen Kör­p­er infrage stellen und nach Makeln absuchen. Wie eine Mut­ter ihren Kör­p­er behan­delt und kom­men­tiert, kann sich darauf auswirken, wie die Tochter ihren eige­nen erlebt, beispiel­sweise wenn Müt­ter ständig auf Diät sind und darüber reden, welche Bere­iche ihres Kör­pers nicht akzept­abel sind bzw. geän­dert wer­den müssen. Wenn eine Mut­ter möchte, dass ihre Tochter glaubt, sie ist schön, muss sie anfan­gen, ihren eige­nen Kör­p­er als liebenswert zu empfinden.

2. Den Kör­p­er des Kindes nicht bewerten
Schon kleine neg­a­tive Bew­er­tun­gen wie „Sitz ger­ade und zieh deinen Bauch ein, dann siehst du nicht so dick aus“ oder „So kurze Röcke kannst du nicht tra­gen, dafür hast du viel zu dicke Beine“ kön­nen tief verin­ner­licht wer­den und sich neg­a­tiv auf das Selb­st­bild auswirken. Jede unüber­legte Bemerkung über ver­meintliche Män­gel kann sich ein Leben lang ein­prä­gen. Das weiß ich aus eigen­er Erfahrung. Wir soll­ten also ganz beson­ders auf unsere Sprache acht­en und keine unüber­legten, abw­er­tenden Kör­perkom­mentare äußern. Und wenn andere Men­schen den Kör­p­er des Kindes bew­erten, soll­ten wir unbe­d­ingt sofort kor­rigierend eingreifen.

3. Keine Kom­pli­mente über den Kör­p­er machen
Die äußere Erschei­n­ung des Kindes sollte nicht bew­ertet wer­den, wed­er pos­i­tiv noch neg­a­tiv. Selb­st Sätze wie: „Du bist wun­der­schön, aber ich bin zu fett“ kön­nen schädlich sein. Stattdessen soll­ten wir Kom­pli­mente zu Leis­tun­gen in der Schule, dem Humor oder zu sozialem Ver­hal­ten machen und beson­ders her­ausstellen. Mäd­chen sollen sich über ihr Wesen definieren, darüber, dass ihre Gedanken und Begabun­gen geschätzt wer­den und nicht nur ihr äußeres Erscheinungsbild.

4. Die Vielfalt der Kör­per­for­men als etwas Pos­i­tives und Nor­males vermitteln
Kindern wird durch die Medi­en sehr früh ver­mit­telt, wie per­fek­te Kör­p­er auszuse­hen haben. Ide­al­isierte, dünne Promi­nente, gepho­to­shopte Mod­els und Influ­encer dominieren. Daher ist es ganz beson­ders wichtig, dass Eltern ihren Kindern im All­t­ag zeigen (zum Beispiel im Schwimm­bad), wie unter­schiedlich Kör­p­er ausse­hen kön­nen und dass jed­er dieser Kör­p­er ganz nor­mal und in Ord­nung ist, egal ob dick, dünn, groß, klein, schwarz, weiß, mit oder ohne Behinderung…

5. Den Schw­er­punkt auf ein aktives und gesun­des Leben legen
Müt­ter, die selb­st Prob­leme mit ihrem Gewicht haben, neigen dazu, genau zu beobacht­en, zu überwachen und zu kom­men­tieren, was das Kind isst. Für das Kind geht schnell die Freude am Essen ver­loren, die Nahrung wird in gute und schlechte Lebens­mit­tel aufgeteilt, Ver­bote wer­den aus­ge­sprochen. Essen wird zum Stress­fak­tor. Das erzeugt Druck und kann im schlimm­sten Fall in ein­er Essstörung mün­den. Auf keinen Fall soll­ten Kinder schon auf Diät geset­zt wer­den. Stattdessen ist es bess­er, darüber zu sprechen, welchen Ein­fluss die Ernährung auf die Gesund­heit und das Wohlbefind­en hat. Lebens­mit­tel sollte man als Kraft­stoff darstellen, der pos­i­tive Energie ver­lei­ht. Der Kör­p­er sollte nicht danach bew­ertet wer­den, wie er aussieht, son­dern danach, was er kann. Einen aktiv­en Lebensstil und eine gesunde Beziehung zum Essen vorzuleben, kann Töchter ermuti­gen, eine gute Ernährung und eine gesunde Lebensweise wertzuschätzen.

Mutter und Tochter

Im Fokus der Mutter: das Wohlbefinden des Kindes

Müt­ter lieben ihre Töchter und wollen nur ihr Bestes. Es gibt auch Müt­ter mit einem pos­i­tiv­en Kör­per­bild und deren Töchter kämpfen trotz­dem mit ihrem eige­nen Kör­p­er. Nicht alles liegt in unser­er Hand und wenn Kinder in eine Essstörung rutschen, ist es fatal, die Schuld bei sich zu suchen. Wir kön­nen nicht alles steuern, aber was wir machen soll­ten, ist, unseren Kindern zu erlauben, so zu sein, wie sie sind. Und es kann nicht schaden, acht­sam zu sein mit den Din­gen, die wir sagen und lehren und mit einem guten Beispiel voranzugehen.

Hast du vielle­icht ähn­liche Erfahrun­gen wie ich gemacht?

Letzte Kommentare (1)

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NinaF
Samstag, 28. November 2020, 23:30 Uhr

Das ist nur die eine Vari­ante der Geschichte — die andere ist für Kinder noch schw­er­er zu ertragen.

Näm­lich dann, wenn die Eltern bei­de schlank und wirk­lich attrak­tiv sind und meinen, inten­sives fat-sham­ing kön­nte etwas daran ändern, dass die Tochter die barocke Statur der einen Groß­mut­ter geerbt hat. Das Gefühl der völ­li­gen Unzulänglichkeit, des den Ansprüchen nie genü­gen zu kön­nen, ver­lässt einen nie so ganz.